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Reise

Teuer schlafen in Cannes

Goldene Palme, goldene Preise

Während der Internationalen Filmfestspiele kosten Hotelzimmer in Cannes teilweise sechsmal so viel wie sonst. Privatleute vermieten ihre Apartments zu Höchstpreisen - und gehen dafür selbst zelten.

Pawel Toczynski/ Photolibrary/ Getty Images
Dienstag, 14.05.2019   10:22 Uhr

Cannes ist im Festivalmodus, die Stadt an der französischen Riviera richtet zum 72. Mal die Internationalen Filmfestspiele aus - und nicht nur Filmschaffende freuen sich auf ein gutes Geschäft.

Mit den 40.000 akkreditierten Vertretern der Branche und Journalisten verdreifacht sich die Zahl der Bewohner von Cannes quasi über Nacht. In zwölf Tagen machen die Hotels in der Nähe des Festspielpalasts rund ein Sechstel ihres jährlichen Umsatzes, wie der Gaststättenverband Umih errechnet hat. Angaben der Stadtverwaltung zufolge brachte das Festival dem mondänen Urlaubsort 197 Millionen im Jahr 2017 ein.

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Übernachten in Cannes: Airbnb, Campingplatz, Luxushotel

"Das Festival ist eine wahre Goldgrube", sagt Hervé, der Rezeptionist eines Zweisternehotels in Cannes. "Während des Filmfests verlangt mein Chef 260 Euro für ein Zimmer, das normalerweise 40 Euro kostet." Bei einem Dreisternehaus in nächster Nachbarschaft hat sich der Zimmerpreis verfünffacht: von 71 auf 350 Euro pro Nacht.

Doch die Gewinne sind für die Hoteliers vor Ort keine Selbstverständlichkeit mehr. Seit einigen Jahren blieben die Festivalbesucher nicht mehr die gesamte Zeit über in Cannes, sagt Christine Welter, Vizevorsitzende des Hotelverbands. "Die Karten werden neu gemischt, der Markt muss sich dem anpassen", sagt sie.

Außerdem sei die Konkurrenz privater Anbieter verantwortlich für Umsatzeinbußen, sagt Welter. Inzwischen würden genauso viele Privatzimmer vermietet wie Hotelzimmer - insgesamt rund 6000 Stück. Sie spricht von "unlauteren Geschäften". Einige hätten gleich mehrere Wohnungen im Angebot.

Allein Airbnb erwartet in der Woche vom 14. bis 25. Mai zwischen 2500 bis 4000 Übernachtungen. Höhepunkt ist der kommende Freitag mit 4600 Buchungen - am Freitag davor sind es gerade mal 500.

Zelten gehen - und die Wohnung vermieten

Bei Preisen von 10.600 Euro für eine Maisonettewohnung mit vier Zimmern für den gesamten Festivalzeitraum ist es kein Wunder, dass viele Einwohner von Cannes einiges auf sich nehmen, um ihre Wohnung über Airbnb zu vermieten: "Einige zelten auf dem Campingplatz von Grasse und lassen sich ihre Wohnung mit Gold vergüten", sagt Hervé vom Hotelempfang.

Von dem Festival profitieren aber nicht nur Zimmeranbieter und die Stadtverwaltung von Cannes. Auch Restaurants und Taxis freuen sich auf ihr Geschäft des Jahres. "Mai ist für uns der wichtigste Monat", sagt Pascal Hamard, der Besitzer eines italienischen Restaurants. "Wir sind dann bis auf den letzten Platz besetzt - das sind rund 5000 Gedecke in elf Tagen."

Doch auch Hamard stellt fest, dass sein Geschäft in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Schuld daran seien die schwarzen Schafe im Gast- oder Fahrgastgewerbe: Restaurants, auf deren Speisekarten plötzlich astronomische Preise stünden, oder Taxifahrer, deren Tarife keine Grenzen mehr kennen.

Den Gästen sei dies nicht entgangen, sagt Hamard. "Man merkt, dass einige unserer Kunden extrem argwöhnisch geworden sind. Sie glauben, jeder Preis sei Abzocke." Cannes-Besucher seien heute sehr viel vorsichtiger als noch vor wenigen Jahren, sagt er. Auch Geschäftsleute hätten ihr Konsumverhalten geändert. "Wir merken, dass sie von ihren Chefs Anweisungen bekommen haben - und dass ihre Budgets deutlich kleiner sind als früher."

Reise-Reportagen aus Südfrankreich

jus/AFP

insgesamt 2 Beiträge
flytogether 14.05.2019
1. Genau so ist es
sicher, Angebot und Nachfrage regeln den Preis in der freien Marktwirtschaft. Aber diejenigen, die die Kunden in den zwei Wochen wie eine Zitrone ausquetschen übersehen, welch miesen Eindruck Sie beim Besucher hinterlassen. [...]
sicher, Angebot und Nachfrage regeln den Preis in der freien Marktwirtschaft. Aber diejenigen, die die Kunden in den zwei Wochen wie eine Zitrone ausquetschen übersehen, welch miesen Eindruck Sie beim Besucher hinterlassen. Nämlich den dass der Franzose auch für das letzte Drecksloch und für die Gummipizza astronomische Summen verlangt. Und diese Abzocker sind dann genau diejenigen die sich im Ausland über die "Banditen" beschweren wenn sie eine Reifenpanne haben. Und beim Besucher hinterlässt es auch den Eindruck dass Cannes generell sündhaft teuer ist. Kein Wunder dass in der Nebensaison die Geschäfte eher bescheiden sind. Ich bin öfters in Cannes und so kann ich die dortige Unzufriedenheit im Dienstleistungssektor bestätigen. Mangels Gäste sind die Einnahmen in der Nebensaison eher bescheiden. Und dafür ist natürlich dann der Präsident verantwortlich weshalb man dann auf die Straße geht und randaliert - siehe Gelbwesten. Nur nicht nachdenken über die Zusammenhänge
spaceagency 14.05.2019
2. Nicht anders
als an deutschen Messen. Während der Druckmesse in Düsseldorf verlangen Hotels das 5 fache und Besucher schlafen auf Matratzen im Gang. Das ist nicht nur in Cannes so
als an deutschen Messen. Während der Druckmesse in Düsseldorf verlangen Hotels das 5 fache und Besucher schlafen auf Matratzen im Gang. Das ist nicht nur in Cannes so

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