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Reise

Himalaja-Durchquerung zu Fuß

Eliott, 27, Abenteurer im Ziegenfell

In viereinhalb Monaten durchquerte der selbsternannte Entdecker Eliott Schonfeld den Himalaja von Norden nach Süden. Anfangs noch mit schwerem Gepäck - während der Reise tauschte er seine Ausrüstung gegen Dinge aus der Natur ein.

Eliott Schonfeld
Von
Donnerstag, 07.11.2019   04:40 Uhr

Als Eliott Schonfeld zum ersten Mal von einem Mann namens Reinhold Messner erfuhr, saß er gerade in einer abgeschiedenen Hütte in Alaska und aß Ravioli aus der Dose. Er blätterte in alten National-Geographic-Magazinen, die auf dem Tisch lagen, und las einen Artikel über den berühmten Bergsteiger. Daran erinnert er sich noch genau.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der damals 24-Jährige bereits selbst einen Teil der Wüste Gobi durchquert - wie Messner etwa zehn Jahre vor ihm. Als Inspiration diente ihm der wohl bekannteste Abenteurer seiner Zeit trotzdem nicht: "Viel mehr als die Outdoor-Zeitschriften aus den Siebzigern interessierte mich das Essen", sagt Schonfeld, der aus Paris kommt, und lacht.

Er habe die verlassene Hütte zufällig entdeckt, nachdem er zwölf Tage lang alleine durch die Wildnis von Alaska gelaufen war, ohne einen anderen Menschen zu sehen. In einem Wald sei er auf das Camp gestoßen. "Als ich hineinging, war das wie ein Paradies - da waren so viele Konserven", sagt er. "Ich bin gleich mehrere Tage dort geblieben und habe nur gegessen."

Schonfeld bezeichnet sich selbst als Abenteurer und Entdecker. Auf seinen Expeditionen in einige der entlegensten Regionen der Welt, versucht der heute 27-Jährige, sich weitestgehend von der Zivilisation abzukoppeln und mit so wenig Ausrüstung wie möglich klarzukommen. "Ich bin Minimalist", sagt er. "Ich begebe mich zu Fuß, mit dem Kanu, mit Hundeschlitten oder auf einem Pferd für mehrere Monate in die Wildnis und versuche, nur damit zu überleben, was die Natur mir gibt."

Auf einer seiner jüngsten Expeditionen durchquerte Schonfeld den Himalaja von Norden nach Süden, rund 2000 Kilometer zu Fuß. Sein Film darüber wird bei der aktuellen "European Outdoor Filmtour" (E.O.F.T.) gezeigt.

Wieder erinnert die Idee an Messner, der vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren viel im Himalaja unterwegs war und dort mehrere Achttausender bestiegen hatte. Doch im Gegensatz zu dem Südtiroler ging es Schonfeld nicht um die Gipfel, sondern um das Überleben in einer extremen Umgebung - alleine. Und darum, sich aller unnötigen Dinge zu entledigen.

Am Anfang der viermonatigen Wanderung hat Schonfeld noch sein Pferd Robert dabei, das mit seinem Gepäck beladen ist. Doch im Laufe der Tour ersetzt er die "Dinge der modernen Welt", wie er sie nennt, durch Dinge aus der Natur: Anstelle eines Feuerzeugs benutzt er ein Stöckchen und einen Stein, um Feuer zu machen. Sein Zelt weicht einem selbst gebauten Verschlag aus Ästen und Blättern, und anstelle seiner Daunenjacke zieht er sich schließlich Ziegenfelle über - die fürchterlich stinken, aber warm halten.

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Französischer Abenteurer: Mit nichts durch den Himalaja

Schließlich lässt er sogar schweren Herzens Robert zurück, sein treues Pferd, denn er will einen vergletscherten Pass überqueren, der für das Tier zu anspruchsvoll ist. "Auf der anderen Seite warten zahlreiche Militärposten an der Grenze zu Tibet auf mich", sagt er. "Es mit Robert zu versuchen, wäre leichtsinnig und egoistisch. Das will ich ihm nicht antun." Er verkauft das Tier.

