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DER SPIEGEL

Die Schönen und das Gold

Neue Sieger, alte Rituale: Zum 72. Mal werden am 27. März die Oscars verliehen. Vergangenes Jahr erlebte US-Journalist Steve Pond zickige Diven, weinende Stars und beleidigte Verlierer vor und hinter den Kulissen.
Die Digitaluhr auf dem Fernsehmonitor im Samuel Goldwyn Theater zeigt 05:31 Uhr und 13 Sekunden. Dienstag, der 9. Februar 1999. Das Kino der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Beverly Hills ist voll mit Leuten, die um diese Uhrzeit normalerweise nicht auf den Beinen sind: Kameraleute, Presseagenten, Studiovertreter und das Strandgut der Filmindustrie.
Gleich werden die Nominierungen für die 71. Academy Awards bekannt gegeben. Louis J. Horvitz, der Regisseur der kurzen Fernsehübertragung, sitzt vor drei Monitoren und wartet darauf, dass die Uhr ihren Countdown beendet. Punkt 05:38:30 sollen Academy-Präsident Robert Rehme und Oscar-Preisträger Kevin Spacey die Nominierungen verlesen.
Im Mittelgang beobachtet der Produzent Gilbert Cates das Spektakel. Er weiß bereits, dass "Shakespeare in Love" 13-mal nominiert ist; dass "Der Soldat James Ryan" 11 Nominierungen hat; dass als Hauptdarsteller relative Newcomer wie Gwyneth Paltrow und Edward Norton ausgewählt wurden. Er steckt die Hände in die Tasche, schüttelt den Kopf. "Was für ein Irrenhaus."
Produzent Cates hält den Rekord als Wärter des Oscar-Irrenhauses - und er weiß, dass bald die Türen der Gummizellen auffliegen werden und der Wahnsinn dann erst richtig losgeht.
"Willkommen im Camp Oscar", sagt Rehme einen Monat später vor einigen dutzend Mitarbeitern der Oscar-Show und ein paar Vertretern der Academy und von ABC. Das alljährliche Produktionsmeeting.
Whoopi Goldberg wird zum dritten Mal als Gastgeberin fungieren. Die Werbezeit ist für mehr als eine Million Dollar pro 30-Sekunden-Spot verkauft worden. Rekord. Tageskasse für ABC: 70 Millionen Dollar - obwohl die Academy auch diesmal keine Spots zugelassen hat, die für Filme werben oder für Vergnügungsparks wie Disneyland.
Cates, der gut zehn Millionen Dollar davon für die Organisation des Oscar-Abends ausgeben darf, sieht sich im Raum um. "Schaun wir mal, wer alles da ist", sagt er und grinst. "Scheiße." Das kann nur eins bedeuten. "Susan Futterman." Die Chefin der Abteilung "Standards and Practices" bei ABC winkt und grinst. Cates' langjährige Gegnerin in großen und kleinen Schlachten ist es gewöhnt, dass man sich über sie lustig macht. "Madame Zensur" ist ihr selbst gewählter Spitzname.
Cates erläutert vage den geplanten Ablauf der Show. "Ein großer, schöner, wunderbarer Star stellt ,Das Leben ist schön' vor." Und fügt dann hinzu: "Und falls Roberto Benigni gewinnt: Machen Sie sich auf eine lange Show gefasst."
Auf jeden Fall wird es eine kontroverse Show. Elia Kazan soll einen Ehren-Oscar bekommen. Einige Stars drohen mit einem ApplausBoykott, weil der Regisseur 1952 vor dem McCarthy-Ausschuss die Namen ihm bekannter Kommunisten preisgab. "Es wird Standing Ovations geben", sagt Cates. "Manche Leute werden sitzen bleiben. Manche werden nicht klatschen. Was auch passiert, wir zeigen es."
Dann spricht Danette Herman, die Programmchefin, über die Künstler, die in der Show auftreten werden: Celine Dion mit Andrea Bocelli, Randy Newman mit Peter Gabriel, Mariah Carey und Whitney Houston, und Aerosmith. Die Koordinierung der Proben wird schwierig, die Show ist aus Quotengründen von Montag auf Sonntag vorverlegt. "Elf Tage, um die Show auf die Beine zu stellen", sagt Cheforganisator Michael Seligman. "Nur einen Tag frei." Der Countdown läuft.
DONNERSTAG, 18. MÄRZ
Noch drei Tage, kein Tag mehr frei. Im Dorothy-Chandler-Pavillon werden die Garderoben mit roten Teppichen und pastellfarbenen Vorhängen, verschnörkelten Spiegeln und vergoldeten Tischen ausgestattet. Auf der Bühne proben Doubles Einführungen, Vorstellungen und Dankesreden. Im Zuschauerraum stehen Tische für Produktionsteam, Vertreter von ABC, Bühnenbildner, Chefbeleuchter. Auf den Sitzen zeigen Schilder, wo die Stars sitzen werden. Diesmal sitzt Jack Nicholson nicht ganz vorn, sondern drei Reihen weiter hinten - fünf Plätze vom Gang entfernt. "Schlechter Platz für Jack", meint einer. "Der kann keine Minute still sitzen." Der Probetag geht glatt über die Bühne. Nur ein Reporter der "Los Angeles Times" hat ein paar Mal versucht, sich ins Theater einzuschleichen.
FREITAG, 19. MÄRZ
Die "Times" hat die Recherche-Ergebnisse ihres Reporters veröffentlicht: Ein groß aufgemachter Artikel beschreibt das Bühnenbild und verrät ein paar vertrauliche Details, die nur dem Skript entnommen sein können. Eine kleinere Zeitung würde dies ihre Berichterstattungsrechte kosten, aber die "Times" ist zu wichtig; stattdessen wird lediglich der Reporter von der nächsten Show ausgeschlossen.
Am späten Vormittag trudelt Elia Kazan, 89, in Begleitung seiner Frau Frances ein. Doubles lesen die Texte ab, die Robert De Niro und Martin Scorsese bei ihrer Vorstellung des Ehren-Preisträgers sprechen werden. Ein Double überreicht Kazan die hölzerne Oscar-Attrappe. Der Regisseur betrachtet sie verwirrt. "An dieser Stelle bedanken Sie sich", erklärt Cates.
"Das ist alles? Und dann geh ich wieder heim?"
Sie probieren es noch einmal. Kazan tritt ans Mikrofon, sagt "danke" und schaut sich um. "Mehr brauche ich nicht zu sagen, oder?" Frances nickt. "Danke", wiederholt er und geht. Keine Stellungnahme zu den Vorwürfen seiner Kritiker.
Nach dem Lunch probt Sophia Loren ihre Vorstellung des Oscars für den besten ausländischen Film. Sie gibt den beiden Doubles, die die Auszeichnung entgegennehmen, je einen Kuss auf die Wange; der eine Mann simuliert einen Ohnmachtsanfall, der andere sagt: "Ich bekomme einen Herzinfarkt." Bei der Wiederholung nimmt der Boss Bob Rehme selbst die Auszeichnung entgegen. "Sie hat mich geküsst!"
Aerosmith-Roadies bauen die Anlage auf. Die Musiker sind einverstanden, dass das Orchester des Dirigenten Bill Conti sie bei "I Don't Want to Miss a Thing" nicht begleiten wird, auch wenn das Original Streicher vorschreibt. "Braucht ihr nicht", sagt Cates. "Ihr seid eine Band."
Die nächsten zwei Stunden sind Goldberg gewidmet - und ihren zwölf Kostümwechseln, für die sie während der Show nicht mehr als je acht Minuten Zeit haben wird. Es sind Film-Outfits, die in der Sparte "Beste Kostüme" nominiert wurden.
Goldberg verhaspelt sich beim Namen der Kostümbildnerin von "Pleasantville", Judianna Makovsky. "Egal, jedenfalls hat die Schnalle ein paar echt coole Fummel entworfen." ABC-Zensorin Futterman spitzt die Ohren, Goldberg zuckt die Achseln. Dann soll sie den Oscar für die besten Kostüme ankündigen. Ein böser Blick auf den Teleprompter. "Vielleicht hört ihr mal auf, mir UMSCHLAG in die Augen zu blinken. Ich mach das hier nicht zum ersten Mal. Ich hab sogar so ein gottverdammtes Scheißding." Sie sieht zu Futterman hinüber. "Atmet Susan noch?"
Nach dem Abendessen kommen Randy Newman und Peter Gabriel vorbei. Als sie fertig sind, fordert Futterman, dass das Steinway-&-Sons-Logo auf Newmans Klavier schwarz übermalt werden müsse. Steinway zahle keine Gebühren für Product-Placement.
