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Reise

Sikkim-Trek im Himalaja

Lama-Spuren im Stein

2. Teil: Heißes Bier bei Mama Chang

Dienstag, 13.11.2007   14:33 Uhr

Nachmittags erreichen wir Tshoka (3100 Meter), ein kleines von Tibetern bewohntes Dorf. Hütten im Nebel, Pferde, Dzos, bunte tibetische Strickwaren, Schankstuben und zwei große Unterkunftshäuser, das ist alles. In der großen Hütte ist Platz für die Nacht, aber vorher geht es in "Mama Changs Bamboo Bar". Das Feuer brennt im Lehmofen und Mama Chang weiht uns in die Geheimnisse des tibetischen Biers ein. Gerstenmaische wird in große Holzbecher gefüllt und mit heißem Wasser überbrüht. Durch ein Bambusröhrchen schlürft man das Getränk, gießt von Zeit zu Zeit Wasser nach.

Als wir aufbrechen hängt der Morgennebel noch in den Bäumen. Hinter Tshoka steigt der Weg steil an, windet sich durch Rhododendronwälder. Die Dzos bestimmen das Tempo, langsam geht es aufwärts. Je höher wir kommen, desto kleiner werden die Rhododendren, erst Bäume, dann Büsche und zum Schluss Alpenröschen.

Die kleine Hütte in Dzongri (4000 Meter) schützt vor dem Regen, der zu unserem ständigen Begleiter wird. Der Monsun schickt seine Vorboten aus dem Golf von Bengalen sehr früh in diesem Jahr. Gemütliches Abendessen bei Kerzenschein, während der Regen auf das Blechdach prasselt. Mit der Dunkelheit kommen die kleinen weißen Maden. Sie fallen aus den Deckenritzen auf den Boden und dem verweichlichten Westler vergeht der Appetit. Mit dem Gedanken, dass mir nachts eine Made ins Gesicht fallen könnte, flüchte ich ins enge Zelt. Lieber frieren, als in dieser unheimlichen Hütte liegen.

Am nächsten Tag mutmaßt Bijay, unser Guide, dass unter dem Hüttendach Fleisch liegen müsse und die Maden wohl am Verwesungsprozess beteiligt seien. Wie mir scheint, wirken an diesem Morgen unsere Begleiter mehr als unausgeschlafen. Ruhetage können anstrengend sein. Bei Regen in der Hütte, ohne Zerstreuung, ohne ein Buch, die Zeit dehnt sich bis zur Langeweile. Es wäre die Gelegenheit für Wälzer wie "Krieg und Frieden" oder "Die Brüder Karamasow". Unsere Begleiter spielen stundenlang Karten, kochen und wenden sich wieder den Karten zu.

Mehr Motivation als Kondition

Vor Sonnenaufgang steigen wir auf einen Aussichtspunkt oberhalb von Dzongri. Die Luft ist klar, und als die Sonne aufgeht, zeigen sich die Schneeberge in ihrer ganzen Pracht. Welch ein Panorama, und über allem thront der Kangchendzönga. Aber die Freude währt nicht lang und aufziehende Wolken verhüllen die Berge. Ich freue mich auf den Weiterweg nach Thangsing. Endlich Bewegung! Wir wandern durch Nebel und Regen über matschige Pfade, aber das Gehen tut gut.

Der glitschige Abstieg führt in ein steiniges Bachtal, an dessen Ende unser Tagesziel liegt. Inder, denen wir begegnen, leiden unter der Feuchtigkeit und der dünnen Luft. Eine Gruppe kommt aus Kerala, Südindien, und hat das gleiche Tagesziel wie wir. Sie bewegen sich sehr langsam, bedeckt mit Plastikplanen zum Schutz vor dem Regen, und sind am Rande der Erschöpfung. Ihre Motivation scheint größer als ihre Kondition.

Mittags erreichen wir Thangsing, das letzte Camp vor dem Goshala. Viel später füllt es sich mit Indern, die von den Anstrengungen gezeichnet sind. Sie stehen apathisch herum, tauen erst nach einiger Zeit auf und holen ihre versäumten Gespräche nach.

Vorhang auf für den Kantsch! Um 2 Uhr endet die kurze Nacht. Wir wollen vor Sonnenaufgang auf dem Pass sein, um die Chance auf freie Sicht zu haben. Die dünne Luft bremst das Tempo, aber wir kommen stetig voran. Die Schneeberge liegen noch im trüben Dämmerlicht, als wir einen Aussichtspunkt oberhalb des Samiti Lake erreichen. Richtung Passhöhe steigen wir weiter über Moränen, unterbrochen von Hochflächen, und gewinnen weiter an Höhe.

Schlechte Sicht in dünner Luft

Wie dünn die Luft auf 5000 Meter Höhe ist, merke ich nach ein paar schnellen Schritten, die mich zum Keuchen bringen. Unser ständiger Begleiter, der Nebel, hüllt uns ein als wir unser Ziel erreichen, den Goshala. Schlaffe Gebetsfahnen hängen im trüben Licht. Die Sicht ist gleich Null, aber wir haben es geschafft. Plötzlich, wie auf Bestellung, öffnet sich der Vorhang, die Wolken ziehen sich zurück und geben den Blick frei. Vor uns erhebt sich die vergletscherte Südwand des Kangchendzönga, mächtig, bis zum Himmel und darüber hinaus.

Zwischen Nepal, Tibet, Bhutan und Bengalen liegt Sikkim im östlichen Himalaya. Weite Teile des ehemaligen Königreichs sind menschenleer, geprägt vom Hochgebirge. Nur im Süden und Westen der heute zur Indischen Union gehörenden Provinz ist bereits sichtbar, wie eine zügellose Besiedlung die Landschaft zerstört.

In den letzten 100 Jahren hat sich die Bevölkerung verzehnfacht und liegt heute bei über 600.000. Sie setzt sich zusammen aus Nepalesen, Lepcha, Bhotia, Tibetern und Indern. Ebenso vielfältig hören sich die gesprochenen Sprachen an: Nepali, Bhutia, Lepcha, Limboo, Magar, Rai, Gurung, Sherpa, Tamang, Newari, Sunuwar, Hindi. Reisende kommen mit Englisch, der übergeordneten Amtssprache, aber gut zurecht.

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