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Urlaub für Fortgeschrittene

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Die Mär vom sichersten aller Sitze

DPA
Von
Dienstag, 24.01.2017   04:56 Uhr

Vorn, hinten oder unter der Blackbox? Über den sichersten Sitzplatz im Flugzeug gibt es unter Menschen mit Flugangst viele "Geheimtipps". Die gute Nachricht: Sie sind alle klasse!


"Wenn wirklich was passiert", sagte sie und sah mir leicht angeschickert tief in die Augen, "dann solltest du hinten sitzen!"

Es war ein Freitagabend nach 22 Uhr, und unser Flieger hatte bereits mehrere Stunden Verspätung. So macht man sich dann an der Bar im Warteraum bekannt, und wenn eine in der Runde auch noch Geburtstag hat, kommt man tatsächlich ins Gespräch.

Ein Glas, sagte sie, nehme sie ja immer - "gegen die Flugangst". Was insoweit lustig war, als dass sie beruflich Flugzeuge baute: Schiss vor dem Fliegen, fragte sie, könne man doch trotzdem haben, oder?

Aber ja, da kannte ich mich auch gut aus. Seit einer ruppigen, aber letztlich komplett harmlosen Notlandung auf einem Militärflughafen in Südengland sah ich bei Start und Landung über ein Jahrzehnt lang aus wie Bruce Banner bei der Verwandlung zum Hulk (Abdrücke verkrampfter Finger in den Armlehnen inklusive). Wichtig, sagte mir meine Flugzeugingenieurin nun, sei es nur, dass man eine Strategie gegen solche Ängste finde.

Ihre sah so aus: Sie setze sich immer dahin, wo die Blackboxes, die Flugschreiber einer Maschine, positioniert sind.

Bei den meisten Fliegern ist das ganz hinten, viele haben ganz vorn einen, und einige wenige haben sie in der Mitte. "Die Dinger sind immer in dem Teil des Flugzeugs angebracht", sagte sie mit verschwörerischer Miene, "der am wenigsten zerstört wird. So statistisch gesehen."

BBC-Dokumentation

Die meisten Unfälle verlaufen glimpflich - und sind äußerst selten

Statistik ist ein gutes Stichwort: Rein statistisch gesehen liegt die Überlebenschance eines Flugpassagiers selbst dann, wenn das Flugzeug bei einem Unfall beschädigt wird, bei über 96 Prozent. Sollten Sie das noch nie gehört haben, liegt es daran, dass über Unfälle, bei denen keiner zu Schaden kommt, eben auch niemand berichtet. Und selbst wenn: "Flughafen Madrid: Passagiere kommen mit Schrecken davon" ist nicht der Stoff, an den man sich erinnert.

Wahr ist allerdings auch, dass wirklich schwere Unfälle in der Fliegerei oft hohe Opferzahlen fordern. Sie sind nur extrem selten: Zwischen 2006 und 2015 gab es in den 28 EU-Ländern 28 Flugunfälle, die insgesamt 434 Opfer forderten. Drei Viertel davon starben bei nur zwei fatalen Unfällen.

Hohe Opferzahlen erschrecken uns - aber hoch ist hier nur die Opferzahl im konkreten Einzelfall. Ian Savage vom US-Verkehrsministerium analysierte die Mortalitätsraten für jede Form des Massentransports für den Zeitraum von 2000 bis 2009 und rechnete diese für eine Studie in ein "Sterberisiko" um. Mit weitem Abstand am besten kam dabei die Passagierluftfahrt weg.

DPA

Die Welt von oben: Denken Sie nicht über Risiken nach. Denken Sie daran, was für ein wunderschönes Privileg Sie da gerade erleben

Hoben kommerzielle Flieger ab, war man so sicher wie sonst kaum irgendwo: Das Sterberisiko errechnete Savage bei 0,07 Sterbefälle pro Milliarde Flugmeilen.

Damit wären Flugzeuge mehr als doppelt so sicher wie Reisezüge - und das Sterberisiko in einem Auto 104-mal höher als in einem Flieger. Noch gefährlicher ist nur noch Laufen oder Radfahren - in der EU sterben jedes Jahr über 25.000 Menschen im Straßenverkehr.

Aber heißt das alles auch, dass all die Theorien und Legenden über den angeblich sichersten aller Sitze im Flieger Unsinn sind?