Es sei das Gefühl, sich wie alleine auf der Welt zu fühlen, das ihn zu seinen Expeditionen motiviere, sagt Schonfeld. "Zwischen den riesigen Bergen des Himalaja fühle ich mich wie eine Nadel im Heuhafen, unauffindbar, geschützt - ein Mensch inmitten der größten und höchsten Gebirgskette der Welt."

Das erste Mal habe er sich so gefühlt, als er mit 19 Jahren nach Australien gereist war. Er habe dort einen Ausflug in den Regenwald von Fraser Island machen wollen, "Touristenzeug", erzählt er. Doch er verstand offenbar die Beschreibung im Reiseführer falsch: "Es hieß, es gebe dort ein Camp. Also dachte ich, ich wandere dahin und dann gibt es da einen Campingplatz wie in Frankreich, mit einem Kiosk, heißen Duschen und jeder Menge Menschen", sagt er.

"Doch ich kam an, und da war gar nichts, kein Kiosk, keine Dusche und natürlich auch keine Leute." Er entschied, trotzdem zu bleiben. Mit einer Packung Brot, etwas Marmelade und einer Packung Pasta ausgerüstet, verbrachte er acht Tage alleine auf der Insel.

Hunde hüten bei minus 38 Grad

"Ich hatte so großen Hunger", sagt er. "Und gleichzeitig war es mir egal, denn ich entdeckte etwas, das mein Leben veränderte: Ich entdeckte Einsamkeit, ich entdeckte Stille, ich entdeckte, wie es ist, mit Tieren zu leben, und dass ich alleine klarkomme - das gab mir ein Gefühl von Freiheit." Zum ersten Mal in seinem Leben habe er sich unabhängig gefühlt.

"Die Erfahrung war so eindrücklich und wunderschön, dass ich beschlossen habe, Entdecker zu werden", sagt er. Es folgten Reisen nach Kanada, wo er eine Weile als Hundeführer in einem kleinen Dorf nahe Quebec arbeitete - teilweise bei Temperaturen von minus 38 Grad Celsius. "Dort habe ich gelernt, mich an harte Bedingungen anzupassen." Danach eine Nord-Süd-Durchquerung Islands.

Als sein erstes richtiges Abenteuer bezeichnet er seine dreimonatige Reise durch die Mongolei. 700 Kilometer stapfte er zu Fuß durch die Wüste Gobi. 2016 verbrachte er drei Monate in Alaska, wo er zum ersten Mal kurzzeitig ans Aufgeben dachte. Seine Reisen finanziert er sich durch Kurzfilme und Fotos. Gesponsert werden will er nicht.

Schonfeld gehört zu einer Generation von Abenteurern, deren Ziel es nicht mehr ist, unbekannte Orte oder Kulturen zu entdecken. Denn die Zeit der großen Entdecker wie James Cook oder Christoph Kolumbus, die unbekannte Länder oder Kontinente entdeckten, ist vorbei. Selbst entlegene Winkel der Welt sind erforscht.

Er gehört auch nicht zu den Abenteurern, die entdecken wollten, wo die Grenzen des physisch Möglichen liegen: Kann ein Mensch ohne Sauerstoff auf mehr als 8000 Metern überleben, fragten sich Reinhold Messner und Peter Habeler - und bestiegen 1978 den Mount Everest (Lesen Sie hier ein Interview mit Peter Habeler). Kann ein Mensch auf dem Mond landen, fragten sich die USA und die Sowjetunion in den Fünfzigerjahren - 1969 bewiesen Neil Armstrong und Buzz Aldrin, dass es geht.

Selbst ernannte Entdecker wie Schonfeld wollen etwas anderes: Er zum Beispiel will ausprobieren, ob der westliche Mensch noch dazu fähig ist, ohne moderne Hilfsmittel in der Natur zu überleben: ohne Smartphone, ohne Lebensmittelvielfalt oder heiße Duschen, ohne Daunenschlafsack und Zelt.

Ein solcher Selbstversuch könnte lohnend sein - wenn man sich so manch einen Hightech-ausgerüsteten Touristen anschaut, der sich mehr auf seine Goretex-Jacke und sein Smartphone verlässt als auf seinen Instinkt.


Die diesjährige E.O.F.T. zeigt zehn Outdoor-Kurzfilme. Bis Anfang Februar ist das Filmfestival in vielen deutschen Städten zu sehen. Tickets können Sie hier erwerben.

insgesamt 11 Beiträge
spon_6867181 07.11.2019
1. Alleine klar kommen mit geklauten Konserven?
Ist schon irgendwie ein Widerspruch, oder? Was wohl der Besitzer der Konserven, der sie mühevoll dahin geschleppt hat davon hält? So jemanden in einem Atemzug mit Reinhold Messner, der wirklich Grenzen verschoben hat, zu [...]
Ist schon irgendwie ein Widerspruch, oder? Was wohl der Besitzer der Konserven, der sie mühevoll dahin geschleppt hat davon hält? So jemanden in einem Atemzug mit Reinhold Messner, der wirklich Grenzen verschoben hat, zu nennen, erscheint mir nicht angemessen.
docker 07.11.2019
2. Als einer...
... der vor vielen Jahrzehnten mit ein paar hundert Dollars ohne Telefon oder gar Kreditkarte, aber immer der Solidarität anderer Reisender sicher, den Planeten bereist hat, habe ich ein Lächeln in meinem faltigen Gesicht, wenn [...]
... der vor vielen Jahrzehnten mit ein paar hundert Dollars ohne Telefon oder gar Kreditkarte, aber immer der Solidarität anderer Reisender sicher, den Planeten bereist hat, habe ich ein Lächeln in meinem faltigen Gesicht, wenn ich Elliot und sein Instagram - Selfie sehe. Kontrovers scheint mir allerdings der kommerzielle Aspekt einer Filmproduktion, der sicher schon vor seiner Reise wichtig war .
troy_mcclure 07.11.2019
3.
Bei diesen "Abenteurern" geht es eher darum, diese sicherlich interessanten Touren bestmöglich zu vermarkten.
Zitat von spon_6867181Ist schon irgendwie ein Widerspruch, oder? Was wohl der Besitzer der Konserven, der sie mühevoll dahin geschleppt hat davon hält? So jemanden in einem Atemzug mit Reinhold Messner, der wirklich Grenzen verschoben hat, zu nennen, erscheint mir nicht angemessen.
Bei diesen "Abenteurern" geht es eher darum, diese sicherlich interessanten Touren bestmöglich zu vermarkten.
lock_vogell 07.11.2019
4.
ich glaube eher, dass es ein notwendiges übel für ihn ist! schon mla drüber nachgedacht wieviel kohle es alleine kostet zum himalaya hinzukommen, oder zur wüste gobi?
Zitat von troy_mcclureBei diesen "Abenteurern" geht es eher darum, diese sicherlich interessanten Touren bestmöglich zu vermarkten.
ich glaube eher, dass es ein notwendiges übel für ihn ist! schon mla drüber nachgedacht wieviel kohle es alleine kostet zum himalaya hinzukommen, oder zur wüste gobi?
lock_vogell 07.11.2019
5.
solche "camps" sind zur selbstversorgung... in der regel bringt man was hin und lässt es da und kann sich dafür an den schon vorhandenen konserven bedienen... ich denke in einem fall wo man nichts mehr hat und [...]
Zitat von spon_6867181Ist schon irgendwie ein Widerspruch, oder? Was wohl der Besitzer der Konserven, der sie mühevoll dahin geschleppt hat davon hält? So jemanden in einem Atemzug mit Reinhold Messner, der wirklich Grenzen verschoben hat, zu nennen, erscheint mir nicht angemessen.
solche "camps" sind zur selbstversorgung... in der regel bringt man was hin und lässt es da und kann sich dafür an den schon vorhandenen konserven bedienen... ich denke in einem fall wo man nichts mehr hat und zufällig auf so eine hütte trifft, wird keiner der jenigen die dort was zurückgelassen haben einwände erheben, wenn jemand dort nur konsumiert.
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