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Reise

Szeneviertel Croix-Rousse

Das Montmartre von Lyon

Wie ein Dorf, aber gleichzeitig urban: Das Viertel Croix-Rousse in Lyon fasziniert Kreative und Touristen. Unterwegs im angesagtesten Quartier der EM-Stadt.

Laurent Berthier/ Lyon Tourism and Conventions
Aus Lyon berichtet
Mittwoch, 06.07.2016   09:17 Uhr

Guy Rolland und Anne Pecquet picknicken in der Vergangenheit. Mit Linsensalat, Käse und Baguette sitzen sie in ihrem Trödelladen, inmitten von Gegenständen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. "Wir lieben diese Epoche", sagt der 59-jährige Rolland und leert sein Glas Rosé. "Mit unserem Geschäft haben wir offenbar einen Nerv getroffen."

Rolland und seine Frau haben vor einiger Zeit einen Secondhand-Shop im Lyoner Szeneviertel Croix-Rousse eröffnet. Hier verkaufen sie alles, was sie auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen finden können: Eierbecher aus Plastik, Kleiderhaken im Retrodesign, Vintage-Möbel, Glasvasen und Kofferradios, aus denen man eher die Stimme von Charles de Gaulle erwarten würde als die von François Hollande. "Unsere Gäste kommen oft ins Schwärmen. Bei uns erinnert sie alles an die Wohnungen ihrer Großmütter."

Genau wie im Laden der sympathischen Trödelhändler trifft im Lyoner Treppenviertel Croix-Rousse die Vergangenheit auf die Gegenwart. Wo einst die Webstühle ratterten und Seidenweber edle Stoffe herstellten, verkaufen junge Modedesigner heute Klamotten, Studenten treffen sich auf ein glutenfreies Sandwich, Juweliere schleifen Gold und Silber zu teurem Schmuck.

Stadt und Dorf zugleich

"Die Gegend verändert sich gerade total", sagt Jean-Pierre Barrel, Inhaber des Petit Noir, einem Literaturcafé im Herzen des Stadtteils. Croix-Rousse sei nie ein reines Arbeiterviertel, sondern dank der Seidenweber immer schon künstlerisch angehaucht gewesen. "Richtig angesagt ist es aber erst seit einiger Zeit."

In den vergangenen Jahren seien immer mehr Menschen hergezogen, die sich für Theater, Musik und Literatur interessieren - und Lesungen in seinem Café besuchen. "Unsere Spezialität ist der Roman noir", sagt der Franzose, der in seinem Geschäft nicht nur Biokaffee, sondern auch Krimis und Sachbücher verkauft. In einem Regal steht neben einer alten Schreibmaschine das "Lexikon der politischen Literatur" in zwei Bänden. Eine junge Französin schreibt auf einem Laptop E-Mails, während Barrel ihr einen Café allongé bereitet.

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Nachtleben von Lyon: "Wir feiern ein Fußballfest"

"Croix-Rousse ist ein bisschen wie Montmartre in Paris", sagt Marie Dalby. "Irgendwie Dorf, aber gleichzeitig total urban." Die 34-Jährige, Latzhose, Kurzhaarschnitt und Kippe im Mundwinkel, arbeitet in einem Buchlädchen am oberen Ende der Montée de la Grande-Côte, einer mehrere Meter breiten Treppe, die die Lebensader des Viertels ist. Rechts und links der steilen Fußgängerzone reihen sich schmucke Geschäfte aneinander: Papeterien, Läden mit Kinderkleidung, Antiquariate und Bistros. "Ich mag den Mix aus alten Geschäften, modernen Boutiquen und Ateliers", sagt Dalby.

Schleichwege durch Lyon

Wie ihr geht es auch den vielen Touristen, die verzaubert durch Croix-Rousse laufen, treppauf, treppab, und manchmal aus der Puste kommen. Die Nachbarschaft ist auch wegen ihres Pass-auf-sonst-verläufst-du-dich-Potenzials so charmant. Unzählige Geheimgänge und Stiegen aus Stein machen aus dem Viertel ein Labyrinth. Bei ziellosen Streifzügen landet man in verwunschenen Hinterhöfen - oder in den sogenannten Traboules.

Früher dienten die Traboules den Seidenwebern als praktische Transportwege. Durch die kilometerlangen überdachten Pfade konnten sie ihre frisch gewebten Stoffe auch bei Regen trocken durch die Stadt bringen. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Hausdurchgänge außerdem von Widerstandskämpfern genutzt. Sie boten ihnen Schutz, wenn sie sich verstecken mussten, weil die Traboules in Stadtplänen nicht verzeichnet sind.

Brice Robert/ Lyon Tourism and Conventions

Cour des Voraces

Die meisten der rund 400 Traboules von Lyon gibt es zwar in der Altstadt. Aber am Hang von Croix-Rousse ist ein besonders eindrucksvoller Geheimgang zu bestaunen: Er reicht über sieben Etagen und durchquert zwei Gebäude. Am Place Colbert führen ein paar Stufen in das imposante Treppenhaus des Cour des Voraces, den Hof der Gefräßigen. So nannte sich die hier ansässige Seidenweberbruderschaft, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts besonders kämpferisch für ihre Ziele einsetzte - für bessere Arbeitsbedingungen, für die Republik und gegen die Verkleinerung der Weinkaraffen in den Gaststätten.

