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DER SPIEGEL

Ein Sommer im Paradies

Er kam für einen Nachmittag und blieb fünf Monate: Der Fotograf Dominique Tarlé lebte 1971 mit den Rolling Stones in der französischen Villa, in der ihr Album „Exile on Main Street“ entstand.
Als ich die Villa Nellcôte im April 1971 zum ersten Mal betrat, war ich gerade 22 Jahre alt und konnte mein Glück kaum fassen. Keith Richards und Anita Pallenberg lebten mit ihrem Sohn Marlon erst wenige Tage an der französischen Riviera, als sie mich für einen Nachmittag in ihr neues Heim einluden - den Ort, an dem die Rolling Stones einige Monate später "Exile on Main Street" aufnehmen sollten. Es war Frühling, die Riviera strahlte wie die irdische Niederlassung des Paradieses. Wir verbrachten einen wunderbar entspannten Tag miteinander, saßen auf der Terrasse, tranken Kaffee und spielten mit Marlon. Ich fotografierte, so viel ich konnte. Als ich mich nach dem Abendessen bedankte und verabschieden wollte, sagten sie mir, im oberen Stockwerk sei ein Zimmer für mich hergerichtet. Also blieb ich. Ich kam für einen Nachmittag und blieb fünf Monate.
Kennen gelernt hatte ich die Rolling Stones 1970. Nichts begeisterte mich damals so sehr wie der Blues und der Rock'n'Roll. Etwas sehr Bedeutendes geschah zu dieser Zeit, das spürte ich. Deshalb war ich von meiner Heimatstadt Paris nach London gezogen. Ich trieb mich in den Büros der Plattenfirmen herum, denn ich war ständig pleite. Hier bekam ich einen Kaffee gratis und konnte die neuesten Alben hören. So lernte ich Marshall Chess kennen, den späteren Leiter von Rolling Stones Records. Er sorgte dafür, dass ich die Stones auf ihrer Europa-Tour begleiten durfte.
Als die Stones aus Steuergründen England verließen und sich den Süden Frankreichs für ihr Exil wählten, fuhr ich auf eigene Faust nach Cannes und mietete mich für mein letztes Geld in einem schäbigen Hotel ein. Ich belagerte Georgia Bergman, die das Stones-Büro in Cannes leitete. Als Keith und Anita hörten, dass ich zu pleite war, um noch länger auf einen Termin zu warten, luden sie mich ein.
Die ersten zwei Wochen in Nellcôte waren einfach idyllisch. Wir lebten in dieser phantastischen Villa in den Hügeln mit Panorama-Blick über die Küste und einem riesigen, verwilderten Garten, dschungelgleich, der das Haus zur Straße hin abschirmte. Nur Keith, Anita, Marlon, die Hauswirtschafterin und ich. Noch waren all die Freunde, Musiker, Techniker und Drogendealer, die später des Haus bevölkern sollten, nicht in Sicht.
Keith Richards und seine Familie lebten damals außerhalb ihrer gewohnten Welt, in jeder Hinsicht. Sie hatten gerade ihre Heimat und ihre Freunde verlassen, der Tod von Brian Jones lag noch nicht lange zurück, und der Ärger mit dem Finanzamt bedrohte ihre wirtschaftliche Existenz. Die Stones hatten "Sticky Fingers" aufgenommen und eine anstrengende Tour durch Europa absolviert, Keith und Anita einen Drogenentzug. Jetzt waren sie hier, erschöpft und verloren im Süden Frankreichs. Sie mussten sich orientieren, ihren Platz finden, ihr Leben organisieren. Aber die beiden waren es gewohnt, sich einen Ort schnell zu Eigen zu machen - als ich die Villa das erste Mal betrat, sah sie aus, als sei sie für Keith und Anita gebaut worden.
In den ersten Wochen verbrachten Keith und Anita viel Zeit mit ihrem Sohn und erkundeten ihren neuen Lebensraum. Morgens war es Keith, der sich um Marlon kümmerte, nachmittags, wenn Keith Musik machte, übernahm Anita. Wir fuhren an den Strand, in den Zoo oder mit dem Boot aufs Meer. Ich hatte gerade fast drei Jahre im Ausland hinter mir, getrennt von meiner Familie, und mit einem Mal war es, als hätte ich eine Familie gefunden. Keith und Anita hatten mich adoptiert.
