Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

MIT 17 HAT MAN NOCH TRÄUME„Du wirst dich noch wundern!“

Campino, 36, Sänger der Toten Hosen, über ein Punkrocker-Leben ohne Familie
KULTUR EXTRA: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie, welche?
Campino: Ich hab' mit 17 in meiner ersten Band gespielt, die hieß ZK, und daran hing meine ganze Leidenschaft. Aber wir wollten nicht berühmt werden. Kein Punk wollte damals Rockstar sein.
KULTUR EXTRA: Sie sind mit Ihrer zweiten Band trotzdem ein Star geworden.
Campino: Stimmt. Aber darum ging es nicht. Wir wollten uns nur unsere pubertären Träume erfüllen. Einmal im Leben bei der Düsseldorfer EG mitspielen, den berühmten Posträuber Ronald Biggs, der für mich eine Art Robin Hood ist, kennenlernen oder mit den Punkrock-Idolen meiner Jugend zusammen eine Platte machen.
KULTUR EXTRA: Gibt es noch Träume, die auf Erfüllung warten?
Campino: Da reicht ein Leben gar nicht aus. Wenn du keine Träume mehr hast, wird es Zeit abzutreten.
KULTUR EXTRA: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, die bunten Hosen in den Müll zu werfen und zum Frisör zu gehen?
Campino: In einem unserer Songs gibt es die Zeile: "Solange Johnny Thunders lebt, so lange bleibe ich ein Punk". Thunders, das größte Punk-Idol meiner Jugend, starb 1991. Dieser Fluch ist also vorbei, und ich fühle mich der Punk-Bewegung auch nicht mehr verpflichtet, denn es gibt sie nicht mehr. Wir sind die Toten Hosen - nicht mehr, nicht weniger.
KULTUR EXTRA: Hatten Sie nie das Gefühl, das Konzept Tote Hosen könnte sich überlebt haben?
Campino: Die Toten Hosen sind ein Haufen von Freunden, uns waren gewisse gruppendynamische Prozesse auf einer Art Therapiebasis immer wichtiger als die Platten, die wir gerade gemacht haben. Ich bin nicht verheiratet, hab' keine Kinder. Die Hosen sind meine Ersatzfamilie. Da kann man nicht einfach sagen: "Das war's."
KULTUR EXTRA: Warum keine Familie?
Campino: Ich weiß, daß ich einen hohen Preis zahle für das Leben, das ich führe. Ich bin fast das ganze Jahr unterwegs, selten erreichbar, da ist eine Beziehung schwer aufrechtzuerhalten. Manchmal habe ich Angst, daß ich irgendwann komisch werde, weil ich eben nicht in den normalen Familienbezügen stecke wie jeder andere Mitte dreißig.
KULTUR EXTRA: Eine Medienjury in der "Bild"-Zeitung hat Sie auf Platz zwei der erotischsten Männer von Deutschland gewählt.
Campino: Da ist mein Weltbild zusammengebrochen - früher hab' ich gedacht, "Bild" lügt.
KULTUR EXTRA: Sie haben mal gesagt, "Der Sänger muß ein Angeber sein." Stimmt das immer noch?
Campino: Es schadet zumindest nicht. Der Sänger ist das Sprachrohr, die Großschnauze - darum geht's. Ich muß nicht vernünftig singen können, ich muß den Entertainer geben.
KULTUR EXTRA: Was hätten Sie dem 17jährigen Campino mit auf den Weg geben wollen?
Campino: Du wirst dich noch wundern!
KULTUR EXTRA: Worüber? Über das viele Bier, das ein Mann ganz allein wegtrinken kann?
Campino: Zum Beispiel. Früher war alles cool, was mit Selbstzerstörung zu tun hatte: dreimal täglich Pommes, Bier schon früh morgens, Aufputschmittel. Darauf habe ich heute keine Lust mehr, und ich kann es mir auch nicht mehr leisten. Ich bin ein paarmal nach tagelangen Exzessen im Krankenhaus gelandet - irgendwann reicht es. Außerdem habe ich festgestellt, daß mich Aufputschmittel zum Arschloch machen: Ich habe viele Auftritte versaut und Schlägereien angezettelt, die nicht nötig waren.
KULTUR EXTRA: Was würde der Campino von damals von den Toten Hosen '98 halten?
Campino: Er würde sie zumindest nicht mit einer Bierflasche von der Bühne prügeln oder bespucken. Vielleicht würde er denken: "Ein paar von den Songs hätte ich selbst gern geschrieben."

KulturSPIEGEL 10/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung