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Reise

Kerouac-Museum in San Francisco

Wallfahrtsort der Gegenkultur

Sex, Drugs 'n' Jazz: Jack Kerouac hat mit seinem Roman "On the Road" eine ganze Generation inspiriert. Die erste Verfilmung beschert der einzigen Dauerausstellung zur Beatnik-Kultur in San Francisco einen Pilger-Ansturm. Ihr Gründer ist begeisterter Fan seit 35 Jahren.

Florian Sanktjohanser
Von Florian Sanktjohanser
Montag, 01.10.2012   06:14 Uhr

Jerry Cimino sieht nicht gerade aus wie ein Hipster. Glatze, weite Jeans, der dunkelgraue Pulli spannt über dem Bäuchlein. Doch die Ur-Hipster sind sein Leben - Jack Kerouac, Allen Ginsberg und all die anderen Querköpfe, die sich "Beat Generation" nannten. Ihnen hat der freundliche Herr, 58 Jahre alt, in San Francisco einen Tempel gebaut: "The Beat Museum".

Das kleine Haus im alten Italienerviertel North Beach ist vollgestopft mit allem, was Cimino in knapp vier Jahrzehnten über die Beat-Poeten auftreiben konnte. Es ist ein Wallfahrtsort der Gegenkultur - jetzt schwillt der Strom der Pilger wieder an. Die erste Verfilmung der Beat-Bibel "On the Road" von Jack Kerouac ist in den Kinos, Start in Deutschland ist am 4. Oktober.

"Walter Salles, der Regisseur, saß hier auf dem gleichen Stuhl wie du", sagt Jerry Cimino und lehnt sich in seinem verschrumpelten Ledersessel im ersten Stock des Museums zurück. "Wir sprachen darüber, welche Art von Freiheit 'On the Road' meint." Der Regisseur und die Schauspieler besuchten das Museum im Dezember 2010, um sich Inspiration für die Dreharbeiten zu holen.

Sie schlenderten vorbei an der Badewanne voller Bücher und dem großen Porträt von Neal Cassady, dem heiligen Verrückten, der Hauptfigur von "On the Road". Sie sahen die Fotos der ekstatischen Jazzkonzerte im Fillmore District von San Francisco, die Kerouacs Art zu leben und zu schreiben so stark beeinflussten. Seine abgewetzte, erdfarbene Wolljacke in einem Glasschrein. Und die Olivetti-Reiseschreibmaschine, Modell Lettera 22, nicht jene, auf der Kerouac in drei Wochen seine Hymne des Unterwegsseins herunterhämmerte, aber immerhin das gleiche Modell.

Einzige Dauerausstellung über die Beat-Kultur weltweit

"Ich stecke in dieser Sache seit 35 Jahren drin", sagt Cimino, der in Baltimore aufwuchs. Seine Begeisterung für die Beat-Literatur begann mit einem Gedicht von Lawrence Ferlinghetti über die Kreuzigung Jesu, das er als 14-Jähriger in der Schule las. "Es haute mich einfach um", sagt er. In einem Lyrikband fand er Gedichte Kerouacs, später las er seine Romane. Cimino ist ein Besessener. "Die Beatniks waren für mich eine spirituelle Reise, die Suche nach dem Glück in der Welt", sagt er. Und: "Es gibt vielleicht hundert Menschen auf der Welt, die mehr über die Beats wissen als ich. Aber ich habe von jedem die Telefonnummer."

Die Hälfte der Exponate hat er selbst gesammelt, die andere Hälfte haben Besucher vorbeigebracht. Etwa die Hemden von Kerouac und Cassidy oder die Orgel von Allen Ginsberg. "Diese Leute wollen, dass die Geschichte weitererzählt wird", sagt Cimino. Vor sechs Jahren zog er mit seinen Devotionalien von Monterey nach San Francisco um, "dorthin, wo sie hingehörten".

Heute ist das Museum die einzige Dauerausstellung über die Beat-Kultur auf der Welt. Und seit der Film in den US-Kinos angelaufen ist, wollen immer mehr Besucher sie sehen. "Es ist interessant, Welle um Welle von Besuchern aus verschiedenen Ländern zu sehen", sagt Cimino. "Du kannst genau sagen, wo der Film gerade gestartet ist."

