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Reise

Bauhaus-Bummel in Tel Aviv

Die erträumte Stadt

In keiner Stadt der Welt stehen so viele Bauhaus-Bauten wie in Tel Aviv. Wer sie zum 100. Geburtstag der Bewegung erleben will, hat eine architektonische Schnitzeljagd vor sich. Manche genießen als Hotels neuen Ruhm.

Travel Collection/ Mauritius Images
Von Agnes Fazekas
Samstag, 18.05.2019   08:39 Uhr

Wer auf dem Dizengoff-Platz steht und sich einmal im Kreis dreht, bekommt eine Vorstellung vom Tel Aviv der Dreißigerjahre. Weiße geschwungene Fassaden, simpel und modern, jedes Gebäude von einem anderen Architekten entworfen - und doch eine ästhetische Einheit. Theater, Cafés, das Eckmann als erstes Kaufhaus der Stadt. Und natürlich: das Esther-Kino. Aus dem verschlafenen Vorort von Jaffa war eine jüdische Weltstadt geworden - in der an diesem Wochenende nun auch der Eurovision Song Contest ausgetragen wird.

Im einstigen Kinosaal des Esther sind heute Hotelzimmer untergebracht, aber die Fassade des Cinema Hotels erinnert wie damals an eine Leinwand. Konkav schmiegt sich der Bau in die Runde: mit einem Flachdach und einem Pfahlvorbau, der lang gezogene Balkone trägt. Sie enden neben einer großen weißen Fläche, auf der früher mit Pinsel und Farbe die Filme angekündigt wurden.

Ausgewogenheit statt Symmetrie. Form folgt Funktion. Lebensqualität statt Statusgeschnörkel. Das war die Philosophie der Bauhaus-Bewegung aus Dessau, aber auch der Architekturschulen des Internationalen Stils in Belgien oder in Frankreich unter Le Corbusier. Jüdische Architekten hatten sie auf der Flucht vor den Nazis nach Israel gebracht. Die Ideale der Bewegung passten zum sozialistischen Zionismus und zu dieser Stadt, die am Reißbrett entstand.

Architektonische Schnitzeljagd

4000 solcher Bauhaus-Gebäude entstanden zwischen 1931 und 1937 über Tel Aviv verteilt. Die Hälfte davon ist denkmalgeschützt, seit die Unesco die "Weiße Stadt" 2003 zum Weltkulturerbe ernannte. In keiner Stadt der Welt stehen so viele Bauten, die der Bewegung verschrieben sind - trotzdem ist es gar nicht so leicht, sie aufzuspüren.

Micha Gross, Mitbegründer des Tel Aviver Bauhaus-Zentrums, sagt: Es gebe nicht ein bestimmtes Gebäude, das man gesehen haben muss. Bemerkenswert sei eher die Menge, welche "die Stadt wie ein Gewebe zusammenhalte", die Vielfalt, die das Erlebnis ausmache.

Sie verstecken sich zwischen den eklektischen Bonbonbauten der Zwanzigerjahre und den Betonbrocken aus den Fünfzigern. Ihr Zustand ist oft schlecht. Meist bröckelt Putz von der Fassade, und bei vielen Exemplaren wurden die ikonischen Balkone mit Plastikwänden zu Wohnraum umfunktioniert. Um den Eigentümern einen Anreiz für die Renovierung zu bieten, genehmigte die Stadt teils den Bau einer zusätzlichen Etage.

Geführte Touren gleichen einer Schnitzeljagd, bei der man lernt: Die Bauhaus-Merkmale sind, dass es keine gibt. Weil es sich nicht um einen Stil, sondern um eine Geisteshaltung handelte, die sich einzig dem Funktionalismus und Minimalismus verpflichtet sah.

Und der traf in Israel auf die Anforderungen einer Wüstenstadt: Die Häuser stehen auf sogenannten Pilotis, um für Belüftung zu sorgen - und für Platz für den Vorgarten. Statt Fensterfronten wurden Lichtleisten gesetzt. Le Corbusiers Langfenster zitierten die israelischen Architekten mit bandartigen Balkonen. Deren Schürzen wiederum sorgen für Schatten, Schlitze verbessern die Luftzirkulation. Flachdächer dienten als Aufenthaltsräume für heiße Sommernächte.

Neben den typischen kubistischen Formen, die Fortschritt und Hygiene symbolisieren, findet man in Tel Aviv aber auch Elemente, die für Freiheit und Hoffnung stehen. Bauten ankern an Straßenecken wie Schiffe in einer Bucht, durch Fenster wie Bullaugen scheint Licht in die Treppenhäuser. Man hatte das Gelobte Land schließlich gerade auf dem Seeweg erreicht.

Obwohl Deko-Elemente in Abgrenzung zum Jugendstil verpönt waren, sind einige Hauseingänge der Weißen Stadt mit Kacheln verziert. Dazu kam es aufgrund eines umstrittenen Transferabkommens zwischen Zionisten und Nazis. Einige fliehende Juden hatten ihr Vermögen gegen deutsche Importgüter getauscht und brachten so neben Baumaterial auch die Sprache deutscher Handwerker ins Land. Immer noch heißt es auch im Hebräischen "Spachtel" und "Kratzputz".

