Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

TheaterRomeo Castellucci

Aus der Schöpfungsgeschichte macht der italienische Theater-Avantgardist eine bildmächtige Reise ohne Worte.
Den Namen für seine Theatergruppe borgte er sich von einem Landsmann - von Herrn Sanzio aus Urbino, besser bekannt als Raffael, einem der bedeutendsten Maler der Renaissance. Dessen Gemälde und die Fresken im Vatikan sind voll von keuschen Madonnen, von vollkommenen Körpern und hinaufsausenden Heiligen. Die Bilder, die Romeo Castellucci, 38, mit seiner "Socìetas Raffaello Sanzio" auf die Bühne zaubert, sind anders: nicht andächtig und stumm, sondern surreal, laut, manchmal auch brutal. Und immer ein Theaterereignis.
"Genesi", das neue Stück der Gruppe und eines der Highlights beim Zürcher Theater Spektakel im August, erzählt die Schöpfungsgeschichte als modernes Bildertheater. Am Anfang steht ein farbiger Mann auf der Bühne - so schön wie eine Skulptur aus schwarzem Marmor. Vielleicht ist er Gott. Weil auch Gott am Anfang war, in völliger Dunkelheit. Dann kommt ein klapperdürrer Adam. Er wird verkörpert von einem Schlangenmenschen. Blitzschnell, fast eklig anzuschauen, windet er seine Gliedmaßen umeinander. Schnell verkehrt sich die Genesis in ihr Gegenteil. Auschwitz heißt der zweite Akt, und im dritten ermordet Kain seinen Bruder Abel.
"Die Genesis ist ein Buch voller Terror, grausamer als die Apokalypse", sagt Castellucci, Chef der Gruppe. Also übersetzt er den alttestamentarischen Stoff in Bilder, die von Gewalt und archaischer Brutalität bersten. Sein Theater ist ein Theater jenseits der Sprache. Weil Worte für den Regisseur kein Gewicht, keine Kraft und keinen Körper mehr haben. Deshalb sind Castelluccis Stücke, meist Klassiker wie Hamlet, Julius Cäsar und die Orestie, so körperbetont, anzuschauen fast wie Tanztheater.
Seit ein paar Jahren führen die Castelluccis aus Cesena die italienische Theater-Avantgarde an. Oft werden Romeo, seine Schwester und seine Frau als "Radikale" bezeichnet. Mit diesem Stempel können sie leben, weil radikal von "radice" (Wurzel) kommt. Dahin wollen sie zurück. In ein Theater, das die Zuschauer sehen lehrt und die alten Texte neu übersetzt, nicht nur wiederholt. Daß viele Zuschauer sich von der Bildermacht überrollt fühlen, nehmen sie auch in Kauf. "Theater muß wie Leibschmerzen sein", sagt Romeo. Man soll sehen, daß es Fleisch ist, was da vorn leidet.
"From the Museum of Sleep" heißt der Untertitel der "Genesi". Museen sind für die Castelluccis Orte, an denen Kunst vom Leben getrennt werde. Den Schlaf und die Träume aber könne man nicht einsperren. Das sind die Orte, an welche die Italiener den Zuschauer mitnehmen wollen. Fiona Ehlers
"Genesi", 25.-28.8. in der SEV Halle beim Zürcher Theater Spektakel, Tel. 0041/1/216 30 30.
Von Fiona Ehlers

KulturSPIEGEL 8/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung