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Wissenschaft
Ausgabe
23/2004

Höhlenforschung

Unterwelt am Himmel

Seit über fünfzig Jahren erkundet der Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke die Höhlen der Alpen. Nun will er nach Leben auf dem Mars suchen ­ und klettert dazu in die unterirdischen Lavalabyrinthe auf der Vulkaninsel Hawaii.

Samstag, 29.05.2004   00:00 Uhr

Schwarze Schlacke bedeckt den Bodenkilometerweit, Reste des rot glühenden Lavastroms, der sichhier herabwälzte. In dieser Steinwüste gibt es weder Wäldernoch Wiesen. Der Westhang des Mauna-Loa-Vulkans auf Hawaiiist eine monotone Mondlandschaft - ideale Voraussetzungenalso für die Suche nach Leben im All, findet Herbert W.Franke: "Wenn hier Leben möglich ist", sagt er, "dann kannes theoretisch überall entstehen."

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 23/2004
Die Landung

Franke, ein zierlicher Mann mit weißer Mähne und stechendemBlick, schlüpft in einen abgewetzten Blaumann, setzt einenSchutzhelm auf, knipst die Stirnlampe an und stapft hinabzum schwarz gähnenden Eingangsportal der Höhle von KulaKai, wo der Höhlenforscher Ric Elhard schon auf ihn wartet.Ihre Stiefel knirschen über den Lavaboden. Die Dämmerungwird dichter, schließlich ist es stockdunkel. Nur dieLichtkegel der Stirnlampen huschen umher. In dieserUnterwelt will Franke nach möglichem Leben auf fremdenHimmelskörpern suchen.

Franke, der Mitte Mai seinen 77. Geburtstag feierte, istder wohl dienstälteste Science-Fiction-Autor deutscherSprache. Seine erste Geschichte ("Kalziumaktivierung")erschien 1953 in der Wiener Kulturzeitschrift "Neue Wege",in der auch die Sprachartisten Ernst Jandl und FriederikeMayröcker veröffentlichten. Seitdem sind über 50 Romane,Sachbücher und Kunstbände von ihm erschienen. Zusammen mitden Fremdsprachenausgaben beanspruchen sie bald zweiRegalmeter daheim im winzigen Örtchen Puppling bei München,wo er mit seiner Frau in einem abgelegenen Haus wohnt.

Seine Romane wie "Das Gedankennetz" (1961), "DerOrchideenkäfig" (1961) oder "Endzeit" (1985) wurdenvielfach ausgezeichnet, jahrzehntelang prägte er das Genreals Herausgeber von Reihen und Anthologien. Wird er nachseiner Biografie gefragt, so fragt er kokett zurück:"Welche meinen Sie denn? Ich habe drei."

Seinen zweiten Lebenslauf widmete Franke der Computerkunst.Schon in den fünfziger Jahren experimentierte er mitOszillatoren herum und schuf mathematisch-psychedelischeBildwelten. Vor 25 Jahren zählte er dann zu den Gründernder Ars Electronica, einem wichtigen Medienkunst-Festival.

Daneben aber widmete sich Franke auch der hartenWissenschaft. In seinem dritten Lebenslauf nämlich ist derpromovierte Physiker ein international anerkannterHöhlenforscher. Vor allem eine neue Methode zurAltersbestimmung von Tropfsteinen und seine Mitarbeit beider Erforschung der Dachstein-Mammuthöhle in Österreich haben ihn seit denfünfziger Jahren bekannt gemacht.

Nun kehrt Franke zu seinen Ursprüngen alsnaturwissenschaftlicher Höhlenforscher zurück - ohne jedochdie Phantasie des Geschichtenerzählers aufzugeben.

Seine "wissensbasierte Vision" ist so einfach wieüberraschend: Wer nach Hinweisen auf außerirdisches Lebensucht, solle das am besten in Höhlen tun. Auf dem Mars zumBeispiel fahnden die Roboter bislang stets auf derOberfläche nach Spuren von Wasser und Leben. "Aber dawürden Organismen von Meteoriten, Stürmen, harterUV-Strahlung, Temperaturschwankungen und Trockenheitheimgesucht. In geschützten Höhlenräumen sind dieLebensbedingungen dagegen viel besser", sagt Franke. Um dasnachzuweisen, stolpert er hier durchs Dunkel.

Im Schein seiner Stirnlampe schimmert eine fremdartige Weltauf. Die Höhlenwände scheinen mit einer glatten Lasur wieein Schokokuchen überzogen - "Chocolate Factory" heißtdaher eine Kammer. Der hohe Anteil an Magnetit verwirrt denKompass.

Zimmergroße Bälle aus erkalteter Lava liegen herum, von derDecke hängen Tropfen aus rotem Basalt, die teilweise schrägnach oben gewachsen sind - dem heißen Aufwind der Lavafolgend. Immer wieder kreuzen und verzweigen sich dieGänge, oft öffnet sich jäh ein Loch im Boden. Die Gängemäandern umeinander, verschlungen wie ein Teller Makkaroni.Über 25 Kilometer lang ist dieses Labyrinth, nur eines vonvielen auf Hawaii.

Entstanden sind diese Höhlensysteme durch einen Lavastrom,der sich seit 1500 Jahren immer wieder vom Mauna Loahinabwälzt, das letzte Mal 1907. "Langer Berg" bedeutetsein Name, er reckt sich vom Meeresboden aus 9000 Meterempor und gilt als mächtigster Vulkan der Erde.

Die Tunnel entstehen dadurch, dass die äußerste Lavaschichtbereits zu einer Steinhülle erkaltet, während dieglutflüssige Lava in der Mitte weiterrinnt. So bilden sichteilweise unterhöhlte Böschungen, Canyons und meterhohewasserfallähnliche Steilstufen, die eben nicht durchWasser, sondern durch feuriges Magma entstanden sind."Pyroducts" werden diese "Feuerleitungen" genannt, überderen Entstehung schon der Philosoph Immanuel Kant vor 200Jahren in seiner "Physischen Geographie" spekulierte.

Franke bleibt stehen. Ein Gerippe liegt im Lichtscheinseiner Stirnlampe: eine junge Ziege, die vermutlich vonoben zu Tode gestürzt ist, als sie durch ihr Gewicht diemürbe Decke zum Einstürzen brachte. Derlei Deckenstürzemachen junge vulkanische Landschaften gefährlich fürWanderer. Andererseits öffnen diese steinernen Falltürenvöllig neue Einblicke für die Astrogeologie. Denn einigeRegionen des Mars sind offenbar übersät von ihnen.

Olympus Mons heißt der mit rund 27 Kilometer Höhe größteVulkan des Sonnensystems auf der Nordhalbkugel des Mars.Erst 1971 enthüllte die Marssonde "Mariner 9" , dass anseinen Flanken geheimnisvolle Vertiefungen aufgereiht sindwie Perlen auf einer Schnur - möglicherweise dieeingestürzten Decken darunter verborgener Lavaröhren.

"Große Teile des Mars müssen von Höhlen geradezu wie einSchweizer Käse durchlöchert sein", glaubt Franke. Auf demMars seien erstarrte Lavaströme von 1000 Kilometer Länge zuerkennen: "Dort muss es also Höhlen geben, weitaus größerals jene der Erde, denn der beschriebene Vorgang derRöhrenbildung beruht auf einem Naturgesetz, das nicht nurfür unseren Planeten, sondern im gesamten Weltraum gültigist."

Seit Jahren schon spekulieren Wissenschaftler über dieverborgenen Unterwelten am Himmel: Nicht nur auf dem Marsgebe es ausgedehnte Lavahöhlensysteme, sondern vielleichtauch auf Merkur, Venus und auf dem Jupitermond Io.

Diese unterirdischen Schutzzonen seien das ideale Habitatfür außerirdisches Leben, glaubt auch der angeseheneamerikanische Astrogeologe Ronald Greeley, "aber bislangsind extraterrestrische Höhlen so gut wie unerforscht".

"Die Nasa und die anderen Raumfahrtbehörden ignorieren unsHöhlenforscher fast völlig", klagt Franke, "wir Speläologendagegen waren schon immer vom Weltall fasziniert." Er zeigtauf einen strahlend weißen Tropfen, der von der Deckehängt: "Mondmilch nennen wir diese Struktur aus Calcit."Heruntergestürzte Deckenteile auf dem Höhlenboden würdenhier "Asteroid" genannt. "Und als wir im Februar 1971 inder Dachstein-Mammuthöhle unterwegs waren, mussten wir vielan die Astronauten von ,Apollo 14' denken, die zur gleichenZeit im Fra-Mauro-Hochland den Mond erkundeten", erinnertsich Franke. "Genau wie die waren auch wir mehrereTagesreisen von der Erdoberfläche entfernt in einer fast außerirdisch fremden Welt - nur hatten wir,im Gegensatz zu den Astronauten, keinerlei Funkkontakt."

Zurück in die Unterwelt von Hawaii: Der Gang scheint zuEnde - ein Versturz aus großen Lavabrocken verbaut den Weg.Doch ein Lufthauch auf Beinhöhe verrät Franke, dass esweitergeht. Ohne zu zögern zwängt er sich kriechend durchden kniehohen Spalt. Zum Schutz vor den messerscharfenLavakanten trägt er Plastikschoner an Knien und Ellenbogen.Sein Lichtkegel verschwindet im Spalt, nur noch einSchnaufen ist zu hören und das Schleifen und Reißen amscharfkantigen Boden. "Es geht weiter!", tönt esschließlich hohl aus dem Loch.