In letzter Minute hat Whitney Houston die Probe ihres Duetts mit Mariah Carey, "When You Believe" aus "Der Prinz von Ägypten", abgesagt - entweder sie hat ihren Flieger verpasst, oder sie hat was am Ohr und kann nicht fliegen oder sonst etwas in der Art. Carey lässt sich überzeugen, dass es dumm wäre, eine Probe zu verschenken, und singt zusammen mit einem Double, das Houstons Part mit zermürbender Hingabe übernimmt. Hinterher sorgen ihre Agenten dafür, dass bei der nächsten Probe ein anderes Double mitwirkt.
SAMSTAG, 20. MÄRZ
Um 13 Uhr erscheint Helen Hunt, um ihre Vorstellung des Oscars für den besten Hauptdarsteller zu proben. Als sie dem Double die Trophäe überreicht, beugt sich der Mann vor - in der Annahme, dass auch er einen Kuss bekommt. Hunt weicht zurück, verdreht die Augen und artikuliert lautlos: "Er wollte mich küssen!"
Am frühen Nachmittag ist das Steinway-Logo auf dem Klavier unter einer Lage schwarzer Farbe verschwunden.
Um viertel nach zwei probt Martin Scorsese mit Kazan. Diesmal sagt er zwei Sätze: "Dank der Academy für ihr gutes Herz und ihre Großzügigkeit. Danke Ihnen allen." Er geht schnurstracks hinter die Kulissen und setzt sich vor einen Monitor. Nach einer knappen Stunde nähert sich Frances Kazan. "Ich bin müde."
"Geh nur", sagt er.
"Du hast den Wagen", sagt sie.
"Dann nimm doch ein Taxi." Er schaut zufrieden zu, wie Liv Tyler und Catherine Zeta-Jones proben. "Elia", sagt ein Stage Manager, "ist unser neues Maskottchen."
Nach dem Abendessen die erste Kostümprobe. Während Goldberg Liam Neesons Vorstellung abliest, streichelt sie lasziv den Mikroständer. "Zeit, dass wir Ernst machen", sagt Futterman zu einem Assistenten.
Es wird immer klarer, dass es eine sehr lange Show wird. Autor Bruce Vilanch sagt, dass für alle Fälle ein paar Witze bereitliegen: "Meine Damen und Herren, wir haben geringfügig überzogen. Stellen Sie sich schon mal auf das Jahr-3000-Problem ein."
Kurz nach 23 Uhr betreten Carey und Houston Arm in Arm die Bühne. "Diven sind mein Leben", sagt Vilanch. Die Academy hat darauf bestanden, dass sie die nominierte Version ihres Songs vortragen müssen. Careys und Houstons Sprecher haben erklärt, dass die Künstlerinnen eine andere Version singen wollen. Conti hat ein Kompromiss-Arrangement geschrieben. "Tut mir leid, Bill", sagt Houston nach dem ersten Anlauf. "Wir würgen uns einen ab, Mann."
Sie probieren es noch ein paar Mal. Um 23:46 endlich verlassen sie die Bühne, je ein großes Gefolge im Schlepp, und trällern im Duett.
SONNTAG, 21. MÄRZ
Am Morgen zündet sich ein Mitglied von Aerosmith im Backstage-Foyer eine Zigarette an. Ein Aufseher versucht, ihn hinauszuwerfen. Beinahe kommt es zu einer Schlägerei.
Gegen halb vier fahren die ersten Limousinen vor. Kurz vor fünf verlässt Jack Nicholson, einen Drink in der Hand, seinen Platz in der vierten Reihe und plaudert auf der Bühne mit ein paar Arbeitern. Um 17:28 endet die Vorberichterstattung. Horvitz' Instruktionen: "Zwei Minuten noch, Ladies und Gentlemen, über eine Milliarde Zuschauer. Viel Spaß."
17:30: "Live aus dem Dorothy-Chandler-Pavillon in Los Angeles, Kalifornien, die 71. Academy Awards!" Bodyguards führen Whitney Houston durch einen kleinen Korridor in Richtung Backstage. Den Saum ihres Kleids in der einen Hand und ihre kleine Tochter an der anderen, zischt Houston: "Wer sind diese Leute?"
