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Politik
Ausgabe
25/2017

Fluchtdrama im Mittelmeer

Wenn Polizeiboote Rettungsboote jagen

Vor Libyens Küste liefern sich Helfer und Küstenwache ein makabres Rennen. Wer Flüchtlinge, von Schleusern auf Billigboote aus China verfrachtet, aus dem Mittelmeer zieht, bestimmt ihr nächstes Ziel: Europa oder Afrika.

Foto: SPIEGEL TV
Von SPIEGEL-TV-Reporter Claas Meyer-Heuer und Clemens Höges  
Sonntag, 25.06.2017   13:13 Uhr

Das Mittelmeer wirkt friedlich an diesem Vormittag, der Himmel strahlt blau, sanfte Wellen rollen Richtung Horizont. Sommeridylle.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 25/2017
Hauptstadt Hamburg
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Nur ein graues Patrouillenboot stört das Bild: Die Zwillingsläufe der Bordkanone ragen über das Vorschiff der "Kifah" ("Kampf"), weiter achtern ruhen schwere Maschinengewehre auf ihrem Sockel. Die "Kifah" ist das einzige hochseetaugliche Schiff, das die Küstenwache der Regierung in Libyens Hauptstadt Tripolis hat.

Früh am Morgen ist sie dort ausgelaufen. Sie soll Schleuser bekämpfen und jene Seelenverkäufer abfangen, mit denen die schwer bewaffneten Banden Migranten zu Tausenden Richtung Norden schicken. Auf der Kommandobrücke sitzt Kapitän Abujella Abdul-Bari, 49, stämmig, mit vier goldenen Streifen am Ärmel der Uniform, ein Mann des Meeres aus einer alten Fischerfamilie, seit rund 30 Jahren bei der Marine.

Gegen 7.30 Uhr gibt die Zentrale Koordinaten durch, bei denen ein Flüchtlingsboot unterwegs sein soll. AbdulBari lässt auf 20 Knoten beschleunigen. Doch kurz bevor die "Kifah" die Stelle erreicht, an der tatsächlich ein Holzkahn mit Hunderten Migranten an Bord durch die Wellen motort, nähert sich von Steuerbord ein drittes Schiff, die "Sea-Watch 2" der Hilfsorganisation Sea-Watch aus Berlin. Die Maschinen der "Kifah" röhren, Höchstgeschwindigkeit, Abdul-Bari schimpft über die Deutschen: "Sie versuchen, das Flüchtlingsboot vor uns zu erreichen." Die "Kifah" und die "Sea-Watch 2" laufen jetzt auf Kollisionskurs.

Die Szene, gefilmt von einem SPIEGEL-TV-Team an Bord der "Kifah", ist symptomatisch für die große Tragödie im Mittelmeer - und das tödliche Dilemma, für das die Regierungen Europas keine Lösung haben. Jetzt im Sommer, wenn die See ruhig ist, werden wieder Zehntausende Migranten versuchen, die EU über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien zu erreichen.

Die EU will diese Menschen nicht haben. Das Flüchtlingsproblem ist politischer Sprengstoff für die Gemeinschaft, auch weil etwa Ungarn, Polen und Tschechien nahezu keine Flüchtlinge aufnehmen wollen und Italien mit dem Problem allein lassen - weswegen die EU-Kommission diese Woche ein Verfahren gegen die drei Länder eingeleitet hat.

Europa kann die Flüchtlinge auch nicht abwehren. Mehr als 181000 Migranten haben es im vergangenen Jahr bis nach Italien geschafft, über 4500 sind auf der Flucht gestorben. In diesem Jahr sind schon deutlich über 40000 durchgekommen, mehr als 1000 sollen ertrunken sein.

Die Zahlen liegen mindestens 30 Prozent über denen des Vorjahreszeitraums. Weil der Landweg über den Balkan inzwischen weitgehend versperrt ist - und auch weil, so sagen Kritiker, das gute Dutzend Hilfsschiffe aus westlichen Ländern direkt vor der afrikanischen Küste wie ein Magnet auf die Flüchtlinge wirke. Die Hilfsorganisationen sind es, die einen Großteil der Migranten von den Booten holen und dann wie im Shuttledienst nach Italien bringen.

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Es sind Frauen, Kinder, Babys dabei, kaum Syrer, sondern vor allem junge Männer aus afrikanischen Staaten wie Ghana, Nigeria oder Senegal. Sie fliehen vor Not, Hoffnungslosigkeit, mancherorts Hunger.

