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Reise

Im Feuerwehrbus durch Europa

"Wir genießen das langsame Leben"

Wenn die Oswalds morgens das Rolltor ihres Feuerwehrbusses öffnen, erleben sie das große Reiseglück. Die Hamburger Familie ist zurzeit an der Algarve - hier erzählt sie von ihrem fast einjährigen Elternzeit-Trip.

Janine Oswald/ Minimum Pictures
Aufgezeichnet von
Freitag, 25.01.2019   04:55 Uhr

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"Fahren wir oder blasen wir die Reise ab? Kurz bevor wir los wollten, hatten wir eine echte Krise: Wir durften unsere Wohnung nicht untervermieten. Genau das war für unsere Reisebudgetplanung aber eine der Voraussetzungen, um überhaupt fast ein Jahr lang durch Europa reisen zu können. Sechs Wochen vor Abreise standen wir plötzlich vor der Frage: Wohnung oder Reise?

Wir waren ziemlich durch den Wind und fragten uns: Ist das ein Zeichen? Soll diese Reise nicht stattfinden? Andererseits hatten wir uns seit Monaten auf das gemeinsame Abenteuer gefreut. Unsere zweite Tochter Tilda war gesund auf die Welt gekommen, Vincent hatte elf Monate Elternzeit. Nicht ganz ohne Muffensausen haben wir uns zum Glück entschieden, die Wohnung dann eben zu kündigen. Auf die Schnelle mit Kleinkind und Säugling einen Auszug zu organisieren und Möbel und Kartons unterzubringen, hat uns einige Nerven gekostet. Aber es hat sich so gelohnt.

Im September also haben wir die 70 Quadratmeter Altbau gegen sieben Quadratmeter Camper eingetauscht und touren seitdem durch Südeuropa. Unser Gefährt haben wir auf Ebay-Kleinanzeigen entdeckt: einen ausrangierten Feuerwehrbus. Vincent hat den Mercedes Benz 310, Baujahr 1991, in rund 300 Arbeitsstunden zu unserem neuen Zuhause umgebaut. Bis Juli wollen wir unterwegs sein.

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Ein Jahr durch Europa: Eine Familie, ein Feuerwehrbus

Von Hamburg aus sind wir über Leipzig und München nach Österreich gefahren. Waren in Osttirol, sind von dort aus nach Italien und Frankreich. Seit einigen Wochen sind wir jetzt in Portugal. Vor allem die Gegend um Sagres an der Westalgarve ist fantastisch, und es vergeht kaum ein Morgen, an dem wir nicht denken: Was für ein Glück, dass wir diese Elternzeitreise unternehmen können.

Wenn wir morgens zwischen 7 und 8 Uhr - je nachdem, wann sich die Kinder melden - wach werden und das Rolltor unserer kleinen, roten Hütte öffnen, liegt vor uns der Atlantik. Unter dicken Decken bleiben wir meistens noch eine ganze Weile zusammengekuschelt liegen und blicken nach draußen.

Überhaupt gehören die Morgen mit zum Schönsten unserer Reise: Ein besonders magisches Aufwachen hatten wir in Monte Fasce bei Genua. Wildpferde grasten im Sonnenaufgang direkt bei unserem Camper. Oder in Andalusien: Als wir in der Nähe von Almería einfach einer Schotterpiste gefolgt waren und im Morgenlicht eine Traumbucht überblickten.

Nicht mehr als 150 Kilometer

Klar, auf so engem Raum mussten wir uns erst mal alle miteinander arrangieren. Und lernen, dass das Vanlife auch aus viel Räumerei besteht. Das, was man gerade sucht, ist mit Sicherheit just in der Kiste, die am schwersten zugänglich ist. Erstaunt sind wir darüber, dass wir im Bus eigentlich nie frieren, obwohl ja auch in Südeuropa Winter ist.

An Fahrtagen sehen wir zu, nicht mehr als 150 Kilometer zu fahren. Für uns funktioniert es am besten, vormittags Strecke zu machen. Hier an der Algarve ist es leicht, tolle Stellplätze zu finden. Ganz anders etwa als in Cinque Terre an der italienischen Riviera. Dort mussten wir sehr oft umdrehen, weil plötzlich eine Kette oder Schranke den Weg zum potenziellen Schlafplatz versperrte.

Auch damit muss man unterwegs leben: Manchmal ist einfach der Wurm drin. Einen Tiefpunkt hatten wir nach etwa drei Wochen in Italien, Tilda war quengelig, Greta vermisste ihre Kitafreunde. Umso schöner, dass wir zwischendurch immer wieder andere Familien treffen, mit denen sich teilweise richtige Freundschaften ergeben.

Über einen völlig verkorksten Stopp in Spanien, nördlich von Valencia, können wir inzwischen lachen. In Castellón de la Plana mussten wir mit kaputter Kupplung in die Werkstatt, Janine hatte Magen-Darm - und Geburtstag. Außerdem regnete es in Strömen. Aber nach solchen Tiefpunkten kommen auch immer ganz großartige Wendungen. Seit Kurzem reisen wir zu fünft. In einem Tierheim nördlich von Faro haben wir Quinta, eine sieben Monate alte Hündin, adoptiert.

Planänderungen gehören dazu

Bis Ende Februar werden wir noch in Portugal bleiben. Danach geht's weiter Richtung Barcelona. Wir wollen mit der Fähre nach Sardinien übersetzen, dann nach Korsika und über das französische Festland und die Schweiz zurück nach Norddeutschland fahren. Ursprünglich wollten wir auf den Balkan, doch wir merken: Es wäre zu weit für uns und für die Kinder zu strapaziös. Wir genießen das langsame Leben gerade sehr.

Mit Vincents Elterngeld kommen wir gut über die Runden. Wir geben natürlich weniger Geld aus als in einem normalen Urlaub. Unser altes Feuerwehrauto hat immerhin 6000 Euro gekostet. 1000 Euro haben wir in Reparaturen und Ersatzteile gesteckt. Für den Innenausbau aus Holz, den Vincent selbst gemacht hat, haben wir rund 4000 Euro ausgegeben.

Die Aussicht, nach unserer Rückkehr erst mal ohne Wohnung dazustehen, macht uns keine Sorgen. Im Gegenteil. Nach so einer Reise einfach wieder ins alte Leben zurückzukehren, käme uns beiden mittlerweile ziemlich seltsam vor. Wir freuen uns auf einen Neustart. Mal sehen, wohin uns diese Reise dann führt."

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