17:32: "Guten Abend, meine Untertanen", sagt Goldberg, als Königin Elizabeth I. verkleidet. "Ich bin die African Queen. Das wird eine lange Show. Wir wollen also nicht morgen lesen müssen, wie verdammt lang sie gewesen ist. Wir wissen es."
17:50: James Coburn erhält für seine Rolle in "Der Gejagte" den Oscar als bester Nebendarsteller. "Kinder, Kinder", sagt der Veteran aus über 70 Filmen. "Ich hab's endlich mal richtig gemacht." Auch er überzieht die 30-Sekunden-Sprechzeit. Der Teleprompter signalisiert: BITTE SCHLUSS MACHEN! Als Coburn in die 91. Sekunde geht, gibt Horvitz dem Dirigenten ein Zeichen. "Einen Moment!", brüllt Coburn. "Ich hab noch was zu sagen!" Das Orchester spielt leiser.
18:05: Mike Myers überreicht den Preis für das beste Make-up. Matt Damon, Ben Affleck, Edward Norton und Billy Bob Thornton gehen auf die Straße, frische Luft schnappen.
18:17: Goldberg kommt in einem Kleid heraus, das an die Kostüme in "Pleasantville" erinnert. "Da haben ein paar Miezen mitgewirkt, die was draufhatten." Pause. "Ich hab nicht ,Muschis' gesagt. Und wissen Sie was? Es könnte sein, dass ich nie wieder in dieser Show auftrete. Also gehen wir doch einfach bis hart an die Grenze und hüpfen ab und zu drüber! Oder?"
18:26: Damon, Affleck, Norton und Thornton gehen wieder ins Foyer - eine Angestellte der Catering-Firma schießt hervor, ruft "Mr. Norton - ich wollte nur hallo sagen!" Ein Verstoß gegen das erste Gebot für Oscar-Mitarbeiter: Du sollst den Stars nicht auf die Nerven gehen. "Danke", sagt Norton. Die Frau kehrt zu ihren Kolleginnen zurück. Gejohle.
18:31: Nicholson steht wieder auf und verschwindet in Horvitz' Büro. Das Orchester spielt "Over the Rainbow".
18:34: Goldie Hawn und Kurt Russell stehen im Gang und deuten auf die Platzhalter, die sich auf ihre Plätze gesetzt haben. "Hi, Goldie", sagt Whoopi. "Setz dich hin!" Die Platzhalter treten vorschriftsmäßig ab: Den Rücken zur Bühne gewandt - ihre Hintern sollen nicht an irgendwelchen prominenten Nasen reiben.
18:35: "Man hat mich gebeten, ein Mahnwort zu sprechen", sagt Goldberg. "Bitte benehmen Sie sich auf den anschließenden Partys. Vergangenes Jahr hat sich ein Produzent so betrunken, dass er mit einer Frau seines Alters abzog." Horvitz schneidet auf den schmunzelnden Warren Beatty, 61, und Annette Bening, 40.
18:36: "Es ist ein großer, nicht unproblematischer Abend", sagt Chris Rock, der gleich den Oscar für den besten Toneffekt überreichen wird. "Ich habe gerade De Niro hinter der Bühne gesehen. Jemand sollte Kazan schleunigst entfernen - Bob mag keine Ratten." Buh-Rufe im Publikum.
18:51: Bruce Vilanch lächelt. "Bislang zwei 'Shits' und eine 'Muschi'. Chris Rock hat uns Kazan abgenommen. Futterman hat längst die weiße Fahne gehisst." Tatsächlich pappt sie Goldberg inzwischen Zettel an den Schminkspiegel: SCHLUSS MIT DEM SCHEISS. PASS AUF, MÄDCHEN.
19:00: "Das Leben ist schön" erhält den Oscar für den besten ausländischen Film. Roberto Benigni balanciert auf Sitzlehnen zur Bühne und versucht eine Dankesrede: "Ich möchte versinken in diesem Ozean der Großzügigkeit."
19:49: Goldberg stellt Neeson vor. Sie streichelt den Mikroständer. Gejohle.
20:01: Benigni gewinnt den Oscar als bester Hauptdarsteller. "Ein tragischer Irrtum", schreit er, "ich habe schon mein ganzes Englisch verbraucht!" Gabriel und Newman warten lachend vor dem Monitor. "Wir können einpacken", sagt Newman.
