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Reise
Planet Erde

Boliviens Hochebene Altiplano

Hoch über der Himmelslagune

Michael Martin
Dienstag, 03.09.2019   04:42 Uhr

Leuchtende Dampfwolken, funkelnde Sterne - und dieses grelle Türkis! Fotograf Michael Martin gerät in einen Rausch der Farben, als er durch den Altiplano reist. Und das ausgerechnet in dieser sonst so kargen Hochebene Südamerikas.

Wie ein Condor schwebt die Gondel über die verstopften Straßen von La Paz. Sie ist Teil des größten innerstädtischen Seilbahnnetzes der Erde: Zehn Linien mit einer Gesamtstreckenlänge von 33 Kilometern verbinden die in einem Talkessel gelegene Millionenstadt mit der Schwesterstadt El Alto auf dem Altiplano.

Zur Person

Dort hat die Bolivianerin Maria einen Lebensmittelladen. Mit ihrem ausladenden Rock beansprucht sie fast zwei Sitze in der Gondel, die eigentlich zehn Leuten Platz bietet. Sie habe sich einen Nachmittag freigenommen, um Krankenbesuche unten in La Paz zu machen, sagt sie.

Michael Martin

Gondelfahrt über La Paz

Dass der Ausflug in die Stadt eine schnelle und komfortable Sache ist, hat sie der Seilbahn zu verdanken. Für umgerechnet 20 Cent pro Fahrt kann sich fast jeder Bolivianer die Alternative zu den vollgestopften Minibussen leisten. Seit 2014 nutzten rund 200 Millionen Passagiere den "Teleférico".

Für Touristen ist die Seilbahn eine gute Möglichkeit, sich La Paz aus der Luft anzusehen. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt per Gondel geht es für uns jedoch schon weiter - mit dem Nachtbus nach Uyuni, 550 Kilometer südlich von La Paz auf dem Altiplano gelegen.

Fotostrecke

Boliviens Hochebene Altiplano: Lamas, Lagunen und La Paz

Um 7 Uhr morgens steigen wir aus dem Bus und sehen uns nach einer Agentur um, bei der wir einen Geländewagen mit Fahrer mieten können. Den Tag verbringen wir im sonnigen, winterkühlen Uyuni, wo die Menschen die Fiesta de la Virgen Urkupina feiern. Blasmusik tönt durch die Stadt; Junge und Alte, Männer und Frauen tanzen in Kostümen über das Pflaster, oftmals mit einer Marienstatue an der Spitze.

Hinauf zur Schwefelmine

Am nächsten Morgen holt uns Fausto, unser Fahrer für die nächsten Tage, im Hotel ab. Es geht zunächst auf den Salar de Uyuni. Die Hochwüste erstreckt sich zwischen den beiden Andenkordilleren vom Titicacasee durch den Südwesten Boliviens bis in den Norden Chiles und Argentiniens. Dieser Ort fasziniert mich auch bei meinem inzwischen siebten Besuch, doch er dient uns nur als Transitstrecke nach San Juan.

Das kleine Dorf ist Ausgangspunkt für die Besteigung des Ollagüe, eines 5870 Meter hohen aktiven Vulkans. Einst führte eine Piste bis zu einer 5400 Meter hoch gelegenen Schwefelmine, doch ein Erdrutsch blockiert seit Jahren die Strecke bei knapp 5000 Metern über dem Meer.

Wir schultern also die Kameras und den Proviant und kämpfen uns in der dünnen Luft bis zur 1974 aufgegebenen Schwefelmine hinauf. Von Fumarolen - das sind Stellen, aus denen Dampf austritt - bläst der heftige Wind so viel Schwefeldioxid herüber, dass ein weiterer Aufstieg gefährlich werden könnte. Ich lasse also lieber nur die Drohne zum Gipfel fliegen - und komme so trotz Windstärke 7 an Fotos aus der Luft.