"Croix-Rousse gehört uns"

Heute haben sich Leute wie Buchhändlerin Marie Dalby in den ehemaligen Weberwohnungen einquartiert. Ihre Miete ist noch erschwinglich. "Ich bin vor fünf Jahren hergezogen", sagt Dalby. "Damals war ein 150 Quadratmeter großes Apartment noch durchaus bezahlbar." Inzwischen seien die Preise jedoch drastisch gestiegen.

Das stößt auch bei den Leuten auf Unmut, die schon lange in dem Viertel wohnen. "Croix-Rousse gehört uns", hat jemand an eine Mauer gesprüht. Die Menschen hier wehren sich, wenn auch zaghaft, gegen die Gentrifizierung ihrer Gegend. "An der Montée de la Grande-Côte wurde gerade ein Neubau mit Sozialwohnungen errichtet", sagt Trödelhändler Guy Rolland, der selber nicht aus dem Viertel kommt. "Es ist gut, wenn Croix-Rousse durchmischt bleibt, wenn alte und neue Bewohner gemeinsam hier leben."

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insgesamt 7 Beiträge
io_gbg 06.07.2016
1. Das Montmartre?
Monmartre ist Deutschen maskulin: "Der Monmartre"
Monmartre ist Deutschen maskulin: "Der Monmartre"
deliliah 06.07.2016
2. Haben Sie dafür einen Beleg?
So wird z.B. auf Paris-Info ein Artikel ebenfall mit das angeführt: "Das Montmartre von Amélie Poulain." Ich kann es leider nicht belegen, da der Duden-Online den Artikel nicht mit angibt, aber m.W. nach ist "das [...]
So wird z.B. auf Paris-Info ein Artikel ebenfall mit das angeführt: "Das Montmartre von Amélie Poulain." Ich kann es leider nicht belegen, da der Duden-Online den Artikel nicht mit angibt, aber m.W. nach ist "das Montmatre" richtig. Eigennamen sind per se ja nicht maskulin.
troy_mcclure 06.07.2016
3.
Das Montmartre = das Viertel Der Montmarte = der namensgebende Hügel selbst. Interessant finde ich die Traboules, in St. Etienne habe ich sie bereits besucht.
Das Montmartre = das Viertel Der Montmarte = der namensgebende Hügel selbst. Interessant finde ich die Traboules, in St. Etienne habe ich sie bereits besucht.
at.engel 06.07.2016
4.
Prinzipiell versucht man bei Worten, die nicht überzetzt werden, das ursprüngliche Geschlecht beizubehalten - was nicht unbedingt immer überzeugend klingt. Das wäre also in dem Fall "der" Montmartre. Geläufige Worte [...]
Prinzipiell versucht man bei Worten, die nicht überzetzt werden, das ursprüngliche Geschlecht beizubehalten - was nicht unbedingt immer überzeugend klingt. Das wäre also in dem Fall "der" Montmartre. Geläufige Worte werden aber meist nach und nach eingedeutscht: aus der Montmartre wird "das" (Viertel) Montmartre. Viele Worte bekommen dann erst einmal ein deutsches "s" im Plural. Andere Worte bekommen trotz (nichtdeutscher) Aussprache einen deutschen Plural (e,en) verpasst, wie zum Beispiel Auberginen oder Ähnliches; später werden sie dann graphisch eingedeutscht. Alle Fremdwörter (oder auch fremde Eigennamen) werden aber je nach Herkunft auch nicht gleichbehandelt. Kurz, da herrscht im Deutschen relativ Chaos, und damit muss man leben. Der oder das... was soll's?! Aber mal ganz abgesehen davon, hat "die" (oder "das") Croix-Rousse mit dem Montmartre heute gar nichts zu tun. In Paris stehen die Namen nur noch für irgendetwas, was es so schon lange nicht mehr gibt. Hübsche Fassaden (so schaut das dann aus, wenn man ein französisches Wort komplett eindeutscht), klangvolle Namen, aber so ab 8000€/m² ist da nicht mehr viel Raum für irgendeine Form von Leben. Da werden noch die Touristen abgezockt, und das war es dann auch... Da ist Lyon schon interessanter - nicht unbedingt immer so elegant, oder so schön wie Paris, aber irgendwo noch authentischer. Die Quais de la Saône, das hat einfach was... Aber ich bin auch zehn Jahre lang an Lyon vorbeigefahren ohne zu kapieren, dass diese Stadt es wirklich verdient, öfter mal Halt zu machen.
ConscienceTranquille 06.07.2016
5. Lyon ... völlig verkannte Stadt
Ich habe selbst 10 Jahre in Lyon gelebt. Diese Stadt wird von vielen Menschen schlicht verkannt, da man sie zumiest von der Reiseroute Richtung Mittelmeer kennt - und die führt bei Lyon eben einfach durch die industriellen Teil [...]
Ich habe selbst 10 Jahre in Lyon gelebt. Diese Stadt wird von vielen Menschen schlicht verkannt, da man sie zumiest von der Reiseroute Richtung Mittelmeer kennt - und die führt bei Lyon eben einfach durch die industriellen Teil der Stadt mit ihre Raffinerien. Lyon hat wunderschöne Uferpromenaden mit jeder Menge Cafés und Kneipen zu bieten, kann aber ebenso mit Kulturerlebnissen punkten. Diese Stadt verbindet im Kleinen den Flair von Paris mit der Menschlichkeit einer überschaubareren Stadt, was die Lebensqualität zu schätzen weiß.
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