Schrift:
Ansicht Home:
Reise

Pionier-Skiabfahrt in Sibirien

"Ein enormer Kraftakt"

Skifahren in der warmen Jahreszeit? Ja, aber wie! Der "Berg des Sieges" in Sibirien galt als unbefahrbar - nun haben es zwei Österreicher geschafft. Mitgebracht haben sie eindrucksvolle Bilder.

Jonas Blum
Ein Interview von Johanna Stöckl
Freitag, 01.07.2016   09:50 Uhr

Zu den Personen

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, im Mai eine Erstbefahrung auf Skiern am extrem abgelegenen Gora Pobeda in Sibirien zu wagen?

Mayr: Letztes Jahr sind wir auf dem Rückflug von einer Expedition über Sibirien geflogen und waren überrascht von den gewaltigen Gebirgszügen, die es im Osten Russlands gibt. Man verbindet ja hauptsächlich große Ebenen mit Sibirien. Und schon war unsere Neugierde geweckt.

SPIEGEL ONLINE: Das Tscherskigebirge ist 1200 Kilometer lang, größer als die Alpen und trotzdem kaum bekannt. Was hat Sie dort erwartet?

Haunholder: Die größte Schwierigkeit bestand darin, überhaupt in die Nähe des Berges zu kommen. Die letzte Straße endet 350 Kilometer vor dem Gora Pobeda. Wir mussten mehrere Lager errichten, da es unmöglich war, innerhalb eines Tages die geplanten Strecken zurückzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich sollten Ihnen Rentiere beim Materialtransport helfen.

Mayr: Die hatten sich leider zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgezogen, um ihre Jungen zu gebären. Also versuchten die Nomaden vor Ort, uns mit Motorschlitten in die Berge zu ziehen. Nach mehrmaligem Hängenbleiben war dann aber Schluss mit motorisierter Unterstützung. Wir mussten die restliche Strecke aus eigener Kraft bestreiten. Im tiefen, lockeren Schnee war es ein enormer Kraftakt, das Equipment mit den Pulkaschlitten zu ziehen. In den ersten sechs Stunden schafften wir nur zwei Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert es, bis die Logistik für so eine große Unternehmung steht?

Mayr: Die Planung dauerte ein Jahr. Acht Monate haben wir in die Lösung von Logistikproblemen investiert. Im Internet konnten wir keine brauchbaren Infos, geschweige denn Menschen finden, die sich in den Bergen auskannten. Daher war es unabdingbar, vorher schon mal hinzufahren, um sich ein Bild zu machen und Kontakte zu knüpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie sich mit den Nomaden vor Ort verständigen?

Haunholder: Unser Kontaktmann Bolot aus Yakutsk hatte zufällig einen Kollegen, der gut Deutsch spricht und für jede Art von Abenteuer zu haben war. Bolot hat uns schließlich zu den Nomaden begleitet und uns vorgestellt.

Mayr: Das war ganz wichtig. Sie sind die einzigen Menschen, die im Umkreis dieser Berge leben und die Gegend kennen. Natürlich steigen sie nicht auf die Gipfel, aber sie konnten uns den Weg an den Wandfuß erklären. Ohne ihre Hilfe wäre unsere Idee nicht realisierbar gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Aufstieg?

Haunholder: Die Google-Earth-Aufnahmen von diesem Gebiet hatten eine viel zu schwache Auflösung, um sich ein gutes Bild machen und die Aufstiegsroute planen zu können. Aber wir hatten Glück: In Yakutsk trafen wir einen alten Bergsteiger, der uns mit zusätzlichen Fotos und Informationen weiterhalf.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig, eine Route für die Skiabfahrt zu finden?

Mayr: Der Gora Pobeda galt als komplett unbefahrbar, wegen der steilen Eisflanken. Von einem Ex-Sowjetsoldaten, der vor vielen Jahren im Sommer auf dem Gipfel stand, hörten wir, dass von der Südseite her vielleicht eine Möglichkeit bestünde. Unsere Rinne war extrem steil und extrem eng, die Schneebedingungen waren eine Katastrophe.

Haunholder: Weiter unten machte uns der mitrutschende Schnee sehr zu schaffen. Ausweichen konnten wir nicht. Rechts und links waren nur Felsen. Wir mussten also schneller fahren als der mitrutschende Schnee. Ein Sturz hätte schlimme Folgen haben können. Die finale Abfahrt dauerte dann nur wenige Minuten.

Fotostrecke

Aiyy-Rituale in Jakutien: Die Geister, die ich rief
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP