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Reise

The Crown in Belfast

Guinness für den Gaumen, Tritte für die Krone

Ob Protestant oder Katholik, Unionist oder Republikaner: In Belfasts berühmtestem Pub The Crown treffen sie sich alle auf einen Drink. Die besten Plätze sind die "Säuferkojen" - gute Geschichten gibt's gratis zum Guinness dazu.

Corbis
Von Linus Geschke
Montag, 17.08.2015   08:38 Uhr

Im Eingangsbereich ließ Pub-Besitzer Patrick Flanagan Ende des 19. Jahrhunderts ein Mosaik legen, das die Krone darstellt. "Damit jeder Gast das königliche Symbol mit Füßen treten konnte", erklärt Peter, Barkeeper im The Crown, der berühmtesten Kneipe von Belfast.

Dabei deutet ihr Name doch eigentlich auf Monarchietreue hin, auf eine enge Verbundenheit zum englischen Königshaus. Der Katholik Flanagan, der den Pub 1888 von seinem Vater übernahm, war jedoch ein scharfer Gegner der englischen Herrschaft über Nordirland. Nur widerwillig hatte er dem Namensvorschlag seiner Gattin zugestimmt - einer Protestantin, die ihrerseits eine ausgesprochene Zuneigung zu Queen Victoria hegte. Ob das Kronenmosaik auf dem Boden zu ernsthaften Ehestreitigkeiten führte, ist nicht überliefert.

Es sind Geschichten wie diese, die The Crown zum berühmtesten Pub Nordirlands gemacht haben - und gleichzeitig zu einem Spiegelbild einer Stadt, die lange zerrissen war und es immer noch ist. "An einem Abend hier erfährt man mehr über Belfast als auf jeder öffentlichen Busrundfahrt", sagt Petra Herrmann, und die muss es wissen: Seit 13 Jahren arbeitet die Schwäbin, die seit 1994 in Nordirland lebt, als Touristenführerin. Belfast habe so viele schöne Seiten, meint sie, und dennoch seien die Besucher meist nur an drei Dingen interessiert: "Guinness, dem Bau der 'Titanic' und an der IRA."

Lebende Beweise dafür sind Sophia, Charlotte, Henry und Joseph. Die vier sind aus Liverpool angereist. Drei Tage Belfast, ein volles Programm. Zuerst besichtigten sie die Harland-and-Wolff-Werft, anschließend die "Titanic"-Ausstellung: einen 116 Millionen Euro teuren Prestigebau, der hundert Jahre nach dem Untergang des Luxusliners eröffnet wurde. Am nächsten Tag stand dann der obligatorische Abstecher in die Falls Road und die Shankill Road an - jene Straßen, die mit ihren Wandmalereien stellvertretend für den Nordirland-Konflikt stehen. Und jetzt, am letzten Abend? Haben sie sich ihr Guinness verdient, finden sie. Natürlich im bekanntesten Pub der Stadt.

Seit 1978 gehört The Crown als einziges Lokal in Belfast dem National Trust an - einem gemeinnützigen Verein, der über 300 historische Gebäude und Gärten unterhält und den Pub aufwendig renovieren ließ. In vielen Reiseführern wird er seitdem wieder als viktorianisches Juwel bezeichnet. Was hier nicht jedem gefällt: "Bullshit", sagt ein Mann an der Theke, dessen Hände so groß wie Kohleschaufeln sind. "The Crown ist Nordirisch, und sonst nichts. Was hat diese hässliche englische Königin damit zu tun?"

Sakrale Zeitkapsel

Vor allem die kunstvolle Inneneinrichtung wurde originalgetreu hergerichtet und erstrahlt jetzt wieder im Glanz vergangener Zeiten. Ursprünglich wurde sie von italienischen Handwerkern angefertigt, die im 19. Jahrhundert nach Belfast kamen, um dort Kirchen zu errichten: Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum der Pub auf Besucher wie eine Kathedrale des Alkoholgenusses wirkt. Eine Zeitkapsel, sagt Petra Herrmann, sei er sowieso.

Das Tageslicht fällt durch reichverzierte Buntglasfenster ins Innere und trifft auf korinthische Säulen und handgeschnitzte Holzvertäfelungen; auf marmorne Bereiche, goldumrandete Spiegel und dunkel glänzendes Mahagoni. Abends übernehmen dann Gaslampen die Beleuchtung, die allerdings mehr Atmosphäre als Licht verbreiten und deren Duft sich vortrefflich mit dem des irischen Whiskeys verbindet, den jetzt viele Gäste in Händen halten.

Henry dagegen bleibt beim Guinness. Er nimmt einen Schluck, schüttelt den Kopf und sagt, dass er einfach nicht begreifen könne, dass nur wenige Kilometer entfernt immer noch Mauern durch die Stadt laufen, die die protestantischen Wohnviertel von den katholischen trennen. Peace Walls heißen diese ab 1969 errichteten Bauwerke. Sie sind Überbleibsel aus der Zeit des Nordirlandkonfliktes, den sie hier lakonisch nur "The Troubles" nennen. "Die Mauern sind auch auf Wunsch der Anwohner entstanden, die es leid waren, dass dauernd Steine in ihre Wohnzimmer flogen und es auf den Straßen zu Ausschreitungen kam", sagt Herrmann. "Wenn man die Menschen heute fragt, ob die Mauer wieder weg soll, sagen sie: Unbedingt! Wenn man allerdings nachfragt, wann denn, dann sagen sie: Auf keinen Fall sofort!"

