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DER SPIEGEL

AUGUST 2005„Helft uns“

New Orleans versinkt in den Sturmfluten des Hurrikans „Katrina“. Das Chaos regiert, der überforderte Präsident George W. Bush reagiert hilflos und zu spät.
"Big Easy", die schöne Leichtlebige, nennen sie ihre Bewohner, und dass sie in tödlicher Gefahr schwebt, war kein Geheimnis.
Keine amerikanische Großstadt ist so verwundbar wie New Orleans. Wie eine tiefe Suppenschüssel liegt sie eingezwängt im Mississippi-Delta zwischen Fluss und dem riesigen Pontchartrain-See. "Ich will gar nicht daran denken, was ein Sturm hier anrichten kann", hat Walter Maestri, der Leiter des örtlichen Katastrophenschutzes, einmal gesagt.
"Weggespült" nannte ein Autorenteam der Lokalzeitung "Times Picayune" schon 2002 eine fünfteilige Serie über die unvermeidliche Katastrophe, die New Orleans einmal ereilen werde: "Es ist nur eine Frage der Zeit." Als Hurrikan "Katrina", ein wahrer Monstersturm, über die Golfküste fegt, ist es so weit. Und Satz für Satz stellen sich die Voraussagen der Journalisten als schrecklich wahr heraus - die Dämme zu schwach, um die Stadt zu schützen, die Evakuierungspläne mangelhaft, die Behörden überfordert.
Fünfmal fliegt Major Rich Henning mit seinem Turboprop-Wetterflugzeug in das Auge des Sturms. Eine Sonde am Rumpf, eine Art Stethoskop für Stürme, misst den Luftdruck. Als sie 915 Millibar anzeigt, warnt der Nationale Wetterdienst, "die Vorbereitungen, Menschen und Eigentum zu retten, jetzt schnell zu beenden".
Nur: Es gibt gar keine. Den Befehl zur Evakuierung von New Orleans geben Bürgermeister Ray Nagin und Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco, ein unsägliches Duo, viel zu spät. Rette sich, wer kann, heißt die Aufforderung im wahrsten Sinne des Wortes, Armut ist das schmutzige Geheimnis des Südens. Jenseits der sündhaft teuren Restaurants im French Quarter, wo Millionen Touristen fiebrig ausgelassen den Mardi Gras feiern, liegen die Armutsquartiere. Hier leben zumeist Schwarze, die Arbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent, seit Bushs Amtsantritt ist die Zahl der Armen landesweit wieder auf 37 Millionen gestiegen.
Es wird eine Flucht entlang der Klassengrenzen - die Reichen fliegen erster Klasse aus dem Krisengebiet, der Mittelstand nimmt das Auto und bucht ein Hotelzimmer im Norden. Der Rest bleibt.
Nichts daran ist überraschend, wer wenig besitzt, will das nicht auch noch verlieren. Und so hocken Zehntausende in ihren heruntergekommenen Trailerparks, den baufälligen Vorstädten und in zwei Evakuierungszentren, als "Katrinas" Wucht die Deiche der Stadt bersten lässt.
Kein Trinkwasser, kein Strom, 15 Prozent der örtlichen Polizei desertieren oder schließen sich den Plünderhorden an, die durch die Stadt ziehen. Fernsehbilder zeigen Polizistinnen, die einen Einkaufswagen durch einen aufgegebenen Wal Mart schieben. Die Staatsmacht auf der Suche nach den besten Hurrikan-Schnäppchen. Kollegen greifen sich Rolex-Uhren und Chrysler-Limousinen. Im Hauptquartier der Nationalgarde von Louisiana herrscht Land unter, weil die Fluten auch das Militär nicht verschonen. Nicht der gepeinigten Stadt, sondern ihren eigenen Rekruten, von denen viele nicht schwimmen können, muss erst einmal geholfen werden. "Es kotzt mich an, sie schicken nur ein paar Scheiß-Busse, dabei wissen sie gar nicht, was hier unten los ist", pöbelt Bürgermeister Nagin in Richtung Weißes Haus. Seine eigenen Busse sind auf dem Parkplatz abgesoffen, Nagin hat sie nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen lassen.
Lokale Behörden seien schnell überfordert, prophezeite im Dezember 2004 ein Regierungsbericht. Es hätte also die Stunde Washingtons, der wahren amerikanischen Staatsmacht, sein müssen. Als 2004 ein Hurrikan Florida heimsuchte, war sie zur Stelle. Die Armee, Trucks mit Eis und Lebensmitteln rückten an. Ein lächelnder George W. Bush stand am Straßenrand und verteilte mit den Helfern der "Federal Emergency Management Agency" Wasserflaschen an die Flüchtlinge. Da waren es noch zwei Monate bis zur Wahl, und der Präsident musste um die entscheidenden Wahlmännerstimmen aus Florida zittern.
"Katrina" ist weit mächtiger als sein Vorgänger, ein Wolkenwirbel, der fast den gesamten Golf von Mexiko überzieht. Aber Bush bleibt erst einmal im Urlaub. Die Entourage streitet herum, wer ihm die schlechte Nachricht überbringen muss: Mr President, in Zeiten der nationalen Krise können Sie hier nicht weiter mit dem Mountainbike herumradeln. Fernsehnachrichten mag Bush nicht, also führt ihm sein Pressesprecher per DVD die Lage vor: "Helft uns", rufen die Menschen auf den Hausdächern, Gouverneurin Blanco droht den Plünderern mit gezielten Todesschüssen. In einem Evakuierungszentrum gibt es kein Wasser, notdürftig zugedeckt liegt ein Verdursteter in der Lobby. Das "Best of" der Verwüstung hilft dann endlich, Bush bricht den Urlaub ab.
