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Reise
Planet Erde

Trekkingtouren durch Boliviens Anden

Der Rausch der Höhe

Michael Martin
Dienstag, 27.08.2019   05:02 Uhr

Sieben Sechstausender liegen im bolivianischen Gebirgszug Cordillera Real. Einen davon nimmt sich Michael Martin vor - und lässt in großer Höhe immer wieder seine Fotodrohne steigen.

Unsere erste Trekkingtour in der Cordillera Real endet mit einem Schock - aber wir haben Glück im Unglück.

Wir haben uns in die Hochgebirgskette im bolivianischen Anden-Hochland aufgemacht, um mehrere der vergletscherten Gipfel zu besteigen. In La Paz schließen wir uns dazu mit Thomas Wilken zusammen, Autor des einzigen Wanderführers zu Bolivien.

Am Morgen nimmt er meine Frau Elly und mich in seinem Geländewagen mit zur nur zwei Fahrstunden entfernten Laguna Juri Khota, mit dabei ist der Schweizer Stefan. Trotz mangelnder Höhenanpassung erreichen wir den Gipfel des Cerro Wawanak, eines eher unbekannten Fünftausenders im Norden der Gebirgskette. Um uns herum ragen die berühmten Berge Illimani, Huayna Potosí und Illampu auf - alle über 6000 Meter hoch und im Gegensatz zu Sechstausendern in Nepal ohne Permit begehbar.

Fotostrecke

Trekkingparadies in Bolivien: Gipfel der Cordillera Real

Beim Abstieg erleben wir plötzlich einen Notfall am Ende der Welt: Stefan rutscht auf grobem Geröll aus und bricht sich das linke Bein. Elly und ich machen uns sofort auf, um Hilfe zu holen, Thomas bleibt beim Verletzten. Gerade als wir in einem Hochtal ein Pferd aufgetrieben haben, erhalten wir eine SMS. Thomas konnte die Bergrettung informieren. Im letzten Tageslicht holen zwölf Feuerwehrleute Stefan vom Berg und fahren ihn in ein Krankenhaus in La Paz, wo er am nächsten Tag operiert wird.

Umso vorsichtiger sind wir, als wir unsere zweite Bergtour in der 125 Kilometer langen Cordillera Real zum bekannten Cerro Austria (5328 Meter) angehen. Im Geländewagen fahren wir in ein Hochtal und laufen dann ins Basislager an der Laguna Chiar Khota. Elly und ich werden von Bergführer Mario und Köchin Mercedes begleitet, die uns Thomas vermittelt hat. Wir zelten oberhalb der Lagune an einem geschützten Platz.

Zur Person

Der Aufstieg beginnt um fünf Uhr morgens. Bereits um neun Uhr stehen wir auf dem Gipfel und sehen auf den Condoriri, einen der schönsten Berge der Anden. Ich lasse den ganzen Vormittag meine Fotodrohne über Gletscher, Gletscherseen und tief eingeschnittene Täler fliegen. Der Huayna Potosí scheint verlockend nah - eine Gipfeltour für uns aber kaum möglich, denke ich.

Die ewige Fotografensorge: Klart es auf, oder bleibt es wolkig?

Zurück in La Paz informieren wir uns und beschließen, eine Besteigung des 6088 Meter hohen Bergs wenigstens zu versuchen. In einem Marktviertel suchen wir den Schweizer Christian, der in einem versteckt gelegenen Lager Ausrüstung an Bergsteiger verleiht. Versorgt mit Helm, Eispickel, Steigeisen, Klettergurten und warmen Schlafsäcken verlassen wir das baufällige Haus und sind am nächsten Morgen startklar. Wieder sind Bergführer Mario und Köchin Mercedes mit von der Partie.

In nur einer Stunde gelangen wir von La Paz mit dem Geländewagen ins 4500 Meter hoch gelegene Basislager des Huayna Potosí und beginnen bei Nebel und dichten Wolken sogleich den Aufstieg ins Hochlager auf 5150 Metern über Meereshöhe. Die biwakähnliche Hütte liegt exponiert auf einem Felsvorsprung zwischen zwei Gletscherzungen, in dieser Nacht sind wir zehn Bergsteiger in der unbeheizten, aber windfesten Unterkunft.

Während Mercedes ein frühes Abendessen auf dem mitgebrachten Gaskocher zubereitet, beobachte ich die Wolken. Ist die monatelang stabile Wetterlage nun zu Ende? Zu meiner Erleichterung beginnt sich der Himmel kurz vor Sonnenuntergang aufzuklaren. Nach einem frühen Abendessen trete ich vor die Hütte, die Gletscher glitzern im Mondlicht. Um 19 Uhr liegen alle in ihren Schlafsäcken.

Um ein Uhr klingeln die Wecker. Wir legen die Klettergurte an, bringen die Stirnlampen an den Helmen an, trinken nebenbei Kaffee und essen Kekse. Um 2.30 Uhr gehen wir in die eiskalte Nacht hinaus, erreichen bereits nach zehn Minuten den Rand des Gletschers und ziehen die Steigeisen auf die Bergschuhe. Mario seilt Elly und mich gewissenhaft an - und der steile Aufstieg im Eis beginnt.