Der Konflikt wurde erst 1998 beendet und stecke immer noch in den Köpfen. "So etwas braucht Zeit. Ich denke, die nächste Generation wird das schon anders sehen." Hier, in einem Pub inmitten der Innenstadt, seien "The Troubles" eh nie ein Thema gewesen, ergänzt Barkeeper Peter. "Man behielt seine persönliche Meinung lieber für sich und äußerte sie nur unter Gleichgesinnten im eigenen Viertel. Schließlich konnte ja niemand ahnen, welche Einstellung das jeweilige Gegenüber vertrat."

Abgetrennte Trinkgelage

In all den Jahren hat sich eines nicht geändert: das Publikum. Einheimische, Touristen und Besucher des in der Nähe liegenden Grand Opera House kommen in den Pub. Das Bier fließt aus verchromten Zapfhähnen, Wortfetzen brechen sich an der gewölbten Decke, der Laden ist voll. So voll, dass Sophia, Charlotte, Henry und James eine Stunde lang warten müssen, bis eine der abgetrennten Kabinen frei wird, auf die hier alle Gäste scharf sind. "Die zehn Séparées sind das Highlight hier", ruft der Wirt herüber. "Früher waren sie vor allem bei den Damen sehr beliebt, da man sich beim Trinken nicht gerne in der Öffentlichkeit zeigte."

Heinrich Böll hat die Kabinen in seinem "Irischen Tagebuch" einst als Einzelsäuferkojen bezeichnet, die Belfaster dagegen nennen sie Snugs: Ein doppeldeutiger Begriff, der auch einen Knutscher oder einen Kuss auf die Wange bezeichnen kann. "In erster Linie dienten die Séparées sicherlich dem ungestörten Trinken", sagt Barkeeper Peter, während er die nächste Runde Guinness auf die Theke stellt. Dann grinst er: "Alles andere bleibt besser der Vorstellungskraft vorbehalten - was das angeht, sind wir hier sehr britisch."

Im Inneren der Snugs steht eine Glocke, mit der man früher den Wirt rufen konnte, ohne das Séparée verlassen zu müssen. An den Wänden befinden sich Messingblättchen, an denen Streichhölzer angezündet wurden. Beides sind Relikte der Vergangenheit: Wer heute etwas trinken will, muss es sich an der Theke holen, und wer rauchen möchte, muss vor die Tür gehen. Seit 2007 gibt es in Nordirland ein Nichtraucherschutzgesetz.

Um Mitternacht ist Schluss. Auch für die vier Liverpooler, die nur die Straße überqueren müssen, um ihre Unterkunft zu erreichen, das Hotel Europa. Es ist ebenfalls Sinnbild einer Epoche, wenn auch einer ganz anderen: Mehr als 30-mal wurde es während des Nordirlandkonfliktes angegriffen, was eine englische Zeitung dazu brachte, das Haus zum "meistbombardierten Hotel der Welt" zu küren. Auch darüber gibt es gewiss zahllose Geschichten. Die besten davon bekommt man ganz sicher im The Crown zu hören.

Linus Geschke arbeitet als freier Journalist für SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von KLM und Tourism Ireland.

insgesamt 7 Beiträge
der_seher59 17.08.2015
1. hübsche Kneipe
aber der schmutzige Zapfhahn geht gar nicht
aber der schmutzige Zapfhahn geht gar nicht
horsteddy 17.08.2015
2.
Dieser Pub ist einfach nur schön. Snugs gibt es allerdings auch in anderen traditionsreichen Pubs. Aber der Crown ist absolut der schönste. Das einzige, was uns Touristen nervt, für die Einheimischen ist es normal, sind in [...]
Dieser Pub ist einfach nur schön. Snugs gibt es allerdings auch in anderen traditionsreichen Pubs. Aber der Crown ist absolut der schönste. Das einzige, was uns Touristen nervt, für die Einheimischen ist es normal, sind in vielen irischen Pubs die TV Geräte. Immer angestellt und wenns geht laut. Die Leute sehen gerne irgendwelche Soaps a la Lindenstraße. Die Snugs waren übrigens tatsächlich überwiegend für Frauen, die Bier trinken wollten. Bei Longdrinks sagt keiner was, könnte ja auch Limo sein, aber traditionell hat es sich NJchr gehört, dass Frauen in der Öffentlichkeit Bier trinken. Und so mancher Pfarrer konnte sich im Schutz des Snugs auch voll laufen lassen.
Pierre30 17.08.2015
3. Das einmalige Bild dieses hübschen Pub's
als Touristenattraktion kann nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Iren, genau wie Waliser und Schotten, sich oft besinnungslos saufen. Muß wohl an ihrer keltisch gaelischen Gene liegen.
als Touristenattraktion kann nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Iren, genau wie Waliser und Schotten, sich oft besinnungslos saufen. Muß wohl an ihrer keltisch gaelischen Gene liegen.
alexandra2208 17.08.2015
4. Mehr als Guiness fuer den Gaumen
Das war heute morgen eine schöne Überraschung, beim Frühstück einen Artikel über das Pub zu lesen, wo mein Mann und ich gestern ein spätes Mittagessen hatten. Denn das hat The Crown auch noch: im ersten Stock (leider ohne [...]
Das war heute morgen eine schöne Überraschung, beim Frühstück einen Artikel über das Pub zu lesen, wo mein Mann und ich gestern ein spätes Mittagessen hatten. Denn das hat The Crown auch noch: im ersten Stock (leider ohne Kabinen) wird leckerer Pub Grub serviert.
Berliner42 17.08.2015
5.
Schöner Pub, schade nur, daß sie da anscheinend die heimatlosen Allerweltsbiersorten zapfen: Calsberg, Heineken, Amstel, Stella Artois.... muß doch nicht sein.
Schöner Pub, schade nur, daß sie da anscheinend die heimatlosen Allerweltsbiersorten zapfen: Calsberg, Heineken, Amstel, Stella Artois.... muß doch nicht sein.
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