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Reise

Bildband von Michael O'Neill

Tiger fressen keine Yogis

Was hier oft zur Rückengymnastik verkommt, ist in Indien vor allem eine spirituelle Lehre. Michael O'Neill hat sich nach einer Lebenskrise auf eine fotografische Reise zu den Ursprüngen des Yoga begeben - und fast magische Momente festgehalten.

Michael O'Neill / Taschen
Von
Dienstag, 29.09.2015   05:02 Uhr

Freihändig auf dem Kopf stehen - das kann doch gar nicht gehen. Dharma Mittra gelingt dies sogar auf einem Gullydeckel im Meatpacking District von New York. Mit Gymnastik oder Wellness hat das wenig zu tun. Eher mit Askese, harter lebenslanger Übung - und dem Können eines Fotografen.

Das Schwarz-Weiß-Bild hat der US-Amerikaner Michael O'Neill in dem Sekundenbruchteil aufgenommen, als die Hände des Yogalehrers seine Hüften berührten. "Bei unserem ersten Treffen kam mir Dharma Mittra vor wie ein kleines Kind, das aufschneidet", sagt O'Neill, "er wollte aber die pure, göttliche Freude, die Perfektion seines Asanas demonstrieren." Asanas sind die Positionen, die ein Yogi einnimmt.

Michael O'Neill arbeitete lange Jahre als Werbefotograf, ehe er sich auf Porträts von Promis und Politikern spezialisierte. Andy Warhol und Richard Nixon bekam er vor die Linse und Schauspieler wie Antonio Banderas, Jean Reno oder Bruce Willis. Auch Yoga-Jünger wie Sting oder Donna Karan - und den Dalai Lama, den er vor vergoldete Wände setzte und in Meditationshaltung porträtierte.

Meditation und Yoga halfen O'Neill kurz darauf in einer Lebenskrise: Im Jahr 2000 konnte er nach einer Rückenoperation seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Fatal für den Fotografen. Um seine Ängste in den Griff zu bekommen, lernte er zu meditieren und beschäftigte sich mit der Achtsamkeitslehre von Jon Kabat-Zinn. Nach einem Jahr hatte sich sein Körper regeneriert - und er war ein Yoga-Anhänger geworden, einer mit dokumentarischem und fotografischem Ehrgeiz. Sein Leben hatte sich verändert, wie er sagt.

Zehn Jahre lang begab sich O'Neill auf eine Reise, die ihn durch die USA und immer wieder nach Indien führte: "Ich wollte den Wurzeln des Yoga meine Reverenz erweisen und diesen einzigartigen Moment erfassen, ehe er vorbei ist", sagt O'Neill. "Yoga ist in seiner langen Geschichte an einen kritischen Punkt gelangt." Es sei unausweichlich, dass sich die Tradition weiterentwickeln wird. Die ersten Lehrer des Westens würden bereits ihre unauslöschlichen Spuren hinterlassen.

Sadhu in Indien und Sting in Italien

Michael O'Neill hat knapp 200 seiner Fotos in dem Bildband "On Yoga" zusammenfasst, der im Taschen Verlag erscheint. Ein "Portfolio über Yogalehrer und -gurus" wollte der 68-Jährige verfassen. Herausgekommen ist ein Mix aus Schwarz-Weiß- und Farbfotos, aus Porträts von Yogis und berühmten Lehrern in Indien - wie dem im vergangenen Jahr gestorbenen B.K.S. Iyenga - und solchen in den USA.

Zuweilen wirkt diese Mischung befremdlich: Archaische Tradition prallt auf die Moderne, auf westlichen Lifestyle. So folgt auf ein Bild eines nackten, mit Asche bestäubten, einarmigen indischen Sadhus (heiliger Mann) in Allahabad eine Aufnahme des Musikers Sting mit Frau und Yogalehrer, eine hoch stilisierte, arrangierte Komposition auf einer Landhausterrasse in Italien.

Dann wiederum porträtiert O'Neill einen 98-jährigen Yogi in Rishikesh, dessen Alter und Fitness an seinem durchtrainierten, sehnigen Körper abzulesen sind. Auf dem Foto verschmilzt der weißbärtige Alte förmlich mit seinem Hintergrund, einer Tempelmauer, über die sich armdicke Wurzeln einer Würgefeige schlingen.

