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Reise

Saisonarbeiter in St. Tropez

Für eine Handvoll Trinkgeld

Sie parken Autos ein, bringen Drinks oder passen als Rettungsschwimmer auf: Jobs am exklusivsten Strand von St. Tropez in Südfrankreich sind begehrt. Von den Trinkgeldern können Kollegen in anderen Orten nur träumen.

Corbis
Von Helge Sobik
Freitag, 17.07.2015   05:59 Uhr

Für Marie Mourets Auto ist am Strand von St. Tropez immer ein Platz reserviert. Selbst im Hochsommer, sogar bei größtem Andrang, wenn auf dem öffentlichen Stellplatz hinter den Dünen zehn Schritte vom Beach-Club "Key West" seit Stunden gar nichts mehr geht.

In der ersten Reihe, sogar mit Meerblick durch die Windschutzscheibe, gleich neben der Einfahrt: Das ist der von Marie Mouret. Mit einem Absperrband ist der kostbare Parkplatz gesichert, damit bloß kein anderer seinen Porsche Cayenne dort abstellt. Marie kommt jeden Tag, stets rollt sie an der Warteschlange der Parkplatzzufahrt vorbei, dreht das Lenkrad um 90 Grad nach rechts und parkt ihren silbernen Toyota Yaris mit Schwung ein.

Seit 15 Jahren geht das schon so, immer von Ostern bis Mitte Oktober. Marie Mouret arbeitet als Parkwächterin an der Plage de Ramatuelle. Sie hockt im Kassenhäuschen an der Schranke und sammelt 4,40 Euro Parkgebühr fürs Tagesticket ein - der Millionär im Lamborghini zahlt so viel wie der Student mit Uralt-Renault. Was für Autos hier abgestellt werden? "Keine Ahnung", sagt sie und lacht. "Dafür habe ich mich nur den ersten Sommer interessiert."

Was ihren Job von dem all der anderen Saisonarbeiter an Frankreichs exklusivstem Sandstrand, an gut fünf Kilometern Küste unterscheidet? Dass es kaum Trinkgeld gibt. "Die Leute finden Parkgebühren ärgerlich und lästig. Sie zahlen passend oder lassen sich korrekt herausgeben - obwohl manche von ihnen dann im Beach Club eine Flasche Champagner für 3000 Euro ordern."

Traumjob gegen Ablösesumme

Großzügiger sind die Gäste schräg gegenüber bei Christopher Ferreira, der seit 20 Jahren die Fahrzeuge der Gäste des "Club 55" einparkt - in der Saison so eng, dass dazwischen kaum noch ein Blatt Papier passt. "Ich habe einfach Glück gehabt mit diesem Job", sagt er. "Ein Freund hatte mir damals erzählt, dass die Stelle zu haben ist." Ob er seinerzeit Ablöse an seinen Vorgänger zahlen musste? Er wirkt überrascht und sagt schließlich: "Nie davon gehört."

Tatsächlich halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach bis zu sechsstellige Ablösesummen für die trinkgeldintensivsten Strandjobs geboten werden - immer vorausgesetzt, der Arbeitgeber ist bereit, den Alten ziehen zu lassen und den Neuen einzustellen. Warum so viel Geld fließt? Weil es sich lohnt. Weil schnell 10, 20 Euro fürs Ein- und Ausparken den Besitzer wechseln. Und weil es Neureiche gibt, die keine Ahnung von gutem Stil haben und einem Parkwächter dafür auch mal einen Hunderter in die Hand drücken oder einem Strandkellner mit einem 50-Euro-Schein für die Drinks danken.

Die wirklich Berühmten sind nicht geizig, aber deutlich bescheidener im Auftritt. Die Indiskreten kommen meistens eher von der Wasserseite: per Boot, falls man bei einer 50-Meter-Yacht noch von "Boot" sprechen kann. Sie lassen ihre Schiffe so nah wie möglich ans Ufer heranmanövrieren und steigen unter den Augen aller, die unbedingt hinschauen wollen, für die letzten 30, 40 Meter in ein Beiboot mit Außenborder um.

