Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Die letzten Helden

Hollywood nimmt Abschied von Katharine Hepburn und Gregory Peck.
Das Schöne am Kino ist, dass man da einfach für eine Weile alles andere vergessen kann - so umschreiben die Leute am liebsten, warum sie es lieben. Im Kino ist immer Gegenwart. Es ist vergesslich, es ist kein Ort für Erinnerungen. Die Filme von früher sind weder im Kino um die Ecke noch im nächsten Multiplex zu sehen; eigentlich stehen sie, streng sortiert, überhaupt nur in speziellen "Filmmuseen" auf dem Programm.
Dass es im populären Bewusstsein dennoch etwas wie Filmgeschichte gibt und dass sogar nur wenige historische Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in der allgemeinen Erinnerungen so präsent sind wie die großen Kinostars - das ist kein Verdienst des Films.
Paradoxerweise ist das vielmehr eine Wirkung des Fernsehens: Dieses Medium, das von seiner Konzeption her auf die Aktualität und das Live-Ereignis gerichtet sein sollte, hat - halb zufällig, halb zwangsläufig - eine seiner am meisten geschätzten Rollen in der Bewahrung und Vergegenwärtigung der Kinogeschichte gefunden.
Der Grund ist simpel: Der Stoffhunger dieses Apparats war vom ersten Tag an nicht mit interessanten Aktualitäten oder Eigenproduktionen zu stillen, und eine attraktivere Alternative als den Griff in den unerschöpflichen Fundus der Kinogeschichte gibt es bis heute nicht. Ohne das Fernsehen (und seine später entwickelten Hilfsmedien) wären auch die größten Filmemacher und Filmstars der Vergangenheit weithin vergessen.
Jetzt sind kurz nacheinander zwei dieser großen, längst legendären Hollywood-Ikonen gestorben: Katharine Hepburn und Gregory Peck. Die Filme, mit denen sich deren Bild und Ruhm verbindet, sind 40, 50, sogar über 60 Jahre alt, und doch stehen ihre Erscheinungen jedem, der das Kino liebt, lebendig vor Augen.
Was Katharine Hepburn zu jener einzigartigen Hollywood-Diva gemacht hat, die all ihre Zeitgenossinnen, Partnerinnen, Rivalinnen erst überragte und dann um Längen überlebte, wusste sie selbst nicht zu umschreiben: "ein kantiges Gesicht, eine kantige Figur, eine kantige Persönlichkeit", fertig. Sie kam aus einer wohlhabenden New-England-Familie, in der man Schauspielerei für Frivolität hielt, doch man ließ sie gewähren. Der draufgängerische Schwung, mit dem sie sich über die eigene tief sitzende Schüchternheit hinweghalf, gab ihr oft etwas Arrogantes. Doch sie war eine unübersehbar aparte, aristokratische Erscheinung, dazu rasend ehrgeizig, und ihr Strahlen konnte, wenn sie wollte, unvergleichlich und unwiderstehlich sein.
So hat sie im Dreißiger-Jahre-Hollywood eine Blitzkarriere gemacht, der ein tiefer Sturz folgte und dann ein glorioses Comeback mit zwei Filmprojekten, die sie (was damals ziemlich unerhört war) selbst in Gang gebracht hatte: "The Philadelphia Story" (1940) und "Woman of the Year" (1941). Mit diesem Doppelerfolg war sie in Hollywood für immer obenauf und ließ sich von niemandem mehr herumkommandieren - außer von Spencer Tracy, den sie sich als Partner für "Woman of the Year" ausgesucht hatte und an dem sie dann als diskrete und fürsorgliche Geliebte ein gutes Vierteljahrhundert lang bis zu seinem Tod 1967 festhielt. Neun Filme haben die beiden zusammen gemacht, teils heitere, teils melodramatische Variationen des ewigen Themas von der Liebe als Katz-und-Maus-Spiel: Zur strahlenden Eleganz ihrer Erscheinung und zu ihrem unwiderstehlichen Kratzbürstencharme kam im Zusammenspiel mit dem Geliebten eine Wärme, die später auch auf andere Filmpartner (von Humphrey Bogart 1951 in "The African Queen" bis zu Henry Fonda 1981 in "Am goldenen See") ausstrahlte.