Und so streiten sich Hilfsorganisationen mit Politikern und Grenzschützern, wie mit diesen Menschen umzugehen ist. Die einen wollen retten, damit nicht noch mehr sterben. Die anderen wollen abschrecken - und sie möchten, dass die Boote von den Libyern abgefangen werden, dass die Menschen zurückgebracht werden aufs Festland. Aufs afrikanische Festland.

Deshalb unterstützt die EU den Aufbau der libyschen Küstenwache mit 200 Millionen Euro, deshalb haben die Libyer Brüssel vor Kurzem um bewaffnete Boote und Ausrüstung gebeten. Und deshalb ist Abujella Abdul-Bari Europas Mann an Afrikas Ufer. Er macht die schmutzige Arbeit für die Europäer.

Der erfahrene Seemann lässt Kurs halten, extrem knapp rauscht seine "Kifah" am Bug der "Sea-Watch 2" vorbei auf das Flüchtlingsboot zu, es fehlen allenfalls ein paar Meter zur Katastrophe.

Auf der Brücke klagt Abdul-Bari an diesem Tag Mitte Mai über die Helfer aus Deutschland und anderen Ländern, die seiner Meinung nach das Geschäft der Schlepperbanden betreiben: Früher hätten die Migranten noch 160 Seemeilen bis zur italienischen Insel Lampedusa schaffen müssen. Heute reiche es, aus der Zwölf-Meilen-Zone Libyens herauszukommen, in die ebenfalls zwölf Seemeilen breite Anschlusszone. Denn dort warteten die Helfer. "Jeder, der Italien erreicht, wird seine Familienangehörigen anrufen und ihnen erzählen, Sea-Watch ist nach zwölf Meilen da, ihr könnt nachkommen." Das sei "ein Taxiservice für Flüchtlinge", sagt Abdul-Bari.

In einer Analyse der EU-Grenzschutzagentur Frontex klingt das ähnlich: Die Migranten "wagen die gefährliche Überfahrt, weil sie von der humanitären Hilfe wissen und sich darauf verlassen".

Der Kapitän steuert nun Parallelkurs zum Flüchtlingskahn. Er ruft den Steuerleuten zu, sie sollten gefälligst ihre Maschine stoppen. Dann geht die "Kifah" längsseits.

Das Flüchtlingsboot scheint vergleichsweise sicher. Der Motor funktioniert, unter Deck dringt nur an der Propellerwelle etwas Wasser ein, was bei Wellen dieser Art relativ normal ist. Das Boot war technisch keineswegs in Seenot, allerdings hätte es, deutlich überladen, kentern können.

Immer seltener machen sich Schleuserbanden die Mühe, für die wenigen Meilen solche ehemaligen Fischkutter zu organisieren. Sie setzen inzwischen oft riesige Schlauchboote ein, die eigens in China gefertigt werden. Chinesische Firmen liefern sie für ein paar Hundert Euro in Containern über den Freihafen von Malta etwa in die libysche Hafenstadt Misurata.

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Ein eingespieltes Geschäft, und als eine Art Amazon für Menschenhändler fungiert die große chinesische Handelsplattform Alibaba.com. Dort inseriert etwa die Firma Weihai Dafang aus Shandong verschiedene Ausführungen eines Typs mit dem Handelsnamen "Schlauchboot für Flüchtlinge" - bis zu neun Meter lang, mit Platz für "50 bis 60 Personen". Diese Woche waren die Boote im Sonderangebot, Lieferzeit 30 Tage.

Die Schleuser zwingen oft 150 Menschen auf solche Schlauchboote, und das PVC der Schläuche ist mit knapp einem Millimeter nur hauchdünn. Eine einzige Scheuerstelle - oft dort, wo Schlauch und Boden aneinanderstoßen - kann allen an Bord den Tod bringen. Nach einem EU-Report gibt es trotzdem keine juristische Möglichkeit, solche Lieferungen aus China zu stoppen.

Kapitän Abdul-Bari lässt jetzt die meisten der 497 Migranten von dem Holzkahn auf die "Kifah" bringen. 277 Marokkaner sind darunter, aber auch Menschen aus Bangladesch, die von dort aus nach Libyen fliegen können und dann von Schleppern auf die Boote gebracht werden.

Die meisten begreifen nicht, was gerade passiert. Ein Mann aus Bangladesch sagt, er sei "verwirrt". Die Schleuser hätten ihm erzählt, Italiener würden sie abholen. Nun sieht er das deutsche Schiff in vielleicht 150 Meter Entfernung. Und über dem Schiff, auf dem er steht, weht die libysche Flagge.

