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Reise

Outdoor-Zentrum Arco

Die Stadt, die niemals schläft

24 Stunden in Arco: Wer hier Urlaub macht, ist selten am Strand - und an Pasta nur interessiert, weil sie Kohlenhydrate für die nächste Tour liefert. "ADAC Reisemagazin"-Autor Andreas Lesti verbringt einen Tag im Zentrum der Bergsportwelt.

Roberto Ceccarelli
Mittwoch, 23.03.2011   09:17 Uhr

6.04 Uhr - Wäre Arco ein gewöhnlicher Touristenort, dann begänne diese Geschichte im Morgengrauen an der Piazza 3 Novembre mit einem langsam erwachenden Städtchen. Ein Kehrwagen würde im Schritttempo durch die kopfsteingepflasterten Gassen brummen, ein Bäckerauto stünde vor dem Café und lieferte Panini und Cornetti, und die Baristi richteten ihre Plastikstuhl-Garnituren her. Es wäre kühl, und ein gedimmtes Zwielicht ließe die Welt lila, blau und rot erscheinen. Die Urlauber schliefen noch, und alles wäre, wie es eben ist, wenn ein Ferienort erwacht.

Aber Arco ist schon lange kein gewöhnlicher Touristenort mehr. Wer hier, nördlich des Gardasees, Urlaub macht, ist um 6.04 Uhr längst auf den Beinen. Arco und Umgebung gelten unter Outdoor-Sportlern als gelobtes Land. Die Region zieht seit Jahren Besucher an, die sich weniger aus dem süßen als aus dem schweißtreibenden Leben machen. Der Tag auf der Piazza beginnt mit Mountainbikern, die in den Sonnenaufgang starten. Ketten rasseln, Reifen surren, ein Hecheln liegt in der Luft. Guten Morgen, Arco.

Johanna Eitenbenz und Daniel Leutenecker sind für drei Urlaubstage aus Freiburg und Mainz angereist. Während Daniel in die Pedale tritt, um der Gruppe zu folgen, sagt er: "Noch sind wir jung genug, um so einen Blödsinn mitzumachen." Am ersten Anstieg springt die Kette auf dem Zahnkranz nach oben. Daniel atmet schwer. Das Programm der nächsten Tage bringt er nur mühsam über die Lippen: Radfahren, Klettern, Canyoning, Klettersteig … Das alles lässt sich in Arco buchen, als Paket, betreut, geführt, extrem oder komprimiert. Andere machen sich mit Tourenbüchern, die es für jede Sportart gibt, ganz für sich auf den Weg.

"Garda Bike", die 213-Kilometer-Radstrecke

Schon nach wenigen Minuten erscheint im Süden der Gardasee. Still wie eine Marmorplatte liegt er da, gesäumt von bis zu über 2000 Meter hohen Bergen. Der Himmel geht nun von Rot in Gelb über. Auf der Wasseroberfläche liegt ein Dunstschleier. Der "Lago" scheint sich in eine zarte, durchsichtige Decke zu kuscheln, bevor der anbrechende Tag sie ihm entreißen wird. Zum ersten Mal öffnet sich der Blick auf diese Landschaft, die einige, ohne Sinn für das Zauberhafte, als größte Turnhalle der Welt bezeichnen. Eine neue Attraktion ist hier die Garda Bike, eine in Etappen aufgeteilte 213-Kilometer-Strecke rund um Arco und den nördlichen Teil des Sees, auf der auch Johanna und Daniel unterwegs sind.

Die Kirchenglocken läuten, als die Radfahrer nach zwei Stunden mit Schweißperlen an den Schläfen wieder über die Piazza 3 Novembre rollen. Nun ist der Ort munter. Im Caffè Trentino werden Cappuccino und Croissants serviert, und am Mosesbrunnen lehnen voll gefederte Edelräder in Zweierreihen. Als auch Johanna und Daniel das Frühstück bestellen, hören sie am Nachbartisch, wie sich zwei Männer mit Kletterseilen an den Rucksäcken in kehligem Tirolerisch über eine Belvedere-Wand unterhalten.

