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Kultur
Ausgabe
52/2018

Reaktionen auf den Fall Claas Relotius

"Wie bitter"

Die Fälschungen beim SPIEGEL haben heftige Diskussionen in anderen Medien und unter den Lesern ausgelöst: Geht es nur um einen Reporter? Ist es eine zweite SPIEGEL-Affäre? Oder das Ende des erzählenden Journalismus?

SPIEGEL ONLINE

Freitag, 21.12.2018   20:52 Uhr

Nachdem der SPIEGEL bekannt gemacht hatte, dass sein Reporter Claas Relotius etliche Geschichten erfunden hat, war und ist das Echo der Sache angemessen: heftig und zum Teil auch sehr emotional, bei Kollegen wie bei Lesern.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 52/2018
Sagen, was ist.
In eigener Sache: Wie einer unserer Reporter seine Geschichten fälschte und warum er damit durchkam

Wie konnte ein Reporter dem "Sturmgeschütz der Demokratie" so viele gefälschte Geschichten unterjubeln, fragte die "Bild"-Zeitung.

Auch im Ausland wurde über den Fall berichtet. Der britische "Guardian" schreibt, der SPIEGEL sei "ins Chaos gestürzt worden". Die "New York Times" berichtet über den Fall vor allem in Hinsicht auf Relotius' Geschichte über den US-amerikanischen Ort Fergus Falls und die Richtigstellungen, die zwei Einwohner dazu inzwischen veröffentlicht haben. Die Kollegen stellen den Fall Relotius in eine Reihe mit anderen journalistischen Fälschungsskandalen, darunter den des "New York Times"-Reporters Jayson Blair 2003.

In deutschen Medien wird zunächst vielfach gelobt, dass der SPIEGEL den Skandal selbst aufgedeckt hat und nun so transparent wie möglich damit umgeht.

Michael Hanfeld schreibt in der "Frankfurter Allgemeinen": "Wie schmerzlich der Fall für den SPIEGEL und wie bedeutend er für das Selbstverständnis der Redaktion ist, merkt man der umfangreichen und detaillierten Darstellung in eigener Sache an. Der SPIEGEL bittet sogar um Hinweise auf mögliche Fälschungen in den Texten von Relotius."

Doch es gibt auch andere Perspektiven. Die Bloggerin Franziska Bluhm schreibt auf Facebook: "Ja, es ist vorbildlich, dass der SPIEGEL so transparent mit diesen Fälschungen umgeht. Es ist aber auch die Geschichte der Vernichtung einer einzelnen Person, um die eigene Marke zu retten. Ich hoffe sehr, dass Claas Relotius psychologische Hilfe bekommt."

Im Blog "Salonkolumnisten" heißt es, bezogen auf die "Rekonstruktion in eigener Sache" des künftigen Chefredakteurs Ullrich Fichtner: "Der SPIEGEL feiert das bitterste Redaktionsversagen seit seinem Bestehen mit einer großen Reportage - und bestärkt damit ausgerechnet jene Form des Journalismus, die den Fall Relotius begünstigt hat."

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der 2013 nach kurzer Zeit beim SPIEGEL wieder kündigte , schreibt im Blog "Übermedien" über Fichtners Text: "Sein Artikel kommt schonungslos daher, aber in Wahrheit ist er vor allem gegenüber dem Kollegen schonungslos. Was die eigene Rolle des Nachrichtenmagazins und seiner Kultur in dem Debakel angeht, ist er stellenweise erstaunlich selbstgerecht. Und die Art, wie Fichtner den Fall aufschreibt und daraus eine SPIEGEL-Geschichte macht, spricht dafür, dass er gar nicht erkannt hat, wie sehr gerade das Geschichten-Erzählen ein Problem in diesem Fall ist."

In vielen Kommentaren geht es darum, welche Folgen Relotius' Fälschungen für die Branche haben - einige Medien bezeichnen den Skandal sarkastisch als "zweite SPIEGEL-Affäre" und erinnern an das Motto des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein: "Sagen, was ist". Thomas Tuma, stellvertretender Chefredakteur des "Handelsblatts", von 1996 bis 2013 selbst Redakteur beim SPIEGEL, kommentiert:

