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Reise

Karneval in Venedig

Der kostümierte Albtraum

Karnevalisten in prächtigen Kostümen bevölkern Venedig. Auf dem Markusplatz wetteifern die Maskierten um die Gunst der unzähligen Besucher. Vielen Einheimischen ist diese Zeit ein Graus - sie wehren sich in einem Brief.

DPA
Samstag, 23.02.2019   19:05 Uhr

Vor einer Woche schwamm eine gigantische Ratte über den Canal Grande. Mit ihr, einem geschmückten Boot in Nagerform, war der Karneval von Venedig eröffnet. Hunderttausende kommen in diesen Tagen in die sowieso schon so beliebte Lagunenstadt zum Sehen und Staunen - und viele in prächtigen Kostümen zum gesehen werden.

Seinen Höhepunkt erreicht das berühmte Fest jedoch erst an diesem Wochenende: Am Samstag beginnen die Maskenparaden auf dem Laufsteg des Markusplatzes, auf denen die Leute Tag für Tag um die schönste Maske wetteifern. Bei der "Festa delle Marie" ziehen zwölf venezianische Mädchen in einer Parade durch die Stadt.

Das Begleitprogramm ist umfangreich: Maskenbälle, Bankette, Gondelparaden, Hard-Rock-Nächte und Jugendkarneval sind gelistet. Die Eintrittspreise sind extrem hoch, die Leihgebühr für Rokoko-Outfit und Federmaske ebenfalls. Und Geduld mitbringen sollten Besucher auch: Im vergangenen Jahr jedenfalls sorgten die Zugangskontrollen am Markusplatz zu längeren Wartezeiten am Metalldetektor.

Und dann schwebt beim traditionellen "Volo dell'Angelo", dem "Engelsflug", am Sonntag eine weiß gekleidete und beflügelte junge Frau vom Glockenturm. Dazu ertönt das "Ave Maria" von Franz Schubert. 70.000 Menschen werden dann allein vor der Basilica di San Marco erwartet, schreibt der "Corriere della Sera", es gebe Absperrungen überall. "Für die Venezianer ist das der Albtraum."

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Venedig im Kostümrausch: Viel Tüll, viel Pose

Unter den Menschenmassen, die sich noch bis zum 4. März durch die Gassen schieben, sind wohl nur wenige Einheimische. Das legt der Artikel in der italienischen Tageszeitung nahe. "Niemand, der im Besitz seiner geistigen Fähigkeiten ist, möchte in diesen Wochen in Venedig leben, niemand", heißt es in einem Brief von Anwohnern, den der "Corriere" auf seiner Website veröffentlicht hat. "Die Stadt, die eh schon permanent überrannt wird, gleicht derzeit einem Ameisenhaufen, der grausam abgedeckt wurde und der nun Ameisen zeigt, die orientierungslos herum irren."

"Wir wollen frei sein, Nein zu sagen"

Die Einwohner beschweren sich in dem Brief auch über den Dreck, den die Touristenscharen hinterlassen - und sie beklagen sich darüber, dass niemand die Stadt in nötigem Maße schützt. "Die Minister und andere wichtige Personen betonen stets, dass Venedig ein Kunstwerk ist", heißt es demnach. "Aber selbst in verwahrlosten Museen werden Kunstwerke geschützt - mit Glas, bestimmten Temperaturen und Rücksicht auf eine nicht zu starke Lichtexposition."

"Wir wollen frei sein, zu diesem unorganisierten Rausch Nein zu sagen", heißt es in dem Brief. Die Venezianer wollen die Einschränkung des öffentlichen Lebens nicht länger ertragen.

abl/jus

insgesamt 24 Beiträge
wolle0601 23.02.2019
1. Ein paar miesgelaunte Spielverderber vermutlich
Venedig und somit auch der Großteil der Bevölkerung dürfte bestens vom Mythos der Stadt und vom Touri-Rummel leben. So ähnlich kennt man das von kulturellen Einrichtungen, etwa Kleinkunsttheater, oder auch Restaurants mit [...]
Venedig und somit auch der Großteil der Bevölkerung dürfte bestens vom Mythos der Stadt und vom Touri-Rummel leben. So ähnlich kennt man das von kulturellen Einrichtungen, etwa Kleinkunsttheater, oder auch Restaurants mit Veranstaltungen. Angeblich ist die kulturelle Vielfalt das große Plus des Stadtlebens. Es finden sich aber immer ein paar Nachbarn, die solchen Einrichtungen dann das Leben zur Hölle machen. Sich waschen wollen ohne naßzuwerden - urbaner Lifestyle im 21. Jahrhundert. Sollen diese Spaßbremsen halt aufs Land ziehen, wenn ihnen das Stadtleben nicht gefällt.
geotie 23.02.2019
2.
Es reicht doch, wenn die Touristen das Geld da lassen und verschwinden! Leider ist es so, dass die Geister die man rief nicht so einfach abziehen. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Stadt, ich finde diese sehr schön und [...]
Es reicht doch, wenn die Touristen das Geld da lassen und verschwinden! Leider ist es so, dass die Geister die man rief nicht so einfach abziehen. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Stadt, ich finde diese sehr schön und auch sehr überteuert (sie Parkgebühren schon am Eingang der Stadt), sehr viel Geld von der EU bekommt. Inzwischen war ich mit meiner Frau etwa ein Dutzend Mal in der Stadt und wir haben die Zeit sehr genossen.
reinhard.zimmermann 23.02.2019
3.
Venedig mag zur Karnevalszeit noch überlaufener sein als sonst. Wenn man aber die prominenten Plätze meidet und sich in das Gewirr der unzähligen Gassen begibt, hat der Karneval dort nach wie vor seinen poetischen Reiz. Viele [...]
Venedig mag zur Karnevalszeit noch überlaufener sein als sonst. Wenn man aber die prominenten Plätze meidet und sich in das Gewirr der unzähligen Gassen begibt, hat der Karneval dort nach wie vor seinen poetischen Reiz. Viele Einheimische machen das Beste daraus und veranstalten z.B. improvisierte Tanzevents auf einem der gefühlt tausend kleinen Plätzen der Stadt. Im übrigen habe ich die Venezianer sehr offen und aufgeschlossen den Gästen gegenüber erlebt. Es kommt halt immer darauf an, wie sich der Gast/Tourist benimmt. Ansonsten ist es wie überall in Touristenzentren; es gibt Gewinner und Verlierer.
manfred.liebmann 23.02.2019
4. Alptraum?
Ach Venedig. Du wirst wieder nicht untergehen, und im kommenden Jahr kannst du die Selbstdarsteller wieder melken. Es ist dein Lebenszweck!
Ach Venedig. Du wirst wieder nicht untergehen, und im kommenden Jahr kannst du die Selbstdarsteller wieder melken. Es ist dein Lebenszweck!
jogola 23.02.2019
5. Schon ...
mal da gewesen ?
Zitat von wolle0601Venedig und somit auch der Großteil der Bevölkerung dürfte bestens vom Mythos der Stadt und vom Touri-Rummel leben. So ähnlich kennt man das von kulturellen Einrichtungen, etwa Kleinkunsttheater, oder auch Restaurants mit Veranstaltungen. Angeblich ist die kulturelle Vielfalt das große Plus des Stadtlebens. Es finden sich aber immer ein paar Nachbarn, die solchen Einrichtungen dann das Leben zur Hölle machen. Sich waschen wollen ohne naßzuwerden - urbaner Lifestyle im 21. Jahrhundert. Sollen diese Spaßbremsen halt aufs Land ziehen, wenn ihnen das Stadtleben nicht gefällt.
mal da gewesen ?
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