Lagunen und Thermalquellen

Gute Aufnahmen verspreche ich mir auch von der Laguna Celeste. Die "Himmelslagune" befindet sich in einem entlegenen Teil des Altiplano und ist für ihre intensiven Farben bekannt. Die Fotos, die auch hier mit der Flugkamera entstehen, zeigen das Gewässer in kräftigem Türkisblau. Die dunkelblauen und rötlichen Strukturen sind auf Algen zurückzuführen.

Michael Martin

Laguna Celeste: wie ein Gemälde aus Wasserfarben

Das Lagunen-Hopping geht weiter - nächster Stopp: die Thermalquellen an der Laguna Chalviri. Bei Minus 10 Grad Celsius fotografiere ich leuchtende Dampfwolken in der Morgensonne - danach lockt ein Bad im 40 Grad heißen Pool.

Später, an der berühmten Laguna Verde, zeigt sich ein spektakuläres Farbenspiel. Zunächst beeindruckt das Grün des Wasser nicht sehr. Doch als mittags Wind aufkommt, beginnt sich das Wasser zu kräuseln und wechselt binnen Minuten seine Farbe: Auf einmal leuchtet es Smaragdgrün. Der Grund dafür sind aufgewirbelte Mineralstoffe, darunter Arsen.

Den Südsternhimmel im Blick

Noch am gleichen Tag überqueren wir die nahe gelegene Grenze zu Chile und verbringen die Nacht in dem 2000 Meter tiefer gelegenen Touristenstädtchen San Pedro de Atacama. Am nächsten Tag geht es wieder hinauf auf das Altiplano zu "Alma", dem größten Radioteleskop der Erde, das nach Voranmeldung von Touristen besucht werden kann.

Hier, in über 5000 Meter Höhe stehen 66 bewegliche Radioteleskope, welche zusammengeschaltet werden und so die langwellige Strahlung ferner Galaxien einfangen können. "Alma" war eins von acht weltweit verteilten Radioteleskopen, die an der Entstehung des ersten Fotos eines schwarzen Lochs beteiligt waren, das im April der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Aber warum steht "Alma" ausgerechnet an einem der unwirtlichsten Orte der Erde? Astronom Dr. Sergio Martin erklärt, dass die Radioastronomie noch mehr als die optische Sternenguckerei durch den Wasserdampfgehalt der Erdatmosphäre beeinträchtigt wird. "Hier, auf dem Altiplano, liegt davon 90 Prozent unter uns", sagt Martin.

Michael Martin

Sternegucken in San Pedro des Atacama

Auf dem Rückweg nach San Pedro kommen wir an einer Sternwarte vorbei, in der Besucher den Nachthimmel bestaunen können, und zwar mit dem größten Amateurteleskop der Südhalbkugel. Alain Maury - Fellmütze, Franzose und Betreiber der Warte - zeigt mir Omega Centauri, den Kugelsternhaufen mit seinen zehn Millionen Sternen. Und er zeigt mir die Sombrero-Galaxie. Sie liegt 30 Millionen Lichtjahre entfernt.

insgesamt 1 Beitrag
Tetanic 03.09.2019
1.
Hatte auch dieses Jahr die Gelegenheit, die Tristesse und die Schönheit des bolivianischen Altiplano kenenzulernen. Die Entfernungen verschwimmen, das Gehirn will dem an Großstadthorizonte gewohntem Auge nicht glauben. Leider [...]
Hatte auch dieses Jahr die Gelegenheit, die Tristesse und die Schönheit des bolivianischen Altiplano kenenzulernen. Die Entfernungen verschwimmen, das Gehirn will dem an Großstadthorizonte gewohntem Auge nicht glauben. Leider waren wir an den Veranstalter und die Gruppe gebunden, es wurde viel und weit gefahren. Ich würde gern mal paar Stunden/Tage in der Einsamkeit verbringen. Kleiner Tipp: schaut euch die Veranstalter in Uyuni (und/oder die Bewertungen dieser) vorher genau an - unser Fahrer war ein Trinker. Ich habe ihn erst mehrmals vor aufkommenden Gefahren warnen müssen - er wäre u. a. fast in einen liegengebliebenen Jeep gerast. Die Nächte mit dem südlichen Sternenhimmel und der "volleren" Milchstrasse sind unwirklich.
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