"Augstein ging für dieses Ideal 1962 im Kampf mit dem damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß sogar ins Gefängnis. Diese 'SPIEGEL-Affäre' war für die deutsche Nachkriegs-Demokratie wahrscheinlich wichtiger als manche Wahl. Und auch die nunmehr zweite große SPIEGEL-Affäre dürfte weit über das Verlagshaus an der Hamburger Ericusspitze hinaus Wellen schlagen. Weil klassische Medien heute ohnehin vielerorts unter Manipulationsverdacht stehen. Und weil sie natürlich Druck ausgesetzt sind - vor allem ökonomischem. Selbst der geständige Relotius will Druck gespürt haben. Erfolgsdruck. Aber sorry, das dürfte ein Märchen sein wie leider viele seiner Storys, denn gerade SPIEGEL-Kollegen haben dank komfortabelster Arbeitsbedingungen noch die größten Freiheiten. Auch die Freiheit, mal ohne Story nach Hause zu kommen. Es wird Zeit, dass wir über die reden, die weit weniger geschützt ihren Job machen. Keine Angst vor der Wahrheit!"

Und der ehemalige SPIEGEL-Chef Mathias Müller von Blumencron, jetzt Co-Chefredakteur des "Tagesspiegels", kommentiert: "Relotius könnte ein Fall für den Staatsanwalt werden. Aber das allein reicht nicht. Sein Betrug an Kollegen und Lesern muss allen Redaktionen eine Mahnung sein. Vertrauen allein - und sei es über Jahre erworben - reicht nicht. Ein Fall Relotius darf sich nicht wiederholen. Zu kostbar ist die Ware Wahrheit, um sie Leuten wie ihm zu überlassen. Und dennoch werden sich Fälle wie dieser nie ganz vermeiden lassen."

"Der vermeintliche Reporter hat nicht nur dem SPIEGEL großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus in den Dreck gezogen", sagt Frank Überall, Chef des Deutschen Journalisten-Verbands.

Unterdessen kündigten die "taz" und der "Tagesspiegel" an, die Geschichten, die Relotius für sie in seiner Zeit als freier Reporter geschrieben hat, zu überprüfen. Die "Zeit" berichtet in ihrem Blog "Glashaus" über den Stand ihrer Nachforschungen - Relotius hat für "Zeit Online" und "Zeit Wissen" gearbeitet.

Das schweizerische Magazin "NZZ folio" überraschte mit der Nachricht, dem Reporter bereits 2014 die Zusammenarbeit aufgekündigt zu haben - offenbar ging die Redaktion damals aber nicht von Betrug, sondern von Schlamperei aus.

Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat inzwischen ebenfalls Manipulationen an zwei Interviews, die Relotius für das Heft führte, festgestellt. Es geht um ein Gespräch mit dem New Yorker Schneider Martin Greenfield sowie ein Doppelinterview mit den Woodstock-Zeitzeugen Barbara und Nicholas Ercoline.

Das Magazin war schon einmal Opfer eines journalistischen Betrügers. Als im Jahr 2000 herauskam, dass Interviews, die dieser im "SZ-Magazin" veröffentlicht hatte, fiktiv waren, musste die Chefredaktion gehen.

Natürlich war auch die legendäre SPIEGEL-Dokumentation im aktuellen Fälschungsskandal ein Thema bei den Kollegen, etwa beim österreichischen Fernsehjournalisten Armin Wolf.

Ähnlich der Journalist Tim Röhn: "Habe 2017 als @DerSPIEGEL-Redakteur gearbeitet. Kollegen aus der Dokumentation checkten jedes verdammte Wort, korrigierten gar Temperaturangaben. Absolute Profis. Der Betrug an diesen Leuten, den #Relotius begangen hat, ist genauso schlimm wie der am Leser."

Verena Mayer von der "Süddeutschen Zeitung" wurde grundsätzlicher: "Der Fall Relotius bedeutet hoffentlich auch das Ende dieses seltsamen Reporter-Geniekults in unserer Branche. Die guten und relevanten Geschichten sind meistens die Arbeit von Teams und Netzwerken."

Ähnlich sieht es Claudius Seidl von der "FAZ" (auch er ein ehemaliger SPIEGEL-Kollege), die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel widerspricht:

Auch Elsa Koester hat in "Der Freitag" Bedenken gegen das Storytelling: "Die Geschichte von Relotius, dem Betrüger, ist nur die halbe Geschichte. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Jurys und Redaktionen von Relotius nicht einfach betrogen wurden, sondern seine Storys hören wollten. Ein bisschen betrogen werden wollten, wie im Hollywood-Kino. Natürlich, Relotius hat die Grenze in die Fiktion überschritten, aber die Illusion fängt in Reportagen schon weit vor der Lüge an. Nämlich in der Story. Und die kann Relotius gut. Er sprach zu uns, er sang zu uns, da war's um uns geschehen: Halb zog er uns, halb sanken wir hin."