Die Weiße Stadt war immer grau

Ausgerechnet der Putz wirkt in Tel Aviv vielerorts schmuddelig. Die Mischung aus Wüstenwinden und salziger Meeresbrise sorgt dafür, dass die Weiße Stadt an den wenigsten Stellen ihrem Namen gerecht wird.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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"Die wahre Farbe dieser Stadt war immer grau, bestenfalls bleich, im schlimmsten Fall ein ödes Einerlei", schreibt der israelische Architekt Sharon Rotbard in seinem Buch "White City, Black City". Er kritisiert die Kampagne der "White City" als Weißwaschen der Stadtgeschichte. Der Gründungslegende zufolge wurde Tel Aviv auf Sanddünen gebaut, also aus dem Nichts erschaffen. 1909 sollen sich 66 Familien am Strand versammelt und die ersten Grundstücke mit Muscheln unter sich ausgelost haben.

Hätte der Fotograf der Zeremonie jedoch nur ein wenig nach Süden geschwenkt - der Mythos wäre kaum zu halten gewesen: Dort lagen die palästinensische Hafenstadt Jaffa sowie erste jüdische Siedlungen wie das heutige Szeneviertel Neve Tzedek oder der Kerem. Doch diese galten der europäischstämmigen Elite als zu kleingeistig und orientalisch (Plumpsklos im Garten!). Rotbards Ansicht nach ist die Weiße Stadt die konstruierte Antithese zum arabischen Jaffa und anderen gern übersehenen Vierteln im Süden der Stadt.

"Das Erbe der Weißen Stadt soll allen gehören, nicht nur den Juden aus Europa", sagt Sharon Golan-Yaron. Sie leitet das White City Center, eine Kooperation der Stadt Tel Aviv und der deutschen Regierung. Es sei wichtig zu verstehen, dass es um mehr als eine ästhetische Hinterlassenschaft geht. "Die Architekten waren auf der Suche nach einer neuen jüdischen Identität. Und das Bauhaus war das physische Manifest dafür."

Das Liebling-Haus und ein fröhliches Hotel

Bereits in Dessau habe man nach einem neuen Wohngefühl, nach mehr Lebensqualität gesucht. In Tel Aviv sei das Experiment in die Praxis umgesetzt worden. Bestes Beispiel ist das großzügige Max-Liebling-Haus, das gerade in ein Gerüst gehüllt ist. Es soll im Herbst als Bildungsstätte neu eröffnet werden.

Bis dahin turnen deutsche Handwerker gemeinsam mit israelischen Studenten über die Baustelle, um Risse zu spachteln und voneinander zu lernen. Meisterschüler aus Deutschland sind dabei, das Haus originalgetreu zu restaurieren: vom Badezimmer mit den alten Villeroy & Boch-Fliesen bis zur Frankfurter Küche, damals der letzte Schrei. Auch wenn sie die Farbpigmente von einer Weimarer Expertin unter dem Mikroskop analysieren ließen, sei es wichtig, nicht in der Vergangenheit zu verharren, sagt Golan-Yaron.

Die Architektin Nitza Szmuk musste lange tüfteln, um Vergangenheit und Zukunft des 1930 fertig gestellten dampferförmigen Poli House zusammenzubringen. Vor dem Umbau in eines der schönsten Hotels der Stadt hatte es als Geschäftsgebäude mit winzigen Büros und Gemeinschaftstoiletten gedient und zur britischen Mandatszeit eine Geheimdruckerei der zionistischen Untergrundorganisation Etzel versteckt.

Den Erbauer Shlomo Liaskowski lernte Szmuk noch persönlich kennen: "Sein Charakter spiegelt sich in der Fassade wider", sagt Szmuk. "Es ist ein sehr fröhliches Gebäude. Trotz seiner Größe scheint es zu schweben."

Bauhaus-Architektur in Tel Aviv erleben

Geführte Rundgänge
Das Bauhaus Center verkauft nicht nur Souvenirs und Bücher zum Thema, sondern bietet vor allem Führungen an: freitags um 10 Uhr sowie auf eigene Faust mit Audio-Guide. Adresse: Dizengoff Street 77. Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 19.30 Uhr, Freitag von 10 bis 14.30 Uhr und Samstag von 10 bis 19.30 Uhr.
Möbel- und Objektschau im Bauhaus-Museum
Das kleine Bauhaus-Museum unweit des Max-Liebling-Hauses stellt Möbel und andere Objekte von Mies van der Rohe, Walter Gropius und Zeitgenossen aus. Der Eintritt ist kostenlos. Adresse: Bialik Street 21. Öffnungszeiten: Mittwoch von 11 bis 17 Uhr, Freitag von 10 bis 14 Uhr.
Besuch im Architekturzentrum
Seit diesem Frühjahr sanieren junge Handwerker aus Deutschland und Israel gemeinsamen das Max-Liebling-Haus, in dem im September 2019 das White City Center eröffnen soll. Dann werden auch weitere Häuser zur Besichtigung offen stehen. Weitere Informationen. Adresse: Idelson Street 29.
Übernachten in Bauhaus-Hotels
Nicht nur im Cinema Hotel und im Poli House schlafen Tel-Aviv-Besucher hinter Original-Bauhaus-Fassaden. Auch das Lily and Bloom Hotel wirbt mit Bauhaus-Elementen. Und das The Rothschild 71 befindet sich in einem Gebäude, das 1934 im Internationalen Stil erbaut wurde.

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