Auf dem Weg zurück nach Washington lässt Bush die Präsidentenmaschine im Tiefflug über die heimgesuchte Golfküste donnern. Er hält das für Anteilnahme, die Fotografen werden nach vorn gebeten, um den Moment festzuhalten. Ein irritierter Bush starrt aus dem vorderen linken Kabinenfenster, da, wo sonst seine Leibwächter vom Secret Service sitzen. "Alles ist ausgelöscht", murmelt er. Hoch oben, weit entfernt von der Not der Menschen - das Bild wird zum Symbol eines Präsidenten, der unfähig oder, schlimmer noch, einfach unwillig ist, sein Land zu schützen.
Mit New Orleans versinkt des Präsidenten wichtigstes politisches Kapital - der Glaube der Amerikaner, den richtigen Mann für schwere Zeiten ausgesucht zu haben. Der glücklose Irak-Krieg hatte das Fundament dieser Überzeugung bereits untergraben, der Hurrikan schafft den Rest. "Katrina" war so vorhersehbar, als hätte Osama Bin Laden seinen nächsten Anschlag vorab im Fernsehen verkündet, aber das riesige Heimatschutzministerium erweist sich als Potemkinsches Dorf. Fast auf den Tag genau vier Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001 erkennen die Amerikaner, dass ihr Land doch auf nichts vorbereitet ist. Bushs Umfragewerte fallen ins Bodenlose.
Ein Präsident kämpft um seinen Ruf. Den glücklosen Chef der Behörde für Katastrophenschutz, Michael Brown, dem er noch Tage zuvor bescheinigte, "einen Riesenjob" zu machen, beruft er ab. Schon seinen vorherigen Job als Lobbyist der Vereinigung arabischer Rennpferdezüchter soll Brown lausig gemacht haben. Zur Debatte steht damit auch das Buddy-System des Präsidenten, der lieber unfähige Getreue als selbständige Experten auf Schlüsselpositionen hievt.
Browns Abgang ist die wichtigste Evakuierung im Krisengebiet, die Rettungsarbeiten gehen jetzt zügig voran. Aber für über 1300 Menschen kommen sie zu spät. Und Bush? Sucht das, was sie in Amerika einen "Bullhorn-Moment" nennen, die eine Szene, die ihn als verlässlichen Führer der Nation wiederauferstehen lässt. Er sucht sie überall an der Golfküste, ruhelos fliegt er herum, gibt dafür die geliebten Wochenenden und die frühe Bettruhe auf. Müde sieht er aus, hilflos. Die Journalisten quälen ihn - ob der Sturm-Tourismus nicht die Aufräumarbeiten behindere. "Ich will nicht im Weg stehen", verspricht Bush gequält.
Mit "Rita" ist der nächste Monstersturm im Anmarsch, Bush beobachtet im bombensicheren Bunker des Northern Command in den Cheyenne Mountains von Colorado die Vorbereitungen. Wo einst der nukleare Schlagabtausch mit der Sowjetunion geprobt wurde, nimmt sich der Präsident über abhörsichere Videoverbindung jedes Details an, einschließlich der Evakuierung eines texanischen Hospitals und der ausgefallenen Faxverbindungen der lokalen Stadtverwaltungen.
"Rita" bleibt vergleichsweise harmlos, und Bush greift tief in die Staatskasse, um das Image zu reparieren. Er steht vor der Kathedrale der Stadt, gleißendes Licht erhellt die Kulisse. "New Orleans wird wiederauferstehen", verspricht er, "was immer es auch kostet." Das ist wörtlich zu nehmen: Flüchtlinge sind inzwischen auf drei Kreuzfahrtschiffe an der Golfküste umgezogen, ein 236-Millionen-Dollar-Deal. Die Woche macht das pro Kopf 1275 Dollar, Kreuzfahrten in die Karibik sind günstiger. Als Bush fertig ist, werden die Notstromgeneratoren eingepackt, die Stadt versinkt wieder in trostloser Dunkelheit. Und der Ärger will nicht enden.
200 Milliarden Dollar kann Washington der Wiederaufbau kosten und damit ein Vielfaches dessen, was die USA 1803 Napoleon im sogenannten Louisiana Purchase für das gesamte Mississippi-Gebiet zahlten. Und Bush will nicht sagen, woher das Geld kommen soll. Auf atemraubende 2,47 Billionen Dollar ist das Budget in seiner Amtszeit schon angeschwollen, ein Plus von 33 Prozent gegenüber der Clinton-Ära. Der Präsident will Kanonen, Butter und Steuerkürzungen. Ein Ende der großzügigen Gaben für die Reichen verlangen führende Demokraten, drastische Kürzungen im Budget Republikaner. Big Spender Bush beginnt seiner eigenen Partei unheimlich zu werden. Noch unangenehmer ist die Vorstellung von 54 Prozent der Amerikaner: Die wollen den Irak-Etat des Pentagon beschnitten sehen, um die Golfküste zu retten.
Einem Präsidenten, der New Orleans nicht schützen kann, traut man schon gar nicht mehr zu, Bagdad zu retten.
GEORG MASCOLO
Von Georg Mascolo

SPIEGEL Chronik 54/2005
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