Reaktionen der Leser

Ich bin zutiefst enttäuscht. Der SPIEGEL stand für mich immer für die glaubwürdigste Recherche innerhalb der deutschen Medienlandschaft. Diese Glaubwürdigkeit hat mit dem Fall Relotius sehr tiefe Risse bekommen. Nun müsst Ihr Euch diese Glaubwürdigkeit erst wieder hart erarbeiten. Schnell und gründlich. Mit sauberen internen Prozessen, Fähigkeit zur Selbstkritik und ehrlichem Handwerk. Auf der Suche nach Gründen empfehle ich, weniger in Richtung Relotius und mehr in Richtung SPIEGEL zu schauen - auch im wahren Sinne des Wortes.
Andrea Krier

Ich habe noch ein letztes Mal Ihre Zeilen über Herrn Relotius gelesen. Man fühlt sich nach diesen Zeilen noch mehr bestätigt, Ihr Blatt nicht mehr zu kaufen. Der arme Herr Relotius ... ganz alleine, und da muss man fast zwangsläufig auf solche ausgedachten Texte kommen! Kaum etwas schreiben Sie über Juan Moreno, der das Ganze aufgedeckt hat und im eigenen Hause sehr in die "Ecke" gedrückt und dem auch Neid unterstellt wurde. Wenn so Ihre Aufarbeitung aussieht, dann viel Spaß. Die Menschen wollen keine Entschuldigung, wie sie die Bundeskanzlerin schreiben würde. Sie wollen eine klare Ansage und dass man sich von Relotius klar abgrenzt. Er sollte alle Preise und sein gut verdientes Geld inklusive Zinsen zurückzahlen müssen. Den SPIEGEL wird das auch hart treffen. Mein ganzer Bekanntenkreis liest SPIEGEL. Nach dem Vorfall sagten fast alle: Dann kann ich mir auch die "Bild" kaufen. Recht haben sie. Sind vielleicht nur 25 Menschen, die Ihr Blatt nicht mehr kaufen, aber es werden bestimmt noch mehr werden. Mit freundlichen Grüßen, ein ehemaliger SPIEGEL-Leser.
Markus Hammer

"Sagen, was ist"? Besser wäre "Schreiben, was mir einfällt".
Heinz Schludermann

Den nächsten SPIEGEL werde ich kaufen. Aus Dank - und weil ich beeindruckt bin, wie Sie mit dem Fall um gefälschte Reportagen umgehen. Natürlich fühlen Sie sich dadurch verraten, natürlich suchen Sie Fehler auch bei sich. Aber: Es gibt keine in allem sichere Welt. Es geht darum, sich gründlich einzugestehen, was geschehen ist. Mit Vorhaltungen an sich und den Fälscher. Danke für Ihre Offenheit auch gegenüber sich selbst; es macht mich auch ein wenig stolz auf mein liebstes Nachrichten-Magazin.
Michael Becker

Ich bin fast geneigt zu schreiben: "Mein aufrichtiges Beileid." Ihren Artikel über die Umstände im eigenen Haus habe ich zwar nicht ganz zu Ende gelesen. Ich kann aber sehr gut jenen nachfühlen, welche gerade in eine Art Schockstarre geraten sind. So eine Sache verdaut man nicht so einfach, und dennoch: Es passiert leider an ganz verschiedenen Orten oder Institutionen. Manchen geht wohl zwangsläufig die Frage durch den Kopf: "Ja, wem kann man eigentlich noch trauen?" Für mich bleibt der SPIEGEL eine der besten Zeitschriften überhaupt im deutschen Sprachraum. In diesem Sinne: Genießen Sie die Advents- und Weihnachtszeit. Auf dass 2019 wiederum spannende, ergreifende, erstaunende Berichte erscheinen mögen.
Stefan Haller

Souveräne Reaktion! Aber so ganz ohne Vertrauen geht's auch nicht. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Mein Abo bleibt bestehen. Der zu erwartende Schadenfroh-Shitstorm tangiert mich wenig. Vor der eigenen Tür kehren ist ja eh aus der Mode gekommen. Frohes Fest!
Gustav Baitinger

