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Reise

Zipline-Park in Colorado

Kopfüber zwischen Himmel und Erde

An einem Stahlseil mit hoher Geschwindigkeit abwärtssausen: Spektakuläre Ziplines eröffnen rund um die Welt. In den Wäldern von Colorado liegt einer der größten Seilrutschenparks, erreichbar nur per Dampfzug.

Soaring Colorado
Von Stefan Wagner
Montag, 10.06.2019   10:08 Uhr

Den vierten Tag ihrer Flitterwochen hat sich Janet Laughlin anders vorgestellt. Doch nun steht die 33-Jährige aus San Antonio in Texas auf einer Holzplattform, die in eine Kiefer montiert ist, zwölf Meter über dem Boden. Mit zwei Karabinerhaken ist sie mit einem dünnen Drahtseil verbunden. Janet schüttelt den Kopf. Sie will runter von der Plattform.

Schließlich flüstert ihr frisch gebackener Ehemann Andre ihr etwas ins Ohr. Sie nickt, streicht die Haare aus dem Gesicht und macht den Schritt, den großen Schritt in die Leere vor ihr. Am Kabel hängend gleitet sie 200 Meter durch den Bergwald, bis sie sanft auf einer anderen Plattform ankommt.

Ein Helfer fängt sie auf. Die anderen Gäste klatschen, Janet reckt die Faust in die Luft. Einer fragt Andre, was er ihr denn gesagt habe? Der grinst. "Ich habe ihr gesagt, dass eine Zipline wie unsere Ehe ist. Man muss den ersten Schritt nur wagen, dann wird schon alles gut gehen."

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Zipline-Park in Colorado: Von Baum zu Baum

Spätestens bei der dritten von 25 der heutigen Seilrutschen-Abfahrten scheint alle Furcht vergessen. Janet, Andre und die fünf anderen Besucher des Zipline-Parks "Soaring Colorado" zischen laut juchzend durch ein Espenwäldchen oder quer über den Animas River, der durch den Park fließt. An zwei parallel angelegten Ziplines können die Gäste eine Art Wettrennen machen.

Anfangs verkrampft, dann zögerlich, dann neugierig, dann begeistert hängt auch Maura Myers, 56, aus Colorado am Draht. Sie probiert es sogar mal rückwärts, sich im Kreis drehend oder mit dem Kopf nach unten hängend. Auf den Startplattformen in den Bäumen stehen Helfer - "Sky Ranger" nennen sie sich hier - und befestigen die Gäste per Klettergurt an der Seilrolle, die dann mit einem sirrenden Ton über das Drahtkabel rast.

Am Seil durch Dschungel und über Eis

Seit ein paar Jahrzehnten installieren Outdoor-Unternehmer und Tourismusverbände in aller Welt "Ziplines", auch "Flying Foxes" genannt. Diese Seilrutschen überbrücken Distanzen von bis zu fast drei Kilometer Länge. In Costa Rica flitzen Menschen über den Dschungel, im kanadischen Winter queren sie zugefrorene Bäche, in dem arabischen Emirat Ras al-Chaima rasen sie mit bis zu 150 km/h durch die Wüste. In Kalifornien wird diesen Sommer in Mammoth Lakes eine Seilrutsche eröffnet, die 640 Höhenmeter vom Start zum Ziel überwindet - der größte Höhenunterschied in Nordamerika.

Es ist diese Kombination aus Nervenkitzel und einer anderen Perspektive auf schöne Landschaften, die immer mehr Menschen an den Draht lockt - und die Tatsache, dass man dies abgesichert erleben kann. Ein softes Abenteuer für jene, die Geschwindigkeit lieben.

Der Zipline-Park "Soaring Colorado" liegt inmitten der San Juan Mountains im Süden der Rocky Mountains, 40 Kilometer von der kleinen Unistadt Durango entfernt. Er hat 27 Ziplines mit Längen zwischen 17 und 430 Metern und 34 Plattformen. Exklusiv ist er allemal, ein Tag kostet bis zu 450 Dollar.

Der hohe Preis hängt auch mit seiner Abgelegenheit zusammen. Weder Straßen noch Wege führen in den Park. Nur mit dem 137 Jahre alten Dampfzug "Durango & Silverton Narrow Gauge Railroad" ist das isolierte Tal zu erreichen. Die Gäste reisen in Erste-Klasse-Waggons mit Glasdach an. Links senkrechte Felswände, rechts unten der Fluss in der Schlucht, oben der knallblaue Colorado-Himmel, weit ziehen sich Kiefer- und Espenwälder der Rockies hin.

