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Reise

Downhill-Biking in Whistler

Pistensau auf Rädern

Wo bald Ski-Olympioniken um Siege ringen werden, tummeln sich noch waghalsige Radler: Im kanadischen Whistler lockt ein gigantischer Mountainbike-Park Adrenalinjunkies aufs Pneu - und solche, denen kurz vor der Abfahrt die Knie weich werden.

Stefan Weißenborn
Von Stefan Robert Weißenborn
Freitag, 23.10.2009   15:29 Uhr

Cheryl hat Metall in der linken Schulter und stürzt sich vorzugsweise steile Abfahrten hinunter. Wie diese, an deren Rand ein schwarz unterlegtes Schild warnt: "No Joke". Über speckige Felsbuckel und mächtiges Wurzelwerk im spitzen Winkel hämmert sie die Piste hinab. Das letzte Stück heißt "Heart of Darkness", und dann ist Cheryl im Tal. Samt Sportgerät und ihren beiden Schülern quetscht sich die 33-jährige Blondine wieder in die Gondel. Cheryl fährt seit über 20 Jahren Mountainbike, Ski hat sie seit Langem nicht mehr untergeschnallt. Das Revier der Downhill-Lehrerin ist der Mountainbike-Park im kanadischen Whistler.

Dort, wo im Februar während der XXI. Olympischen Winterspiele die Ski-Alpin-Rivalen die weißen Buckel hinabsausen werden, toben sich jetzt im Herbst waghalsige Radler aus. "Hier sind so viele Leute, schauen Sie sich um. Es ist so voll wie im Winter", sagt Tom Radke, Supervisor im Bike-Park.

50 Trails mit insgesamt über 200 Kilometer Länge können am Whistler Mountain befahren werden. Der Abfahrtsplan unterscheidet sich von dem des Skiareals am selben Hang nur durch die Farbe des Berges: grün statt weiß. Die Schwierigkeitsgrade gleichen denen der Skipisten: von grün für leicht bis doppel-schwarz für "experts only". Das Thermometer zeigt Werte jenseits der 20 Grad, die Cafés sind proppenvoll.

Der Skiverleih im Gebäude der "Whistler Village Gondola" hat zurzeit Fahrräder im Angebot. Rockmusik schallt durch die Räume, zwischen den in Reihe hängenden Mountainbikes legen Kunden die nach Schweiß von Hunderten Vorgängern müffelnde Schutzbekleidung an: Helm, fingerlose Handschuhe und Panzerungen an Ellbogen, Knie, Schienbein. Am Eingang der Bergbahn scannt ein Kontrolleur mit Basecap und Fleecejacke den Bikepass. Auch die Lifte sind jahreszeitlich bedingt umgerüstet und erlauben jetzt den Transport der Räder.

Abfahrtsbereit auch im Sommer

"Come on!", sagt Tom Radke und verzerrt das Gesicht, als wenn ihm jemand einen unangenehmen Tritt verpasst hätte. "Schnell fahren - das will doch jeder!" Beim Downhill komme es auf "Speed und Adrenalin" an. Radke ist so etwas wie der geistige Vater des Parks. Als der Berg seinen Befahrern noch jungfräuliche Schroffheit bot, als noch keine Trails angelegt waren, organisierte er mit einem Freund aus Vancouver die ersten Bergabfahrten. "Wir haben erkannt, das darin die Zukunft liegt", sagt er. Das war vor über zehn Jahren.

Radke überzeugte den Betreiber des Skigebietes Whistler-Blackcomb, den Whistler Mountain auch jenseits klirrend-kalter Wintertage für Abfahrten zu nutzen. Das hat sich offenbar gelohnt, denn die Besucherzahlen steigen seit Jahren. 120.000 werden es zum Abschluss der Saison gewesen sein. "Rezession - im Bike-Park ein Fremdwort", sagt Radke. Gut 30 Euro kostet ein Tagespass für die Bergbahn. Damit ist das Downhill-Mountainbiken etwa halb so teuer wie das Wintervergnügen auf Brettern. Für Leihfahrrad und Panzerung müssen allerdings noch einmal rund 90 Euro gezahlt werden. Kurse kosten mindestens 70 Euro.

Bis in 1835 Meter Höhe schaukelt sich die Gondel über die Stützpfeiler. Als die Bikes auf dem Hinterrad aus der Kabine geschoben werden, muten sie an wie sich aufbäumende Pferde. Schneereste liegen in einer Mulde. Über eine Rampe hüpfen Biker Richtung blauem Himmel, die Sonne ist grell. Ein Zurück gibt es jetzt für die Radler nicht mehr, auch wenn sich ein wenig Angst einschleicht: "Lieber Muffensausen als Langeweile", sagt einer.