In angelsächsischen Zeitungsumfragen, die vor der Jahrtausendwende die "größten Stars aller Zeiten" ermitteln wollten, kam Katharine Hepburn auf Platz eins. Vermutlich überrundete sie die Garbo, weil sie sich der Welt nicht im Nebel einer "Legende" entzog, sondern - sie war zwar schüchtern, doch auch zäh - bis in die neunziger Jahre ihr herbes, knochiges und mit Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht trotzig der Kamera entgegenhielt. Kein Star außer Katharine Hepburn wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, doch niemals hat sie einen persönlich entgegengenommen - dafür war sie, wie sie sagte, einfach zu schüchtern.
Das American Film Institute, des-sen Anliegen nicht der Starkult, sondern die Erinnerungspflege ist, hat kürzlich durch eine Umfrage die größten "Helden" der amerikanischen Kinogeschichte ermittelt. Auf Platz eins kam - vielleicht sogar zur Überraschung der Fragenden - kein Haudegen, kein Draufgänger, kein Wildwest-Schützenkönig, sondern ein rechtschaffener Rechtsanwalt namens Atticus Finch, der vor Gericht verliert, moralisch aber siegt: Gregory Peck in "Wer die Nachtigall stört" (1962), ein Vorbild als Vater, als Kämpfer für Gleichberechtigung und Gewaltlosigkeit, als Repräsentant von Anstand und Aufrichtigkeit, alles in allem das Idealbild des "guter Amerikaners" in einer Zeit, als Amerika insgesamt sich selbst noch fraglos für gut hielt.
Natürlich bekam Gregory Peck für diese Rolle einen Oscar und hat sie sein Leben lang seine liebste genannt. Er war wie dieser Atticus Finch ein Gentleman ohne Allüren, als Privatmensch diskret und seit fast 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet, als Staatsbürger aber entschieden im Auftritt für seine Überzeugungen: gegen rassistische Umtriebe, gegen die atomare Aufrüstung und gegen den Vietnamkrieg. Lyndon B. Johnson hat ihm die höchste zivile Auszeichnung des Landes verliehen, die "Medal of Freedom"; Richard Nixon ließ ihn angeblich bespitzeln; gegen Ronald Reagan trat er in einem Fernsehspot auf.
So unwiderstehlich gut auszusehen und also immer wieder den Guten spielen zu müssen, den Vorbildlichen und Gerechten, was ja keineswegs immer die attraktivste Rolle ist - das hat Gregory Peck, dessen Starkarriere 1944 mit einer Priesterrolle begann, auch als Begrenzung empfunden: So viele noble Westernhelden und Offiziere, so viele fürsorgliche Rechtsanwälte und Familienväter - auf der Flucht davor hat er den besessenen Kapitän Ahab in "Moby Dick" gespielt, den egomanen General MacArthur und (in einer fatalen Kolportage) sogar den Doktor Mengele. Doch erstaunlicher ist, wie ihm wenigstens einmal der Sprung über den Schatten der eigenen Seriosität in die Komödie gelungen ist: Wer sich an Gregory Peck erinnert, erinnert sich auch an Audrey Hepburn, an "Ein Herz und eine Krone" (1953). Von vielen Stars wird gesagt, dass sie in Wirklichkeit kleiner seien, als man gedacht hätte, von Peck hingegen, dass er einem im Leben noch größer vorkam als im Kino.
Gregory Peck war 87, als er in der Nacht zum 12. Juni starb; Katharine Hepburn starb am 29. Juni, mit 96. Doch im Gedächtnis bleiben sie strahlend lebendig. Das ist die kleine Art von "Unsterblichkeit", in die Hollywood seine großen Stars zu erheben vermag. URS JENNY
Von Urs Jenny

SPIEGEL Chronik 54/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung