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DER SPIEGEL

Ewig Dein

Schöngeist, Außenseiter, Tausendsassa - auch Bücher haben Charakter. Manche sind leicht zu haben, andere sind etwas spröder, einige haben schon vor dem ersten Eselsohr ihre Macken. Wir stellen Ihnen 27 Neuerscheinungen vor, die Sie nicht nur ins Regal stellen, sondern auch ins Herz schließen werden.
Fotos: Pixelgarten
Der Märchenonkel
Jasper Fforde: "Grau". Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Eichborn; 496 Seiten; 19,95 Euro.
Die bedauernswert niedrige Abenteuer-Frequenz in den Leben der meisten Menschen lässt sich unter Umständen damit erklären, dass die Welt - immer wenn es gerade spannend wird - eine Entscheidung fordert: entweder Geborgenheit oder Gefahr! Man muss "Grau" von Jasper Fforde, 50, dafür lieben, dass es diesen lästigen Gegensatz einfach außer Kraft setzt, wie es sich für einen Märchenonkel gehört: In einem Gefühl der totalen Geborgenheit lässt es einen die aufregendsten Abenteuer erleben, die man sich überhaupt nur vorstellen … nein, schon falsch … die man sich eben niemals vorstellen könnte. Farbsicht ist in "Grau" zu einer seltenen Fähigkeit geworden. Und Eddies überdurchschnittliche Rot-Sicht sollte ein Garant für den chromatischen Aufstieg und ein beschauliches Leben sein. Auf dem Weg zum letzten Kaninchen - einer der Hauptattraktionen der Stadt Zinnober - verliebt sich Eddie ganz unstandesgemäß in die grausichtige Jane, die Eddie erstens in den Schlund eines fleischfressenden Yateveo-Baumes und zweitens auf die Wahrheit über die Farbdiktatur stoßen wird. Das Gefährlichste an diesem Buch ist jedoch, dass nach der Lektüre unsere Welt nur noch grau erscheint.
Der Spurensucher
Robert Bober: "Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen". Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Verlag Antje Kunstmann; 256 Seiten; 19,90 Euro.
Man dürfe, so heißt es einmal, sich nie mit der Fiktion begnügen. Die Geschichte müsse stattdessen zunächst von denen erzählt werden, die sie erlitten hätten. Nach diesem ästhetischen Prinzip funktioniert der neue Roman von Robert Bober, 80. Alles beginnt damit, dass der junge Bernard Appelbaum zu Beginn der sechziger Jahre eine Statistenrolle in François Truffauts Film "Jules und Jim" ergattert. Vermittelt wurde Bernard diese Rolle von Truffauts Assistenten: Robert Bober. "Jules und Jim" erzählt von einer Dreiecksliebe, und auch in Bernards eigener Familie gab es solch eine Geschichte: "Ich habe meinen Jules verloren und meinen Jim", sagt seine Mutter. Der Roman wird also zum Spurensucher: Bernards Mutter und sein Vater hatten vor den Nazis aus Polen fliehen müssen; der Vater wurde von Kollaborateuren in Paris denunziert und von den Deutschen deportiert. Mit Eleganz schickt Bober seinen Helden durch ein Paris zwischen Nachkriegszeit und Künstlerszene, lässt ihn das Kino entdecken und die Liebe - und hält dabei stets die dunklen Seiten seiner Geschichte präsent.
Der große Bruder
David Foster Wallace: "Alles ist Grün". Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch; 272 Seiten; 19,99 Euro.
David Foster Wallace war der große Bruder, den ich nie hatte, dieser große Bruder, so stelle ich mir die Sache mit großen Brüdern vor, den man schon dafür bewunderte, dass er Poster in seinem Zimmer hängen hatte, die man nicht verstand: Wer ist dieser Mann mit der Gitarre, wer ist diese Frau mit den Brüsten, was steckt hinter all dem überhaupt, das wir Welt nennen?
Große Brüder, denke ich, können beeindrucken, ohne dass man wirklich versteht, wer sie sind oder was sie ausmacht. David Foster Wallace ist so, und manchmal ist auch seine Sprache so: "Es ist eine fast unbekannte Tatsache, dass jeder, der mal in einem Werbespot von McDonald᾿s aufgetreten ist, einen Gutschein ohne Verfallsdatum erhält, der ihm jederzeit und in jeder McDonald᾿s-Filiale das Recht auf Gratis-Hamburger verschafft." Was soll man schon mit solchen Sätzen, solchen Bildern anfangen, die Foster Wallace in seinen Geschichten vor uns ausbreitet - Geschichten, die so verheißungsvoll wie deprimierend sein konnten, die von den einfachsten Dingen erzählen konnten, einem Herzanfall etwa oder dem Ende einer Liebe, und die doch so rätselhaft und kompliziert dastehen, die man von verschiedenen Seiten betrachten konnte, sie hin und her wenden auf der Suche nach einem Zugang, nach einer Antwort.
Der Amerikaner David Foster Wallace, der sich 2008 das Leben nahm, 46 Jahre alt, war gleichzeitig voller Welt und voller Wunder, er misstraute jedem Realismus und wandte sich doch nie von der Realität ab. Er war schneller und weiter und genauer als andere - und wohl auch als nötig. Die magische Konsequenz seiner Prosa überlagert sich mit der tragischen Konsequenz seines Selbstmords. In den frühen Geschichten, von denen einige in dem Band "Alles wird grün" erscheinen, zeigt er sich dabei schon einerseits auf der Höhe seiner Depression: Die Welt ist hier ein von Worten und Gedanken zugestellter Kosmos, undurchdringlich fast in der Verworrenheit des Banalen. Und andererseits machen einem diese Geschichten aus den späten achtziger Jahren, die er lange vor seinem Monumentalwerk "Unendlicher Spaß" geschrieben hatte, noch einmal klar, wie souverän hier jemand, der die Geste des Großschriftstellers nur noch lächerlich fand, mit den Mitteln der Sprache einer Wirklichkeit auf die Spur kommt, die sich immer mehr verflüchtigt hat.
Er hat mir nur seine Bücher hinterlassen, die seinen Platz einnehmen, den Platz des großen Bruders, der Poster an der Wand. Er selbst ist ausgezogen aus dieser Welt, er wohnt jetzt woanders. Großer Bruder, wo bist du? Ich hätte so gern mehr von dir gehabt!
Der Schöngeist
Georg von Wallwitz: "Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte". Berenberg; 152 Seiten; 20 Euro.
Schuldenkrise, Börsenchaos - wo gibt es noch Sicherheit? Georg von Wallwitz, 43, könnte es wissen: Er führt selbst eine Investmentfirma. Aber sein feines kleines Buch speist die Leser nicht mit dem üblichen Faktenauflauf oder gar Spekulationen ab. Überzeugt davon, "dass alle einfachen Erklärungen des Geschehens wahrscheinlich falsch sind", erzählt er fesselnd die Wirtschaftsgeschichte der Moderne, stellt den fälschlich verteufelten John Maynard Keynes und andere Finanzdenker vor - und zeigt, dass auch Insider, ja gerade sie, der Komplexität des Geldmarktes nicht mehr gewachsen sind. Sie wären gern Odysseus, der in Gefahren cool den rechten Dreh findet. Doch tatsächlich bleiben Broker und Aktienhändler fast immer hektische, verspielte Wiesel, die dorthin rennen, wo ein bisschen Beute lockt, und allzu leichtgläubig neuen Trends folgen. Stilistisch glänzend, mit dem Esprit eines Schöngeistes, gibt Wallwitz entlarvende Einblicke in eine Branche, die oft mehr verantwortet, als ihr guttut. Wer sein Buch liest, amüsiert sich auf hohem Niveau und begreift, dass niemand ihm die Anlage-Entscheidung abnehmen kann.
Der Menschenfreund
Mario Vargas Llosa: "Der Traum des Kelten". Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp; 444 Seiten; 24,90 Euro.
