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Reise

Chihuahua-Wüste in Texas

Die Erben der Kamelarmee

Die US-Armee wollte einst importierte Kamele bei Kampfeinsätzen nutzen. Heute hält Doug Baum die Erinnerung an das "Camel Corps" wach - und führt Touren durch die texanische Wüste.

Texas Camel Corps
Von Stefan Wagner
Donnerstag, 25.04.2019   05:43 Uhr

Zieht da eine Kamelkarawane durch Texas' Wüste? Die beiden Wanderer scheinen sich zu wundern, beschatten ihr Gesicht mit den Handflächen und blicken uns entgegen. Gemessenen Schrittes bewegen sich unsere sechs Tiere durch die flirrende Hitze auf sie zu.

Dann grüßt Doug Baum mit "Howdy" und steigt vom ersten Tier der Karawane ab. "Darf ich vorstellen: das Texas Camel Corps", sagt der 51-Jährige mit Stetson-Hut. Die Wanderer grinsen, machen ein paar Smartphone-Bilder, streicheln über das staubig-raue Fell der Kamele und laufen weiter. Baum dreht sich zu uns um: "So schnell wird man zur Berühmtheit", sagt er.

Seit 20 Jahren bietet der Kamelfan Doug Baum zwei- oder dreitägige Ausritte in der Chihuahua-Wüste nahe des texanischen Städtchens Fort Davis an. Etwa drei Autostunden südöstlich der Millionenstadt El Paso und ganz in der Nähe des Künstlerortes Marfa.

"Wir sind eine Art Wüstenstamm auf Zeit", sagt Baum. Sein Stamm umfasst auf diesem dreitägigen Ausritt sechs Mitglieder: Wir sitzen auf bequemen Aluminiumsitzen ("Viel leichter als die Leder- und Holzkonstruktionen!"), schaukeln sanft über die rollenden, von Yuccas und Kakteen bestandenen Hügel und blicken viele Dutzend Meilen weit über das karge Land.

Genügsamer als Pferde, kräftiger als Maultiere

Das Texas Camel Corps, wie Doug Baume seine Firma genannt hat, nimmt Bezug auf eine der schrägsten Episoden der amerikanischen Militärgeschichte. Mitte des 19. Jahrhunderts importierte die US-Armee aus Nordafrika und Arabien etwa 70 Trampeltiere und Dromedare. Sie landeten im texanischen Indianola und sollten in den Wüsten des amerikanischen Südwestens agieren - als Transporteinheit, aber auch für Kampfeinsätze gegen Indianer und zum Schutz der Außengrenzen der USA.

Die Tiere erweisen sich in der Hitze rasch als ausdauernder, kräftiger und widerstandsfähiger als Maultiere oder Pferde. Sie ernähren sich von der Vegetation entlang der Strecke, tragen bis zu 350 Kilogramm, marschieren 45 bis 60 Kilometer am Tag und kommen bis zu zehn Tage ohne Wasser aus. Sie wurden sogar für den Bau einer 2000 Kilometer langen Planwagenpiste eingesetzt - dem Vorläufer der später berühmtesten Straße der USA, der "Route 66".

Mit dem Bürgerkrieg (1861 bis 1865) gerät das gefeierte Corps in Vergessenheit. Niemand weiß so recht, was mit den Tieren anzufangen ist, die Armee hat nun andere Prioritäten. Die Tiere werden verscherbelt, geschlachtet und zu Dörrfleisch verarbeitet, dürfen auf Dorffesten Kinder herumtragen, nehmen an Kamelrennen teil und arbeiten als Tragetiere für Minenunternehmen oder in Hollywoodfilmen.

Drei Tage in Texas' Bergen

Doug Baum hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese fast vergessene Geschichte der Kamele auf dem amerikanischen Kontinent in Erinnerung zu bringen. Früher war er Tierpfleger in Zoos in Waco und Nashville, nun hat der dreifache Vater neun Kamele auf seiner Ranch, veranstaltet Kameltouren und erzählt in Schulen, vor Managern, Geschichtsinteressierten und Touristen von der "Kamelkavallerie". Ab und zu verleiht er seine Tiere auch an die Filmindustrie.

Unser Drei-Tages-Ritt führt allmählich höher und höher, bis auf 1800 Meter Meereshöhe, die Kakteen und Ocotillo-Sträucher weichen Kiefern und Steineichen. Man sieht die Livermore, Brooks und Sawtooth Mountains in der Ferne und die Kette der Sierra Viejo Mountains im Westen.

Wir queren arroyos, kleine Schluchten, folgen alten Pfaden der Komantschen und Apachen, stoßen auf eine verfallende einsame Windmühle. Die dick gepolsterten Füße der Tiere versinken geräuschlos in dem sandigen Boden. Und so stoßen wir auf Hasen und Maultierhirsche, die uns erst in letzter Sekunde wahrnehmen und panisch fliehen - wann hat ein texanischer Hase schon mal ein Tier wie ein Kamel gesehen?

Über die Stunden und Tage lernen wir die Kamele kennen. Jedes hat einen anderen Charakter: der königliche Richard, der Anführer Cinco, der verspielte Xian. Auch an das anfangs ungewohnt hohe Sitzen gewöhne ich mich und genieße den Rundblick. Ein Klicken mit der Zunge - das Tier steht auf; ein Ziehen am Zügel - das Kamel kniet nieder, erst mit den Hinter-, dann mit den Vorderbeinen. Ein "Whoaaa!", und es kommt zum Stehen.

Sehr langsam bewegen wir uns durch die einsamen Landschaften. Die Distanz von insgesamt etwa 30 Kilometern wäre selbst zu Fuß fast schneller zurückzulegen. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, einen neuen, eigenen, langsamen Rhythmus zu entdecken, einen Wüstenrhythmus.

"Red Ghost" und die Gänsehaut am Lagerfeuer

Abends sitzen wir nach dem Brennholzsuchen am Lagerfeuer neben den Zelten. Baum hat uns vor die Wahl gestellt: "arabisches" oder "amerikanisches" Essen? Und so essen wir unter den Myriaden Sternen Hummus, Datteln, Couscous und "Kaktus-Stew" statt Hamburger.

Vor dem Zubettgehen erzählt Doug dann noch die Geschichte vom "Red Ghost". Eine wahre Geschichte, wie er betont. 1883 sei in Arizona eine zu Tode getrampelte Frau gefunden worden. An ihrem Körper Büschel rötlichen Haares, auf dem Boden riesige Hufspuren. Ein "Red Ghost" sei das gewesen, sagten die Leute. Später glaubten Cowboys erkannt zu haben, dass es sich um ein riesiges rotes Kamel handelte und im Sattel ein mumifizierter Toter festgebunden wäre.

Das Holz im Feuer knackt, Wind kommt auf. Baum fährt fort: 1893 erschießt ein Farmer "Red Ghost". Das Tier trägt noch einen Sattel und die Lederriemen, mit der inzwischen verschwundene Tote gefesselt war. Baum schaut in die letzten Reste des Feuers. "Am wahrscheinlichsten ist es, dass es sich bei Red Ghost um ein versprengtes Kamel des Camel Corps gehandelt hat." Er macht eine Pause.

"Nur komisch, dass es auch heute noch immer wieder mal merkwürdige Berichte über ein rothaariges Kamel gibt. Es wurde auch hier schon mal gesichtet." Baum steht steifbeinig auf und geht auf sein Zelt zu. "Fast schon unheimlich", brummt er, "oder?" Wir sitzen in der Dunkelheit, als seine Stimme aus dem Zelt tönt: "Trotzdem: Gute Nacht!"

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