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Reise

Sikkim-Trek im Himalaja

Lama-Spuren im Stein

Magische Vasen, bärenstarke Lamas, dampfend heißes Bier: Nicht nur die Landschaft sorgt auf einem Himalaja-Trek zum dritthöchsten Berg der Erde für wundersame Eindrücke. Nur der ständige Nebel und diverse Maden trüben das Wandervergnügen.

Dienstag, 13.11.2007   14:33 Uhr

Tashi ist ein echter Sikkimese und seine Augen werden immer schmaler. Er sitzt vor seinem Taschenrechner und tippt Zahlen über Zahlen hinein, kalkuliert hin und her. Plötzlich hebt er den Blick und schaut uns direkt an: "40 Euro pro Tag, mit allem!" Das ist sein Preis für den Trek zum Goshala in Westsikkim. Wir wollen zu dem Pass, zu den mächtigen Eiswänden des dritthöchsten Berges der Erde, des Kangchendzönga. "Gut, aber wenn wir unsere Sachen selbst tragen und unser eigenes Zelt mitnehmen, was würde das kosten?", fragen wir. Virtuos bearbeitet er die Tasten, hin und her, dann das Resultat: "30 Euro, für euch."

Ich frage mich, wie bei solch wildem Gerechne eine glatte Summe herauskommen kann? Mir ist heiß in dem kleinen Büro von "Altitude Trekking", keine Atmosphäre für klare Gedanken. Die Verhandlungen sind für heute beendet und es ist Zeit für einen Kaffee. Und in Gangtok heißt das "Baker’s Cafe", der Platz mit dem besten Cappuccino in Sikkim.

Am nächsten Tag sitzen wir bei "Modern Trekking", einer Agentur, die uns Yeshe empfohlen hat. Er ist ein alter Freund aus Delhi, der mittlerweile in Rumtek und Gangtok lebt. Das Angebot von Wangyal: "Acht Tage Trekking zum Goshala mit Führer, Koch, Trägern und Yaks, mit Essen, alles inklusive, zum Freundschaftspreis von... Aber das bleibt unter uns." Abgemacht, wir schlagen ein.

Dramatische Ereignisse im Königspalast

Gangtok, die Hauptstadt von Sikkim, breitet sich an den Hängen eines Berges aus. Weit entfernt von der urbanen Hektik der indischen Ballungsräume hat sie trotzdem den Charakter einer Dritte-Welt-Stadt. Halbfertige Neubauten stehen an den Straßen, durch die sich laut hupend der Verkehr drängt, fernab jeder Idylle.

Hier lebte Hope Cook in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für eine Dekade im Palast des Königs. Die junge Amerikanerin heiratete den fast doppelt so alten Kronprinzen Palden Thondup Namgyal. Hope war fasziniert von der Mystik Indiens und der Prinz suchte eine Mutter für weitere Kinder. Gemeinsam war beiden eine traurige Kindheit ohne Liebe und Zuneigung. Als Hope noch ein Baby war, stürzte ihre Mutter mit dem Flugzeug ab. Weder Großeltern noch Onkel und Tante konnten dem Kind Geborgenheit geben. Auch die Erziehung des Thronfolgers Palden in Sikkim war nicht von Liebe und Fürsorge geprägt.

Nach der Heirat nahm das Unglück seinen Lauf. Paldens Vater starb, und Palden wurde der König des kleinen Reiches. Der Königspalast entpuppte sich als goldener Käfig für Hope. Mit Alkohol und Tabletten versuchte sie, der Einsamkeit zu entfliehen. Der Traum wurde zum Albtraum. Politische Unruhen im Land, Begehrlichkeiten des Nachbarn Indien brachten das Kartenhaus vollständig zum Einsturz. Im Volksentscheid (unter Aufsicht der indischen Wahlkommision) von 1975 sprachen sich 97% der Wahlberechtigten für den Eintritt in die Indische Union aus.

