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Reise

Reittour in den Westfjorden

Ein Mann, ein Fjord, 24 Islandponys

Einsam, karg und wild sind die Westfjorde im Nordwesten Islands. Dem Belgier Wouter Van Hoeymissen und seinen Islandponys gefällt genau das. Eine Reittour durch weite Täler, zwischen Bergen und Atlantik.

Dörte Nohrden
Von Dörte Nohrden
Freitag, 29.03.2019   04:23 Uhr

Wouter Van Hoeymissen kommt mit einem Korb voller Reithelme aus dem Stall und stellt sie unter den Vorsprung des Dachs. Ein Regenschauer prasselt auf uns nieder, der 39-Jährige begrüßt uns lächelnd. Er ist das unberechenbare Wetter schließlich gewohnt, genauso wie seine 24 Islandponys, die das ganze Jahr hindurch draußen leben. Die Tiere warten bereits fertig gesattelt im Stall, damit sich die Sättel nicht voll Wasser saugen. Es duftet nach Leder und nach Pferd.

Krafla, Demona, Nói, Garpur, Glói - nach und nach führt Wouter die Ponys mit der wuscheligen Mähne auf einen kleinen Platz und verteilt sie an uns, je nach Reiterfahrung. Mir weist er Dama zu, eine freundlich blickende, schwarze Islandpony-Stute. Ob sie trächtig sei, frage ich Wouter, ihr Bauch ist kugelrund. "Nein, nur dick", sagt er und lacht. "Sie frisst gern und schnell."

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Westfjorde in Island: Ein Tag mit Islandpony

Wouters Reitstall liegt nur ein paar Kilometer vom Ort Thingeyri entfernt. Mitten im Nichts, mitten auf der Halbinsel der Westfjorde im Nordwesten Islands. Wie die Tatze eines Eisbärs ragt sie ins Meer, als wollte sie sich Grönland krallen. Auf einer Fläche so groß wie Hessen leben hier etwa siebentausend Menschen. Zwischen den mächtigen Bergen und dem rauen Atlantik scheinen ihre wenigen Häuser im Tal winzig klein. Bislang verirren sich verhältnismäßig wenig Touristen hierher.

Dama, mein Pferd mit den schokobraunen Augen und langen, dunklen Wimpern, wirkt eigenwillig, gleichzeitig zuverlässig und gelassen. Heute wird sie mir ihre Welt zeigen. Wir justieren unsere Reithelme und schwingen uns mit Hilfe der Steigbügel in die Sättel - eingepackt in Regenhosen, Regenjacken und wasserdichte Boots.

Aus Liebe in die Einsamkeit

In den vergangenen 34 Jahren ist die Einwohnerzahl in Islands abgelegenster Ecke um ein Drittel geschrumpft. Denn auch hier wandern Dorfbewohner in die Großstädte ab, wo weit mehr Job- und Ausbildungsmöglichkeiten warten. Im Fischerort Thingeyri war aber zudem der Verkauf gewinnbringender Fangquoten einfach zu verlockend - so gingen die Quoten an größere Fischereibetriebe in anderen Regionen Islands über.

Die einst große Kooperative bietet heute nur noch Jobs für rund 30 Mitarbeiter, und auch in der Metallwerkstatt für Fischereibootsersatzteile, für die Thingeyri bekannt war, ist nicht mehr viel los. Der Supermarkt schloss, wie auch die Bank, die Post und der kleine Flughafen. Von der einstigen Infrastruktur ist kaum noch etwas übrig.

Dies alles hat Wouter Van Hoeymissen vor 14 Jahren nicht davon abgehalten , sich hier niederzulassen. Der Grund: Der gebürtige Belgier hatte sich verliebt. Erst in die Dänin Janne, die er in Reykjavik traf, dann in Thingeyri, das 250-Seelen-Dörfchen am Dyrafjörður. Insbesondere aber in ein ganz bestimmtes Haus: Simbahöllin . "Das war alles andere als unser Plan", erzählt unser Guide, während er sein Lieblingspferd Mön sattelt und uns dann vom Hof führt.

"Wir reisten durch die Westfjorde, sahen dieses große alte, verfallene Haus inmitten des Ortes und all die Möglichkeiten, die damit verbunden waren." Von 1916 bis 1970 beherbergte es den Dorfladen, in dem es von Gummistiefeln bis zur Butter alles gab. "Wir kauften es für 2500 Kronen, damals rund 30 Euro, und renovierten es dann über Jahre."

Mittlerweile wohnt er mit Janne und ihren zwei Kindern im Obergeschoss und hat 2009 das Café Simbahöllin im Erdgeschoss eröffnet. Zwischen Mai und September möchte er hier Jung und Alt, Einheimische und Touristen zusammenbringen. In den Wintermonaten, wenn das Café geschlossen ist, können sich internationale "Artists in Residence" für Simbahöllin bewerben.

