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DER SPIEGEL

nachrufDer Glücksfall

Er war unterhaltsam und angriffslustig, streitbar und ein bezwingender Erzähler des HolocaustGrauens: eine Würdigung des Freundes und Gesprächspartners Marcel Reich-Ranicki.
Da steht der Sessel, in dem er so gern gesessen hat. Auf der einen Armlehne liegt eine Rose, auf der anderen die Fernbedienung. Er selbst, Marcel Reich-Ranicki, ist auf einem gerahmten Foto zu sehen. Alles arrangiert von Andrew Ranicki, vom einzigen Sohn, der seinen Weg jenseits der Literatur als Professor für Mathematik gegangen ist.
Wenige Tage nach dem Tod des großen deutschen Literaturkritikers und Holocaust-Überlebenden, im Anschluss an die Trauerfeier auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, findet ein kleiner Kreis von Verwandten, Freunden und Kollegen noch einmal in der Wohnung Reich-Ranickis in der Gustav-Freytag-Straße zusammen. Ein melancholischer Moment, auch wenn es genug Anekdoten und Erinnerungen auszutauschen gibt.
Wie oft habe ich ihm in diesem Zimmer gegenübergesessen, teils privat, teils als Interviewer. Seit vielen Jahren schon fiel Reich-Ranicki, dem Gesprächspartner und Freund, das Gehen und vor allem das Treppensteigen schwer. Aber sein elektrisch verstellbarer Sessel bereitete ihm Vergnügen - wie auch der Kulturkanal im Fernseher, den er von seinem Platz aus anwählen konnte.
Seine letzten beiden großen öffentlichen Auftritte sind Ereignisse gewesen. Der eine fand 2008 live im deutschen Fernsehen statt, provokativ und spontan vor großem Publikum in Szene gesetzt, der andere - 2012 im Deutschen Bundestag - war von historischer Dimension, bewegend und verhalten.
Das eine Mal lehnte Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis als Auszeichnung für sein Lebenswerk ab, das andere Mal berichtete er am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz über sein Leiden im Warschauer Ghetto. Er war beides: ein populärer TV-Star, unterhaltsam, streitbar, angriffslustig, und er war als Holocaust-Überlebender ein bezwingender Erzähler des Grauens, auch in dieser Eigenschaft einzigartig, prominent und gerühmt.
Seine Jugend verbrachte der 1920 in Polen geborene Sohn einer deutschen Mutter in Berlin, wo er auch noch sein Abitur machte, bevor er 1938 nach Warschau deportiert wurde. 20 Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück, obwohl die Deutschen fast seine gesamte Familie ermordet hatten.
"Ich bin kein Deutscher", sagte er. "Aber: Man kann mir mein Deutschtum nicht aberkennen. Und mein Deutschtum hat sehr viel zu tun mit deutscher Literatur und deutscher Musik."
Seine lebenslange Verehrung für Thomas Mann hing auch mit dessen Äußerung über die neuen Machthaber in Deutschland vom Januar 1937 zusammen: "Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden."
Als der "FAZ"-Literaturchef Reich-Ranicki mich im Jahr 2000 bat, einen Band herauszugeben, der seine Korrespondenz mit Golo Mann dokumentieren sollte, geschah auch das nicht zuletzt um dessen Vaters willen. Als umgekehrt der Mann-Sohn dem Briefpartner für das dankte, "was Sie für TM tun", schrieb Reich-Ranicki gerührt zurück: "Ich glaube, lieber Herr Mann, dass TM, den ich nie im Leben gesehen habe, mehr für mich getan hat, als ich je für ihn tun konnte."
Mit dem SPIEGEL verband Reich-Ranicki ein intensives und wechselvolles Verhältnis. Nicht immer ging das Blatt zimperlich mit ihm um, er beklagte einmal die "Infamien", die "gegen mich gerichtet waren". Alles in allem aber herrschte Respekt, ja Zuneigung auf Gegenseitigkeit vor.
Hier stand eine Gastbühne für den Kritiker bereit, der von 1960 bis 1973 für die "Zeit" schrieb und danach als leitender Redakteur den Literaturteil der "Frankfurter Allgemeinen" zu einem der wichtigsten im Land machte. Von 1969 an erschienen seine SPIEGEL-Kritiken in unregelmäßigen Abständen. Reich-Ranicki schrieb über Gegenwartsautoren wie Günter Grass, Monika Maron oder Christa Wolf, über die Tagebücher Thomas Manns und über Robert Musils Romanwerk.
Und wohl auch um die deutschen Schriftsteller ein wenig zu ärgern, schrieb er ihnen ins Stammbuch: "Jedes SPIEGEL-Heft ist unterhaltsamer und wichtiger als beinahe alle heutzutage gedruckten Romane." Das größte Lob aber, das Marcel Reich-Ranicki dem Nachrichten-Magazin spendete, war besonders vor dem Lebenshintergrund dieses Mannes von geradezu historischem Ausmaß: "In einem Deutschland, in dem es keinen SPIEGEL gäbe, möchte ich nicht leben."
Und man darf ihm wohl nachrufen: Deutschland wäre heute ein weniger lebenswertes Land, hätte er nicht den Entschluss gefasst zurückzukehren, leidenschaftlich die deutsche Literatur zu rühmen und zu verteidigen, in Reden und Diskussionen an den Völkermord zu erinnern und schließlich in seiner Autobiografie "Mein Leben", mehr als eine Million Mal verkauft, zu erzählen, was in deutschem Namen Juden wie ihm angetan worden ist.
Marcel Reich-Ranicki war ein Glück für unser Land und ein Glücksfall für die deutsche Nachkriegsliteratur.
Von Volker Hage

SPIEGEL Chronik 1/2013
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