"Solche engen Schluf-Stellen waren schon immer meineSpezialität", prahlt der 77-Jährige am anderen Ende. DieForscherkarriere des ehemaligen Flakhelfers aus Wien begannim August 1951 mit einer Expedition zu einemUnglücksschacht im "Toten Gebirge", wo kurz zuvor einSkifahrer spurlos in einer Felsspalte verschwunden war."Höhlenforschung war für mich damals die einfachste Art, soweit weg wie möglich zu reisen und Neuland zu betreten",erinnert sich Franke. Die Höhlen des Dachsteingebieteslagen quasi vor seiner Haustür und waren doch fremdartigerals jedes Land unter der Sonne.

Der Abstieg in die Unterwelt war für den damals 24-jährigenJungphysiker gleichzeitig der Einstieg in die Science-Fiction - die Fortsetzung der Abenteuerlust mit anderenMitteln. In vielen seiner Geschichten wird nicht nur mitRaumschiffen das All erkundet, sondern immer wieder indunklen Labyrinthen geklettert, gekrochen, abgeseilt,abgestürzt.

Peter Parsival war eines seiner frühen Pseudonyme, welchesman als "Stein-Sucher" übersetzen könnte. Seitdemproduziert er Höhlengleichnisse am laufenden Band: Auchseine Computergrafiken simulieren oft steinerneUnterwelten.

Frankes nächster Roman "Cyber City Süd", der 2005erscheinen soll, handelt von einer zukünftigenZivilisation, deren Wasserversorgung sich komplett ausunterirdischen Kanalsystemen speist - wie einst auch aufHawaii üblich.

Denn der Urbevölkerung dienten die Lavaröhren alsnatürliche Zisternen, um in Trockengebieten dieWasserversorgung zu garantieren: Immer wieder stoßenHöhlenforscher auf jahrhundertealte Holzgefäße, die dazudienten, das Wasser aufzufangen, das vielerorts von denWänden tropft.

Je tiefer Franke vordringt, desto schwüler wird die Luft,die Wände glänzen. In anderen Höhlen befinden sich sogar reißende Bäche und stille Seen.

Plötzlich, Stunden vom Eingang entfernt und über zehn Meterunter der Erde, steht Franke vor einem Vorhang aus dichtemWurzelwerk: Die zähen Eisenholz-Bäumchen saugen von hierunten die lebensnotwendige Feuchtigkeit. GelblicheSchleimballen hängen von der Decke, Bakterienkolonien, vondenen vermutet wird, dass sie zur Medikamentenherstellunggeeignet sein könnten. Eine blinde Spinne huscht über dieWand, aufgeschreckt von den Erschütterungen der Schritte.Winzige bleiche Insekten krabbeln umher.

Über 70 hoch spezialisierte Arten wurden in den letztenJahren in den Lavahöhlen der Hawaii-Inseln entdeckt,bisweilen exotisch wie Aliens: spezielle Höhlengrillen,flugunfähige Fliegen, blinde Wolfsspinnen. Die lichtlosenOasen des Lebens gaben den Höhlenbiologen anfänglich großeRätsel auf, denn die Besiedelung neuer Hohlräume vollziehtsich unerklärlich schnell. Bis ihnen auffiel: Weite Teileder hawaiianischen Unterwelt sind großräumig vernetzt,schon wenige Millimeter enge Spalten reichen für dieEinwanderung einiger Spezies aus benachbartenHöhlensystemen.

Die Steinwüste lebt - nur eben anders und woanders, als manvermutet hätte. Als bereits Astronauten über dasFra-Mauro-Hochland des Mondes tappten, war die fremde Weltdirekt unter den Sohlen der Hawaiianer weitgehendunbekannt.

Möglicherweise werden sich zukünftige Astronauten sogarwieder in Höhlenmenschen verwandeln, spekulierenWissenschaftler wie der Darmstädter Lavaröhren-SpezialistStephan Kempe oder der Astrogeologe Greeley: Mitvergleichsweise geringem Aufwand ließen sichextraterrestrische Lavahöhlen in Raumstationen verwandeln:Ein luftdichter Abschluss würde reichen, um Höhlenbewohnervor Stürmen, Temperaturschwankungen und UV-Strahlung zuschützen.

Franke behagt dieser Gedanke. Zufrieden setzt er sich aufeine Basaltböschung und betrachtet die unterirdische Oaseringsum. Ob Ähnliches dereinst auf Mars, Venus oder Iogefunden wird? Es steht in den Sternen - oder vielleicht ineinem neuen Roman von Herbert W. Franke.

HILMAR SCHMUNDT

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