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Reise

Streit über Kletterverbot

Ansturm auf den Uluru

Der Uluru, der heilige Berg der Aborigines, darf ab November nicht mehr erklettert werden. In Australien jedoch wird weiter darum gestritten, die Zahl der Besteiger nimmt plötzlich zu.

Getty Images
Von Julica Jungehülsing
Dienstag, 26.03.2019   04:46 Uhr

348 Meter hoch ragt Australiens markantestes Wahrzeichen aus der Ebene des Red Centre im Nordterritorium. An diesem Hochsommernachmittag am Uluru wirbelt Staub durch die Luft. Nur ein paar Dutzend Touristen trotzen den hohen Temperaturen und spazieren am Fels entlang. Der Aufstieg ist wegen zu starker Winde gesperrt.

"Ich war überrascht, dass es überhaupt noch erlaubt ist, auf den Berg zu klettern", sagt Ulrike Faubert-Thomas, die mit Freunden aus Frankreich zum ersten Mal am Uluru ist. Die kleine Gruppe ist einem Ranger auf den Mala-Walk gefolgt, hat sich Felszeichnungen, Wüstenpflanzen und Tierspuren erklären lassen. "Es gibt doch genug Berge auf der Welt, die man besteigen kann", sagt die gebürtige Bayerin. "Ich finde, die Leute sollten respektieren, dass dieser nicht dazu gehört."

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Kletterverbot am Uluru: "Ein Grund zum Feiern"

Seit 1985 gehört das Land, in dem der gut 130.000 Hektar große Uluru-Kata-Tjuta-Nationalpark liegt, wieder den Anangu-Aborigines. Die leasten den Park an die Regierung und verwalten ihn seither gemeinsam mit den Parkbehörden. Mindestens ebenso lange wird in Australien debattiert, ob Besucher auf den Sandsteinfelsen, der bis 2002 auch Ayers Rock genannt wurde, klettern sollen oder nicht. Im November 2017 entschied der Parkvorstand, dass ab November 2019 nicht mehr geklettert werden darf.

Heiliger Felsen oder Disneyland?

Der Fels sei ein bedeutsamer Ort und "kein Spielplatz oder Themenpark wie Disneyland", schreibt der Anangu Sammy Wilson, Vorsitzender des Vorstands, in seiner Begründung. Wilson ist ein Enkel von Paddy Uluru, einer der "traditionellen Besitzer" des Berges, die schon in den Siebzigern die Entweihung des Uluru durch Touristen befürchtete. Seitdem fordern indigene Gruppen den Kletterstopp, aus Respekt vor ihren Vorfahren und auch weil er oft Schauplatz für Unfälle, Striptease, Machogebaren oder Golfübungen war.

Auf Schildern am Fuß des Berges bitten die Anangu seit Jahren: "Please don't climb" (Bitte klettern Sie nicht) - "Uluru ist heilig in unserer Kultur. Es ist ein Ort tiefen Wissens, unsere traditionellen Gesetze erlauben nicht, den Berg zu besteigen. Dies ist unser Zuhause. Als Hüter des Landes sind wir für Ihre Sicherheit und Verhalten verantwortlich."

Uluru, Heiliger Berg der Aborigines

Unesco-Weltkultur- und Weltnaturerbe
Uluru-Kata-Tjuta ist seit 1987 wegen seiner naturwissenschaftlichen Besonderheit und seit 1994 auch in Anerkennung der kulturellen Bedeutung als Unesco-Welterbe geschützt. Es ist einer von nur 34 Orten der Welt, die für beide Kriterien (Natur und Kultur) berühmt sind.
Uluru oder Ayers Rock?
1873 taufte der englische Einwanderer und Forscher William Gosse den Monolithen nach Henry Ayers, damals Südaustraliens Premierminister. 1993 bekam der Berg - als vermutlich erster Fels der Welt - einen Doppelnamen: Uluru-Ayers-Rock. Seit 2002 wird in Australien vor allem der ursprüngliche Name Uluru benutzt, ein Wort aus Pitjantjatjara, der Sprache der Anangu Aborigines.
Lage
Gut 450 Kilometer sind es vom Uluru-Kata-Tjuta-Nationalpark bis nach Alice Springs, 2000 Kilometer fährt man nach Darwin im Norden, knapp 3000 Kilometer nach Sydney im Südwesten. Etwa 300.000 Besucher fliegen im Jahr zum Ayers Rock Airport bei Yulara in der Nähe des Parks.

Denn abgesehen vom Respekt fehlen Touristen oft schlicht Fitness oder gesunder Menschenverstand. Der Felsen ist steil, das Wüstenklima harsch. Seit 1966 eine Stahlkette den Aufstieg "sichert", starben 37 Menschen am Uluru. Dutzende mussten in riskanten Rettungsaktionen nach Stürzen gerettet werden. Auch dafür fühlen sich viele der traditionellen Besitzer verantwortlich.

Ihre Kultur wird bestimmt von Tjukurpa - der Schöpfungsgeschichte der Region, die nicht nur erzählt wie der Fels entstand. "Tjukurpa schließt alles ein", schreibt Anangu Wilson, "die Bäume, Gräser, Landformen, Hügel, Felsen, alles." In diesen Begriffen müsse denken, wer verstehen wolle, dass das country (das Land) eine Bedeutung habe, die respektiert werden müsse. "Wer hier umhergeht, wird das lernen und verstehen. Wer klettert, ist dazu nicht in der Lage."

Er erklärt die Entscheidung weiter: "Das Land hat Gesetze und Kultur (Tjukurpa). Wir wollen an unserer Kultur festhalten, wenn wir es nicht tun, könnte Tjukurpa in fünfzig oder hundert Jahren völlig verschwinden." Die Geschichte hat für Wilson keinen monetären Gegenwert. "Geld ist vergänglich, es kommt und geht wie der Wind." Tjukurpa hingegen sei unvergänglich. Touristen seien nach wie vor am heiligen Berg willkommen. Den Aufstieg zu sperren sei nichts, worüber man sich ärgern sollte, sondern ein Grund zum Feiern.

Lichterspektakel, Kamelritt oder Astro-Tour

Es gebe schließlich viele andere Arten, Uluru zu erleben, sagt Wilson. Und ja, der drei Kilometer lange Inselberg beeindruckt auf Augenhöhe viel mehr, als wenn man über ihn mit Füßen trampelt. Zum Beispiel bei Abendstimmung im Sunset-Viewing-Park: Busse biegen links ab, Autos werden nach rechts dirigiert. Hunderte Fahrzeuge reihen sich auf dem riesigen Parkplatz aneinander. "Die Massen von Leuten sind schon verrückt", sagt Ulrike Thomas-Faubert. "Aber wenn die Abendsonne den Berg in tiefes Rot taucht, wird es plötzlich still - das ist überwältigend schön."

Kaum weniger beeindruckend ist das Farbenspiel der aufgehenden Sonne am Wasserloch Mutitjulu. Bei Nacht bestaunen Astronomie-Fans den südlichen Sternenhimmel auf Astro-Touren. Monate im Voraus buchen andere Kerzenlicht-Dinner mit Bergblick oder lassen sich von den 50.000 Lichtern der Installation "Fields of Lights" verzaubern. Teenager steigen auf Kamele oder umrunden den Berg per Rad oder Segway - eine komplette Spaßbremse sind die neuen Regeln der Parkbehörde also kaum.

Doch nicht allen genügt das. Nach Ankündigung des Kletterstopps kam es zeitweilig zu einer Art Torschlusspanik, nachdem die Zahlen zuletzt kontinuierlich gesunken waren: In den Neunzigerjahren wollten noch Dreiviertel der jährlich 300.000 Parkbesucher auf den Berg, 2015 war es kaum jeder Fünfte, etwa 50 bis 140 pro Tag.

Im Oktober 2018 berichteten Tour-Guides plötzlich von bis zu 500 Besteigern täglich, vor allem Australiern, die noch einmal hinauf wollten, "ehe es zu spät ist". Sie schimpften auf den "Nanny-Staat", der alles regulieren wolle, fühlten sich bevormundet und drohten der Tourismusbranche mit einem "bösen Erwachen". Der Berg ist für sie das "Wüstenherz des Landes, ein Nationalpark, der allen gehört". Seine majestätische Präsenz, die ständig wechselnden Stimmungen oder das Lichterspiel zur Dämmerung von ebener Erde aus zu bewundern, ist für diese Kletterfans nur das halbe Vergnügen.

Crowdfunding gegen das Kletterverbot

Der australische Geologe Marc Hendrickx ist einer von ihnen. Für ihn war der Felsen immer Teil seiner "eigenen australischen Geschichte" schreibt er in seinem "Guide to Climbing Ayers Rock". Er zitiert darin auch Paddy Uluru, der in einem Interview in den Siebzigern sagte, Klettern habe keine spezielle Bedeutung für die Ureinwohner. Kommentare, die Ulurus Enkel Sammy Wilson vom Nationalpark-Vorstand für aus dem Zusammenhang gerissen hält.

Doch Hendrickx fühlt sich im Recht, er hat einen Blog und eine Crowdfunding-Kampagne "Save the Climb" gegründet. Die brachte bisher allerdings nur 1350 der erhofften 260.000 Australischen Dollar (163.000 Euro) ein, mit denen er gegen das Verbot vor Gericht ziehen will. Die Chancen, dass der Berg ab dem 27. Oktober 2019 wirklich frei von Stahlseil, Rettungshubschraubern und der menschlichen Ameisenstraße ist, stehen also nicht schlecht.

insgesamt 28 Beiträge
dasfred 26.03.2019
1. Kommerz vor Kultur
Dieser Berg ist den Ureinwohnern heilig. Ausschließlich ihnen steht es zu, zu entscheiden wie mit ihrem Heiligtum verfahren werden soll. Die Einwanderer haben schon so viel zerstört, einschließlich des Auseinanderreißens der [...]
Dieser Berg ist den Ureinwohnern heilig. Ausschließlich ihnen steht es zu, zu entscheiden wie mit ihrem Heiligtum verfahren werden soll. Die Einwanderer haben schon so viel zerstört, einschließlich des Auseinanderreißens der Familien früher, dass sich jeder weitere Eingriff von selbst verbietet. Für jedes Gotteshaus und jeden Tempel gelten strenge Regeln, die auf ein Naturheiligtum übertragbar sind.
Theya 26.03.2019
2. Beeindruckender Berg
Ich hatte selbst vor ein paar Jahren das Glück, Uluru aus der Nähe betrachten zu dürfen. Damals gab es bereits Hinweisschilder, die darum baten, dieses Heiligtum der indigenen Bevölkerung zu respektieren und nicht [...]
Ich hatte selbst vor ein paar Jahren das Glück, Uluru aus der Nähe betrachten zu dürfen. Damals gab es bereits Hinweisschilder, die darum baten, dieses Heiligtum der indigenen Bevölkerung zu respektieren und nicht hinaufzusteigen. Dem sind wir gerne nachgekommen, da dieser Brocken auch vom Boden aus schon beeindruckend genug ist. Gleichzeitig sind jedoch Busladungen(!) voll Asiaten dort angekarrt worden, die - zum Teil in Sandalen - den steilen Weg wie die Ameisen hinauf und hinunter gekraxelt sind. Selbst die Oma, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß war, musste da mit vereinten Kräften noch irgendwie hochbuchsiert werden. Wir konnten darüber nur noch den Kopf schütteln.
ltte 26.03.2019
3. Gegen den Aufstieg...
des Uluru habe ich mich bei einem Australienurlaub entschieden, da ich die religiöse Bedeutung respektieren möchte. Das hatte einen nicht zu überbietenden Nebeneffekt: ich bin am Fuß des Berges in völliger Einsamkeit [...]
des Uluru habe ich mich bei einem Australienurlaub entschieden, da ich die religiöse Bedeutung respektieren möchte. Das hatte einen nicht zu überbietenden Nebeneffekt: ich bin am Fuß des Berges in völliger Einsamkeit gewandert und habe so einen besseren Eindruck bekommen. Der Uluru hinterlässt andere Eindrücke, wenn er nicht durch den Anblick eines Rückens und der Geräusche der anderen Touristen beeinträchtigt wird.
frenchie3 26.03.2019
4. Ich hatte Anfang der 80er
das Glück da mal raufkraxeln zu können. Am Ende der Kette dachte ich "na, halb so wild", aber das war nur ein Winzteil des Weges. Der Pfad war gut sichtbar mit Farbe markiert, wer nicht gerade Höhenangst, [...]
das Glück da mal raufkraxeln zu können. Am Ende der Kette dachte ich "na, halb so wild", aber das war nur ein Winzteil des Weges. Der Pfad war gut sichtbar mit Farbe markiert, wer nicht gerade Höhenangst, Badeschlappen oder Gipsbein hat sollte locker durchkommen, auch wenn der Pfad teilweise sehr eng war (kein Gegenverkehr möglich). Es war schlicht überwältigend, was von unten wie Löchlein im Fels aussah waren riesige Löcher. Und in Pfützen auf dem Weg gab es Krebstiere die wie Trilobiten aussahen. Übernachtet davor im Camper, der Einzige rundum. Auf dem "Rundweg" unten herum standen schon ein paar Schilder mit der Bitte dies und jenes nicht zu beklettern. Wir haben das respektiert, ich würde auch als Antikirchler nicht auf einem Altar rumturnen. Wenn ich mir vorstelle daß da jetzt ein Verkehr wie auf der Zeil zum Sommerschlußverkauf herrscht unterschreibe ich jedes Kletterverbot.
chilibär 26.03.2019
5. Warum...
...man auf etwas klettern muss, was anderen Menschen heilig ist, verstehe ich nicht. Es hat für mich mit Achtung und Respekt zu tun.
...man auf etwas klettern muss, was anderen Menschen heilig ist, verstehe ich nicht. Es hat für mich mit Achtung und Respekt zu tun.
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