"Ich möchte dem Ort damit wieder Leben einhauchen", erzählt Wouter, der mittlerweile fließend Isländisch spricht. Er ist dankbar für den vielen Platz, das Freiheitsgefühl. Und genießt den einfachen Lebensstil, der immerhin alles bietet, was eine Familie braucht. Etwa den Kindergarten, eine Schule, einen Postboten, der jeden persönlich kennt und täglich nach allein lebenden Senioren schaut.

Gespräche über Pferdeohren hinweg

Auch Wouters Freund Haukur Sigurdsson, der aus Isafjördur stammt, hat sich bewusst dazu entschieden, hierzubleiben. "Für junge Familien ist Thingeyri ein guter Ort. Wo sonst kann ich spontan mit meinem Sohn Blaubeeren pflücken, in der Mittagspause eine Runde Ski fahren oder nach der Arbeit mit dem Kajak auf den Fjord?", sagt der 34-Jährige. "Und ein großes Haus kostet hier so viel wie in Reykjavik eine Garage. So können wir unser Geld für Reisen ausgeben."

Wahl-Isländer Wouter, der seit seiner Ankunft in den Westfjorden seine Liebe zu den Ponys entdeckt hat und seit sieben Jahren Touren mit ihnen anbietet, reitet voraus. Wir in einer kleinen Gruppe hinterher, entlang schmaler Pfade durch das weitläufige Tal. Zwei Border Collies begleiten uns. Die Hügel der Westfjorde sind überzogen mit Moosen, Flechten und knöchelhohen Blaubeerbüschen. Wolkenschleier hängen in den Berggipfeln, es regnet fast durchgehend. Dennoch leuchtet die Landschaft in vielen Nuancen von Grün, Braun und Rostrot.

Angespannt und auch etwas ängstlich sitze ich zunächst im Sattel. Und lerne, Dama mehr und mehr zu vertrauen. Immer wieder sucht das Islandpony nach den besten Wegen durch das Gelände, fängt sich schnell, wenn es strauchelt. Dann klopfe ich Dama auf den Hals, um sie zu loben, und beobachte ihr Ohrenspiel.

Über Schweife und Pferdeohren hinweg lachen und plaudern wir. Dann wieder verstummen die Gespräche. Die Pferde tragen uns über geröllige Wege und durch das steinige, glitschige Sandar-Flussbett. Wir lockern die Zügel, damit sie eine kurze Pause einlegen und vom Gebirgswasser trinken können.

Da ist das Gurgeln des Flusses und der leichte Regen. Ansonsten umgibt uns nichts als Stille und eine milde, nach Moos und Erde duftende Luft. Meine klammen Hände sind voller Pferdehaare, und ich genieße den Moment auf dem breiten Islandpony. Dama scheint das zu spüren und atmet schnaufend aus, als würde sie seufzen und sagen wollen: "Hey, da oben, alles in bester Ordnung, entspann dich."

insgesamt 2 Beiträge
tobias1971 29.03.2019
1. Das wird wohl noch ein bisserl dauern, bis der letzte aufhört,
... das Wort "Pony" im Zusammenhang mit Island zu benutzen. Das sind keine Ponys, es sind Pferde. Abgesehen davon ein netter Artikel :)
... das Wort "Pony" im Zusammenhang mit Island zu benutzen. Das sind keine Ponys, es sind Pferde. Abgesehen davon ein netter Artikel :)
j.w.pepper 29.03.2019
2. Als Islandpferdereiter...
...und ich war die letzten 15 Jahre selbst einer, verwendet man den Begriff "Pony" natürlich nicht, zumal die Isländer ja auch nur von ihren "hestar" sprechen. Aber falsch ist das mit den [...]
Zitat von tobias1971... das Wort "Pony" im Zusammenhang mit Island zu benutzen. Das sind keine Ponys, es sind Pferde. Abgesehen davon ein netter Artikel :)
...und ich war die letzten 15 Jahre selbst einer, verwendet man den Begriff "Pony" natürlich nicht, zumal die Isländer ja auch nur von ihren "hestar" sprechen. Aber falsch ist das mit den "Ponys" auch nicht. Nach der offiziellen Definition im Deutschen gilt das für alle Pferderassen, die ausgewachsen typischerweise unter 148 cm Stockmaß haben, was bei den Isis zweifellos der Fall ist. Gilt übrigens auch im Englischen, wo "ponies" unter 10 "hands" hoch sind. Ein Reiturlaub auf Island (nicht nur der beschriebene) ist etwas Tolles. Von daher sollten wir nachsichtig sein und uns über solche Aritkel freuen, die das Reiten auf Islandpferden wohlwollend beschreiben. Und nicht zu vergessen: Die Besessenheit der Deutschen mit den Isis begann mit dem Buch "Dick und Dalli und die Ponys". Später verfilmt als "Die Mädels vom immenhof".
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