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Dann spricht sich langsam herum, dass die "Kifah" alle nach Libyen zurückbringen wird. Männer reagieren fassungslos und erzählen, dass sie den Schleusern Tausende Dollar gezahlt hätten, vergebens. Frauen weinen. Ein Offizier versucht, alle zu beruhigen: "Die Schleuser haben euch betrogen", ruft er. Langsam nimmt die "Kifah" Fahrt auf, der Holzkahn folgt.

Viele der Flüchtlinge werden wohl in teils üble libysche Lager gesperrt und später in ihre Heimatländer abgeschoben, andere werden es erneut versuchen.

Ein Desaster auch für die EU, findet Ruben Neugebauer, als Sprecher von Sea-Watch ein Gegenspieler von Kapitän Abdul-Bari. Schon dessen Manöver vor dem Bug der "Sea-Watch 2" sei lebensgefährlich gewesen - und die Leute der Hilfsorganisation sind keine Angsthasen, Neugebauer schon gar nicht: Im Hauptberuf ist er Kriegsfotograf, der SPIEGEL-Anruf erreicht ihn nahe der Front im irakischen Mossul, im Hintergrund sind Einschläge von Bomben zu hören.

"Die EU versucht, die Mittelmeerroute dichtzumachen", sagt Neugebauer, vom Krach unbeirrt. "Bei der Politik des Sterbenlassens" wolle man keine Zeugen haben. Deshalb werde die Arbeit der Hilfsorganisationen jetzt mit dem absurden Vorwurf schlechtgemacht, sie würden mit den Schleusern kooperieren. Nicht die Schiffe vor der Küste verleiteten Menschen zur Flucht, meint Neugebauer, die Not in ihrer Heimat vertreibe sie.

Und unverantwortlich sei es, Migranten nach Libyen zurückzubringen. Dort herrscht Bürgerkrieg, die Regierung in Tripolis hat wenig Macht, Milizen und Warlords kontrollieren weite Teile des Landes, im Osten regiert ein von Russland gestützter ehemaliger General, und mitten im Chaos wütet der "Islamische Staat". In vielen Flüchtlingslagern werden Männer misshandelt, umgebracht, Frauen vergewaltigt.

Europa müsse die Fluchtursachen in Afrika bekämpfen, nicht die Flüchtlinge, sagt Neugebauer. Und die libysche Regierung sei schon gar kein seriöser Partner für die EU, sondern nur eine der Parteien im Bürgerkrieg.

An einem einsamen Strand bei Tripolis hockt ein junger Mann in rotem Hemd. Er habe Angst vor Menschen, sagt er, nach allem, was passiert sei. Ahmed, 18, ist einer der Söhne des Kapitäns. Vor ein paar Monaten, erzählt er, hätten Schleuser ihn gekidnappt. Sie hätten ihn gefoltert, geschlagen, sie hätten ihm eine Kugel durchs Bein geschossen. Und dann hätten sie ihn laufen lassen, mit einer Botschaft für seinen Vater: Der Kapitän solle aufhören, ihnen das Geschäft zu vermasseln.

Abujella Abdul-Bari sitzt an Bord und schaut aufs Wasser. Er hat sechs Töchter und zwei Söhne, er weiß um die Gefahr. Aber er hat auch seine Befehle. "Ich werde weitermachen", sagt er.

Wirklich helfen wird das Europas Politikern kaum. Ruben Neugebauer verweist auf die Uno, die vor einer großen Hungersnot in Teilen Afrikas warnt. Mehr als 20 Millionen Menschen könnten betroffen sein. "Viele davon haben wir dann bei uns im Boot sitzen", sagt der Mann von Sea-Watch.

SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 25.06.2017 um 22.30 Uhr auf RTL

insgesamt 13 Beiträge
breisig 25.06.2017
1. ersetzt
doch einfach mal das wort flüchtlinge durch illegale immigranten und schon macht euer artikel sinn.
doch einfach mal das wort flüchtlinge durch illegale immigranten und schon macht euer artikel sinn.
Zaunsfeld 25.06.2017
2.
Zur Wahrheit gehört auch noch etwas anderes: Eigentlich machen sich - nicht nur meiner Meinung nach - die "Hilfsorganisationen" auf dem Mittelmeer strafbar. Sie übernehmen dort das klassische Schleusergeschäft. Denn [...]
Zur Wahrheit gehört auch noch etwas anderes: Eigentlich machen sich - nicht nur meiner Meinung nach - die "Hilfsorganisationen" auf dem Mittelmeer strafbar. Sie übernehmen dort das klassische Schleusergeschäft. Denn diese Organisationen fahren mit ihren Booten und Schiffen nicht etwa mitten auf dem Mittelmeer oder in der Nähe der europäischen Küste herum, sondern zum größten Teil nur maximal 20 km von der afrikanischen (!) Küste entfernt, immer öfter sogar direkt in libyschen Hoheitsgewässern, d.h. innerhalb der libyschen 12-Meilen-Zone - Hunderte Kilometer von der europäischen Küste entfernt. Dort sammeln sie dann die Migranten (zu 95% sind das keine asylberechtigten Flüchtlinge) auf und bringen sie den weiten Weg bis nach Europa, obwohl die libysche Küste nur wenige km entfernt ist. Ich will nicht unterstellen, dass die Hilfsorganisationen bewusst mit den libyschen Schleppern kooperieren und sich mit denen abstimmen, aber faktisch ist es nunmal so, dass die libyschen Schlepper die Migranten auf die Boote bringen und sie bis etwa 20km vor die libysche Küste verfrachten und dort werden sie dann quasi - wenn auch sicher nicht in bewusster aktiver Zusammenarbeit - an die so genannten "Hilfsorganisationen" übergeben, die die Migranten dann jeden Tag zu Hunderten und manchmal sogar zu Tausenden die Hunderte km bis nach Europa bringen. Dort dürfen die Leute dann 2 Jahre auf europäische Steuerzahlerkosten sinnlos rumgammeln, bis ihr in der Regel völlig unbegründeter Asylantrag abgelehnt ist. Wenn man zumindest weiß, wo sie herkamen, werden sie dann wieder abgeschoben (falls ihr Land sie überhaupt zurücknimmt). Und wenn sie blöderweise wie 90% aller Pseudo-Flüchtlinge aus Nordafrika ihren Ausweis/Pass "verloren" haben, dann gammeln sie in der Regel noch länger sinnlos rum und rutschen irgendwann auf die kriminelle Laufbahn, da sie in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland oder anderen europäischen Staaten mit ihrer bestenfalls (!) Grundschulbildung keinerlei vernünftige Zukunftsperspektive haben. Und für Jobs, die man hierzulande mit Grundschulbildung noch machen könnte (Müllwagenfahrer, Straßenfeger, Gärtner, Sandschaufler) sind diese Leute nicht nach Europa gekommen.
option@l 25.06.2017
3. Wenn es noch einen Beweis braucht...
...daß es hier nicht um Seerettung geht, sondern um Unterstützung von Schleppern - hier ist er. Anstatt die Migranten von der zuständigen Küstenwache retten zu lassen, müssen sie unbedingt nach Europa befördert werden - [...]
...daß es hier nicht um Seerettung geht, sondern um Unterstützung von Schleppern - hier ist er. Anstatt die Migranten von der zuständigen Küstenwache retten zu lassen, müssen sie unbedingt nach Europa befördert werden - wohlwissend, daß sie hier den Rest ihres Lebens mangels irgendeiner Ausbildung wahlweise in Billigjobs oder den Sozialsystemen verbringen werden. Oder in Parks oder an Bahnhöfen als Dealer ihr Leben Fristen.
murksdoc 25.06.2017
4. Standpunktsfrage
Vielleicht ist es nicht gut, "die schmutzige Arbeit für die EU" zu machen, aber es ist allemal besser, als die schmutzige Arbeit für die Schleuser zu machen.
Vielleicht ist es nicht gut, "die schmutzige Arbeit für die EU" zu machen, aber es ist allemal besser, als die schmutzige Arbeit für die Schleuser zu machen.
Das Pferd 25.06.2017
5.
Ganz einfach: Wenn sich diese motivieren jungen Leute in die Seenotrettung von EU und NATO einbinden, und sich dort hin begeben, wo die entsprechenden Behörden darum bitten, ist das OK. Spende ich gerne für. Wenn die aber arme [...]
Ganz einfach: Wenn sich diese motivieren jungen Leute in die Seenotrettung von EU und NATO einbinden, und sich dort hin begeben, wo die entsprechenden Behörden darum bitten, ist das OK. Spende ich gerne für. Wenn die aber arme Menschen auf das Meer locken, sind sie Schleuser.

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