Das Ereignis, das alles veränderte, war die Hochzeit von Mick Jagger mit Bianca Pérez Morena de Macías.
Ich hatte Nellcôte verlassen und war nach Paris zurückgekehrt, weil meine Filme voll waren und ich in Cannes keine Möglichkeit hatte, sie zu entwickeln. Einige Tage später rief Anita mich an, erzählte mir, dass Mick heiraten würde, und fragte: "Willst du kommen und ein paar Fotos machen?" Die halbe Pop-Welt war eingeladen. Ich war wieder pleite, also übernahm die Plattenfirma die Kosten. Aber der Flug hatte Verspätung und der Bus einen Platten. Eine absurde Situation - unser Bus stand stundenlang am Straßenrand, voll mit all den durchgeknallten Musikern, die stundenlang im Flieger gekifft und gekokst hatten und kaum kapierten, dass sie nicht mehr im Flugzeug saßen.
Als wir ankamen, war die Zeremonie vorüber, und die Party hatte begonnen. Ich verbrachte die meiste Zeit mit Keith und Anita, mit Mick und seinen Freunden fühlte ich mich nicht wohl. Vor allem, wenn Menschen um ihn waren. Allein und jenseits des Trubels war er ein angenehmer Mensch. Aber inmitten dieser Showbiz-Meute war er kaum zu ertragen - zwanghaft bemüht, seinem Image gerecht zu werden, Erwartungen zu erfüllen.
All diese Hochzeitsgäste waren aus London, New York und Los Angeles angereist, und nach der Hochzeit wollte niemand, dass die Party zu Ende ging. Also kamen sie nach Nellcôte. Manche blieben Tage, andere Wochen, das Haus war ständig voller Menschen. Sie waren willkommen, schließlich lebten Keith und Anita im Exil und vermissten ihr altes Leben, ihre Freunde und den Trubel.
Es herrschte eine zauberhafte Stimmung in Nellcôte - Keith saß nachmittags oft stundenlang am Flügel oder spielte auf der Terrasse Gitarre. Im Haus war es ruhig, die Türen und Fenster standen weit offen, und einmal kam eine streunende Katze aus dem Garten ins Haus, setzte sich neben das Klavier und hörte gebannt zu. Eine besondere Magie entstand, wenn Keith und Gram Parsons, der ehemalige Gitarrist der Byrds, alte Country-&-Western-Klassiker spielten; zwei Gitarren und zwei Stimmen, völlig versunken und sich selbst genügend. Ich habe nie etwas Schöneres gehört.
Keith und Gram kannten sich seit drei Jahren und waren fast unzertrennlich geworden. Für Mick Jagger war diese Freundschaft schwierig. Er fand nie seinen Platz zwischen den beiden.
Aber letztendlich stand die Beziehung von Mick und Keith über diesen Problemen. Sie hatten gerade ihre Plattenfirma gegründet, verfolgten gemeinsame Projekte und waren voller Ambitionen. Gemeinsam waren sie das Größte, was es zu der Zeit auf den Bühnen dieser Welt zu hören gab. Das wollte keiner vergeuden, sie versuchten, das Beste aus sich herauszuholen.
Schließlich entschieden die Stones, die alle in Frankreichs wohnten, "Exile on Main Street" im Keller der Villa aufzunehmen. Sie hatten die ganze Region erfolglos nach geeigneten Räumen abgesucht, und die wichtigste Frage war immer gewesen: "Gelingt es uns, Keith an diesen Ort zu bekommen?" Es war damals schwierig mit Keith, niemand konnte sagen, wann und ob er auftauchen würde. Der Keller schien die ideale Wahl - Keith musste nur aus dem Bett klettern, seine Gitarre greifen und ein paar Treppen hinabsteigen.