Machen wir uns für einen Moment von dem Gedanken frei, dass "Der Traum des Kelten" der neue Roman des letztjährigen Nobelpreisträgers und damit regierenden Literaturkönigs Mario Vargas Llosa ist, und versuchen eine unvoreingenommene Annäherung. Seltsames, aber interessantes Thema schon mal - eine fiktionalisierte Biografie des Iren Roger Casement, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Diplomat im Dienste Großbritanniens die Brutalität der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo aufdeckte und später die menschenverachtenden Methoden enthüllte, mit denen Mitarbeiter des britischen Kautschukunternehmens "Peruvian Amazon Company" die Indios in Peru terrorisierten. Vom Träumer, der die Kolonialisierung zunächst für einen Schlüssel zu Zivilisation und Wohlstand hielt, wurde er zum hochgeschätzten Menschenrechtsaktivisten. Dass er dabei gleichzeitig zum leidenschaftlichen, gar fanatischen irischen Nationalisten wurde, bedeutete hingegen seinen Tod: 1916 wurde er in Großbritannien im Alter von 51 Jahren wegen Hochverrats gehängt, nachdem er mit den Deutschen über eine Beteiligung am bewaffneten irischen Widerstand verhandelt hatte. Eine von zahlreichen Prominenten wie Arthur Conan Doyle unterstützte Kampagne schien ihn zunächst vor dem Galgen zu retten, bis angebliche (bis heute in ihrer Echtheit in Frage gestellte) Tagebücher auftauchten, die in pornografischen Details von skandalösen homosexuellen Erlebnissen berichteten, was die Unterstützungsbewegung zusammenbrechen ließ.
Eine widersprüchliche, faszinierende Persönlichkeit, die viel Raum für die opulente Schilderung von Casements gut dokumentierten Afrika- und Südamerika-Abenteuer bietet und gleichzeitig zu intensiver Spekulation über sein Innenleben einlädt. Letzteres ist gar nicht nötig, denn die Berichte aus dem Kongo und dem Amazonas sind so mitreißend in ihrer Detailgenauigkeit und so erschütternd in ihrer Schilderung der Grausamkeiten der Besatzer, dass Casements Metamorphose zum Aktivisten nur die logische Folge seiner idealistischen Abenteuerlust ist.
Vargas Llosa, 73, mag Casements wachsende Begeisterung für den Nationalismus weniger nachvollziehbar geschildert haben, und mancher erdachte Dialog zwischen echten Figuren des Zeitgeschehens mag schwer holpern - "Der Traum des Kelten" ist ein großherziges, kompromisslos menschliches Buch, das die Grausamkeiten beweint, zu der Menschen fähig sind, und doch immer an das Gute im Menschen glaubt. Und wenn man sich jetzt wieder daran erinnert, dass das Buch vom aktuellen Nobelpreisträger kommt: passt schon.
Der Weltenwandler
Andrej Kurkow: "Der wahrhaftige Volkskontrolleur". Aus dem Russischen von Kerstin Monschein. Haymon; 432 Seiten; 22,90 Euro.
Andrej Kurkow, 50, schrieb einmal: "Ich habe viele gute Freunde in Deutschland, und viele von ihnen würde man sogar in England als extravagante Persönlichkeiten bezeichnen. In Deutschland dagegen fallen sie gar nicht weiter auf." Es ist an der Zeit, dieses Kompliment zurückzugeben: Denn in seinem Roman "Der wahrhaftige Volkskontrolleur" tauchen viele Figuren auf, die man sogar in Alices Wunderland als extravagante Persönlichkeiten bezeichnen würde. In diesem Roman dagegen fallen sie gar nicht auf. Wie der Engel, der sich eines Tages darüber wundert, noch nie einen sowjetischen Bürger im Paradies getroffen zu haben. Er will also dieses Land erkunden, und als im Winter darauf Schnee fällt, fährt der Engel zum ersten Mal in seinem Leben Schlitten (denn im Paradies ist es zu warm für Schnee!). Oder Pawel, der zum Volkskontrolleur berufen wird und Dienstpferd, Dienstwohnung und Dienstehefrau bekommt. Mit ihnen wandelt der Roman quer durch die Welten, und erschließt solch eine Weite dabei, dass sich das Lesen anfühlt, als fände man im Briefkasten eine Panorama-Postkarte aus der Fremde.
Das Unberührbare
Judith Schalansky: "Der Hals der Giraffe". Suhrkamp; 224 Seiten; 21,90 Euro.
Es gibt Bücher, die sind so schön, dass man sich fast nicht traut, sie anzufassen. Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe" ist so ein Buch. Ein Lieblingsbuch. Die Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin hat nicht nur einen traumhaft schönen Text geschrieben, einen Roman, sondern sie hat diesen Roman auch traumhaft schön gestaltet, hat ihn selbst gesetzt und auch das Material, die Schrift und die Farben ausgesucht. Er ist in grobes Leinen gehüllt und mit feinziselierten Schwarzweiß-Grafiken illustriert: Bilder von einer Fledermaus, einer Seekuh und einem Schnabeltier zum Beispiel. Und so sieht "Der Hals der Giraffe" nach der Lektüre unberührter aus als damals in der Schule der Diercke-Weltatlas des Klassenstrebers: ohne Eselsohren, ohne Kritzeleien, ohne Schokoflecken.
Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, wünscht sich, dass die Optik ihres Buches an eine alte DDR-Ausgabe erinnert - und so seinen Inhalt kongenial aufgreift. Die Hauptfigur des Romans heißt Inge Lohmark und ist die letzte ihrer Art: Sie unterrichtet Biologie und Sport in einer Kleinstadt im hinteren Vorpommern. Eine Paukerin, gnadenlos gebieterisch, die allmählich verdrängt wird von kumpelhaften Lehrern mit halbem Hintern auf dem Pult und bunten Tüchern um den Hals. Eine Darwinistin, die vom Aussterben bedroht ist, so wie das komplette Charles-Darwin-Gymnasium: Die Region entvölkert sich, gerade mal zwölf Schüler gehen in die neunte Klasse, und wenn sie in vier Jahren Abitur haben, wird die Schule dichtgemacht.
Ihre Schüler betrachtet Lohmark wie Tiere - und "alle Tiere wollten dominiert werden". Um sich die Namen schneller zu merken, notiert sie auf dem Sitzplan hinter jedem Gehässigkeiten: Bei Jennifer steht "Wettbewerbsbusen", bei Laura "unauffällig wie Unkraut", bei Ellen "dumpfes Duldungstier" und "Opfer auf Lebenszeit". Sie hält nichts davon, die Schwachen mitzuschleifen: "Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Parasiten am gesunden Klassenkörper." Auch im Privatleben gibt sie sich emotional unberührbar. Sie hat einen Mann, aber an die Ehe glaubt sie nicht: "Was soll all das Kuscheln? Man blieb ohnehin nur zusammen, weil die Aufzucht der Jungen unendlich aufwendig war." Ihre Tochter ist längst aus dem Haus und nach Kalifornien ausgewandert, aber das scheint kein Grund zu sein, sich zu grämen: "Im Tierreich kam man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei."
Lohmark ist eine schrullige Zynikerin. Ihr biologistisches Weltbild macht die Lektüre hochkomisch - und es macht sie tieftraurig. Und so lässt einen dieses unberührbare Buch über eine unberührbare Frau nicht unberührt.
Das Spielwütige
Roberto Bolaño: "Das Dritte Reich". Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser; 320 Seiten; 21,90 Euro.
Dichter müssen tollkühn und größenwahnsinnig sein, davon war der Poet Roberto Bolaño (1953 bis 2003) überzeugt. Die Hauptfigur seines Romans "Das Dritte Reich" erfüllt diese Bedingungen tadellos, obwohl es sich um einen Elektroingenieur aus Stuttgart handelt. Udo Berger, so heißt der Ich-Erzähler, schildert eine Abenteuergeschichte, die an einem spanischen Badestrand spielt; es kommen flatterhafte Frauen darin vor und zwielichtige Männer; zugleich aber ist der Jüngling Berger ein Wiedergänger des deutschen Überhelden Doktor Heinrich Faust. Sein Gretchen ist die blonde Freundin Ingeborg, um die ihn die Männer beneiden, während er mit ihr Nächte in Discotheken und im Hotelbett verbringt - und sein Mephisto ist ein von vielen Brandwunden entstellter Tretbootverleiher. Mit ihm schlägt Berger auf einem Strategiebrettspiel namens "Das Dritte Reich" die Schlachten des Zweiten Weltkriegs neu.
Schamlos vermengt Bolaño in diesem erst aus dem Nachlass veröffentlichten Buch große Mythen und eine halsbrecherische Kriminal-Story. Und entwirft in sanft schwingenden Sätzen ein Zauber- und Verwirrspiel, in dem fast überall die Fratzen des Bösen lauern. Die Urlaubsbekanntschaft mit einem deutschen Paar, das sich Udo Berger und Ingeborg aufdrängt, mündet in einen mysteriösen tödlichen Surf-Unfall. Bergers Flirt mit der Hotelbediensteten Else nimmt zwanghafte Züge an, als ihn der Wahn packt, er habe bei Else "an eine verborgene Wunde gerührt". Bergers Begeisterung für das Kriegsspiel erweist sich als bizarre Obsession, er hat bereits etliche "Das Dritte Reich"-Turniere gewonnen und Aufsätze in Wargame-Fachzeitschriften verfasst - und weil er ein echter Nazi-Punk ist, kapiert er nicht, warum sich seine Freundin für seine Triumphe schämt.
Bolaño schildert hier, wie in seinen Riesenromanen "Die wilden Detektive" (deutsch 2002) und "2666" (deutsch 2009), die Welt als einen Ort der Bosheit und der Narretei, sündhaft, böse und zum Lachen. Nur ist sein Erzählhandwerk in diesem frühen Buch weniger versponnen, klarer, präziser. Der Spieler Berger ist ein Nerd und Frauenbeglücker, ein Phantast und Großkotz - und ein Outlaw, über dessen Moral der Leser selbst urteilen muss. Es mag eine Art von Wahnsinn sein, den sich dieser Mann zum Lebensinhalt gemacht hat, doch es ist ein Wahnsinn, der zwar politisch abstrus, aber schillernd und poetisch ist und im Grunde harmlos, weil allenfalls selbstzerstörerisch. Er gleicht der sturen Unbeirrbarkeit der Fallschirmspringer, die Bolaño so verehrte: Unter den Springern seien ihm diejenigen "die liebsten, die brennend vom Himmel fallen", schrieb er einmal, "oder die, bei denen sich der Fallschirm nicht öffnet".
Der Zyniker
Hallgrímur Helgason: "Eine Frau bei 1000º". Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Klett-Cotta; 400 Seiten; 19,95 Euro.
Er giftet sofort los. Und obwohl einen sein schrilles Äußeres, die schrumpelhäutige Dame mit pinkfarbener Perücke, hätte warnen müssen, ist man überrumpelt. Der Roman "Eine Frau bei 1000°" springt einen an wie ein kleiner Terrier, direkt nach dem Öffnen der Gartenpforte. Er bellt kurze, heisere Sätzen. Aber: Man schlägt den Buchdeckel trotzdem nicht wieder zu.
Dafür beginnt der Roman des isländischen Autors Hallgrímur Helgason, 52 ("101 Reykjavík", "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein"), einfach zu skurril: Seine IchErzählerin, die 80 Jahre alte Herbjörg María Björnsson, siecht in einer zum Krankenlager umfunktionierten Garage in Reykjavík vor sich hin. Sie liebkost eine Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg, wie es andere ältere Damen mit schnurrenden Kätzchen tun. Kontakt zur Außenwelt hält sie über einen Laptop. Die Schwerkranke gibt sich auf Facebook als Linda, die isländische Miss World von 1988, aus und amüsiert sich darüber, wie gierig ihre "Freunde" noch auf ihre "vierzig Kilo krebs-mariniertes Weiberfleisch" sind. Von ihrem Bett aus flickt Herbjörg ihr Leben noch einmal zusammen; hart und jegliche Moral missachtend, aber auch urkomisch. Mal geifert sie gegen sich selbst, mal gegen alle Männer, mal gegen ganz Island. Je besser man dabei diese fiktive Biografie kennenlernt, desto mehr erklärt sich ihr kratzbürstiger Charakter.
Nach und nach verwandeln sich Herbjörgs Memoiren in ein schauriges, brutales Märchen. Es handelt von einer Kindheit, die im träumerischen Island beginnt und im Zweiten Weltkrieg endet. Weil ihr Vater eine irritierende Zuneigung zu den Nazis verspürt, muss seine Familie mit ihm nach Deutschland ziehen. Während er an der Ostfront kämpft und die Mutter sich in einem Lübecker Haushalt dienlich macht, wandert die Tochter völlig auf sich allein gestellt durch ostdeutsche Wälder. Sie blickt auf Leichen und wird mehrfach vergewaltigt. Ihr Leben fühlt sich für Herbjörg daraufhin wie eine ständige Flucht an. Sie irrt durch Hamburg, Paris und Argentinien, lässt sich aber nirgends wirklich nieder.
Erst Mitte der Siebziger kehrt sie nach Island zurück, zu dieser "Sammlung von Verrückten am äußersten Rand des Weltmeers". Vier taktlose Ehemänner, etliche "Gelegenheitsstecher" und drei viel zu weiche Söhne habe sie ertragen, treu sei sie aber nur den Zigaretten geblieben, resümiert die alte "Matratzenhyäne" auf ihrem Krankenbett, kurz vor ihrem Tod. Und: Am Ende ist man heilfroh über ihre schlechten Manieren, ihren zynischen Humor. Sonst könnte man dieses Buch einfach nicht ertragen.
Das Außerirdische
Jan Brandt: "Gegen die Welt". DuMont; 928 Seiten; 22,99 Euro.
Sicher, es wäre denkbar, dass die Plutonier die Herrschaft über das kleine ostfriesische Dorf Jericho übernommen haben, so wie es ganz zu Beginn der Verfasser eines Briefs an Bundeskanzler Gerhard Schröder behauptet. Es wäre auch möglich, dass es damit zu tun hat, dass es an einem Septembertag in Jericho plötzlich zu schneien beginnt und der Drogistensohn Daniel Kuper nackt in einem Kornkreis auf einem Maisfeld gefunden wird. Von den Hakenkreuzen, die an den Hauswänden des Dorfes immer wieder auftauchen, sooft man sie auch übermalt, gar nicht erst zu reden. Es könnte aber auch alles ganz anders sein.
Nicht zu spekulieren braucht man darüber, dass Jan Brandt, geboren 1974 in Leer, mit "Gegen die Welt" eines der spektakulärsten Debüts der letzten Jahrzehnte vorgelegt hat - ein Roman, der so ungewöhnlich ist, dass er nicht aus dieser Welt zu kommen scheint und sie doch präzise beschreibt. Der Mikrokosmos von Jericho (eine Anspielung auf Uwe Johnson, die Bibel oder beides) entsteht auf mehr als 900 Seiten auf mannigfaltige, schillernde Weise. Den Platz, den er dafür braucht, nimmt Brandt sich ganz einfach. Rund um seinen Helden Daniel Kuper, der von der Enge des Dorfes schier erdrückt zu werden droht, baut Brandt ein Szenario auf, in dem der Übergang von der bequemen Wohlfühl-Nachkriegs-BRD hin zur unübersichtlichen, gefährdeten Berliner Republik vollzogen wird, ohne dass groß darüber gesprochen wird. Es geht um Heavy und Thrash (nicht Trash!) Metal, um die Bedrohung durch den Schlecker-Konzern, um die Bahngleise rund um Jericho. Und um den Tod.
Es ist mehr als nur ein Hauch von Apokalypse, der über Jericho schwebt - eine allgemeine Atmosphäre der Beunruhigung geht allseits um, für die die Dorfbewohner einen Sündenbock finden: Daniel. Der kapselt sich ab und flieht in die Gegenwelten von Science-Fiction und Musik. Von den achtziger Jahren bis in die Gegenwart hinein erzählt Brandt mit Hilfe diverser formaler Experimente, in der Mitte geteilter Seiten, verblassender Schrift. Und nichts davon wirkt manieriert, nichts aufgeblasen oder willkürlich. Bei allen Ausbrüchen ins Versponnene: Jan Brandt lässt seinen Einfällen zwar stets freien Lauf (und er hat eine Menge davon); die Regiefäden behält er allerdings fest in der Hand. Und ihm fällt immer noch etwas Neues ein; immer geht noch einmal eine Falltür auf, und unter der vermeintlichen Wirklichkeit tut sich ein neuer Boden auf. Da sage noch einer, ländliche Kleinbürgerwelten seien fad. Im Gegenteil: Hier spielt sich das echte Leben ab - wenn einer weiß, was man daraus alles machen kann.
Der Unbarmherzige
Eugen Ruge: "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Rowohlt; 432 Seiten; 19,95 Euro.
Nein, dieser Roman ist kein Wildwestroman - auch wenn "Der Unbarmherzige" sich blendend machen würde als Titel einer Abenteuergeschichte über kaltblütige Cowboys. Eugen Ruges Roman-Erstling "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist ein Buch über den wilden Osten, die ehemalige DDR. Ruge spielt ein Lied vom Tod, er schreibt einen Abgesang auf die Ideale einer ostdeutschen Vorzeigefamilie.
