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Panorama
Ausgabe
8/2017

Mordhaus in Höxter

"Beißen, Staubsaugen, Aufräumen"

Wer war die treibende Kraft hinter den sadistischen Quälereien im Horrorhaus von Höxter? Angelika W. könnte das Werkzeug ihres Ex-Mannes gewesen sein, doch vor Gericht präsentiert sich eine selbstbewusste Täterin.

Alexander Koerner/Getty Images

Tatort in Höxter-Bosseborn

Von
Dienstag, 21.02.2017   17:23 Uhr

Gegen Ende des fünften Verhandlungstages zeigt Angelika W. mal wieder, wer aus ihrer Sicht die Regie führt. Seit neun Uhr morgens redet sie schon, erzählt von all den Frauen, die Fehler begingen. Die nuschelten oder Wörter benutzten, die ihr Ex-Mann nicht mochte, sodass er wieder anfing, mit den Augen zu klimpern. Die vergaßen, ihm den Tee hinzustellen oder ihn anzusehen, wenn sie ihm antworteten. Und wie sie deshalb Strafen erfand und vollzog: "Ich wollte nur meine Ruhe. Aber nichts als Scherereien mit den Damen."

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 8/2017
Gewissensbissen
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

"Aber wenn keine andere Frau im Haus war, wurden Sie selbst ja wieder das Ziel von Wilfrieds Misshandlungen", baut Verteidiger Peter Wüller ihr eine Brücke, sie führt von Angelika W., der Täterin, hin zu Angelika W., dem Opfer. Die Angeklagte - laut Gutachten verfügt sie über einen überdurchschnittlichen IQ - nickt: "Genau. Dann war ich wieder in Not und Angst vor ihm." Aber von ihm weggehen habe sie nicht können, schon gar nicht, seit im Keller die tote Frau in der Gefriertruhe lag, verborgen unter Grillfleisch und Tiefkühlerbsen: "Ich hätte ja nie gewusst, ob er mich nicht doch bei der Polizei anzeigt."

"Hat er denn damit gedroht?", fragt der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus erstaunt. "Ja." - "Aber das haben Sie noch nie erzählt", hält Wilfried W.s Verteidiger ihr vor. "So weit sind wir ja noch nicht", fertigt Angelika W. ihn ab, und zum Richter: "Und wenn wir hier immer um vier Uhr Feierabend machen, kommen wir auch nicht weiter." Da geht ein Raunen durch den Saal - und Angelika W., von der Boulevardpresse als "Hexe von Höxter" betitelt, lehnt sich zufrieden zurück.

Mit Kontaktanzeigen sollen Wilfried und Angelika W., heute 46 und 48 Jahre alt, immer neue Frauen in ihr Haus in Höxter-Bosseborn gelockt und gequält haben; vier Opfer nennt die Anklage. Das Paar war geschieden, Angelika W. gab sich als Schwester ihres Ex-Mannes aus. Wilfried W. schwor jeder Frau, sie sei seine große Liebe. Das Paar soll seine Opfer wie Leibeigene abgerichtet haben, nach einem System aus abstrusen Verhaltensregeln und perfiden Strafen.

In der Untersuchungshaft listete Angelika W. die Grausamkeiten auf: Haare ausreißen, an die Heizung ketten, schlagen, treten, verbrühen. Anika W., 33, und Susanne F., 41, starben entkräftet durch die Misshandlungen. Wilfried und Angelika W. schauten ihnen dabei zu, dokumentierten das Leiden der Frauen auf Fotos und Videos, anstatt Hilfe zu holen. Dafür müssen sie sich seit Oktober vor dem Landgericht Paderborn verantworten, angeklagt wegen zweifachen Mordes. Vor Sommer ist kaum mit einem Urteil zu rechnen.

Es ist ein monströser Fall, auch rätselhaft: Warum nur gaben sich Frauen freiwillig in die Hände des Duos? Warum ging keine der Überlebenden zur Polizei? Das Gericht muss vor allem herausfinden: War der Tod der Frauen eingeplant? Wie teilte sich das Paar die Rollen auf? Wer trägt wie viel Schuld? War tatsächlich der Mann die treibende Kraft und die Frau sein Werkzeug, wie es die Anklageschrift nahelegt?

Aufgeflogen war das Paar im April 2016 durch Zufall. Eine Autopanne spätabends in einer Dorfdurchfahrt, auf der Rückbank saß die tödlich geschwächte Susanne F., halb nackt, auf einer Plastiktüte, damit nichts in die Sitze ging. Notgedrungen riefen sie einen Krankenwagen.

Fast alles, was die Anklageschrift beschreibt, hat Angelika W. erzählt. Zum Beispiel, wie Anika W. einmal im Hof stürzte und mit dem Kopf so hart auf die Teerdecke aufschlug, dass es krachte. "Ich glaube, sie nippelt uns ab", soll Wilfried W. später gesagt haben. Aber auch, wie sie selbst die Frau mit Handschellen in der Badewanne gefesselt, das Wasser aufgedreht und zu Wilfried W. gesagt habe: "Die ersäuft jetzt."

Alexander Koerner/Getty Images

Angeklagter Wilfried W. (Zweiter von rechts), Verteidiger: Das Leiden auf Video dokumentiert

Anfangs hatte Angelika W. bei der Polizei alles auf sich genommen. Sie habe die Frauen aus eigenem Antrieb misshandelt. Nach und nach belastete sie ihren Ex-Mann immer schwerer. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer sieht Angelika W. als Täterin und Opfer zugleich: Es sei dem Paar darum gegangen, die Frauen zu demütigen und Macht über sie auszuüben. Dabei sei Angelika W. jedoch ihrem Ex-Mann "nahezu hörig" gewesen, so weit habe er sie durch jahrelange Misshandlungen gebracht. Würde sich das Gericht dem anschließen, könnte dies, zusammen mit ihrem Beitrag zur Aufklärung, ihre Strafe mindern.

Angelika W. hat vor Gericht gesprochen, tagelang. Aber kann man ihr glauben? Wilfried W. hat im Prozess bislang geschwiegen, mitgeschrieben oder unwillig den Kopf geschüttelt, etwa wenn Angelika vortrug, wie er die Frauen gewürgt habe. Ein rundlicher Mann, kurzes graues Haar, weicher Stoppelbart, Typ großer Teddy. Auf seinen Handys fanden sich Liebesbekundungen zahlreicher Frauen. Bei der Polizei beschrieben ihn Zeuginnen durchaus auch als zärtlichen Liebhaber. Er selbst bestritt dort alle Vorwürfe. Die Quälereien habe allein Angelika begangen.

Zweifel daran weckt unter anderem ein Urteil des Amtsgerichts Paderborn aus dem Jahr 1995 gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung; es liest sich wie eine Blaupause zum jetzigen Fall: Wilfried W. habe seine damalige Ehefrau "sklavenartig gehalten und missbraucht". Auch damals hatte er eine Ex-Partnerin, die ihm beim Prügeln half und ihn anfeuerte, während er seine Frau mit Gummiknüppel und Franzbranntwein vaginal traktierte. Der Psychiater Michael Osterheider hat Wilfried W. in einem vorläufigen Gutachten als "Idealtyp des Hangtäters" beschrieben - als jemanden, der dazu neigt, immer wieder ähnliche Taten zu begehen - und ihm Anzeichen des sexuellen Sadismus attestiert.

Lustgewinn - war es das, was auch Angelika W. antrieb? Blinde Liebe? Oder doch Angst?

Am zweiten Verhandlungstag beschrieb sie, wie Wilfried W. ihr den Arm verbrüht habe, so schwer, dass sich die riesige Wunde erst nach Jahren schloss. Wie er sie auf diese Wunde schlug und Blumenerde hineinschmierte, wie er sie mit Ritualen quälte, denen er Namen gab wie "Decken, Alte", "Decken, Alte spezial" oder "Tittenbeißen".

"Die anderen schlug und würgte er auch", sagt Angelika W., "aber diese extremen Sachen, die machte er nur mit mir. Anders als die feinen Damen hab ich gelernt, Schmerzen auszuhalten."

"Wie oft wurde dieses 'Tittenbeißen' angewendet?", erkundigt sich Richter Emminghaus, um Takt und Sachlichkeit bemüht. "Vielleicht 80-mal, 100-mal. Immer wenn er keine andere Frau im Haus hatte. Das war ja dann Erholung. Da konnte ich mich endlich um normale Sachen kümmern, Staubsaugen, Aufräumen."

Am fünften Verhandlungstag geht im Saal die "Bild"-Zeitung herum, mit Fotos aus dem Horrorhaus. Dort lebten die W.s in dem heruntergekommenen Gehöft in einem messihaften Chaos aus Pappkartons, Matratzen, Wäsche, DVDs, Nahrungsmitteln. Warmwasser gab es nicht täglich. In den Ställen verendeten Ziegen, Schweine, Hühner im Mist. Zugleich kaufte und verkaufte das Paar, beide Hartz-IV-Empfänger, mehr als 500 Gebrauchtwagen, auch von dem Geld, das sie anderen Frauen abnahmen, angeblich um die 300.000 Euro. All das regelte Angelika W.

Bei Gericht erscheint sie in kastenförmigen Anoraks und verwaschenen Sweatshirts, dazu eine Ponyfrisur, Marke Eigenschnitt, keine Schminke, die lehnt sie nach eigenem Bekunden ab - wie alles, was ihrer massigen Erscheinung weibliches Flair verleihen könnte. Ein grobes Gesicht, in dem alles wie aus dem Lot geraten wirkt, Nase, Kiefer, Wilfried W. soll ihr beides gebrochen haben.

Mit wachem Blick aus dunklen, tief liegenden Augen taxiert Angelika W. die Wirkung ihrer Einlassungen im Publikum, dann sieht man sie oft lächeln: spöttisch, selbstgefällig. Mit einem Anflug von Melancholie, so scheint es, wenn sie auf ihre Liebe zu Wilfried W. zu sprechen kommt - schwer zu durchschauen, wie es darum heute bestellt sein mag. Bei der Polizei erzählte sie noch, sie selbst habe sich den Arm verbrüht, ein Haushaltsunfall. Jetzt spricht sie von ihm als "dem Herrn W." oder "dem feinen Herrn". Aber die Misshandlungen, mit denen er sie gepeinigt haben soll, will Angelika W. nicht verfolgt wissen, bis heute.

Friso Gentsch / DPA

Angeklagte Angelika W., Verteidiger

Also, wie war das mit den Regeln im Hause W.: "Können Sie uns das mal erklären?", bittet der Vorsitzende.

Angelika W. hat sich vorbereitet, sie kramt ein Papier hervor und liest: "Frau hatte zu gehorchen. Frau hatte deutlich zu sprechen. Frau hatte sauber zu sein. Frau hatte vor seinen Augen die Pille einzunehmen ..." Und wenn nicht? "Dann musste sie zum Beispiel auf einen Zettel schreiben: 'Ich, Anika, verspreche, das Wort 'pullern' nicht mehr in den Mund zu nehmen', Datum drunter, Unterschrift."

Die Zettel. Hunderte dieser bizarren Schriftstücke muss es gegeben haben, geschrieben von Angelika W. und den anderen Frauen, mit Datum und Unterschrift, der Vorsitzende verliest einige von ihnen aus den Akten, rasch, tonlos:

Blatt 751: Meine Fehler und die Strafen: Wenn ich nicht höre, soll Wilfried Max mir den Hintern versohlen. Wenn ich zu faul bin zu antworten, soll Wilfried Max mir fest an den Haaren ziehen. Wenn meine Verarschetour anfängt, soll mir Wilfried Max Ohrfeigen geben. Wenn ich wieder zu sehr an mich denke, soll Wilfried Max auch nur an sich denken. Susanne F.

Blatt 745: Die blauen Flecken am ganzen Körper kamen daher, weil ich mich überall gestoßen habe. Meine blauen Pantoffeln waren mir zu groß, deshalb bin ich auf der Treppe ausgerutscht. Der Ganter hat mich gebissen ... Dass ich gewürgt wurde, habe ich mir eingebildet. Ich leide oft an Haarausfall. Ich habe es aus freien Stücken geschrieben! Susanne F.

Blatt 754: Ich Angelika W. habe Susanne F. getreten, geschlagen, gewürgt, verbrannt, Haare ausgerissen, geschubst, beleidigt, angespuckt, wenn sie mich extra provoziert hat. Herr Wilfried W. war dabei niemals zugegen und hat absolut nichts damit zu tun. A.W.

"Wozu ist das geschrieben worden?", fragt Emminghaus. Angelika W. erklärt, die Zettel hätten im Fall einer Strafanzeige als Nachweis für Wilfried W.s Unschuld dienen sollen.

"Haben Sie das von sich aus gemacht?", fragt Emminghaus. "Das hab ich von mir aus gemacht." - "Und das Schlagen, Schubsen, Würgen, hat er Ihnen dazu Anweisungen gegeben?" - "Nein." - "Wilfried hat Ihnen nie konkret gesagt, was Sie machen sollen?" - "Nein. Aber ich wusste, dass es in seinem Sinne ist."

Andererseits: Wilfried mochte Frauen mit langem Haar, Angelika schor seine Gespielinnen kahl oder zwang sie, dies selbst zu tun. Wilfried war auf Reinlichkeit erpicht, Angelika kettete die Frauen nachts an und ließ sie nicht zur Toilette. Ob sie eifersüchtig auf die Frauen gewesen sei? "Nein, ich wollte nur, dass er mich nicht fallen lässt. Dass er mich abends kurz in den Arm nimmt. Da hab ich drum gebettelt und geheult und gefleht, und er hat's nicht gemacht."

Um ihn zufriedenzustellen, sagt Angelika W., habe sie sich Strafen ausgedacht, die keine blauen Flecken hinterließen. "Die hätten auffallen können, im Supermarkt." In den Akten liegt ein Video, auf dem man Susanne F. sieht, abgemagert, kahl geschoren, wie sie sich müht, einen schweren Sack sinnlos die Treppe hinaufzuschleppen, dazu Angelika im Kommandoton: "Mach schon, du Schlampe! Schau dich doch an, du Stück Dreck ..."

Ein Foto von Anika, der Vorsitzende fragt nach einer schwarzen Stelle am Knie. "Da hab ich sie verbrüht", erklärt Angelika W. "Das war ihre Verantwortung. Sie hat mich auf die Palme gebracht mit ihrem Fehlverhalten ihm gegenüber." Noch heute kann sie sich echauffieren: "Den Hund gestreichelt und sich mit ungewaschenen Händen an den Tisch gesetzt. Dann sollte ich für ihn rauskriegen: Warum quält sie ihn so? Warum, warum? Da hätte die Frau ja nur antworten müssen."

Die Mutter des Opfers Anika W. sitzt als Nebenklägerin im Saal, ihr Anwalt Roland Weber hinterfragt Angelika W.s Rechtfertigungen für ihr Tun: schlagen, um nicht geschlagen zu werden, strafen, um die Frauen zu Wohlverhalten zu bringen, damit sie ihre Ruhe hatte. Anika mischte sie Glutamat ins Essen, das vertrug sie nicht, ihre Gelenke schwollen davon an.

"Warum haben Sie das gemacht?" - "Um sie zu bestrafen, wenn sie wieder Fehler gemacht hatte." - "Wusste sie, dass sie von Ihnen angereichertes Essen bekommt?" - "Nein." - "Dann verstehe ich nicht die Motivation. Wenn das Opfer nicht weiß, dass es bestraft wird, kann es sich ja nicht verbessern." Da bleibt Angelika W. die Antwort schuldig.

Wie nahmen die gequälten Frauen die Rollenverteilung des Paars wahr? "Sie haben erzählt, Christel habe Sie 'Kampfpanzer' genannt", fragt ein anderer Nebenklagevertreter. "Hatte sie einen vergleichbaren Namen auch für Herrn W.?" Angelika W. überlegt: "Ich glaube, Hase."

Auch Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder stellt unbequeme Fragen, sie zielen auf Angelika W.s vermeintliche Opferrolle: "Angeblich hatten Sie Angst, mit ihm alleine zu sein. Und Angst, er könnte Sie fallen lassen - wie bringen Sie das zusammen?" "Sie haben gesagt, dass Sie Katzen mögen. Warum haben Sie dann die Katze in den Trockner gesteckt?" - "Sie sagen, Wilfried habe Ihnen nie Anweisung gegeben, zu fesseln oder zu schlagen. Woher wussten Sie dann, dass er das wollte?"

Angelika W. reagiert patzig auf Binders Fragen, dann verfällt sie auf eine neue Taktik: Ab sofort werde sie seine Fragen nicht mehr beantworten. Es sei denn, der Vorsitzende Richter mache sie sich zu eigen. Das Spiel läuft fortan so: "Hatten Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber den Frauen?", fragt Binder. Angelika W. schaut hinüber zum Richter, erteilt ihm mit einem Kopfnicken das Wort, Emminghaus echot: "Hatten Sie ..." Angelika W. antwortet: "Nein." Und heute? "Ob die Reue groß in meinem Kopf angekommen ist, das kann ich nicht beurteilen", sagt sie einmal.

Aber sie kann stundenlang ausbreiten, was sie tat, nachdem Anika gestorben war. Ein Redefluss in geschäftsmäßigem Ton, aus dem Wörter herausragen wie: Leiche, Gefriertruhe, Fuchsschwanz, Maden, Beinscheibe, Ofen, Eimer, Asche, Schippe, Fett. Im Saal wird einigen übel. Angelika W. hingegen lobt sich selbst für ihre Raffinesse: "Ich war schlauer als die Polizei."

Ein "irritierender doppelter Normverstoß" liege vor, wenn nicht ein Mann, sondern eine Frau mit Gewalt- oder Sexualdelikten in Erscheinung trete, schreibt die Kriminologin Jutta Elz im Vorwort eines Buches über "Täterinnen". Um dieser Irritation "Herr" zu werden, würden sie "als Opfer ihrer Vergangenheit oder Gegenwart, Ungeheuer oder pathologischer Fall wahrgenommen" - aber kaum als gewöhnliche Gewalttäter.

In welchem Maße Angelika W.s sadistische Handlungen einer gestörten Persönlichkeit entspringen, soll gegen Ende des Verfahrens die Psychiaterin Nahlah Saimeh erklären. Eine Theorie des krankhaften Sadismus besagt, der Täter reinszeniere Traumata aus der Kindheit.

Aber Angelika W. hat nichts Passendes aufzubieten. Als sie Kind war, habe ihre Mutter einmal gedroht, ihre geliebten Katzen aus dem Haus zu lassen, fällt ihr ein. Ab und zu Taschengeldentzug. Und sonst? Nichts. Nur Wilfried. "Der hat mich enttäuscht ohne Ende." Aber das kam später.

Aufgewachsen ist Angelika W. auf einem Bauernhof, ein einfaches Leben, der Umgang pragmatisch bis gefühlsarm, aber wohl nicht lieblos. Angelika W. ist gut in der Schule, wird aber gehänselt, weil sie dick ist. "Eine echte Freundin hatte ich nie", sagt sie. Das "Papakind" lernt Treckerfahren, packt auf dem Hof mit an, bekommt Anerkennung durch Leistung. Sie könnte aufs Gymnasium, lernt aber lieber Gärtnerin. Ihr erster Chef bietet ihr an, den Laden zu übernehmen, aber sie traut sich das nicht zu.

Mit Ende zwanzig dann der erste Mann, ein Iraker aus der Gärtnerei, verheiratet. "Ich bin beim Sex auf den Geschmack gekommen, aber ich wollte ihn nicht seiner Frau ausspannen." Über eine Annonce lernt sie Wilfried W. kennen: Sonderschüler, abgebrochene Ausbildung als Hundeführer, Autonarr ohne Führerschein. Da ist sie 29 und hat 165.000 Mark auf dem Konto, er ist 28 Jahre alt und hat Schulden. Er sagt, sie sei seine große Liebe. Nach zwei Monaten heiraten sie.

Schon in der ersten Woche ihrer Bekanntschaft, sagt Angelika W., habe er sie geschlagen. "Aber er hat mir eingeredet, dass ich selbst schuld bin, dass er mich bestrafen muss." Er habe von sich gesagt: "Ich bin das hohe Gericht." Manchmal durfte sie sich ihre Strafe selbst aussuchen.

Später, längst hatte sie den Job in der Gärtnerei aufgegeben, habe er ihr eine Art Drei-Punkte-Plan auferlegt: "Ich sollte ihm Arbeit besorgen und einen Führerschein. Und eine neue Frau, als Entschädigung, weil ich doch nicht seine Traumfrau war und ihm drei Jahre gestohlen hatte."

Wilfried W.s Verteidiger fragt: "Der Gutachterin sollen Sie gesagt haben, es sei für Sie eine sexuell erregende Fantasie, gequält zu werden und einen Schlauch in die Vagina eingeführt zu bekommen."

Keine Antwort.

"Hatte es für Sie etwas Sexuelles, die Frauen zu quälen?", hakt der Vorsitzende nach. "Auf gar keinen Fall", antwortet Angelika W. wie aus der Pistole geschossen. Es habe ihr keinen Spaß gemacht, im Gegenteil, es sei lästige, schwere Arbeit gewesen, die ihr keine Zeit für anderes ließ. Und das Holzstäbchen, das sie einer der Frauen einführte? "Das war nicht sexuell, sondern um sie zu demütigen."

Noch einen Zettel liest der Vorsitzende vor, Blatt 761 der Akte:

07.04.16: Angelika W. hat mich, Susanne F., in die Badewanne gestoßen, mit meiner Zahnbürste die Toilette geputzt und mir anschließend in den Mund gesteckt ... Angelika hat mir eine Salbentube in meiner Nase ausgedrückt, bis ich Nasenbluten hatte. Susanne F.

"Ist das alles so passiert, wie es da steht, Frau W.?" - "Zum Teil ist noch mehr passiert", sagt Angelika W. und legt noch mal los: An dem Tag hätten sie unter Zeitdruck gestanden, weil sie Eier hätten ausliefern müssen: "Die gute Frau hatte sich mal wieder eingenässt, stand da, unten ohne, und hat sich abgeduscht. Sie wurde und wurde nicht fertig." Nach der Sache mit der Zahnbürste habe sie sich nicht mal beschwert: "Sie ist mir noch frech gekommen." Das habe sie "auf hundertneunzig" gebracht: "Susanne hat dann auf mein Reden selber die Toilettenbürste genommen und sie sich in die Scheide gesteckt", sagt Angelika W., Kunstpause. "Aber ganz rein!"

Schweigen auf der Richterbank, dann unterbricht Emminghaus erst mal die Verhandlung. Ein Blick in Angelika W.s Gesicht: Triumph.

Die Szene, wie Angelika W. sie ausbreitet - so abstoßend, so banal, so böse -, lässt das Saalpublikum wie betäubt zurück. Diese Kälte, diese Brutalität, bei einer Frau! Hat man das zuvor schon mal erlebt?

Doch, hat man. Bei Auftritten ehemaliger KZ-Aufseherinnen vor Gericht: Auch in deren Vorleben deutete meist nichts auf ihr sadistisches Potenzial. Im bürgerlichen Leben wäre es kaum je hervorgetreten - und wenn, wäre es als zutiefst unweiblich verabscheut worden. Ausgelebt im Setting der Konzentrationslager brachte es den Frauen jedoch Anerkennung und Aufstieg ein, und wohl auch Lustgewinn.

Dorothea Binz, Aufseherin im Frauen-KZ Ravensbrück, schlug Frauen blutig und malträtierte sie mit ihren Stiefelabsätzen, hetzte ihren Hund auf sie und ließ ihnen die Haare scheren. Ehemalige Gefangene berichteten, man habe sie mit ihrem Liebhaber, einem SS-Offizier, Händchen haltend gesehen, wenn eine der Frauen auf den Prügelbock geschnallt und ausgepeitscht wurde.

Im Untersuchungsgespräch soll die Gutachterin Angelika W. mit einem solchen Vergleich konfrontiert haben. Ihre Antwort: "Da hätte ich dann früher wohl einen Orden bekommen."

insgesamt 2 Beiträge
uglyjo 21.02.2017
1. Und wieder wird das arme, schwache Frauchen-Bild konstruiert
Jeder weiss ja - Frauen sind schwach, sind gutmuetig und hoeren immer auf das, was Mann ihr sagt, richtig? Falsch! Wie die allermeisten Studien und auch Erfahrungen immer wieder belegen - Frauen sind oft genauso brutal und haben [...]
Jeder weiss ja - Frauen sind schwach, sind gutmuetig und hoeren immer auf das, was Mann ihr sagt, richtig? Falsch! Wie die allermeisten Studien und auch Erfahrungen immer wieder belegen - Frauen sind oft genauso brutal und haben eine genauso hohre Energie fuer Gewalt wie Maenner. Und trotzdem wird immer wieder das 'arme, kleine, schwache' Frauenbild konstruiert. Oft mit Erfolg, wie Polizeistatistiken belegen: Maenner bekommen 60% mehr und laengere Strafen fuer genau die gleichen Straftaten im gleichen juristischen Raum. Gleiches Recht fuer alle - das hoert spaetestens mit unterschiedlichem Geschlecht auf. Und diese Taktik versucht nun auch der Verteidiger von Angelika W. Ob der/die Richter wohl darauf reinfaellt/reinfallen?
Leser161 22.02.2017
2. Finden was man nicht finden kann
"Der Typ ist ja so ein Kuschelbär. Sie hingegen sieht böse aus. Klar das sie das war" "Klar das der grosse Mann die treibende Kraft war und die Frauen unterjocht hat" Ich finde es gefährlich anhand von [...]
"Der Typ ist ja so ein Kuschelbär. Sie hingegen sieht böse aus. Klar das sie das war" "Klar das der grosse Mann die treibende Kraft war und die Frauen unterjocht hat" Ich finde es gefährlich anhand von Präsentation vor Gericht oder sonstigen Anscheinsbeweisen (grosser starker Mann) herausfinden zu wollen, wer die "treibende Kraft" war. Die Taten wurde gemeinschaftlich über einen längeren Zeitraum begangen. Falls einer der beiden nur ein Mitläufer war und das eigentlich gar nicht wollte hätte er jederzeit fliehen können Solange es keine harten Beweise gibt, dass ein Täter den anderen gezwungen hat, sollten beide das gleiche Strafmaß erhalten. Meine Meinung.

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