Als die Aufnahmen begannen, veränderte sich die Atmosphäre. Jetzt bevölkerten Musiker und Techniker das Haus, und die Leichtigkeit verschwand immer mehr. Ein Album aufzunehmen ist ein schwieriger Prozess, die Band muss einen Konsens finden, die Verantwortung gegenüber dem Publikum und der Plattenfirma schafft Druck. Dazu kamen die extremen Aufnahmebedingungen - es war physisch und mental irrwitzig anstrengend, in diesem Keller zu arbeiten. Alles fiel auseinander, die Tapeten lösten sich, und die Teppiche, die wir an die Wände gehängt hatten, um das Echo zu dämpfen, fielen während der Aufnahmen herunter. Es war wahnsinnig heiß und die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass die Gitarren ständig verstimmt waren; außerdem hatten wir Probleme mit der Elektrizität, mussten die Hauptleitung vor dem Haus anzapfen, und trotzdem fiel der Strom immer wieder aus.
Aufgenommen wurde nachts, oft bis in den frühen Morgen. Weil wir in den Kellerräumen Platz schaffen mussten, hatten wir eine Menge Möbel auf das Dach geschleppt, Sofas, Sessel, Tische. Dort saß ich nächtelang und lauschte der Musik, die aus dem Keller nach oben wehte. Ich wollte an keinem anderen Ort auf dieser Welt sein.
Manchmal war ich trotzdem kurz davor, den Verstand zu verlieren - die Stones feilten Ewigkeiten an jedem Song, Stunde um Stunde, Tag für Tag. "Tumbling Dice" eine Woche in einer Endlosschleife, wieder und wieder, das war einfach zu viel! Ich schnappte mir mein Mofa und floh an den Strand, in die nächtliche Stille.
Besonders für Anita wurde es sehr schwierig. All diese Leute, die jeden Tag ins Haus kamen, aßen, tranken, Musik machten, kifften, rumhingen und sich um nichts kümmerten, mussten verpflegt, ein Haushalt organisiert und die Kinder beaufsichtigt werden. Neben Marlon lebten auch einige andere Kinder in Nellcôte. Die Kinder liebten Keith. Morgens standen sie spätestens um neun Uhr an seinem Bett und forderten seine Aufmerksamkeit. Keith war für sie eine Art Superman. Gab es ein Problem, würde Keith es schon regeln.
Marlon hatte von Bill Wyman einen Hasen bekommen, der in einem Käfig inmitten der Gitarren lebte. Die Kinder liebten es, mit dem Hasen zu spielen, aber der entwischte ihnen ständig. Keith musste ihn dann jagen und wieder in den Käfig stecken. Eines Abends landete der Hase schließlich auf unseren Tellern. Keith hatte die Nase voll davon, dem verdammten Vieh den halben Tag hinterherzurennen.
Ich verließ Nellcôte im September, kurz bevor die Aufnahmen beendet waren. Sie hatten mich gebeten zu gehen, wahrscheinlich hatten sie genug von mir. Es war an der Zeit zu verschwinden. Immer mehr Einheimische tauchten auf, die den Stones Heroin und Frauen anboten, einmal, weil sie ein Geschäft witterten, und zum anderen, weil sie dazugehören wollten und dachten, Drogen seien ein Ticket in das Paradies. Später wurden in Nellcôte Instrumente und Möbel gestohlen, und schließlich ermittelte die französische Polizei gegen Keith und Anita wegen Drogenbesitzes. Die beiden mussten das Land verlassen. Ich ging, bevor es bitter wurde und alles auseinander fiel. In meiner Erinnerung und in meinen Fotos bewahre ich diesen Sommer als eine paradiesische Zeit an einem wunderbaren Ort, umweht von großartiger Musik. Eine Zeit, in der ich mich um nichts sorgen musste und mich ganz dem Fotografieren widmen konnte. Wahrscheinlich konnten diese Bilder nur so entstehen - ungeplant, unbeabsichtigt und ohne dass ich jemandem Rechenschaft schuldig war.
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Dominique Tarlé: "Exile. The Making of Exile on Main St.". Genesis Publications, Guildford; 248 Seiten; 890 Mark (handsigniert), erhältlich über WOM.
Von JÖRG BÖCKEM

KulturSPIEGEL 12/2001
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