9.01 Uhr - Mit dem Felsklettern hat Arcos Aufstieg zum Lieblingsziel der Outdoor-Szene begonnen. Was Kitzbühel für Abfahrtsläufer, Wimbledon für Tennisspieler oder Hawaii für Surfer bedeutet, ist Arco für Kletterer. Anfang der Achtzigerjahre trafen sich ein paar Einheimische, um unberührte Wände hinaufzusteigen. Deutsche Touristen lagen damals noch in Torbole oder Riva am See. Nur in einem kleinen Zirkel aus Südtirolern, Österreichern und Bayern sprach sich herum, wie gut sich die Region zum Klettern eignet. 1987 organisierten zwei Einheimische den internationalen Profi-Wettbewerb "Rock Master" - seitdem ist Arco weltweit Kult. Im ersten Jahr erklommen die Teilnehmer noch den Monte Colodri und die Wand unter dem Castello. Doch da die Steinschlaggefahr zu groß war, bauten die Organisatoren eine riesige Plastikwand im Ort. Im Sommer 2011, dem 25. Austragungsjahr, wird dort die Weltmeisterschaft der Kletterer stattfinden.

Klettern zum Abschalten

Amateure können sich auf den mehr als 2000 Touren in der Gegend austoben. Eine Kletterwand, die Belvedere, befindet sich oberhalb von Nago. 20 Routen sind hier erschlossen, überall hängen bunte Seile in der 15 Meter hohen Wand. Wortfetzen auf Italienisch, Englisch, Deutsch und Polnisch wehen herunter.

An der Route Ale'gher machen sich die Tiroler Serafin Neurauther und Michael Raich auf den Weg. "Eigentlich wollten wir ja im Ötztal klettern, aber da hat es letzte Woche 70 Zentimeter geschneit. Also haben wir gesagt: Ab nach Arco!", meint Serafin. Vorteil des Trentino: Wenn der Sommer in den Nordalpen schon vorbei ist oder noch nicht begonnen hat, kraxeln sie hier bei 25 Grad in der Sonne. "Links, das ist eine 4 c, eine schöne Linie mit großen Griffen und einem Längenzug im Ausstieg", erklärt Serafin und reibt sich die Hände mit Magnesia ein.

"Ein bisschen weiter rechts, das ist schon die 7 c, viel schwieriger", sagt er und steigt in die Wand. Michael sichert ihn von unten mit dem Seil, das Serafin etwa alle zwei Meter in eine Zwischensicherung hängt. "Klettern ist wirklich super zum Abschalten", meint Michael und zieht immer wieder ein paar Meter Seil durch den Karabiner. "Da oben in der Wand denkst du nur noch daran, wie du wieder runterkommst. Und nicht, welcher Kunde noch was von dir will." Aktiverholung heißt das auf Tourismus-Neudeutsch.

Serafin ruft: "Stand!" Das Zeichen dafür, dass er die Route durchklettert hat und abseilen will. Dann ist Michael an der Reihe. Die Magnesia klebt ihnen noch an den Fingern, als sie nach drei Stunden mit schmerzenden Unterarmen zurück nach Arco fahren.

12.30 Uhr - Das Ortszentrum hat sich den Freizeit-Athleten nun vollständig ergeben. Mountainbikes und Rennräder parken in Viererreihen um den Brunnen. Die Besitzer der Sportgeräte gönnen sich ein Eis. Wanderer und Nordic Walker bestellen im Caffè Trentino Weißbiere. Kletterer und Bergsteiger bummeln durch die insgesamt acht Fachgeschäfte für ihre Ausrüstung - eine Dichte wie allenfalls noch in Chamonix. In den Läden werben Plakate und Flyer für Kletterkurse, Mountainbike-Routen und Canyoningtouren im Rio Nero.

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