Zum anderen inszeniert er die Yogalehrerin Shiva Rea am kalifornischen El-Mirage-See: Ein Tiger ruht zu ihren Füßen, ein anderer fixiert ihren perfekten Körper mit hungrigem Blick und scheint schon zum Sprung anzusetzen. Eine dynamische, aber ebenfalls sehr künstliche Aufnahme, die an einen Buchtitel des Reiseschriftstellers Helge Timmerberg erinnert: "Tiger fressen keine Yogis" - nie passte ein Foto besser zu der Aussage.

"On Yoga", das auf Englisch erscheint, zeigt daher die Herkunft des Yoga und zugleich die Geschichte der Lehre und ihrer Gurus in den USA. Auf die Entwicklung in Europa geht O'Neill nicht ein. Vielleicht hätte es aus deutscher Sicht dem Konzept des Buches besser getan, sich auf die großartigen und einfühlsamen Fotos aus Indien zu konzentrieren.

Vielleicht zeigt es aber so umso besser das Spannungsfeld, in dem sich Yoga weiterentwickelt - zwischen Ost und West. Vor allem aber macht es den sehr persönlichen Ansatz des US-Amerikaners O'Neill sichtbar: "Die Reise hatte nie ein bestimmtes Ziel. Es war einfach mein persönlicher Weg mit Yoga. Der Weg war ein Fluss, und der Zweck war, im Wasser zu sein. Der Zweck war der Prozess an sich."

Michael O'Neill: "On Yoga. The Architecture of Peace". Taschen; 314 Seiten; 49,99 Euro

insgesamt 15 Beiträge
jopfoe 29.09.2015
1. Na ja ...
... wer es für eine erstrebenswerte Sache hält, mit dem Kopf auf einem Gullydeckel stehen zu können, für den lohnt sich solches Training auf jeden Fall.
... wer es für eine erstrebenswerte Sache hält, mit dem Kopf auf einem Gullydeckel stehen zu können, für den lohnt sich solches Training auf jeden Fall.
spon_3087855 29.09.2015
2. Absolut
"wer es für eine erstrebenswerte Sache hält, mit dem Kopf auf einem Gullydeckel stehen zu können, für den lohnt sich solches Training auf jeden Fall." Genau dieser o.g. Satz ( ohne diesen negativ zu werten!) macht [...]
"wer es für eine erstrebenswerte Sache hält, mit dem Kopf auf einem Gullydeckel stehen zu können, für den lohnt sich solches Training auf jeden Fall." Genau dieser o.g. Satz ( ohne diesen negativ zu werten!) macht den Unterschied zwischen der Kultur und dem Bewußtsein aus der sich Yoga entwickelt hat im Vergleich mit der westlichen Kultur so überaus deutlich. Wir fragen immer nach dem Sinn und wollen einen gedanklichen Überbau zu etwas nutzbaren oder verwertbaren. Genauso fragen sich z.B. Sadus: wer es für eine erstrebenswerte Sache hält, Besitz anzuhäufen, für den lohnt sich natürlich Arbeit auf jeden Fall"-
tinosaurus 29.09.2015
3. Yoga ist gut
Yoga ist eine sehr gute Möglichkeit, körperlich und geistig fitter zu werden. Besonders der meditative Teil kann eine schöne Ausgeglichenheit bewirken. Von der Atemtechnik profitiert man besonders gut ohne sich dabei irgendwie [...]
Yoga ist eine sehr gute Möglichkeit, körperlich und geistig fitter zu werden. Besonders der meditative Teil kann eine schöne Ausgeglichenheit bewirken. Von der Atemtechnik profitiert man besonders gut ohne sich dabei irgendwie zu verrenken. Die Asanas haben überaus positive Auswirkungen auf den ganzen Körper. Das würde ich als gesichert und erstrebenswert einstufen.
chuckal 29.09.2015
4. Sting
und seine Frau in ihrem Luxusanwesen. Selten so etwas Abstoßendes gesehen.
und seine Frau in ihrem Luxusanwesen. Selten so etwas Abstoßendes gesehen.
el-oso 29.09.2015
5. Nix für mich.
und Morgen sagen wir wie sie den Knoten lösen
und Morgen sagen wir wie sie den Knoten lösen

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