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Reise

Fotosafari im Tschad

Jetzt nur nicht den Motor in den Sand stecken

Trotz einiger Hindernisse hat sich der Fotograf Michael Martin in die Tiefen des Sahara-Sands im Tschad begeben - zu Nomaden, geheimnisvollen Zeugenbergen und Felszeichnungen, die von längst vergangenen Zeiten erzählen.

Jörg Reuther
Donnerstag, 24.04.2014   07:42 Uhr

Für die Kamele muss dieser schattige Ort in der Wüste das Paradies auf Erden sein: eine Stelle mit glasklarem, kühlen Wasser. Das dumpfe Dauerbrüllen der Tiere erfüllt die Schlucht von Archi. Tubu-Nomaden haben alle Hände voll zu tun, die Tiere nach einer Stunde am Guelta wieder wegzutreiben. Es ist ein biblisches Bild, als die Kamele in langgezogenen Reihen die Schlucht im Norden des Tschad verlassen und dabei durstigen Artgenossen begegnen, die gerade hineingetrieben werden.

Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Weg, um einen geschützten Lagerplatz für die Nacht zu suchen. Wir finden ihn in einer Arena aus rotem Sandstein. Es ist die schönste Zeit des Tages, als wir die Dieselmotoren der Toyota-Landcruiser abstellen, die Hecktüren öffnen und Schlafsäcke, Liegematten und Kochgeschirr hervorholen.

Meine Freundin Elfriede Fischer, mein Fotografenkollege Jörg Reuther und ich sind in solchen Momenten froh, dass nicht wir uns um die Zubereitung des Abendessens kümmern müssen, sondern unser Koch Pascal. Während wir mit Kameras und Stativen losziehen, um die sich mit dem Sonnenuntergang verändernden Farben und den Aufgang des Vollmonds festhalten.

Die Umsicht der Guides gibt Vertrauen

Die Erosion hat den weichen Sandstein spektakulär geformt. Ein großer Felsbogen dient Jörg als Vordergrund für 1500 Nachtaufnahmen, die er mit einer besonderen Software zu einem halbminütigen Zeitrafferfilm montieren wird. Erst zwei Stunden nach Sonnenuntergang kehren wir an das inzwischen niedergebrannte Feuer zurück, auf dem Pascal Reis mit Ziegenfleisch zubereitet hat. Zum Nachtisch gibt es starken grünen Tee, den unsere Guides und Fahrer Omar und Suleyman kunstvoll im hohen Bogen aus der verschrammten Emaillekanne in unsere Gläser gießen.

Die Erfahrung und Umsicht unserer Begleiter geben uns viel Vertrauen und Sicherheit. Wüstenreisen wie diese wären in den meisten Sahara-Ländern wegen der riskanten Sicherheitslage ein Himmelfahrtskommando, nur im Nordtschad sind sie - kundige Begleitung vorausgesetzt - derzeit ausreichend sicher.

Das Ennedi-Gebirge ist Heimat einiger tausend Tubu, die mit ihren Ziegen- und Kamelherden die schüttere Vegetation der Trockentäler nutzen. Ihre Zelte stehen dort, wo Regenfälle für Graswuchs gesorgt haben. Was denken diese Menschen wohl angesichts der zahllosen, 4000 bis 6000 Jahre alten Felszeichnungen, die gut genährte Rinder, Giraffen und Elefanten zeigen und damit die wesentlich besseren Lebensbedingungen in der Jungsteinzeit dokumentieren? Spätestens mit der Zeitenwende kehrte die Trockenheit in die Sahara zurück, die die größte Wüste der Welt schon seit zwei Millionen Jahren prägt.

Die Nomaden berichten Erstaunliches

Ich habe auf dieser Reise Nomaden auf den weltweiten Klimawandel angesprochen. Ihre Antworten decken sich mit meinen eigenen Beobachtungen: Das Klima ist im Laufe der letzten 30 Jahren in Sahara und Sahel nicht trockener, sondern feuchter geworden. Nomaden kehren inzwischen in Saharagebiete zurück, die sie seit Generationen nicht nutzen konnten. Auch die großen Dürren im Sahel, wie sie noch Mitte der siebziger und achtziger Jahre vorkamen, gehören der Vergangenheit an.

Viel dramatischer für die Menschen des Ennedi und der südlich angrenzenden Sahelzone ist die Überweidung der schütteren Vegetation, die zur massiven Ausbreitung der Wüste nach Süden führt. Desertifikation ist auch im Tschad das größte ökologische Problem, das durch die hohen Geburtenraten zusätzlich verschärft wird.

Wir folgen dem Westrand des Gebirges nach Norden. Die Vegetation verschwindet. Geheimnisvolle Zeugenberge, einzelne Reste von Gesteinsschichten, haben die Erosion überdauert. Bald schmiegen sich gelbe Dünen an besonders exponierte Felsen. Beim Fotografieren im Mittagslicht ist der Polfilter ein unverzichtbares Hilfsmittel, macht er das Himmelblau doch noch intensiver. Elly schleppt die Videokamera samt schwerem Stativ und Schwenkkopf durch den Sand, um die Großartigkeit der Landschaft für den entstehenden TV-Film festzuhalten.

Zum letzten Mal auf dieser Tour schlagen wir hier im Gebirge unser Lager auf. Der Platz könnte spektakulärer nicht sein: ein 360-Grad-Panorama bizarrer Felsen. In dieser Nacht beleuchtet das Lagerfeuer noch lange die umliegenden Felswände. Suleyman und Omar haben ihre Schlafsäcke neben der Glut ausgerollt. Für den nächsten Tag haben sie uns die fahrtechnisch schwierigste Etappe unserer Tour angekündigt: die Durchquerung der Mourdi-Depression. Dahinter locken die größten Seen der Sahara.

Michael Martin wird in seinem Blog in weiteren Folgen über seine Tschad-Reise berichten.

insgesamt 1 Beitrag
neue_mitte 24.04.2014
1. Klimawandel bewirkt was Gutes
Schöner Artikel, tolle Bilder, gut beschrieben. Aber ein geradezu ketzerisches Ende. Der Klimawandel bewirkt dort etwas Gutes und die Probleme im Süd-Sahel sind von den Locals selbst verursacht, nicht vom SUV-Westen? Das [...]
Zitat von sysopJörg ReutherTrotz einiger Hindernisse hat sich der Fotograf Michael Martin in die Tiefen des Sahara-Sands im Tschad begeben - zu Nomaden, geheimnisvollen Zeugenbergen und Felszeichnungen, die von längst vergangenen Zeiten erzählen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/fotograf-michael-martin-bereist-das-ennedi-gebirge-im-nordtschad-a-965638.html
Schöner Artikel, tolle Bilder, gut beschrieben. Aber ein geradezu ketzerisches Ende. Der Klimawandel bewirkt dort etwas Gutes und die Probleme im Süd-Sahel sind von den Locals selbst verursacht, nicht vom SUV-Westen? Das darf doch nicht wahr sein :-)
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