"Wir schmeißen nach Feierabend zusammen"

Besonders begehrt sind Stellen als "Plagiste" - eine Berufsbezeichnung, die nicht mit einem Wort zu übersetzen ist. Jeder Beach Club beschäftigt so jemanden: meistens ein Schrank von einem Kerl, immer ein ausgebildeter Rettungsschwimmer. Plagisten sind morgens die Ersten am Strand, bauen die Liegen auf, rücken Polster zurecht, klappen die Sonnenschirme auf. Und sie stellen sicher, dass ihre Stammgäste auch den jeweiligen Lieblingsplatz bekommen.

Mathieu Lany ist durch Zufall an den begehrten Job als Plagiste im "Key West" geraten: "Du musst ein paar Mal da gewesen sein, die Leute vom Laden müssen dich kennen, das geht über die persönliche Ebene. Da gibt es keine Musterlaufbahn." Lany hat erst mit acht Jahren Schwimmen gelernt, hat längst das Rettungsschwimmerdiplom in der Tasche und ist seit sechs Jahren Plagiste. "Dabei war ich anfangs ein richtig schlechter Schwimmer." So einer wie die, die er heute aus dem Wasser ziehen oder zumindest ständig im Blick behalten würde.

Und das Trinkgeld? "Wir schmeißen hier nach Feierabend zusammen, was jeder bekommen hat, und teilen es dann auf. Da ist egal, ob man Plagiste ist oder Kellner oder Koch." Einen Nachteil habe der Job allerdings: "Bei schönem Wetter hast du an diesem Strand ein echtes Parkplatzproblem. Außer du machst Marie Mourets Job." Mathieu Lany kommt deshalb mit dem Roller zur Arbeit.

Jugend ist an der Plage de Pampelonne von Ramatuelle nicht Pflicht. Schönheit wird gern gesehen, aber ist kein Muss. Und hip ist, wer sich dazu erklärt. Jeder darf so sein, wie er will. Sogar der schwarze Strandhändler, der sich Sergio nennt, hat graue Locken - und anders als anderswo in der Welt keine falschen Rolex im Sortiment. Die Leute hier haben echte, da macht man sich mit einer falschen vom Strandhändler am Handgelenk schnell lächerlich. Und deren Anbieter ebenso.

Gerard Bartolo ist seit über 30 Jahren Plagiste. Diesen Nachmittag lehnt er nun am Tresen des Plagisten-Bereichs, hat das Fernglas griffbereit, daneben eine Halbliterflasche Mineralwasser. Er schaut aufs Wasser, die Wellen, die Yachten, auf die Leute auf den Liegen - alles in größter Entspanntheit und durch die Gläser einer silbern verspiegelten Brille.

Bartolo ist braungebrannt, trägt mit Absicht ein viel zu enges rotes T-Shirt, genießt die Rolle als Sunnyboy. Bartolo dürfte Anfang oder Mitte 50 sein. Er hat sich gut gehalten und scheint es zu genießen, sich gänzlich unaufdringlich als Gesamtkunstwerk an der See in Szene zu setzen. Ob es Frauen gibt, die ihn nach seinem Namen fragen? Oder nach seiner Handynummer? Jetzt grinst er. "Ist schon mal vorgekommen", sagt er. "Aber in der letzten Zeit ein bisschen seltener."

Was für ein Auto Bartolo fährt? Wie er am Feierabend nach Hause kommt? Er geht zu Fuß, läuft über den Strand. Das ist am schönsten. Und gut für den Teint.