Nicht ganz. Es gibt Plätze in jedem Flugzeug, die noch ein kleines bisschen sicherer sind als all die anderen:

Relevant ist das aber nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Sie den fatalen Ernstfall erleben müssen, liegt selbst dann nur bei 1 zu 85.000, wenn Sie jeden Tag des Jahres 800 Kilometer fliegen würden. Das schaffen Sie selbst dann nicht, wenn Sie Pilot werden.

Damit ist die Frage nach dem sichersten aller Sitze beantwortet: Er steht in einem Bunker. Im Flugzeug hingegen ist jeder Sitz okay.

Suchen Sie sich einen, auf dem Sie sich wohl und sicher fühlen. Bei mir steht der hinten, bei anderen wirkt eher die Glückszahl, das Geburtsdatum oder der Blick aus dem Fenster, hinab auf die Welt. Den haben 100 Milliarden Homo sapiens, die vor uns lebten, leider verpasst: Wer denkt noch an Risiken, wenn er so ein wunderschönes Privileg erleben darf?

insgesamt 47 Beiträge
Affenhirn 24.01.2017
1. Es kommt auf die Art des Unfalls an
Grundsätzlich ist der Flieger hinten stabiler, weil der Querschnitt geringer ist. Aber auch im Flügelbereich könnte die Maschine wegen der mechanischen Belastung stabiler gebaut sein. Bei starker Rauchentwicklung ist man [...]
Grundsätzlich ist der Flieger hinten stabiler, weil der Querschnitt geringer ist. Aber auch im Flügelbereich könnte die Maschine wegen der mechanischen Belastung stabiler gebaut sein. Bei starker Rauchentwicklung ist man allerdings meist hinten deutlich schlechter dran. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass im Ernstfall die Überlebenschance deutlich sinkt, wenn man mehr als 7 Reihen von einem Notausgang entfernt sitzt. Und schließlich sollte sich jeder Passagier die Entfernung zum Notausgang einprägen, denn im Ernstfall könnte es entweder stockduster sein, wegen Stromausfalls, oder die Rauchentwicklung ist so stark, dass es keine Sicht gibt.
Affenhirn 24.01.2017
2. Abergläubische sollten Reihe 14 meiden
Denn in vielen Fliegern gibt es immer noch keine Reihe 13. Wie es sogar in manchen Hotels keine 13. Etage (oder keinen 13th Floor) gibt.
Denn in vielen Fliegern gibt es immer noch keine Reihe 13. Wie es sogar in manchen Hotels keine 13. Etage (oder keinen 13th Floor) gibt.
keery 24.01.2017
3.
Interessanter wäre doch, wieviele Menschen Abstürze tatsächlich überlebt haben, und wo diese gesessen haben. In der Regel sind bei Unfällen, bei denen das Flugzeug zerreißt, ja dann doch eher alle tot, egal ob das Heck nun [...]
Interessanter wäre doch, wieviele Menschen Abstürze tatsächlich überlebt haben, und wo diese gesessen haben. In der Regel sind bei Unfällen, bei denen das Flugzeug zerreißt, ja dann doch eher alle tot, egal ob das Heck nun mehr oder weniger zerstört ist. Im Übrigen bringt es auch herzlich wenig, in einem intakten Heck zu verbrennen oder zu ertrinken.
mrrich 24.01.2017
4. Die sichersten Massentransportmitttel
sind Fahrstühle.
sind Fahrstühle.
dborrmann 24.01.2017
5. Geschönte Statistik?
Relevant ist die Zahl der Toten pro Bewegungsereignis und nicht die Zahl der Toten pro Personenkilometer. Bei der Betrachtungsweise Tote pro Bewegungsereignis ist ein Auto fünfzig mal sicherer als ein Flugzeug. Der rechnerische [...]
Relevant ist die Zahl der Toten pro Bewegungsereignis und nicht die Zahl der Toten pro Personenkilometer. Bei der Betrachtungsweise Tote pro Bewegungsereignis ist ein Auto fünfzig mal sicherer als ein Flugzeug. Der rechnerische Hintergrund und ist sehr banal. Flugzeuge erzielen Unsummen an Personenkilometern pro Bewegungsereignis, Autos aber vergleichsweise sehr wenige. Die Statistik mit Personenkilometern täuscht über die reale Gefahr von Luftreisen hinweg.
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