Lüderitz in Namibia
Deutsche Geister in Südwest
Am 10. April 1908 fand hier der Gleisarbeiter Zacharias Lewala einen Rohdiamanten und übergab ihn seinem Vorgesetzten August Stauch. Lewalas Name ging in die Geschichte ein, viel mehr aber auch nicht, der Mann hatte nichts von seinem Fund, niemand bezahlte ihn dafür oder zeigte sich erkenntlich, das große Geschäft machten andere, und zwar schnell. Es wurde gegraben und geschürft, gewaltige Mengen an Diamanten kamen zum Vorschein.
Gleichzeitig wurde fleißig gebaut, steinerne Wohnhäuser, Villen und Dienstgebäude im tradierten deutschen Stil, eine Schule und ein Krankenhaus, sogar die erste Röntgenstation südlich des Äquators stand hier. Das Baumaterial wurde aus dem Deutschen Reich eingeführt und im Hafen von Lüderitz an Land gebracht. Es gab eine Metzgerei und eine Eismacherei, man raunte, Kolmanskuppe sei die reichste Stadt der Welt, auch wenn nur 400 Menschen in ihr lebten.
Die Kegelbahn ist heute noch zu besichtigen, ganz in Blau getüncht, daneben der Ballsaal, ein voluminöser Raum mit Bühne und buntem Wanddekor. Die Partys waren legendär, es ging mondän zu, hier, mitten in der Wüste, schwer vorstellbar, solch ein Leben, in dieser Kargheit, in diesem Klima. Das alles veränderte auch Lüderitz über Nacht.
Die große Zeit der Hafenstadt brach an. Marion Schelkles Großvater verdiente plötzlich viel Geld mit dem Verkauf von Luxusgütern. Er importierte Champagner, Rennpferde, Sättel, edles Geschirr, organisierte Pferderennen und glanzvolle Feste. Ein Konzerthaus wurde gebaut und eine Turnhalle, großzügige Geschäfte und Villen, am prachtvollsten diejenige des Leutnants Hans Goerke, der nach dem Krieg eine Diamantengesellschaft leitete.
Das Haus ist von Weitem schon zu sehen, ein wenig Jugendstil, ein wenig Fachwerkästhetik auch, es erhebt sich hoch über dem Ort, vom Wohnraum aus ein herrlicher Blick über die Bucht, die farbigen Dächer der Stadt und hinüber zur Felsenkirche, die wie ein mahnendes Zeichen Gottes über allem thront.
Hotelangestellte aus vier Stämmen
In der Nähe dann ein auffallend dunkelblaues Haus aus wilhelminischer Zeit, es gehört Ulf Grünewald, ein Enkel ebenjener alten Dame, die es im nächtlichen West-Berlin an die Seite eines fremden Mannes trieb. Der Direktor des "Nest-Hotels" ist ein moderner Mensch, ein engagierter Mann, Deutschtümelei ist nicht seine Sache, er möchte alles gegen den Strich bürsten, aufhören mit diesen ganzen Vorurteilen und dem Gerede über Rassen und Klassen. Deswegen hat er im Hotel auch Leute aus vier Stammesgemeinschaften eingestellt. Was hatte man ihn gewarnt, das würde nicht gut gehen, Ovambo und Nama, Damara und Herero, dazu noch die Afrikaaner und die Deutschstämmigen, alle miteinander, unmöglich, so etwas.
Er sagt, das sei alles überhaupt kein Problem. Grünewald hat eine Frau geheiratet, die das ist, was man hier "coloured" nennt, sie hat sowohl europäische als auch afrikanische Vorfahren. Er weiß, dass es Deutsch-Namibier gibt, die indigniert den Kopf schütteln über seine Wahl, manche offen, andere versteckt - und dann auch noch die Kinder, Deutsch sprechend und dunkelhäutig, wie konnte er nur.
Der Rasen vor dem "Nest-Hotel" ist blitzend grün, ein beinahe schmerzhafter Anblick in der Wüste, dahinter glitzern die Wellen, die an das steinige Ufer schlagen, man sitzt an gediegenen Tischen und schaut hinaus auf den Atlantik. Es ist nicht selbstverständlich, dass solch ein Hotel gebaut werden konnte, dass Lüderitz überhaupt Bestand hatte über die Jahrzehnte hinweg.
Es hätte auch sein können, dass der Niedergang von Lüderitz ein so totaler wie der von Kolmanskop geworden wäre, wo der Sand heute meterhoch in den verlassenen Häusern steht und man darauf achten muss, ob sich Schlangenspuren finden und in welche Richtung die Pfotenabdrücke der Hyänen weisen (wenn sie nach innen zeigen, sollte man die Ruine besser nicht betreten).
Der Diamantenboom hatte nicht lange angehalten, weiter südlich waren ergiebigere Minen gefunden worden, die Menschen zogen hinterher, ab 1920 verwaiste die Stadt nach und nach, zehn Jahre später war dann endgültig Schluss, Kolmanskop wurde aufgegeben und der Wüste überlassen.
Inge aus Thüringen folgte dem Ruf
Als 1913 aber eine junge Thüringerin nach wochenlanger Fahrt auf See in Lüderitz angekommen war, hatte alles noch vielversprechend ausgesehen. Frauen waren gefragt in Deutsch-Südwest, "Mischehen" zwischen deutschen Männern und einheimischen Frauen sollten verhindert werden und waren seit 1905 gar verboten, die Angst vor einer "Verkafferung" war groß. Man warb im Deutschen Reich für ein Leben in Afrika, in Frauenkolonialschulen wurden die Auswanderungswilligen auf ihre häuslichen Aufgaben und sittliche Verantwortung vorbereitet, rund 2000 junge Frauen folgten dem Ruf.
Der Erste Weltkrieg war noch nicht ausgebrochen, Kolmanskuppe eine florierende Minenstadt, Lüderitz ein Ort, in dem es sich gut leben ließ, Deutsch-Südwestafrika eine Kolonie mit Zukunft. Die junge Inge aus Thüringen hatte sich mutig auf den Weg nach Afrika gemacht, 19 Jahre alt war sie, als sie dieses Land betrat.
Sie erlebte den Ersten Weltkrieg aus der Ferne und auch aus der Nähe, denn Südafrika besetzte bereits im September 1914 die Lüderitzbucht. Die Schutztruppe erlitt Niederlage um Niederlage und kapitulierte im Juli 1915. Das südafrikanische Militär übernahm die Verwaltung der Kolonie, das ganze Elend der zukünftigen südafrikanischen Apartheidpolitik sollte auch dieses Land nicht verschonen, die Townships erinnern heute noch daran.
Mit dem Vertrag von Versailles war das Ende dann besiegelt, ab Juli 1919 gab es kein Deutsch-Südwestafrika mehr. Inge aber blieb ein Leben lang, heiratete einen Deutschen, gründete eine Familie, liebte dieses Leben weitab von Europa, liebte die Tiere, das Licht und die Wüste, die bei genauer Betrachtung so karg nicht war, sie liebte das Meer und den Nebel und den Moment, wenn der Nebel sich endlich verzog.
Sie wurde so afrikanisch, wie man es nur werden konnte als deutsche Frau - und scheute sich auch als alte Dame nicht, mitten in der Nacht in West-Berlin einen wildfremden schwarzen Mann um Hilfe zu bitten und ihm über die Straße hinweg einfach laut zuzurufen: "Hey, jij!"
Aus dem "Mare"-Heft No. 83, Dezember 2010/Januar 2011

