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Reise

USA-Reise mit Kindern

Mit Revolverhelden durch die Wüste

Für Erwachsene gehören Wanderungen durch die Weiten der Nationalparks mit zu den Highlights einer Kalifornien-Reise. Bloß: Wie bekommt man kleine Kinder dazu, ohne Motzen mit durch Wüsten und Wälder zu kraxeln? Die Lösung liegt auf dem Weg.

Inka Schmeling
Von Inka Schmeling
Mittwoch, 26.02.2014   06:42 Uhr

"Vier Kilometer und 120 Höhenmeter", murmelt mein Mann mit Blick auf die Wanderkarte. "Schaffen wir das?" "Hm", antworte ich. Tatsache ist: Mit jedem Jahr, das unsere Kinder älter und ihre Beine ja nun eigentlich länger werden, legen wir kürzere Strecken zurück. Unser fast sechsjähriger Sohn, Spitzname Nepomuk, kann sehr schnell rennen - zum Beispiel wenn er mit seinen Freunden Fangen spielt oder wir auf dem Weg zum Café mit seinen Lieblingswaffeln sind. Auf Spaziergängen dagegen bekommt er Beinschmerzen, bevor wir unsere Schuhe angezogen haben. Und jetzt vier Kilometer durch die Wüste des Joshua-Tree-Nationalparks?

"Versuchen wir's", sage ich schließlich zögerlich. Jetzt im Februar sind es selbst hier in der Wüste milde 20 Grad, wir haben gut gefrühstückt und zur Sicherheit im Rucksack noch reichlich Wasser, Äpfel und Kindersnacks. Sonnencreme ins Gesicht, Sonnenhüte auf den Kopf, los geht's! Nach zwölf Metern Wegstrecke geht das Genöle los: "Das ist ungerecht, ich will auch getragen werden", grummelt Nepomuk und guckt neidisch zu seiner bald zweijährigen Schwester, Spitzname Kleopatra, die über ihm im Tragegestell schaukelt. Wir bleiben stehen.

Für Familien sind solche Momente wie der Showdown im Western. Nur dass es bei uns nicht darum geht, wer zuerst seinen Colt zückt, sondern darum, wer zuerst nachgibt. Umkehren, fragt der Blick meines Mannes. Rumschimpfen, überlege ich. Unser Sohn hat die bessere Idee, er stellt eine ganz simple Frage: "Wer ist denn früher hier auf dem Weg gelaufen?"

Wildwest-Geschichten machen flinke Beine

"Früher" ist der beste Ansatz, um jeden Ort auf der Welt für ein Kind spannend zu machen. In Milliarden Jahren Erdgeschichte sind schließlich reichlich Geschichten zusammengekommen: über Dinosaurier, Urmenschen, Ritter, Piraten und "Cowboys", ruft mein Mann erleichtert. "Indianer", schicke ich hinterher. "Goldgräber." "Siedler." Das reicht für ein paar Kilometer.

Wir stapfen durch den Wüstensand und mein Mann, der als Kind Wildwest-Romane verschlungen hat, erzählt von Wyatt Earp, der quasi jeden Wildwest-Job mitgenommen hat - vom Sheriff bis zum Glücksspieler, vom Saloon-Besitzer bis zum Büffeljäger. Zwischen den skurril-knorrigen Joshua-Bäumen redet er über Billy the Kid, den Revolverhelden mit dem Bubigesicht.

Als wir die letzten Meter zum Aussichtspunkt hochklettern, erweckt er gerade Jesse James wieder zu neuem Leben, der Banken, Postkutschen, Jahrmärkte und sogar ganze Züge überfallen hat. Die Landschaft sieht so aus, als könnten die ganzen Westernhelden jederzeit auf ihren Mustangs angaloppiert kommen: zwischen den vertrockneten Sträuchern, Kakteen, Yuccapalmen und Joshua-Bäumen hindurch, vorbei an glattgeschliffenen Felsbrocken, wie von einem Riesen aufeinandergestapelt.

"Wollen wir auch Goldgräber sein?", fragt unser Sohn oben auf dem Gipfel. "Aber welche, die nicht von Banditen ausgeraubt werden?" "Klar", sagen wir. Rollenspiele machen unserem Sohn ähnlich flinke Beine wie die Aussicht auf seine geliebten Waffeln. Er schleppt Steine an, die für ihn Goldklumpen sind. Den nächstbesten Joshua-Baum verwandelt er flugs in eine Bank, wo er die Goldklumpen gegen Geldscheine - verdorrte Blätter - umtauscht. "I auch", brüllt seine Schwester aus der Kraxe herunter und pflückt von dort oben aus Joshua-Blätter. Als wir zurück beim Wohnmobil sind, haben wir die vier Kilometer geschafft, unser Sohn ist bestimmt sechs gelaufen - außerdem sind wir laut dem Blätterbündel nun steinreich.