In das Museum kommen 70- und 80-Jährige, die die Beatniks aus ihrer Jugend kennen, Babyboomer und junge Leute, die denken, es wäre ein Musikmuseum. Schulklassen aus Boston, Denver oder San Diego. Und viele Touristen, aus Japan, aus Europa, aus Australien. "Es gibt in jeder Generation eine kleine Gruppe von Unangepassten, die sich in den Büchern wiederfinden", sagt Cimino.

Vier Beatnik-Memorial-Orte in San Francisco

San Francisco war schon in den fünfziger Jahren das Ziel vieler, die das Leben ihrer Väter satt hatten. In North Beach fanden die Beatniks zusammen, die von New York westwärts aufgebrochen waren wie der Ich-Erzähler in "On The Road", auf der Suche nach der Seele Amerikas. Hier trug Allen Ginsberg in der Six Gallery das erste Mal sein Mammut-Gedicht "Howl" vor, das ihm ein Gerichtsverfahren wegen Obszönität einbrachte. Der Reiseführer "The Beat Generation in San Francisco" zählt alle Cafés, Bars und Jazzclubs auf, in denen Kerouac, Ginsberg, Gary Snyder und ihre Kumpel schrieben, diskutierten, soffen.

Viele Schauplätze von damals sind heute unspektakulär. Zum Beispiel das Holzhäuschen in der Russell Street, Nummer 29, in dem Neal und Carolyn Cassady wohnten und wo Kerouac sich immer wieder einnistete. "Es gibt nur vier öffentlich zugängliche Orte in San Francisco, wo noch etwas von den Beatniks zu sehen ist", sagt Cimino: "das Museum, der City Lights Bookstore, das Vesuvio und das Caffe Trieste."

Der City Lights Bookstore liegt schräg gegenüber vom Beat Museum. 1953 gegründet vom Dichter Lawrence Ferlinghetti, ist er Verlag und Buchladen zugleich und außerdem eine Legende. In den Schaufenstern hängen Souvenir-T-Shirts, im ersten Stock ist ein ganzes Regal für die Klassiker der Beat-Literatur reserviert. Daneben ein Schaukelstuhl mit der Innschrift: "Poetenstuhl". "Setz dich und lies ein Buch", ermuntert ein handgeschriebenes Schild.

Gleich nebenan ist die Bar Vesuvio, vom City Lights getrennt durch die Kerouac Alley. Auch die schmale Gasse gab es zu Zeiten des Beatniks schon: Eines Nachts trank Kerouac im Vesuvio so viel, dass er rausgeworfen wurde und in der Straße einschlief. Heute ist man in der Bar natürlich stolz auf den berühmten Säufer. Sein gut geschnittenes Gesicht blickt dem Besucher von Fotos an allen Wänden an, gleich am Eingang hängt ein Bild von ihm Arm in Arm mit Cassady - die strahlend schönen Posterboys der Beat-Generation.

Graue Haare, Walross-Bärte

Schummriges Licht, abgewetzte Stühle, bunt bemalte Tische und Wände - das Vesuvio hat Patina. Die jungen Gäste allerdings scheinen auf den ersten Blick nicht unbedingt Literaten zu sein. Auf dem Riesenfernseher läuft Baseball. Dafür sollen ins Caffe Trieste ein paar Straßen weiter oft 70- oder 80-Jährige herumhängen, die die Beatniks noch kannten, hatte Cimino versprochen.

Und tatsächlich sehen die Gäste hier eher wie das Klischee des Kulturschaffenden aus. An den Mosaiktischchen sitzen Männer mit langen, grauen Haaren, Hüten und Walrossbärten. Sie trinken Kaffee und Wein und reden mit Frauen, die in Kunstzeitschriften blättern. Die ockerfarbenen Wände sind vollgehängt mit Schwarzweiß-Fotos vergangener Konzerte, an der Stirnseite idealisiert ein Gemälde das Fischerleben an einem italienischen Strand. Neben dem Kohleofen blinkt eine Jukebox.

Ob hier jemand etwas über die Beatniks erzählen kann? Der Kellner deutet auf einen der Männer mit einem imposanten Schnauzbart. Er heißt Jack Hirschman, ist 79 Jahre alt, schreibt Gedichte und sucht erst mal umständlich in seinem Notizbuch nach irgendeiner Telefonnummer. Am Ende gibt er eine frappierend einleuchtende Auskunft: "Du findest die Spuren der Beatniks überall. Du musst dir nur einen Joint anzünden."

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