Es ist Ruges Familie um die es hier geht. Umso erstaunlicher, wie nüchtern, abgeklärt, rücksichtslos ihm der Blick auf diese Familie gelungen ist. Unbarmherzig eben. Er gelingt ihm, weil Ruge die Familienmitglieder selbst zu Wort kommen lässt: Der Roman wechselt von Kapitel zu Kapitel die Sicht, erzählt aus dem Blickwinkel des stalinistischen Großvaters, des gemäßigt sozialistischen Vaters, der harmonieverliebten Mutter. Gnadenlos urteilen sie übereinander. Jeder durchschaut die Lebenslügen der anderen, nur die eigenen nicht.
Ruge, geboren 1954 in Soswa (Ural), bohrt sich in die Sprache und in die Gedankenwelt seiner Verwandten, mit pointiertem Witz entblößt er ihre Schwachstellen und vermeidet so Sentimentalitäten. Der Großvater zum Beispiel blickt mit Abscheu auf die "Defätistenfamilie", die sich an seinem 90. Geburtstag um ihn versammelt hat. Ihn treibt die trübe Ahnung um, dass die reformbereiten "Tschows" an allem Übel schuld sind: Chruschtschow und Gorbatschow.
Auch seine eigene Perspektive ordnet Ruge in den Chor der Familienstimmen ein: die des Sohnes, der unnachsichtig die Welt der Eltern und Großeltern verurteilt. Fast mit Genugtuung betrachtet er den Verfall des Vaters: Kurt, einst renommierter Geschichtswissenschaftler und redegewandter Anekdotenerzähler, ist am Ende seines Lebens, nach dem Mauerfall, nur noch ein dementes Männlein in Windeln. "Ja" - das ist das einzige Wort, das Kurt, der Linientreue, der Mitläufer, der Jasager, noch sprechen kann.
Ruge hat sich einen Zeitraum von fast 60 Jahren vorgenommen: die Exilzeit der kommunistischen Großeltern in Mexiko, die Karriere des Vaters in der DDR, die Flucht des Sohnes in den Westen. Im Hintergrund schwingt die Weltgeschichte mit: Mauerbau, Restalinisierung, Perestroika, Wende. Wilde Zeiten. Ruge, ein erfahrener Übersetzer sowie Theater-, Film- und Hörspielautor, geht in seinem Roman nicht in die Breite, er geht in die Tiefe, er montiert ausgesuchte Szenen eines Familienlebens, banal und symbolkräftig zugleich.
Er seziert die Szenen. In schneidenden Sätzen. Ohne Skrupel.
Der Nerd
Holm Friebe, Philipp Albers: "Was Sie schon immer über 6 wissen wollten". Hanser; 276 Seiten; 17,90 Euro.
So wie wir in diesem Heft nach Charakteren von Büchern suchen, so suchen Holm Friebe, 39, und Philipp Albers, 37, nach Charakteren von Zahlen. Sie haben ein Sachbuch über Zahlenpsychologie und Zahlensymbolik geschrieben und ihm einen Titel verpasst, der eine Wucht ist: "Was Sie schon immer über 6 wissen wollten". Eine Wucht ist auch ihr Einstieg: "Man sollte misstrauisch sein, wenn Menschen einem weismachen wollen, man könne mit Zahlen Spaß haben. Oft sind es dieselben, die behaupten, man könne auch ohne Alkohol fröhlich sein." Nun, und was wird aus diesen launigen ersten Sätzen? Die famose Fleißarbeit zweier Streber, die versuchen, mit Zahlen Spaß zu haben. Ein Buch, das Hornbrille trägt - und sich gut macht als Eckensteher auf jeder Party. Wer sich dazustellt, hört die dollsten Geschichten: dass in China viel bezahlt wird für Achten in Autokennzeichen etwa. "Was Sie schon immer über 6 wissen wollten" ist ein Sammelsurium an Zahlen-Fakten, irgendwo zwischen Soziologie- und Mathebuch, zwischen "Psychologie Heute" und der "Neon"-Rubrik "Unnützes Wissen". Es ist mal schlau und mal schlaumeiernd, mal unscheinbar und mal schrullig. Nerdig eben. Und Nerds liegen im Trend.
Das Gelassene
Volker H. Altwasser: "Letzte Fischer". Matthes & Seitz; 504 Seiten; 24 Euro.
Der Mann hat offenbar ein Faible für letzte Dinge - der Auftaktband der Romantrilogie von Volker H. Altwasser, 41, trug den Titel "Letzte Haut", es folgte "Letztes Schweigen" und nun also: "Letzte Fischer" - ein feiner, salzwasserverkrusteter Roman, dem Leben auf den Meeren und dessen Gesetzen abgelauscht und so gelassen wie die Ostsee an einem Sonnentag. Erzählt wird die Geschichte des Hochseefischers Robert Rösch, der seehungrig die Hälfte des Jahres auf der "Saudade" verbringt, wo er tonnenweise Rotbarsch aus dem Meer fischt. Seine Frau Mathilde hat mehrere missglückte Selbstmordversuche hinter sich, jeweils im Mai unternommen. Und dann ist da noch die ehemalige Kampfschwimmerin Luise, die Tochter der beiden Dauergetrennten, die für eine Sicherheitsfirma einen Walfänger in Spitzbergen eskortieren soll. Doch Luise beginnt eine heikle Affäre mit dem Schiffsjungen Tommy - und Altwassers wunderbar gelassen erzählter Roman gerät in deutlich unruhigere Fahrwasser. Wie es Altwasser dabei ganz nebenbei vermag, sein Buch als wehmütigen Abgesang auf die Welt der Fischer und Fänger zu intonieren, das ist famos.
Der Einzelkämpfer
Angelika Klüssendorf: "Das Mädchen". Kiepenheuer & Witsch; 184 Seiten; 18,99 Euro.
Manchmal wird das Mädchen in den Keller gesperrt. Dort lagern alte Bände von "Brehms Tierleben", und wenn es darin blättert, wenn es Abbildungen von Termitenbauten betrachtet, Bilder von Aaskäfern oder Skorpionsfliegen, dann kneift das Mädchen die Augen zusammen, und die farbigen Abbildungen lösen sich von den Seiten und werden in dem engen, dunklen Keller lebendig. In diesen Moment kommt das Mädchen zur Ruhe.
Angelika Klüssendorf, 53, erzählt vom Aufwachsen eines Mädchens, das zu intelligent ist für die Welt, in der es lebt, ohne dass es diesen Umstand verstehen würde. Es ist die Welt der DDR in den siebziger Jahren, mit einer Mutter, die ihre Kinder misshandelt, mit einem Bruder, der auf den Kopf gefallen ist, mit Lehrern, die von Kindern verlangen, wie der Durchschnitt zu sein. Das Mädchen aber ist aggressiv und freiheitsliebend, und mit wachsender Verzweiflung kippt ihre Intelligenz ins Bösartige. Klüssendorf erzählt so kondensiert, dass es manchmal quälend ist. Dabei gelingt ihr ein kämpferischer, ein großer, kleiner Roman darüber, wie schwer es ist, in einem Land groß zu werden, das vom Plansoll und dem Gedanken der Gleichheit beherrscht wird. Vor allem aber ist "Das Mädchen", sprachlich hoch verfeinerte, in ihrem Kern aber wild lodernde Literatur, wie es sie selten zu lesen gibt.
Die Schwatznase
Bill Bryson: "Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge". Aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier. Goldmann; 640 Seiten; 24,99 Euro.
Wer etwas wissen will, muss heute oft nur noch googeln. Lexika in Buchform sind vom Aussterben bedroht, und selbst die Frage an nette Mitmenschen erscheint oft mühsamer als ein paar Klicks. Aber man kann Wissen ja auch nebenbei aufschnappen, beim Flanieren. Häppchenweise labt sich dann das Hirn an Wellenreiter-Tricks und Kosmologie, an Funden aus der Völkerwanderungszeit, den Nachrichten von braven Marsrovern und anschließend an der Physik neuester Rennreifen. Ein paar Details bleiben vielleicht sogar im Gedächtnis.
Bill Bryson, 59, - und er ist nicht der Erste - hat aus dieser Zufallsfundmethode ein Rezept entwickelt. Gefällig und stets mit persönlichem Touch hat er in seinem Buch "Reif für die Insel" von den krausen Schicksalen Britanniens erzählt, hat aus der Erd- und Weltgeschichte seinen Bestseller "Eine kurze Geschichte von fast allem" präpariert, dann das Wesentliche zu Shakespeare versammelt und sogar die Entwicklung der englischen Sprache gewürdigt. Als er eines Tages auf den Boden seines Häuschens in Norfolk kletterte und einen völlig unbemerkten Dachausguck entdeckte, fiel ihm ein, dass man auch die Utensilien des täglichen Lebens auf bewährte Art in einem faktenreichen Spaziergang darstellen könnte.
Gedacht, getan: Locker nach den Räumen seines Hauses gegliedert, dessen Grundriss mehr zum Spaß in den Vorsatz-Seiten des Buches abgedruckt ist, berichtet Bryson von Baumethoden des 19. Jahrhunderts, vom gedrückten Dasein der Hausangestellten, aber auch vom Siegeszug des Kaffees oder den Triumphen englischer Gartenbaukunst. Er kennt einen Landsitz in Cheshire, wo die Speisen per Hauseisenbahn zum Esszimmeraufzug transportiert wurden, würdigt Benjamin Franklins Nacktbäder und den Presserummel um Edisons Glühbirne. Was ihm "At Home" (so der Originaltitel) auffällt, alles hat seine Geschichte, von der sich munter erzählen lässt.
Wo immer man das sehr auf britische Verhältnisse gemünzte Trumm aufschlägt, sprudeln einem historische Tatsachen entgegen; keine allzu entlegenen meist, aber auch kaum solche, nach denen ein gewöhnlicher Arbeitnehmer am Feierabend suchen würde. Ein bisschen wirkt Brysons Opus wie ein Partygast, der eine Tischrunde mit den historischen Geheimnissen der Perückenmacherei oder der Wasserspülung unterhalten kann, oder wie ein Dauer-Quiz ohne Fragen. Nicht immer macht die Geschwätzigkeit Freude. Aber langweilen wird sich inmitten des Kuriositätenkabinetts kaum jemand - und das ist doch schon eine ganze Menge.
Der Trauerkloß
Nino Haratischwili: "Mein sanfter Zwilling". Frankfurter Verlagsanstalt; 384 Seiten; 22,90 Euro.
Es gibt viele Bücher, die man gern mit ins Bett nehmen würde - aber dies ist wahrscheinlich das einzige, dem man vorher am liebsten eine Wärmflasche abfüllen möchte. Solch Sehnsucht, Wehmut und Trostlosigkeit verströmt dieses Buch. "Mein sanfter Zwilling" ist ein Trauerkloß, aufgeschrieben von Nino Haratischwili, die mit 25 Jahren auf dem Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet wurde, mit 27 Jahren und ihrem ersten Roman "Juja" für den deutschen Buchpreis nominiert war und nun, mit 28 Jahren, ihren zweiten Roman geschrieben hat über eine kaputte Liebe. Kurz und schmerzlos müsste man über diese Liebe sagen: Geht nicht gut. Tut nicht gut. Aber wenn dieses Buch eines nicht ist - dann eben kurz und schmerzlos. Stella und Ivo sind wie Geschwister herangewachsen zu zwei Königskindern, die ohne einander nicht können. Sieben Jahre war Ivo weg, und Stella hat während dieser sieben Jahre einen ausgeglichenen Mann geheiratet, einen Job bei der Zeitung angenommen, hat einen Sohn und Schwiegereltern in Blankenese, die dem Enkel einen Hund versprechen. Dann kehrt Ivo zurück, um Stella etwas zu zeigen: eine andere Geschichte, die sich in Georgien zugetragen hat, aber letztlich natürlich irgendwie auch die ihrige ist. Stella verlässt ihren Mann, ihren Sohn, ihren Job und folgt Ivo nach Georgien, wo sie Salome kennenlernt. Salome liebt einen Mann, der Mann liebt Salomes beste Freundin. Krieg bricht aus, als Salome und die Freundin zusammen in Tiflis sind. Salome verspricht dem Mann, die Freundin lebend aus der Stadt zu bringen. Sie muss ihr Versprechen brechen. Später wird Salome mit dem Mann zusammen sein, aber sie wird sagen: "Ich sah in seinen Augen, dass er nur noch die letzten Monate seiner angebeteten Frau in mir sah, und ich wurde krank davon." Das ist das Schicksal der Geliebten in diesem Buch: ein Puzzle-Teil in der Geschichte eines anderen zu sein. Das ist auch Stellas und Ivos Schicksal. Denn eine Tragödie in ihrer Kindheit hat sie beide unlöschbar zum Teil der Geschichte des anderen und damit dessen Identität gemacht. Diese Tragödie wird nach und nach erst entwirrt und bleibt zuletzt als der unauflösliche Knoten übrig, der alle roten Fäden dieses Buches ineinanderheddert. Stellas und Ivos Liebe ist in dem Sinne grenzenlos, dass sie nicht unterscheidet zwischen du und ich; nicht rechtzeitig anhält, immer weiterrast, alles zum Einstürzen bringt. Eine Liebe wie ein Selbstmordkommando. Ein Buch wie ein Auffangbecken für alle Tränen dieser Welt. Mit solch einem Mut zum Sentimentalen, dass man es besser nur unbeobachtet liest. Allein im Bett zum Beispiel.
Der Außenseiter
Paul Harding: "Tinkers". Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz. Luchterhand; 192 Seiten; 19,99 Euro.
Wie es dazu kam, dass "Tinkers" 2010 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, das ist ein Märchen, und zwar das vom hässlichen Entlein, dem Archetyp des Außenseiters, der nach einer Phase des Leidens zum schönen Schwan wird. Alle großen Verlage hatten Paul Hardings Roman abgelehnt - ein sterbender Uhrmacher, dessen Vater ein Kesselflicker mit epileptischen Anfällen war, wen soll das denn, bitte schön, interessieren? Keine Action, kein Plot im eigentlichen Sinne, aber dafür assoziative Sätze, die sich über halbe Seiten winden und beispielsweise mit "Da war die Tür oder vielleicht die Türen oder vielleicht nicht einmal Türen" beginnen. Es dauerte drei weitere Jahre, bis "Tinkers" bei einem Kleinstverlag herauskam, und das Buch war, nein, nicht sofort eine Sensation. Die "New York Times" gab später zerknirscht zu, den Roman nie rezensiert zu haben, weil die Redakteure ihn schlicht nicht wahrgenommen hatten. "Tinkers" war kein Kritikererfolg, sondern ein Lesererfolg, eines jener Bücher, das man nicht im Regal haben, sondern wirklich gelesen haben muss, weil es so still ist und weil Harding, 44, sich ganz verlässt auf die Intensität der Beschreibung menschenleerer Landschaften und zutiefst einsamer Menschen. "Tinkers" beginnt auf dem Sterbebett des Uhrmachers George Washington Cosby, dessen Nieren versagen, weshalb sein Körper langsam vergiftet wird. Er halluziniert, Bruchstücke seiner Erinnerungen werden unterbrochen von Szenen aus dem Leben seines Vaters, der mit dem Maultier Prince Edward Tag für Tag auszog, um Haushaltswaren zu verkaufen. Nein, keine Action, kein Plot, keine aufgedeckten Familiengeheimnisse, keine knalligen Beziehungsgeschichten, kein spektakuläres Setting, sondern die Beschreibung der Auflösung eines Lebens, die auch Erlösung bedeutet. Ein kleines Wunder, dieses Buch, und ein großes, dass es zum Schwan werden durfte.
Der Analytiker
Thomas Melle: "Sickster". Rowohlt Berlin; 336 Seiten; 19,95 Euro.
Der Roman "Sickster" von Thomas Melle, 36, ist reif fürs Irrenhaus: In diesem stecken so ziemlich alle Symptome maßlos leidender Seelen, die das Psychologie-Lehrbuch hergibt - Depression und bipolare Störung, Angst- und Panikstörung, Schizophrenie und Paranoia, Sex- und Alkoholsucht, Selbstverletzung und Selbstmordversuch. Am schlimmsten krank aber ist das System, das solches Siechtum hervorbringt: "Ein Unternehmen, das täglich Profite braucht wie ein Süchtiger seine Dosis, ist eben auch ein unbelehrbarer Psychopath."