Meinen Respekt und aufrichtigen Dank für Ihre Offenheit und umfassende Berichterstattung im Fall Relotius! Ich wünsche Ihnen Kraft und Zuversicht, um diese Erfahrung gemeinsam zu meistern. Sie haben auch weiterhin mein volles Vertrauen.
Eliana Clausius

Seit fast 50 Jahren lese ich den SPIEGEL; fast immer mit großem Gewinn. Mit der Veröffentlichung der Onlineartikel zum Fall Relotius beweisen Sie einmal mehr Ihre ausdrückliche Professionalität und Ihren kritischen Umgang mit nicht fassbaren Ereignissen. Ich möchte Sie ausdrücklich für die weitere kritische Arbeit ermuntern - auch in Ihrem eigenen Interesse. Bleiben Sie das, was Sie sind. Eine kritische Redaktion, die nun offensichtlich auch in der Lage ist, sich selbst, auch wenn es schmerzt, zu hinterfragen. Seien Sie gewiss, nicht nur ich werde dem SPIEGEL jetzt erst recht treu bleiben.
Diether Thie

Ich hoffe, Sie haben Herrn Relotius fristlos gekündigt und strafrechtliche Schritte eingeleitet, um ein Zeichen zu setzen. Es liest sich leider anders. Nicht nur Herrn Relotius wird nun kein einziges Wort mehr geglaubt. Auch der SPIEGEL und weitere etablierte Medien in Ihrer Aufzählung laufen große Gefahr, nachhaltigen Schaden an ihrem unersetzlichen Kapital, der Glaubwürdigkeit, zu nehmen - und dies ausgerechnet in Zeiten von AfD, Trump und Fake-News-Vorwürfen. Schaffen Sie eine externe, professionelle und unvoreingenommene Anlaufstelle für Whistleblower wie Herrn Moreno! Wenn Sie bereits zu der Einsicht gelangt sind, dass Ihre internen Kontrollen nicht ausreichen, empfehle ich Ihnen dringend, auch die vergangene Arbeit anderer Kollegen zu überprüfen, die ebenfalls durch diese Kontrolllücken hätten durchschlüpfen können. So bitter der Gedanke auch sein mag. Warum herrschte eigentlich bei Reportagethemen wie denen des Herrn Relotius Zeitdruck, der mit der Arbeit der Dokumentation in Konflikt geraten konnte?
Christian Sandmann

Gegen überzogene Selbstdarstellung, Ruhmsucht und kriminelle Energie ist es schwer, Schutzwälle zu errichten. Ich bin seit Jahrzehnten SPIEGEL-Leser und lasse mir die SPIEGEL-Lektüre nicht durch einen faulen Apfel verderben. Ich halte weiterhin Ihr Magazin für ausgezeichnet und gut recherchiert und werde auch zukünftig am Samstag die Lieferung der neuesten Ausgabe mit Interesse erwarten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Neujustierung Ihrer Kontrollverfahren. All den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zolle ich Respekt für ihre Leistungen.
Joachim Junge

Ich kann mich rückblickend erinnern, dass ich beim Lesen von "Ein Kinderspiel" und "Jaegers Grenze" unterschwellig ein komisches Gefühl hatte. Bei "Ein Kinderspiel" meldete sich bei mir eine Instanz im Hinterkopf, dass es komisch ist, dass so etwas Großes wie der Syrienkrieg so spektakulär mit einem Einzelschicksal zusammenhängen soll. Bei "Jaegers Grenze" kann ich mich an ein merkwürdig schales Gefühl beim Lesen erinnern. Es war, wie gesagt, unterschwellig, aber es war da, und ich erinnere mich genau. Bei den Texten über Fergus Falls und Kaepernick habe ich nichts bemerkt. Wie schlimm der Fall ist, wird mir bewusst, indem ich gewahr werde, dass der Arbeiter in dem Kohlekraftwerk in Fergus Falls, der Kohle schaufelt, als eindrucksvolle Figur dauerhaft bei mir im Gehirn geblieben ist. In letzter Zeit ist mir auch poetischer Kitsch ("das Mädchen singt ein Lied") auf die Nerven gegangen, sodass ich den Artikel "Königskinder" nicht gelesen habe. Da hatte ich einen Abwehrinstinkt.
Hermann Angele

Soeben habe ich auf SPIEGEL ONLINE die Artikel gelesen, die die Märchen von Ihrem Kollegen Relotius behandeln: Ich bin erschüttert! Die Glaubwürdigkeit Ihres Magazins steht damit für mich auf dem Spiel: Wie viele Artikel und Geschichten entsprechen wirklich der Wahrheit? Ich bin durchaus skeptisch, aber künftig werde ich den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE noch kritischer lesen, immer mit der Frage im Kopf, wo hört die Wahrheit auf, und die Fantasie des Autors spiegelt mir etwas vor? Man kann auf diese Weise auch Stimmungen und Meinungen manipulieren. Sie als Kollegen sind schockiert, dafür habe ich volles Verständnis, doch es bedarf nun eines enormen Aufwandes, eine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Sigrid Beyer

Was ist aus Ihrem glaubwürdigen SPIEGEL geworden? Können Sie noch in den Spiegel schauen?
Aycan Kurt (SPIEGEL-Leserin seit 30 Jahren)

Sie werfen anlässlich des Falls Relotius die Frage auf, was Ihr Blatt in Zukunft anders machen kann, um solche Betrügereien zu verhindern. Ich würde Ihnen raten, diese endlosen Schwafeltexte in Zukunft einfach wegzulassen. Ich selbst habe - obwohl seit vielen Jahren Abonnent Ihres Magazins - keinen der nun inkriminierten Artikel gelesen, weil mir das Format in seiner subjektiven Gefühligkeit eines Nachrichten-Magazins schlicht unwürdig erscheint. Hier scheint mir ein strukturelles Problem zu liegen, das Sie eigentlich selbst beschreiben: dass genau solche Texte, die von ihrer Subjektivität und bildlichen Ausschmückung leben, besonders schwer zu verifizieren sind. Dann wäre eigentlich klar, was das Problem ist - nämlich falsche Standards für gute journalistische Texte. Lassen Sie die Schwafeltexte einfach weg! Ich würde nichts vermissen. Wenn ich gute Literatur lesen will, greife ich ohnehin nicht zum SPIEGEL.
Jan Kopp

Seit der SPIEGEL-Affäre 1962, da war ich gerade elf Jahre alt, bin ich mit dem, was SPIEGEL-Journalisten veröffentlichen, vertraut. Der heute berichtete Fall von offenbar völlig falsch verstandenen Aufgaben eines Berichterstatters und Kommentators zeigt einmal mehr die Grenzen und damit die Verwundbarkeit eines Mediums mit selbst hoch gehängtem Anspruch. Dass dies ausgerechnet Euch passieren musste, bedauere ich zutiefst. Es wird vieles nie mehr so sein, wie es mal war, der "Stern"-Skandal hat es vorgemacht. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie gemeinsam Wege aus diesem Schockerlebnis finden, dass Ihre Arbeit weitergehen kann und Sie die notwendige Distanz zu dem Geschehen entwickeln können. Das gilt besonders für Herrn Moreno. Gerade auf Ihre Arbeit, den Qualitätsanspruch und die Neutralität einer SPIEGEL-Redaktion können Leser und Gesellschaft, kann unsere Staatskonstruktion mit dem Zwang zur Öffentlichkeit nicht verzichten. Wir brauchen Sie!
Ulli Weber

Oh - wie schade! Ich war ein großer Fan der wunderbaren Reportagen von Claas Relotius. Wie schade, dass ihn der eigene Erfolg so unter Druck gesetzt hat, seine wunderbaren Geschichten und Figuren lieber zu erfinden, als weniger schöne, aber wahrere Geschichten zu schreiben. Wie schade, dass jetzt so viele Leute darüber diskutieren werden, welche Artikel man den Medien noch glauben kann - obwohl sie bestimmt nicht einmal weit genug gelesen oder verstanden haben, dass Relotius Reportagen geschrieben hat, subjektive emotionale Geschichten, keine Agenturmeldungen. Ich erinnere mich an fast alle seine wahreren und erfundenen Geschichten - und bei allen habe ich mich ein bisschen mehr mit dem jeweiligen Problem auseinandergesetzt, als ich das ohne seine Geschichten getan hätte. Falls Sie die Möglichkeit haben, sagen Sie Claas Relotius Danke für alle seine wunderbaren Geschichten - als Roman würde ich sie weiterhin gerne lesen!
Katharina Schmidt