Palden Thondup Namgyal war entmachtet und Hope floh mit ihren beiden Kindern nach New York, zurück in die amerikanische Realität. Sie ließ sich von Palden scheiden, der 1982 an Krebs starb. Hope Cook heiratete wieder, lebt heute in New York. Die Tochter blieb in den USA und der Sohn ging zurück nach Gangtok und ehelichte dort eine sikkimesische Frau.

Mantras für den Weltfrieden

Erstaunlich, wie viele Menschen in einen Jeep passen. Gangtok liegt hinter uns und eingezwängt zwischen Sikkimesen schaukeln wir durch das Bergland nach Tashiding. Oberhalb des Dorfes auf der Kuppe eines Hügels liegt das alte Kloster Tashiding. Über einen Zeitraum von nahezu 400 Jahren genügte ein schmaler Pfad hinauf, heute fräsen Baumaschinen eine Straße zum Heiligtum – für die Bequemlichkeit der Touristen.

Oben umkreisen alte Frauen mit Gebetsmühlen einen Tempel. Dutzende Stupas zeugen vom hingebungsvollen spirituellen Leben über Jahrhunderte. Gebetsfahnen, Mantras und Guru-Rinpoche-Bilder auf Steinen, eine Stupa mit Reliquien des historischen Buddha, alles in allem ein friedlicher Ort. Es soll auch eine Vase von Guru Rinpoche (Padmasambhava) geben, die sich einmal im Jahr von selbst mit Nektar füllt. Zwischen den Tempeln werden Zelte für Pilger aufgebaut, die in den kommenden Tagen Mantras für den Weltfrieden rezitieren werden.

Unterhalb des Klosters liegt eine Meditationshöhle von Guru Rinpoche, der als großer Meister verehrt wird. Im 8. und 9. Jahrhundert hat dieser tantrische Heilige den Buddhismus nach Tibet und in den Himalaya gebracht.

Profaner geht es unten im Dorf Tashiding zu. Um Punkt 20 Uhr zückt der Dorfpolizist seine Trillerpfeife und beendet das öffentliche Leben. Schankstuben und Läden werden verrammelt, die Lichter gelöscht und das Dorf versinkt in frühabendlicher Ruhe.

Lama-Spuren im Stein

Von Tashiding sind es nur wenige Kilometer bis Yuksam, der ehemaligen Hauptstadt von Sikkim. Im Jahre 1642 wurde hier der erste König gekrönt und erhielt den Titel Chogyal. Ein Lama aus Tibet zeigte bei der Zeremonie Wunderkräfte und drückte seinen Fuß in einen Stein. Der Abdruck ist heute noch zu besichtigen.

Früh am Tag treffen wir unsere Begleiter für den Trek: Bijay, Sajam, Vikram, Kumar und Pema. Drei Tragetiere (Dzos – Kreuzungen aus Yak und Kuh) transportieren Lebensmittel, Zelte, Kerosin und sonstige Ausrüstung. Ein großer Aufwand für zwei Menschen, die eine Woche unterwegs sein möchten.

Mit leichten Tagesrucksäcken wandern wir los, zuerst oberhalb eines Flusses. Sikkim-Tourismus hat ganze Arbeit geleistet. Der breite gepflasterte Weg, die stabilen Hängebrücken gehen auf sein Konto. Der Wald, die Wasserfälle, die Bäche und die tiefen Schluchten sind naturgegeben. Nach zwei Stunden zeigt Sajam, unser Koch, zum ersten Mal seine Künste. Auf dem laut wummernden Kerosinkocher kocht er eine Nudelsuppe und wir müssen sie essen, mehr oder weniger ohne Appetit. Abräumen im Laufschritt, Vikram stolpert in der Hektik und landet in den Nudeln. Ich nehme mir vor, die Suppe beim nächsten Mal ganz bestimmt aufzuessen.

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