20:23: "Ladies und Gentlemen, Mr. Elia Kazan." Der Regisseur betritt die Bühne am Arm seiner Frau. In der Regiezentrale blendet Horvitz Bilder aus dem Zuschauerraum ein: Stars, die stehend applaudieren (Karl Malden, Warren Beatty), solche, die im Sitzen klatschen (Steven Spielberg), und solche, die mit stummer Missbilligung zuschauen (Nick Nolte, Ed Harris, Amy Madigan).
20:24: "Vielen Dank", sagt Kazan. "Das höre ich wirklich gern. Und ich möchte der Academy für ihren Mut, ihre Großzügigkeit danken." Er erklärt, mit der Academy lasse sich "verdammt gut zusammenarbeiten", dankt Scorsese und De Niro. "Herzlichen Dank Ihnen allen. Ich glaube, jetzt kann ich mich verdrücken."
20:26: In der Pause tuscheln Paltrow und Affleck. Cage sitzt auf Noltes Platz. Nicholson verschwindet hinter die Bühne.
20:45: Als Uma Thurman in die Kulisse geführt wird, tritt ein Bühnenarbeiter aus Versehen auf den Saum ihres ausladenden Kleids und bringt sie abrupt zum Stehen. "Er hat mir fast das Kleid ausgezogen. Das wäre bedauerlich gewesen." Pause. "Für mich."
20:57: Paltrow gewinnt den Oscar für die beste Hauptdarstellerin und hält eine tränenselige Dankesrede. Im dritten Stock kommentieren ein halbes Dutzend müde Fotografen ihre Ansprache mit zynischen Zwischenbemerkungen. Ein Presseagent legt ihnen nahe, doch gefälligst den Mund zu halten.
21:05: Drei Stunden und fünfunddreißig Minuten auf Sendung, noch vier Auszeichnungen: Produzent Robert Shapiro geht vor die Tür des Chandler. "Was meinen Sie?", fragt er einen Security-Mann. "Längste Show aller Zeiten?" Der wirft einen Blick auf seine Uhr. "Guinness-Buch."
21:15: Kevin Costner überreicht den Regie-Oscar. "Wie ich höre, zieht sich die Show ein bisschen in die Länge", sagt er. "Also, ich mag's gern lang." Der Preis geht an Spielberg. Er wird direkt von der Bühne zu seinem Platz begleitet, um dort auf die Bekanntgabe des besten Films zu warten.
21:25: "Shakespeare in Love" ist der Überraschungssieger. Das Mikrofon wird an Miramax-Chef Harvey Weinstein gereicht. Bei seinem zwanzigsten "danke" gibt Cates das Zeichen für das Orchester - erstmals wird ein "Bester Film"-Sieger mit Musik hinauskomplimentiert.
21:28: Goldberg wünscht eine gute Nacht.
Gegen zwanzig vor zehn kommen die Kazans aus Cates' Büro. Auf dem Korridor laufen sie Beatty und Bening über den Weg. Beatty nimmt Kazan in die Arme. "Warren", sagt Kazan. "Ich habe dich so lange nicht gesehen! Und jetzt bist du Produzent und Regisseur!" Sie plaudern eine Weile, dann fragt Beatty: "Gehst du zum Ball?"
"Ich weiß nicht", sagt Kazan und zeigt auf seine Frau. "Sie sagt mir, was ich heute Abend tue."
Beatty lacht. "Geht mir genauso."
Paltrow gibt Interviews. Ein Reporter erzählt ihr, dass während ihrer Rede viele Leute im Raum geweint hätten. "Ach, kommen Sie! Sie sind ein Haufen zynischer Journalisten - das können Sie meiner Oma erzählen."
Während auf dem Governors Ball die ersten Gäste eintrudeln, versammeln sich die Macher der Show auf der Bühne, knallen dem Riesen-Oscar ein paar Moët-&-Chandon-Korken an den Kopf. Inmitten der Umarmungen und Dankeschöns und Schnappschüsse bekommt Goldberg ein Andenken überreicht: einen armlangen, handgefertigten, polierten Dildo aus Holz. Sie marschiert ans andere Ende der Bühne und schenkt ihn Susan Futterman. Die Crew johlt, die Gastgeberin strahlt, und Madame Zensur grinst. Sie nimmt ihren Dildo und fängt an, ihn zu streicheln.

KulturSPIEGEL 3/2000
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