Mission Bärenschlucht

Ein paar Tage später und gute 600 Kilometer weiter nördlich, im Pinnacles-Nationalpark kurz vor San Francisco, überlegen wir erst gar nicht, bevor wir unsere Wanderschuhe schnüren. Wir laufen vorbei an schroffen Felsen, hohen Eichen, dichten Moosteppichen. Hin und wieder müssen wir uns durch so enge Felsspalten winden, dass auch Kleopatra auf eigenen Füßen über den weichen Waldboden stapft. Immer wieder schauen wir nach oben, ob wir am Himmel einen der Kalifornischen Kondore sehen, die - fast ausgestorben - hier seit ein paar Jahren wieder ausgewildert werden.

Als uns eine Gruppe Wanderer entgegenkommt, fragen sie, ob wir zufällig aus Bayern seien. So flink hätten sie noch nie einen Sechsjährigen den Berg hochlaufen sehen. "Nein", sage ich, "wir kommen aus Hamburg. Aber wir sind gerade Höhlenforscher und müssen jetzt mit unseren Taschenlampen in die Bärenschlucht. Ich habe das Gefühl, da könnte sich eine prächtige Goldader verstecken."

Fünf Wochen lang ist Inka Schmeling mit ihrer Familie auf USA-Tour. Von ihren Erlebnissen berichtet sie auf SPIEGEL ONLINE.

insgesamt 17 Beiträge
jujo 26.02.2014
1. ...
Um zu diesen simplen Motivations Erkenntnissen zu kommen brauchten wir nur "eben um die Ecke" zu gehen und keine Reise in die weite Welt!
Zitat von sysopInka SchmelingFür Erwachsene gehören Wanderungen durch die Weiten der Nationalparks mit zu den Highlights einer Kalifornienreise. Bloß: Wie bekommt man kleine Kinder dazu, ohne Motzen mit durch Wüsten und Wälder zu kraxeln? Die Lösung liegt auf dem Weg. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/usa-reisen-mit-kindern-von-hamburg-nach-kalifornien-a-955326.html
Um zu diesen simplen Motivations Erkenntnissen zu kommen brauchten wir nur "eben um die Ecke" zu gehen und keine Reise in die weite Welt!
peter.gruebl 26.02.2014
2. Mal eben die Erde 8 Milliarden Jahre älter gemacht...
--- Zitat --- In mehr als 13 Milliarden Jahren Erdgeschichte ------ Ich glaube nicht, dass die Erde schon so alt ist. Da wurde wohl das Alter des Universums mit den 4,6 Milliarden der Erde verwechselt.
--- Zitat --- In mehr als 13 Milliarden Jahren Erdgeschichte ------ Ich glaube nicht, dass die Erde schon so alt ist. Da wurde wohl das Alter des Universums mit den 4,6 Milliarden der Erde verwechselt.
dreikesehoch 26.02.2014
3.
13 Milliarden Jahre? Die Erde ist 4,6 Milliarden Jahre alt. Gut recherchiert, Spiegel..
13 Milliarden Jahre? Die Erde ist 4,6 Milliarden Jahre alt. Gut recherchiert, Spiegel..
Dieter62 26.02.2014
4. Netter Park
der Joshua Tree NP. Am besten dort übernachten, im Wohnmobil oder Zelt, wegen der Sonnenuntergänge und -Aufgänge. Richtige Westernstimmung kann man in den kalifornischen Geisterstädten und bei Old Tucson aufkommen lassen, die [...]
der Joshua Tree NP. Am besten dort übernachten, im Wohnmobil oder Zelt, wegen der Sonnenuntergänge und -Aufgänge. Richtige Westernstimmung kann man in den kalifornischen Geisterstädten und bei Old Tucson aufkommen lassen, die haben sogar Show Einlagen mit Revolverhelden und so. Old Tucson liegt natürlich bei Tucson, Arizona. Ebenso empfehlenswert für tierinteressierte Kinder ist das Arizona Sonora Desert Museum wo lokal vorkommende Tiere gezeigt werden.
unterwegs 26.02.2014
5. Am besten ohne Kinder! ;-)
Der Kommentar unserer Tochter bei einem Stop am Grand Canyon: "muss ich jetzt aussteigen?". Und da war es auch völlig egal, wer vor uns schon hier gewesen ist.
Der Kommentar unserer Tochter bei einem Stop am Grand Canyon: "muss ich jetzt aussteigen?". Und da war es auch völlig egal, wer vor uns schon hier gewesen ist.
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  • Caren Detje
    Die Journalistin Inka Schmeling, 34, reist fünf Wochen lang mit ihrem Mann und den beiden Kindern, fast zwei und sechs Jahre alt, durch Amerika: mit dem Wohnmobil durch Kalifornien und mit dem Zug über Chicago nach New York. Die Familie ist reiseerprobt. Nach ihrer Reise 2009 von Istanbul durch Syrien in den Iran schrieb Schmeling das Buch "Abenteuer Elternzeit: Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind".
  • Nepomuks Reisen: Homepage von Inka Schmeling

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