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Reise

Sinharaja-Regenwald auf Sri Lanka

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Schlammige Trampelpfade, eine mörderische Luftfeuchtigkeit und unzählige Blutegel: Der Regenwald Sri Lankas ist auf den ersten Blick kein Touristen-Paradies. Ein Ausflug durch das Reservat ist extrem anstrengend - und doch lohnt sich der Trip ins satte Grün.

TMN
Dienstag, 31.07.2012   15:01 Uhr

Der kleine Wurm hat seinen Saugnapf in die Haut am Knöchel gestoßen. Hellrotes Blut quillt aus der Wunde. Die Füße rutschen weg, weil die Steine von Pflanzen überwuchert sind. Der Pfad durch den Dschungel ist steil, die Erde aufgeweicht. Schweiß läuft über das Gesicht. Zuerst wird das Hemd am Rücken nass, dann unter den Achseln und schließlich über dem Bauch. Die Lunge, so scheint es, zieht wegen der Luftfeuchtigkeit kaum mehr richtig Sauerstoff ein.

Die berechtigte Frage in diesem Moment: Was bitteschön hat ein Mensch hier zu suchen? Es gibt Orte, die erst einmal angenehmer sind als der letzte urzeitliche Tieflandregenwald von Sri Lanka. Wer auf die tropfenförmige Insel im Indischen Ozean fliegt, der will in erster Linie buddhistische Tempel sehen oder die weißen Badestrände an der Südküste, die Resorts von Hikkaduwa, Mirissa und Weligama, zurechtgemachte Urlauberparadiese unter tropischer Sonne.

Die Stadt Deniyaya, keine hundert Kilometer weiter im Norden, ist feucht und moderig: Der Monsun hat den Fassaden der Häuser zugesetzt, die Wolken hängen schwer am Himmel. Nicht weit ist es von hier zum Sinharaja Rain Forest, dem immergrünen Urwald, der wegen seiner biologischen Vielfalt seit 1988 zum Unesco-Weltnaturerbe gehört.

Ist eine Wanderung durch diesen Regenwald möglich? "Klar", sagt Bandula Rathnayaka. "Deshalb seid ihr ja hier." Der Singhalese steht auf der überdachten Terrasse seiner Herberge und lächelt unergründlich, während hinter ihm der Nachmittagsregen niedergeht: dicke, prasselnde Tropfen.

Am Morgen kämpft sich das Tuk-Tuk eine aufgerissene Straße zum Eingang des Nationalparks hinauf. Der Fahrer umkurvt Löcher und Pfützen, das Dreirad ruckelt stark. Schwülwarm ist der Tag, aber das ist noch nicht allzu unangenehm. In der Ferne ragen bis zu 60 Meter hohe Bäume auf, der Wald im Innern des Parks verschachtelt sich in fünf Vegetationsstufen.

Draußen lässt die Natur noch Raum für den Menschen: Um die 20 Dörfer liegen am Rand des Reservats, es gibt ein paar illegale Siedlungen. Die Menschen dürfen das rund 12.000 Hektar große Schutzgebiet betreten, sofern sie nicht die Bäume roden. Im tiefen Regenwald aber lebt niemand.

Giftige Schlangen, bissige Blutegel

Die Machete saust herunter auf eine Kokosnuss, Milch läuft heraus. Bandula reicht das süße Getränk seinen Gästen, dann fängt er einen Tausendfüßler, der sich in seiner Hand zusammenrollt. Der 55-Jährige mit seinem türkisen Polohemd und den verschlissenen Turnschuhen kennt jede Frucht und jede Pflanze, er greift in Büsche und Sträucher. Als er die Blätter eines Mandarinenstrauchs zwischen den Fingern zerreibt, glaubt man in einer Parfümerie zu stehen.

Dort, wo der Nationalpark beginnt, wird es sofort dunkler und lauter. Durch das Geäst ist kaum mehr der Himmel zu sehen. Vögel, Insekten und Affen zwitschern, zirpen und brüllen durch die Bäume. Es ist noch feuchter, die Pflanzen wachsen grün und undurchsichtig. Man bekommt eine Ahnung davon, was mit dem oft zu hörenden Begriff von unberührter Natur gemeint sein könnte, hier an diesem Ort: Regenwald, das Symbol für den Urzustand der Welt.

Vom König des Waldes, dem Leoparden, gibt nur noch wenige Exemplare. "Du siehst ihn nie, nur nachts, aber da siehst du ihn dann ja auch nicht", sagt Bandula. "Dort oben, ein Weißbartlangur." Der Affe ist erst zu erspähen, als er sich bewegt. Anderswo hockt eine Känguru-Eidechse auf einem Baumstumpf, ebenfalls endemisch, kaum zu erkennen. Dann greift Bandula in den Busch und fingert eine Nasen-Peitschennatter hervor. Die Schlange strahlt grün, als leuchte sie aus sich selbst heraus. "Die ist nur ein bisschen giftig", sagt Bandula.

Wenig Faszination erzeugen dagegen die Blutegel, die zu Hunderten auf den Steinen sitzen und sofort am Schuh festkleben, wenn man kurz stehen bleibt. Sie kriechen dann zur nächsten freien Hautstelle und saugen sich fest. Unangenehm, aber ungefährlich: "Ich bin schon tausendmal gebissen worden und lebe immer noch", erzählt Bandula.

Regen wie aus dem Maschinengewehr

Der Sinharaja Forest wird von der staatlichen Förstereibehörde geschützt. Touristen brauchen eine Genehmigung, die es am Parkeingang gibt. Laut Bandula kommen im Jahr etwa 15.000 Besucher. Übernachten können sie in einem der Conservation Center. Einer von ihnen steht am Ufer des Gin Ganga im Süden. Gin bedeutet Feuer. Bandula erklärt: "Bei viel Regen bricht die Flut wie ein Feuer durch das Tal."

Auf dem Rückweg kommt das Wasser von oben früher als erwartet. Zum Glück wohnt ein Freund von Bandula in der Nähe, in einem kleinen Haus am Hang, wo der Wald wieder lichter ist. Der Mann reicht Areca-Nüsse, Betel-Blätter und Tabak: eine traditionelle leichte Droge in ganz Südostasien. Busfahrer nehmen sie gerne und Arbeiter auf den Plantagen. "Menschen, die lange wach sein müssen", sagt Bandula. Der Sud macht den Mund ganz rot. "Lippenstift", sagt der Gastgeber, der sonst eher schweigsam ist. Dann kommt der Regen.

Der Niederschlag sieht aus wie Nebel, er zieht als dichter, grauer Schleier über die fünf Vegetationsstufen des immergrünen Urwalds hinweg. Die Tropfen reißen den trockenen Boden vor der Hütte auf, fast wie Maschinengewehrsalven, kein Geräusch ist mehr da außer dem Prasseln des Regens. Die Luft ist so frisch, dass man das Atmen ganz bewusst wahrnimmt. Als das Schauspiel vorbei ist, reißen die Wolken auf, und das Sonnenlicht bricht sich in den zigtausend Wassertröpfchen des aufsteigenden Dampfs.

Den Regenwald von Sinhajara lassen viele Reisende auf Sri Lanka links liegen. Doch wenn die Strände der Südküste allzu monoton erscheinen, wenn die Sonne nur noch blendet und der Cocktail nicht mehr schmeckt, dann ist es Zeit hierherzukommen.

Karte

Philipp Laage/dpa/dkr

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