Wegen der hohen Waldbrandgefahr durch glimmende Asche aus dem Schornstein der Dampflok musste vergangenen Sommer hinter jedem Zug ein Löschhubschrauber im Abstand von einer Viertelstunde die Zugstrecke abfliegen. Seit dieser Saison werden auch Dieselloks eingesetzt, falls die Wälder zu trocken sind.

Ab 16 Uhr Ruhe

Denny Beggrow, 69, hatte vor 50 Jahren begonnen, ein exklusives Resort in dem Hochtal zu bauen. Er fällte Bäume, zimmerte Holzgebäude, mauerte Kamine. "Wir mussten alles Baumaterial mit dem Zug herbringen, die Bahnstrecke war und ist unsere Nabelschnur", sagt er, "es gab keine Kanalisation, keinen Strom, kein fließend Wasser."

Als es fertig war, beherbergte das Tall Timber Resort Hollywoodstars, Industrielle und Politiker, die die Abgeschiedenheit schätzten. "Wir hatten zum Spaß einige Ziplines in die Bäume hier gebaut", sagt er, "bald merkten wir, dass die Gäste nicht genug davon bekommen konnten." Er grinst.

Mit seinem Sohn baute Beggrow immer mehr Plattformen, immer steilere, immer längere Ziplines. Irgendwann hatten sie keine Lust mehr auf das Resort und konzentrierten sich auf die Seilrutschen. "Unsere beste Idee", sagt der drahtige Mann, "es war sehr anstrengend, 24 Stunden am Tag für die Gäste da sein zu müssen. Heute kommen maximal 80 Gäste um 10 Uhr an, fahren um 16 Uhr wieder weg, und wir haben unsere Ruhe."

Andre, Janet, Maura und die anderen sind nach vier Stunden erschöpft, aber euphorisiert. Zwischen den Bäumen mit den Startplattformen liegt oft etwas Wegstrecke. Und hier, auf 2300 Meter Meereshöhe, merken sie beim Steigen den geringeren Sauerstoffgehalt der Luft. Sky Rangerin Danielle Oxnam, 25, hat an ihrem Gürtel eine Tube Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 baumeln. "Hier knallt die Sonne recht stark", sagt sie, "am Ende eines Tages ist die Tube eigentlich immer leer."

Glücksgefühle zwischen Himmel und Erde

Zwischendurch erzählt Oxnam dann vom Stamm der Ute, die hier vor Hunderten Jahren jagten, oder den Bären, die im Herbst am Animas River Forellen fangen, oder dem 95-Jährigen, der seit Jahren seine ganze Familie an seinem Geburtstag zum Ziplinen hierher einlädt. Sie erklärt, dass Espenrinde den gleichen Stoff wie Aspirin enthält, zeigt auf eine tausend Jahre alte Ponderosa-Kiefer und präsentiert Gipsabdrücke von Bärenspuren.

An der letzten und längsten Seilrutsche überprüft sie an einem Windmesser, ob der Seitenwind nicht zu stark ist. Dann gibt sie ihr Okay und schiebt ihre Kunden kräftig an: Durch die Baumkronen dringen Sonnenstrahlen, die warme Luft duftet, das Tempo nimmt zu, unten zieht der Fluss vorbei, rechts die Berge - Glücksgefühle zwischen Himmel und Erde. Dann der beherzte Griff eines Sky Rangers, fester Boden unter den Füßen. "Well done!", er klatscht jeden Gast ab.

Auf dem Weg zurück nach Durango schaut kaum einer der Zipliner auf die spektakuläre Landschaft. Alle dösen im Zug vor sich hin. Auch Janet Laughlin hat ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes gelehnt und schläft. "Ich hatte nach der ersten Zipline echt Bammel, dass sie das nicht machen würde", flüstert Andre, "aber ich glaube, es hat ihr gefallen. Sie hat gefragt, ob wir nicht nächstes Jahr wieder hierherkommen sollten."

Stefan Wagner ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt vom Colorado Tourism Office.