Unser erster Sechstausender

Immer wieder erinnern wir uns selbst daran, langsam zu gehen. Nach neun Tagen in den Anden sind wir noch nicht optimal an die dünne Luft angepasst. Über uns leuchten die Stirnlampen der früher aufgebrochenen Bergsteiger. Wir sind bewusst als letztes Team losgegangen, um nicht den schmalen Aufstiegsweg zu blockieren, wenn wir filmen und fotografieren.

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir die erste Schlüsselstelle. Über einen Gletscherbruch führt die Route so steil nach oben, dass Mario uns mit Eishaken und Eisschrauben sichert, gleichzeitig tauschen wir Stöcke gegen Eispickel. Die folgenden eineinhalb Stunden führen etwas weniger steil über den Gletscher nach oben.

Mit einem roten Streifen am Himmel beginnt um 5.30 Uhr die Morgendämmerung. Endlich reicht das Licht zum Fotografieren, das Wetter könnte nicht besser sein: Über uns der noch nachtblaue Himmel, unter uns ein Wolkenmeer über dem Amazonasbecken. Nach und nach bekommen die Wolken Struktur und beginnen schließlich, im Licht der aufgehenden Sonne zu leuchten.

Um sieben Uhr erreichen wir ein Plateau und sehen zum ersten Mal den Gipfel des Huayna Potosí vor uns, von dem uns noch 200 Höhenmeter trennen. Doch die haben es in sich. Ich schätze die Steilheit auf mehr als 50 Grad - bei einem Ausrutscher gäbe es kein Halten mehr. Wir sind zwar angeseilt, aber es ist fraglich, ob Mario mich halten könnte. Zusätzlich müssen wir jenen Bergsteigern ausweichen, die den Gipfel bereits erreicht haben, vorsichtig absteigen und uns entgegenkommen.

Um 8.15 Uhr haben wir es geschafft und stehen allein auf unserem ersten Sechstausender. Der Blick ist atemberaubend. Er reicht über die gesamte Cordillera Real bis zum Titicacasee. Ich mache meine Fotodrohne startklar und lasse sie auf 6500 Meter Höhe steigen. Nach einer Stunde am Gipfel steigen wir ins Hochlager ab, wo uns Mercedes mit einer selbst gemachten Gemüsesuppe erwartet.

insgesamt 3 Beiträge
buescre 27.08.2019
1. Rausch der Höhe nie erlebt
Bei den im Artikel beschrieben Gipfeltouren handelt es sich wohl kaum um ein Trekking, auch wenn die vom Autor bestiegenen Berge technisch eher einfach sind. Einen Gipfelrausch habe ich auf meinen vielen Besteigungen an hohen [...]
Bei den im Artikel beschrieben Gipfeltouren handelt es sich wohl kaum um ein Trekking, auch wenn die vom Autor bestiegenen Berge technisch eher einfach sind. Einen Gipfelrausch habe ich auf meinen vielen Besteigungen an hohen Bergen übrigens noch nie erlebt, eher eine Mischung aus Müdigkeit und Stolz, gepaart mit der Sorge, wieder heil runterzukommen. Mit Fun hat das Höhenbergsteigen eher wenig zu tun.
newera2100 29.08.2019
2. Den Gipfelrausch gibt es sehr wohl
Die dünnere Luft ruft bei den meisten Menschen eine gewisse Euphorie hervor, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Kombiniert mit den Endorfinen die der Körper nach längerer physischer Anstrengung ausschüttet, und der Stolz [...]
Die dünnere Luft ruft bei den meisten Menschen eine gewisse Euphorie hervor, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Kombiniert mit den Endorfinen die der Körper nach längerer physischer Anstrengung ausschüttet, und der Stolz endlich oben angelangt zu sein, ist das schon sowas wie ein "Rausch". Vielleicht waren bei Ihrem Aufstieg die Bedingungen nicht gegeben oder andere Faktoren präsent.
manuel.neumann2101 30.08.2019
3.
Diesen Rausch hat man dann ja auch wohl bei den Meisten Sportarten, Anstrengung und Sport tut eben gut. Ich würde nicht Sagen, dass dünnere Luft Euphorie hervorruft, durch den Sauerstoffmangel ist man ein wenig benebelt...
Zitat von newera2100Die dünnere Luft ruft bei den meisten Menschen eine gewisse Euphorie hervor, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Kombiniert mit den Endorfinen die der Körper nach längerer physischer Anstrengung ausschüttet, und der Stolz endlich oben angelangt zu sein, ist das schon sowas wie ein "Rausch". Vielleicht waren bei Ihrem Aufstieg die Bedingungen nicht gegeben oder andere Faktoren präsent.
Diesen Rausch hat man dann ja auch wohl bei den Meisten Sportarten, Anstrengung und Sport tut eben gut. Ich würde nicht Sagen, dass dünnere Luft Euphorie hervorruft, durch den Sauerstoffmangel ist man ein wenig benebelt...
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