insgesamt 17 Beiträge
heinerkarin 17.07.2015
1. Strände
In St. Tropez gibt es keine Strände. Die Nobelstrände gehören zur Gemeinde Ramatuelle.
In St. Tropez gibt es keine Strände. Die Nobelstrände gehören zur Gemeinde Ramatuelle.
AndreHa 17.07.2015
2.
Ich war 1974 an der Plage de Pampelonne. Fand es schon damals völlig überschätzt, überlaufen und überteuert. Das muß heute ein Wahnsinn sein. Wer tut sich sowas freiwillig an?
Ich war 1974 an der Plage de Pampelonne. Fand es schon damals völlig überschätzt, überlaufen und überteuert. Das muß heute ein Wahnsinn sein. Wer tut sich sowas freiwillig an?
alfredbosch13 17.07.2015
3.
Das erste Foto zeigt den Strand von L`Escalet dort gibt es keine Plagisten und keine Strandkellner denen man Trinkgeld geben könnte.Anscheinend war der Autor noch nie an diesem schönen Ort
Das erste Foto zeigt den Strand von L`Escalet dort gibt es keine Plagisten und keine Strandkellner denen man Trinkgeld geben könnte.Anscheinend war der Autor noch nie an diesem schönen Ort
brainstormerene 17.07.2015
4.
Ich liebe pampelone.....auxh als armer schlucker. die geilste Feier meines lebens dort am nationalfeiertag der franzosen in einem der beach clubs dort verbracht. jederzeit wieder wenn mich jemand einlaed wie ? keiner hier [...]
Ich liebe pampelone.....auxh als armer schlucker. die geilste Feier meines lebens dort am nationalfeiertag der franzosen in einem der beach clubs dort verbracht. jederzeit wieder wenn mich jemand einlaed wie ? keiner hier ......hm schade
werner-gilliam 17.07.2015
5.
Erlaube mir hier mit einem kleinen Ausschnitt mal etwas Eigenwerbung für mein Buch, in dem u. A. auch das St. Tropez von 1968 beschrieben ist! "Saint Tropez, im ortsüblichen Jargon "San Trop" genannt, war ein Gedicht. [...]
Erlaube mir hier mit einem kleinen Ausschnitt mal etwas Eigenwerbung für mein Buch, in dem u. A. auch das St. Tropez von 1968 beschrieben ist! "Saint Tropez, im ortsüblichen Jargon "San Trop" genannt, war ein Gedicht. Der Hafen, die Promenade, der kleine Strand um die Ecke, an dem man zu meinem Erstaunen sogar manchmal alleine sein konnte. Die Gassen, die Bars, das bunte Treiben, alles wirkte wie aus einem Guß. Alles war langsam gewachsen und darin lag wohl das Geheimnis seiner organisch wirkenden Schönheit. Als wir am Abend ankamen, trafen wir auf Jeff und Jo, zwei langhaarige Holländer, die uns zeigten, wo wir schlafen konnten. Am Berg, unterhalb des Kastells, lagen wir zwischen Bäumen und Büschen. Die Nacht war ziemlich kühl und die Decke aus Amsterdam kaum warm genug. Bei Sonnenaufgang war ich wach und schaute auf das märchenhafte Farbenspiel, das sich meinen Augen bot. Das Licht der Sonne tanzte auf den Wellen und ich war für einen Moment glücklich und zufrieden, da ich mich mit all dem eins fühlte. Der Strom des Lebens hatte mich an einen Ort gespült, an dem das Zentrum des Seins zu atmen schien. Es war, als sei für einen begrenzten Zeitraum etwas anwesend, das man nicht benennen kann, daß aber eine Wirkung auf alle hatte, die zu dieser Zeit hier waren. St. Tropez gehörte den Reichen und uns, den Beatniks. Die einen lebten in ihren Villen und auf ihren Yachten, amüsierten sich in Bars und Cafés, wir, die anderen, saßen am Hafen, spielten Gitarre und genossen die Wildheit eines Lebens, das von nichts und niemandem abhängig zu sein schien. Gemeinsam war uns das Privileg, die Schönheit dieses außergewöhnlichen Fleckens Erde genießen zu können, ohne daß ein Urlaubsende drohte. Wir waren jene, die "jetzt" hier lebten. Die Touristen, meist neugierige Tagesausflügler, die von den Campingplätzen oder billigen Herbergen an der Küste kamen, waren Zaungäste, die für einen Moment einen Blick ins Paradies werfen durften, um danach zurückzukehren in ihre eigene, ganz andere Welt."
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