insgesamt 5 Beiträge
dasfred 10.06.2019
1. Ziplining in Colorado kenn ich schon länger
Und zwar aus der speziellen Southpark Folge, die am Anfang klassisch animiert ist und wo die Rollen von Cartman, Kenny, Stan und Kyle als Realfilm von den Machern als Schauspieler weitergeführt werden. In der Folge fanden die [...]
Und zwar aus der speziellen Southpark Folge, die am Anfang klassisch animiert ist und wo die Rollen von Cartman, Kenny, Stan und Kyle als Realfilm von den Machern als Schauspieler weitergeführt werden. In der Folge fanden die Southpark Kinder das Ziplining nicht ganz so witzig, weil ständige Sicherheitshinweise ihre Tour ewig in die Länge gezogen haben. Vielleicht ist ja aufgrund der Southpark Folge vor, ich glaube vier Jahren, das Programm verbessert worden.
hellmut1 10.06.2019
2. Widersprüchlicher
geht es kaum. Im vorherigen Artikel lautet das Motto wegen der Fridays for future Bewegung seit Fliegen out. Im nächsten wird von slackline in Colorado geschwärmt und im darauf folgenden Artikel werden Ratschläge erteilt, wie [...]
geht es kaum. Im vorherigen Artikel lautet das Motto wegen der Fridays for future Bewegung seit Fliegen out. Im nächsten wird von slackline in Colorado geschwärmt und im darauf folgenden Artikel werden Ratschläge erteilt, wie man an die günstigsten Flüge kommt.
Beauregard 10.06.2019
3. Dampflock?
ist ja sehr nett, aber hinter jeder dampflock muss bei trockenheit ein Löschhubschrauber hinterher fliegen?? Das erinnert an T.C.Boyle "Ein Freund der Erde".... Und an den Ausspruch "Wir amüsieren uns zu [...]
ist ja sehr nett, aber hinter jeder dampflock muss bei trockenheit ein Löschhubschrauber hinterher fliegen?? Das erinnert an T.C.Boyle "Ein Freund der Erde".... Und an den Ausspruch "Wir amüsieren uns zu Tode", stammt glaub ich aus den siebzigern, weiß nicht mehr von wem.
MartinS. 11.06.2019
4. ...
Nachrichtenmagazine/Newsseiten haben den Fokus üblicherweise eher ganz simpel auf einer breitgefächerten Berichterstattung und weniger im Bereich Aktivismus. Es ist also durchaus legitim, über Fridays for Future zu [...]
Zitat von hellmut1geht es kaum. Im vorherigen Artikel lautet das Motto wegen der Fridays for future Bewegung seit Fliegen out. Im nächsten wird von slackline in Colorado geschwärmt und im darauf folgenden Artikel werden Ratschläge erteilt, wie man an die günstigsten Flüge kommt.
Nachrichtenmagazine/Newsseiten haben den Fokus üblicherweise eher ganz simpel auf einer breitgefächerten Berichterstattung und weniger im Bereich Aktivismus. Es ist also durchaus legitim, über Fridays for Future zu berichten, und ne halbe Stunde später einen Reiseartikel über irgendein Ziel am anderen Ende der Welt zu bringen. Nur weil man von einem zunehmenden Umweltbewusstsein und Umweltaktivismus berichtet, bedeutet das nicht, dass dies ein Thema ist, das man als gut (oder schlecht) propagieren will. Wer hier nach dem Lesen eines Artikels meint, dass dies ganz klar auch einen Standpunkt widerspiegelt, den die Redaktion vertritt, der sollte vielleicht seinen Sinn für Realitäten hinterfragen. Im Umkehrschluss scheint es immerhin auch so, dass sie all diese Artikel auch gelesen haben. Ist das denn von ihrer Seite her nicht ebenso widersprüchlich?
k70-ingo 11.06.2019
5.
Naja, in einigen Themenbereichen ist bei SPON überdeutlich zu merken, woher der redaktionelle Wind weht. Zudem sollte beachtet werden, daß für Nebenrubriken wie Reise, Auto, Finanzen und Lifestyle sehr oft zugekauft [...]
Zitat von MartinS.Nachrichtenmagazine/Newsseiten haben den Fokus üblicherweise eher ganz simpel auf einer breitgefächerten Berichterstattung und weniger im Bereich Aktivismus. Es ist also durchaus legitim, über Fridays for Future zu berichten, und ne halbe Stunde später einen Reiseartikel über irgendein Ziel am anderen Ende der Welt zu bringen. Nur weil man von einem zunehmenden Umweltbewusstsein und Umweltaktivismus berichtet, bedeutet das nicht, dass dies ein Thema ist, das man als gut (oder schlecht) propagieren will. Wer hier nach dem Lesen eines Artikels meint, dass dies ganz klar auch einen Standpunkt widerspiegelt, den die Redaktion vertritt, der sollte vielleicht seinen Sinn für Realitäten hinterfragen. Im Umkehrschluss scheint es immerhin auch so, dass sie all diese Artikel auch gelesen haben. Ist das denn von ihrer Seite her nicht ebenso widersprüchlich?
Naja, in einigen Themenbereichen ist bei SPON überdeutlich zu merken, woher der redaktionelle Wind weht. Zudem sollte beachtet werden, daß für Nebenrubriken wie Reise, Auto, Finanzen und Lifestyle sehr oft zugekauft wird, die Artikel also von Externen stammen.
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