"Alles okay?", versichert sich Cheryl noch einmal der Bereitschaft ihrer Schüler, die dieses Mal unbedingt bis ganz nach oben wollten. Ein zögerliches "Ja", und die Karawane setzt sich in Bewegung. Das derbe Reifenprofil beißt in Schotter, dann in die planierte Erde aufgeschütteter Steilkurven. "Hoch rein, flach raus", gibt Cheryl die beste Fahrweise nach hinten durch. Den nötigen Schwung hat sie vergessen zu erwähnen: Denn ohne Speed droht man, wie ein nasser Sack aus der Rundung zu plumpsen. Auch über die Felsbuckel muss es mit Karacho gehen, sonst verkeilen die Reifen in den Furchen.

Schwierigkeit wird oft unterschätzt

Mit zunehmendem Fahrtwind werden die Stöße in die Handgelenke kräftiger. Verkrampft wird die Beschaffenheit des vorbeimangelnden Untergrunds nach Fallen abgescannt. Am Rande des Trails wischen Fichten und arbeitslose Schneekanonen vorbei - Aufmerksamkeit für die pittoreske Bergwelt gibt es heute nicht.

Man kann zusammenfassen: Die Fähigkeit zum Fahrradfahren allein, die reicht nicht für die Disziplin, die in der Bergwelt Whistlers ausgeübt wird. Schon die Sportgeräte des Downhill-Sports zeigen den Unterschied: Für die steilen Abfahrten stehen die Gabeln fast im 45-Grad-Winkel zum Boden, hydraulische Scheibenbremsen garantieren, dass das Stoppen auch bei Feuchtigkeit gelingt, und mächtige Federungen, dass das harte Terrain nicht ungehindert durchschlägt.

"Viele Leute unterschätzen das Biken am Berg", sagt Radke. Junge Burschen, die Mädchen imponieren wollten, seien die "größte Risikogruppe", die so manches heile Handgelenk oder Schlüsselbein aufs Spiel setzt. Zahlen über Knochenbrüche und sonstige Unfälle hat Radke natürlich nicht im Kopf. Aber "safe" seien die Trails.

Deutlichere Worte findet Cheryl zum Glück erst zum Ende der Praxiseinheit als die Anfängergruppe erfüllt und nach Kräfte zehrenden 1100 Metern Höhendifferenz erleichtert absattelt: "Downhill-Mountainbiken ist wesentlich gefährlicher als Skifahren. Wenn man fällt, fällt man direkt auf den Fels." Unvorbereitet solle sich deshalb niemand aufs Rad schwingen: "Der größte Anfängerfehler ist, keinen Kurs zu belegen. Die Leute sagen: Fahrradfahren, das kann ich. Aber Downhill ist ein ganz anderes Ding."

Novizen üben in der Regel am flachen Hügel oder wagen sich zu allererst auf den "Easy-Does-It-Trail". Sie fahren in Schlangenlinien einträchtig hinter Lehrern wie Cheryl her. Üben das Bremsen, ohne dass dabei auf dem schlüpfrigen Gras die Reifen blockieren. Fahren Kurven und machen "O-Beine wie eine fette Kuh" und "Arme wie Chicken-Wings". So veranschaulicht Steve, einer von Cheryls Kollegen, die federnde Körperhaltung, die hilft, Pisten zu trotzen und Gelenke zu schonen.

Von den Ski aufs Rad

Am Abend werfen die Jumps, die Schanzen im Tal, lange Schatten. Pascal aus Neuchâtel in der Schweiz und seine Freunde nutzen das Licht für eine Foto-Session. Kamera und Fahrrad werden herumgereicht, mal springt der eine, mal drückt der andere auf den Auslöser. "Es gibt nichts Besseres als Whistler. In der Schweiz gibt es hier und da einen Trail, aber solch einen Park..." Pascal ist begeistert. Nach seinem Studium ist der Mittzwanziger eigentlich nach British Columbia gekommen, um sein Englisch zu verbessern. Im Winter, wenn der Bike-Park geschlossen bleibt, hat er noch genügend Gelegenheit dazu, findet er.

Erst wenn der Schnee im Frühjahr schmilzt und die Olympioniken wieder abgezogen sind, werden die Räder die Ski wieder ablösen. Der Übergang ist fließend: Unter dem Motto "Crud and Mud (Dreck und Lehm)" starten die Sportler zur Schneeschmelze mit Ski, und dort, wo der Schlamm den Schnee ablöst, steigen sie auf das Fahrrad um.

Dann spätestens wird auch Cheryl wieder in die Pedale treten. Das Metall in ihrer Schulter ist übrigens kein Downhill-Souvenir. Es wurde ihr nach einem allzu heftigen Rempler eingesetzt: "Ich spiele auch Rugby", sagt die Extremsportlerin.

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