So schrecklich die Aktionen von Herrn Relotius auch sind, muss ich gerade deswegen meinen Hut vor dem SPIEGEL ziehen. Ihr Verhalten in diesem Fall ist aus meiner Sicht absolut vorbildlich. Gerade in Zeiten von Fake News ist es wichtig, sich klar und entschlossen zur Wahrheit zu bekennen und für sie zu kämpfen. Das Niveau an Transparenz, das Sie in dieser Angelegenheit bieten, ist aller Ehren wert und hat dazu geführt, dass mein Vertrauen in den SPIEGEL sogar noch gestiegen ist. Dass es Herrn Relotius gelungen ist, über Jahre die Kontrollmechanismen zu umgehen, ist natürlich bedauerlich, aber aus meiner Sicht komplett nachzuvollziehen. Der SPIEGEL kann insbesondere bei persönlichen Recherchen Erlebnisbeschreibungen nicht nachprüfen, sondern ein Grundvertrauen in die Redakteure ist angemessen. Wie solche Vorfälle in Zukunft vermieden werden können, muss die eingesetzte Kommission jetzt gründlich ermitteln. Insgesamt möchte ich zu der öffentlichen, proaktiven und transparenten Thematisierung des Vorfalls gratulieren und Sie in Ihrem Weg bestärken, die Vorgänge gründlich und tiefgehend zu analysieren und aufzudecken. Ich möchte Ihr Streben nach der Wahrheit auch persönlich unterstützen und habe daher heute ein Abo von SPIEGEL+ abgeschlossen.
David Bauske

Auch wir, meine Frau und ich, sehen die Glaubwürdigkeit, die sich Ihr Magazin über Jahrzehnte erarbeitet hat, als Ihr wichtigstes Kapital. Ihren Entschluss, Transparenz zu schaffen, öffentlich Selbstkritik zu üben und zielführende Prozessänderungen einzuführen, sehen wir als besten, wenn nicht einzig möglichen. Wir haben heute den SPIEGEL abonniert. Der Grund ist freilich, dass wir den SPIEGEL für eines der besten Presseprodukte Deutschlands halten; der Anlass, es just heute zu tun, ist unser Wunsch, Ermunterung und unser Vertrauen in Ihre Arbeit auszusprechen.
Jörg Wester

In Zeiten, in denen der Rechtspopulismus erneut erstarkt, das Verwässern der Demokratie mit "Gut und gerne leben"-Blabla seitens der Regierung abgetan wird, die Interessen der Lobbyisten, der Wirtschaft über die des Volkes gestellt werden und und und, dürfen einzelne unwichtige Geschichten in Ihrem Magazin von mir aus gerne aufgehübscht werden, ich finde das nicht so dramatisch. Richtig schlimm hingegen finde ich die neuerliche Platzierung penetranter Werbung direkt im Inhaltsverzeichnis. Bitte hier nicht noch dem "Stern" oder gar der "Bild" nacheifern! Für 5,10 Euro erwarte ich die pure Berichterstattung des allgemeinen Politik- und sonstigen Weltgeschehens, wie ich es seit 30 Jahren von Ihnen gewohnt bin. Halten Sie sich daran.
Josef von Ansbach

Die Rekonstruktion der Causa Claas Relotius habe ich mit großer Erschütterung gelesen. Mit jedem beschriebenen Artikel wurde mir bewusst, dass ich jede große Geschichte, die Relotius seit Beginn seiner Zeit beim SPIEGEL geschrieben hatte, von Anfang bis Ende gelesen und vor allem in Erinnerung behalten habe - ohne zu wissen, dass es immer derselbe Autor war, was im Nachhinein eines der größten Komplimente für einen Journalisten sein müsste. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich gefälschte, zu perfekte Geschichten las. Nicht im SPIEGEL. Das Ausmaß des Betrugs hat mich sehr getroffen. Dennoch bin ich mir sicher, dass alle anderen Redakteurinnen und Redakteure seriös arbeiten. Es ist gut und wichtig, diesen Betrug nicht unter den Tisch zu kehren, weshalb ich mich auch bei Herrn Moreno für seine Aufklärung und bei Herrn Fichtner für seine ausführliche Dokumentation bedanken möchte.
Simon Schwarzmaier

Solange Menschen anderen Menschen vertrauen, wird dieses Vertrauen missbraucht werden. Wer den SPIEGEL liest, weiß das wohl zur Genüge. Aber niemals kann die Lösung sein, das Vertrauen aufzugeben.
Silke Reimers

Der SPIEGEL hat eine Kommission eingesetzt, die den ganzen Fall Relotius untersuchen soll. (Mehr dazu lesen Sie hier)

Die von Relotius verfassten Artikel bleiben bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

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