"Sickster" erzählt von einem Kapitalismus, der nicht die Börsen und Banken crashen lässt, sondern das Bewusstsein. Seine Hauptfiguren sind Absolventen einer Bonner Jesuitenschule, denen die Welt zu Füßen liegt und denen dennoch der Himmel auf den Kopf fällt. Tagsüber machen sie Business, und abends stehen sie an der Bar, "wie von einem Bildhauer verworfene Skulpturen".
Melles Sätze klingen nicht, als habe sie jemand in einen Computer getippt, sie klingen wie in eine Schreibmaschine gehämmert: hart und heftig, roh und rhythmisch, melodisch auch. Mal peitscht er die Handlung voran, gern mit Alliterationen, mal verschleppt er das Tempo, immer jongliert er mit Wörtern, Sprachbildern, Handlungsebenen. Gekonnt zweifellos, aber ab und an fällt ihm etwas runter dabei - so wie seinen Protagonisten die Welt entgleitet. Es sind Figuren im freien Fall, Business-Punks, die unter der Leere der Leistungswelt leiden und sich vor ihren Wahnvorstellungen in den Rausch flüchten.
Melle schreibt stilistisch überdreht, aber inhaltlich seziert er kühl: ein großer Gefühls- und Gesellschaftsroman.
Das Todesmutige
Erich Mühsam: "Tagebücher". Band 1, 1910-1911. Herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens. Verbrecher Verlag; 352 Seiten; 28 Euro.
Hallo, liebe Waghalsige, die Sie das ständige Übernachten auf Friedhöfen langweilt. Heute haben wir zwei wirkliche Mutproben für Sie:
Erstens: Legen Sie sich mit der Staatsmacht an. Treffen Sie die größten Künstler und Querdenker Ihrer Zeit. Verpulvern Sie Ihr Geld. Leben Sie wild. Leben Sie die Anarchie. Gehen Sie hinab ins nächste Dorf, um dort ein Heft zu kaufen. Führen Sie Tagebuch. Natürlich überdurchschnittlich eloquent.
Zweitens: Gründen Sie einen kleinen Verlag. Nehmen Sie ein Projekt in Angriff, das 7000 Seiten dick ist und an das sich vermutlich kein anderer Verlag wagen würde. Planen Sie 15 Bände und sieben Jahre Zeit dafür ein. Und statt sich über die Raubkopien zu sorgen - veröffentlichen Sie alles lieber gleich selbst im Internet. Umsonst natürlich. Inklusive Volltextsuche, Register und weiterführenden Einordnungen und Erklärungen.
Die Kombination beider Mutproben hat das mutigste Buch dieses Herbstes hervorgebracht: Im Verbrecher Verlag ist der erste Band der Tagebücher von Erich Mühsam erschienen, dem Anarchisten, der Lebemann war und einer von den Guten. Vor allem aber war Mühsam ein Dichter. Und sein Tagebuch ist Literatur. Es ist Krankenakte ("Der elende Tripper!"), kommentierte Geschichte und Kunstkritik ("Ich ging mit einigem Misstrauen an den beinah 600 Seiten starken Wälzer heran - aber ich bin angenehm enttäuscht"). Politik und Gossip. Ernst und komisch. Wirklich komisch. Einen Absatz über einen Bekannten beendet er so: "Übrigens: typischer Selbstmordkandidat". Er beginnt das Tagebuchschreiben in einem Schweizer Sanatorium an einem Montag im August 1910, schreibt weiter, als er nach München geht, wo er Teil der Schwabinger Boheme und dann der Münchner Rätebewegung wird. Er schreibt weiter, als die Rätebewegung zerschlagen und Mühsam für fünf Jahre inhaftiert wird. 1924 wird er entlassen, und dann erst endet das letzte Heft mit einem Wort: "Frei!" Seine Manuskripte bringt Mühsam bei Freunden in Sicherheit, er selbst wird in der Nacht des Reichstagsbrands verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet.
Seine Tagebücher wurden später konfisziert, erst von der Sowjetregierung, dann von der SED. Bis zu ihrem Tod versuchte seine Frau vergebens, die Veröffentlichung zu erwirken. Und als es endlich doch so weit sein sollte, kam die Wende dazwischen. Der Lektor, der damals an dem Projekt arbeitete, bringt seine Arbeit nun im Verbrecher Verlag zu Ende. Und zeitgleich im Internet unter www.erich-muehsam.de.
Das Doppelgesicht
David Mazzucchelli: "Asterios Polyp". Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger. Eichborn; 344 Seiten; 29,95 Euro.
"Ursprünglich seien die Menschen sphärisch gewesen", heißt es an einer Stelle dieses doppelgesichtigen Buches, "vierarmig, vierbeinig, mit zwei Gesichtern auf beiden Seiten des Kopfes." Zeus habe daraufhin die Menschen in zwei Hälften gespalten. "Seitdem suchen Männer und Frauen voller Panik nach ihrem verlorenen Gegenstück - vom Wunsch beseelt, wieder eins zu sein." Dieser Mythos von der Suche nach der Zweieinigkeit ist das große Thema von "Asterios Polyp", inhaltlich, aber vor allem formal. Ein Doppelwesen ist der preisgekrönte Architekt Asterios Polyp - sein Zwilling starb im Mutterbauch, aber Asterios spürt zeit seines Lebens die Anwesenheit des Phantombruders. Besessen von der Dualität unterteilt er die Welt in Form und Funktion, Faktisches und Fiktives. Der Comic "Asterios Polyp" erzählt von Niedergang und Läuterung des selbstbesoffenen, schwadronierenden Titelhelden, der zuerst die Frau verliert, dann an seinem 50. Geburtstag durch einen Blitzschlag sein Apartment in Manhattan. Mit wenig Geld in der Tasche landet er in einer Autowerkstatt im Mittleren Westen. Der Zeichner David Mazzucchelli ("Batman", "Stadt aus Glas"), 51, verwebt Bild und Wort überaus kunstvoll zum Miteinander. "Asterios Polyp" ist ein überwältigendes Buch, beredt und stumm, cartoonhaft und realistisch, streng formalistisch und schwelgerisch surreal; es ist Entwicklungsroman und Essay, Satire und Drama, philosophischer Exkurs und Tragödie.
Die Leseratte
Elif Batuman: "Die Besessenen". Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann. Kein & Aber; 368 Seiten; 22,90 Euro.
Auf die Idee, Klassiker der russischen Literatur zu wiegen, muss man erst mal kommen. Die Autorin Elif Batuman, 34, nahm für ihr Buch "Die Besessenen" eine Badezimmerwaage mit in die Bibliothek und wog die hundert Bände umfassende "Tolstoi Millenniumsausgabe" - jeweils zehn Bände auf einmal -, um herauszufinden, dass der komplette Tolstoi so schwer ist wie ein neugeborener Belugawal.
Mit diesem Kniff stellt Batuman einerseits das ehrfurchtgebietende Gewicht dieses Klassikers bildlich dar, andererseits nimmt sie Tolstoi mit Leichtigkeit die Bedeutungsschwere. "Die Besessenen" ist eine Leseratte in Buchform. Batuman berichtet von ihrer Liebe zur Literatur, insbesondere der russischen, was sich viel unterhaltsamer liest, als es sich anhört; weil es mehr ein persönlicher Erlebnisbericht ist als ein Sachbuch.
Batuman will die Literatur näher an das Leben, den Alltag rücken. Das gelingt ihr, indem sie Autobiografisches mit Reisebeschreibungen, Kulturkritik und trockenem Humor kombiniert. Sie reist zu Orten, an denen Weltliteratur geschrieben wurde, oder zu anderen, die beschrieben wurden. Wenn sie Isaac Babel nachspürt, streift sie den King-Kong-Mythos oder berichtet, wie sie seiner letzten Ehefrau, einer sehr alten Dame, McDonald's Happy-Meal-Spielzeug erklärt. Aber letztlich ist das alles eine fröhliche Hommage an Literatur, die den Wunsch weckt, viel mehr bleischwere Bücher zu lesen.
Der Tausendsassa
Sibylle Lewitscharoff: "Blumenberg". Suhrkamp; 220 Seiten; 21,90 Euro.
Wie paradox: Dieser Roman ist der Exzentriker unter den Romanen des Herbstes und ebenso der Traditionalist, der Eigenbrötler und zugleich der Schwadroneur, der Denker und doch auch der Gläubige. Ja, vor allem tiefreligiös ist der Titel, mehr noch als ein wundergläubiges Mütterchen auf Wallfahrt. Er handelt von einem Forscher - und davon, dass Vernunft nicht das Maß aller Dinge ist.
Die Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff, 57, hat ihren Roman "Blumenberg" genannt, eine Hommage an den Philosophen Hans Blumenberg (1920 bis 1996), und sie hat ihn durchweg in altertümelnder Gelehrtensprache verfasst, eine Hommage an eine Zeit, in der Professoren noch so viel Prestige hatten, dass ihre Studenten sie bis in ihre Diktion kopierten.
Der Plot des Romans, das muss man so klar sagen, ist Schrott, aber die phantastische Grundidee und der philosophische Überschuss sind unschlagbar: Eines Nachts liegt ein Löwe in Blumenbergs Arbeitszimmer, kein ausgestopftes Tier und auch kein Hirngespinst, er liegt dort groß, gelb, atmend und trottet am nächsten Tag sogar durch Blumenbergs Vorlesung, unbemerkt von den Studierenden. Während Blumenberg über das Mängelwesen Mensch doziert, das trostbedürftig ist, aber untröstlich, weil es sich zum Realismus nötigt, wird er selbst Zeuge eines Wunders. Zu Recht, glaubt Blumenberg: "Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht." Eigentlich predigt er stets, die Menschen hätten "die Fähigkeit zur Illusion fahrenlassen und sich damit eines weiten Feldes der Tröstung beraubt, das sie aus der angsterregenden Verschlungenheit des Werdens und Vergehens befreien könnte". Von dem Tier aber geht nun ein Kraftstrom aus, der ihn belebt: "Er fühlte sich einig mit seinem Geschick wie nie zuvor", denn mit dem Löwen entkommt er "dem Absolutismus der Wirklichkeit". Ein wenig entkommt man dem auch mit diesem Roman.
Das Widerborstige
Feridun Zaimoglu: "Ruß". Kiepenheuer & Witsch; 272 Seiten; 18,99 Euro.
Rätselhaft wirkt er zuerst hinter seiner spröden Fassade. Nur nicht zu viel preisgeben, scheint sein Motto zu sein. Es gibt solche Fälle, in denen man weiß, es dauert, aber irgendwann werden wir Freunde sein.
Der Roman "Ruß" von Feridun Zaimoglu, 46, ist so ein Fall. Er bemüht sich anfangs nicht sonderlich um die Gunst des Lesers, es gibt Andeutungen, Namen, die fallen gelassen werden, man muss sich viel zusammenreimen. Manchmal denkt man, ach, lass ihn doch in Ruhe, wenn er nicht will. Aber die schwer melancholische Seele, die dieses Buch hat, lässt einen dann doch dranbleiben an der Geschichte: Da ist ein Mann, Renz, der hinter der Theke eines "Seltershäuschens" in Duisburg steht, er betreibt diesen Mini-Laden mit seinem Schwiegervater, aber wo ist die Frau? Und die Versehrten, die da bei ihm rumstehen, was bedeuten die ihm? Gibt es überhaupt etwas, das ihm was bedeutet?
Bald kommt man dahinter, dass Renz' Frau ermordet wurde. Seitdem ist sein ganzes Leben ein anderes. Seine Gefühle sind eingefroren wie die Stadtlandschaft um ihn herum, die minutiös beschrieben wird. Es ist eine Beschwörung des alten Ruhrgebiets; auch auf dieser Ebene handelt "Ruß" von Verlust. Der Verlust bestimmt Renz' Leben, bei seinem komplizierten Versuch, sich einer neuen Frau anzunähern, und erst recht, als ihm ein geheimnisvoller Fremder anbietet, sich am Mörder seiner Frau zu rächen. Umsonst ist das natürlich nicht.
Der Roman ist manchmal orientierungslos und so wortreich wie das übervolle Hirn eines klugen, sensiblen Einzelgängers. Das führt zu tollen Wortbildern und einer gewissen Bedächtigkeit im Erzähltempo. Man muss Geduld haben mit diesem Buch.
Das Schwergewicht
Antonio Muñoz Molina: "Die Nacht der Erinnerungen". Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Deutsche Verlagsanstalt; 1004 Seiten; 29,99 Euro.
Ignacio Abel ist ein Mann der geraden Linien. Als Student hat er in den zwanziger Jahren bei Walter Gropius in Weimar gelernt; als Ehefrau hat Abel, der aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt, eine Tochter des großbürgerlich-katholischen Milieus gewählt; als erfolgreicher Architekt wurde er mit der Planung der neuen Universitätsstadt von Madrid beauftragt. Wir schreiben das Jahr 1936. Und das Leben von Ignacio Abel gerät in jeder Hinsicht aus den Fugen. Er verliebt sich in die amerikanische Studentin Judith Biely; gleichzeitig bricht der Spanische Bürgerkrieg aus, und während Ignacios Frau und seine Kinder hinter der Front zurück bleiben, muss Ignacio, getrieben von den Wirren der politischen Unruhen, eine Entscheidung treffen.
Es ist kaum möglich, nicht ins Schwärmen zu geraten über diesen rund tausendseitigen Roman, der so mitreißend und atmosphärisch stimmig erzählt ist, dass er einem um keinen Deut zu lang vorkommt. Denn aus der Opulenz heraus entwickelt Antonio Muñoz Molina, 55, nicht Dekor, sondern Anschaulichkeit - er ist ein grandioser Menschen- und Epochenzeichner; er dringt bis in die feinsten psychologischen Verästelungen vor. Um seinen Helden Ignacio herum beschreibt Muñoz Molina ein historisches Panorama, zeichnet ein Porträt der spanischen und europäischen Geisteslandschaft und zeigt geradezu paradigmatisch an seinen Figuren, was Krieg, Flucht und Entwurzelung im Individuellen anrichten: Sie führen zur Verwahrlosung, in jeder Hinsicht.
Das Herausfallen des Intellektuellen aus der Welt zivilisierter Umgangsformen ist eines der Leitmotive, das an einem Charakter besonders eindrucksvoll durchgespielt wird: Karl Ludwig Rossmann, einer von Ignacios Professoren aus der Weimarer Zeit; ein Sozialdemokrat, der zunächst im Moskauer und dann im spanischen Exil zwischen sämtliche ideologischen Schusslinien gerät. Eine traurige, geradezu tragische Gestalt, die da durch die Seiten des Romans geistert, von Ignacio zunächst als Sprachlehrer für die Kinder engagiert, dann fallen gelassen und am Ende von den Franquisten hingerichtet.
All das wird präsentiert von einem in Zeit und Raum mühelos hin und her springenden Ich-Erzähler. Man darf annehmen, dass es sich dabei um Muñoz Molina selbst handelt. Seit vielen Jahren werden die Romane des ehemaligen Leiters des New Yorker Instituto Cervantes ins Deutsche übersetzt. Jeder davon ist auf denkbar unterschiedliche Weise bemerkenswert. Nun ist es endlich an der Zeit anzuerkennen, dass Muñoz Molina nicht einfach ein guter, sondern ein großer Autor ist.
Der Wirrkopf
Marlene Streeruwitz: "Die Schmerzmacherin". S. Fischer; 400 Seiten; 19,95 Euro.
Wir würden Ihnen ja gern empfehlen, dieses Buch zu lesen. Geht nur leider nicht. Denn lesen ist nun wirklich das falsche Wort. Marlene Streeruwitz, 61, hat solch eine besondere, bestimmte Sprache für "Die Schmerzmacherin" gefunden, dass man besser sagen sollte: Streeruwitz lässt uns durch ihren Text stolpern. Genauso fühlt es sich nämlich an. Nach Stolpern.
"Sie lag im Schnee. Auf dem Rücken. Sie schaute in den Himmel. In die Sonne. Wenn sie die Augen zumachte. Erfror sie dann. Es war friedlich. Die Watte überall. Musste sie in die Sonne schauen. Genügte nicht der Himmel. Wo war der aber. Es gab nur Sonne. Das war nicht schön. Sie schloss die Augen. Das grelle Licht vom Schnee durch die Lider. Aber es war schöner. Schwebend. Schwebender. Betrunken."
Sie - das ist Amalia Schreiber, mal Amy genannt und mal Mali, je nachdem, wo sie ist - im österreichischen Wohnort ihrer Pflegeeltern, bei der leiblichen Tante in London oder in der Provinz an der bayerisch-tschechischen Grenze, wo sie ihre Ausbildung macht. Bei einer Sicherheitsfirma, was von einer klugen Ironie ist - denn ausgerechnet Sicherheit gibt es nun wirklich an keiner Stelle des Buchs. Im Gegenteil: Dies ist ein Verschwörungsroman. Und die immer präsente Frage lautet: Wem kann man hier eigentlich trauen? Amys leiblicher Familie ganz sicher nicht, denn die ist nur am Erbe des Ururgroßvaters interessiert. Den Kollegen bei der Sicherheitsfirma ganz sicher nicht, denn die haben Amy von Anfang an mit Argwohn betrachtet. Den Ärzten im Krankenhaus ganz sicher nicht, die wollen Amy doch nur schnell wieder loswerden. Dem alten Klassenkameraden ganz sicher nicht, der will doch nur ins Bett mit Mali. Dem Schicksal ganz sicher nicht, denn das lässt Malis Pflegemutter rücksichtslos an Krebs erkranken. Am allerschlimmsten jedoch: Amy ganz sicher auch nicht. An ihrer Hand stolpern wir durch den Roman. Keine Zeile erlaubt uns Streeruwitz, den Blick zu heben, Amy für einen einordnenden Absatz zu verlassen. Ihre Perspektive ist unsere Perspektive.
Da hilft es nicht, dass Amy von Seite 8 bis 68 gleich ordentlich betrunken ist. Danach fehlt ihr die Erinnerung an einen ganzen Tag. Später erleidet sie eine Fehlgeburt, ohne zu wissen, mit wem sie geschlafen hat. Und was ist mit diesem Verhör? Ist das Teil der Ausbildung oder eine Bedrohung?
Natürlich ist man als Leser eines Buches immer dessen Autor ausgeliefert. Es wird einem nur selten so schmerzhaft bewusst wie in diesem Fall, in dem das Buch solch ein Wirrkopf ist, dessen Ziel die absolute Verunsicherung zu sein scheint. Ziel erreicht.
Der Anarcho
Finn-Ole Heinrich: "Frerk, Du Zwerg!". Illustriert von Rán Flygenring. Bloomsbury Kinderbuch; 96 Seiten; 16 Euro. Empfohlen ab 8 Jahre.
Es ist ein Klischee, natürlich ist es das, und es ist kindisch, aber Nachwuchs-Kinderbuchautoren haben wir uns bislang ganz gern so vorgestellt wie Studenten für das Lehramt an Grundschulen: weiblich, niedlich, brav, mit Diddl-Maus am Eastpak-Rucksack oder wenigstens einer Tigerente. Doch dann kam Finn-Ole Heinrich, 29, der Zottelhaar trägt und einen Hipsterbart, der im coolen Kleinstverlag mairisch einen Roman veröffentlicht hat und etliche Erzählungen, inspiriert von deutschsprachiger Pop-Lyrik, und brachte gemeinsam mit der isländischen Illustratorin Rán Flygenring, 24, ein Kinderbuch heraus, wie wir es uns sagenhafter nicht vorstellen können. "Frerk, du Zwerg!", so der Titel, ist ein kleiner Rebell, der den Widerstandsgeist weckt, ein Anarcho für das Regal im Kinderzimmer.
Der Viertklässler Frerk trägt Hemden unter Pullundern, weil seine Mutter es so will, er isst morgens Müsli mit Früchten, weil seine Mutter es so will, er spricht erwachsen, weil seine Mutter es so will, er sagt also Zunge statt Schlabberlappen, Flasche statt Schluckpulle und Mineralwasser statt Rülpsplörre. Frerk hat keine Playstation und kein Handy, er kann nicht auf den Fingern pfeifen und nicht mit den Ohren wackeln, von Cola wird ihm schwindlig und vom Busfahren kotzübel. Kurzum: Er ist ein Hosenscheißer, einer von denen, denen in der Schule das Pausenbrot geklaut wird. Die anderen rufen ihn "Frerk, du Zwerg", obwohl er allenfalls der Drittschwächste in seiner Klasse ist und der Zweitkleinste. Aber es reimt sich nun mal, so wie sich Fette auf Annette reimt, Kothaar auf Lothar und Popospalte auf Malte.
Frerk hätte nichts lieber als einen riesigen Zottelhund, der sein Freund wäre und die anderen Kinder "mit einem einen einzigen Riesenhundebellen umpusten" würde, doch seine sauberkeitsfanatische Mutter duldet keine Hunde im Haus, schon gar keine großen zotteligen. Statt einem Hund findet Frerk ein Ei, dem über Nacht ein Fell wächst - und aus dem fünf beknackte Zwerge schlüpfen. Sie baden nackt im Saftglas und kacken ins Müsli, sie röhren wie Elche und hüpfen herum wie Flummis, sie raspeln Frerk die Haare kurz, schief natürlich, und bevor sie wieder verschwinden, hinterlassen sie ihm eine Botschaft: "QUATSCH ZWERGISCH/ LASS DIR NIX ERZÄHLN/ GEH AB / WIE NE TÜTE MÜCKEN UND SING." Da hüpft und tanzt und kugelt es in Frerks Bauch, er bekommt Lust auf Bambule, streift eine Kapuzenjacke über statt einem Hemd, zieht seine "Flitzraketenschuhe" an und pest los, "volle Stulle".
Gut möglich, dass Heinrichs Kinderbuch einen solchen Zwergenaufstand auch bei Ihnen zu Hause anzettelt.
Schämt euch!
10 Bücher, mit denen wir uns nicht anfreunden können
Zu verschludert. Der Regisseur Oskar Roehler, 52, hat öfter gesagt, er mache Filme, weil es mit der Schriftstellerei nicht geklappt hat. Wer den Roman "Herkunft" liest, begreift das sofort. Unruhe, frühes Leid, sturzböse Eltern - also die Film-Lieblingsthemen Roehlers - sind in einer Sprachschluderorgie versammelt, die selbst den Fan auf eine harte Probe stellt. Denn auch diesem Fan geht es beim Lesen wie dem Erzähler angesichts der "geringen Barmherzigkeit" seiner Großmutter: "In meinem Herzen bildete sich ein Stachel aus Eis." Fröstel!
Zu planlos. Die 44 Jahre alte Autorin Inka Parei begleitet einen Mann, der auf der Suche ist nach seiner verlorenen Zeit in der DDR. Dessen Desorientierung verleiht sie so radikal Ausdruck, dass auch der Leser bald desorientiert ist. Was eventuell seinen Reiz hätte, wenn ihr Roman "Die Kältezentrale" nicht auch sprachlich manchmal so desorientiert wäre. Die Bachmann-Preisträgerin Parei hat ein Lieblingswerkzeug: Sie greift zu erstbesten Vergleichen (jemand ist reglos "wie ein Reptil"), zu bemühten Vergleichen (ein Stoff ist grau "wie Milch im Halbdunkel") und zu schiefen Vergleichen (die Vergangenheit war "wie ein Wasserspiegel", der "in meinen Kopf schwemmte"; an den Wänden hängen "Holzverkleidungen wie in einem Schuppen"). Wie eine Schreibkurs-Absolventin, der ihr Volkshochschul-Lehrer dazu geraten hat.
Zu langweilig. Redaktionsinterne Messungen ergaben eine Lesezeit von einer Minute und 14 Sekunden pro Seite. Wenn Sie das hochgelobte-Buchpreis-nominierte-1232-Seiten-Universal-Mammut-Projekt "Dein Name" über alles (wirklich alles) von Navid Kermani, 43, lesen wollen, sollten Sie also 1519 Minuten Ihrer Lebenszeit einplanen - gegebenenfalls noch etwas mehr. Denn Sie könnten zwischendurch einschlafen.
Zu holzig. 1984 geboren, schreibt der Jungstar Benedict Wells Romane, die man sich sofort als Filmstoff vorstellen kann. Leider lesen sie sich auch so sprachdürftig wie zusammengeholzte Drehbücher. In "Fast genial" bastelt Wells aus der Tatsache, dass ein US-Millionär in den Achtzigern Samenspenden von Geistesgrößen sammelte und über 200 leider intellektuell unauffällige Kinder in die Welt setzen ließ, eine turbulente Abenteuergeschichte. In der wird kaum ein Sprachklischee ausgelassen. Eminem-Songtexte "brennen sich ins Hirn", Gefühle "überkommen" die Protagonisten, und wenn was Entscheidendes passiert, dann "schließen sich Türen für immer". Bei so viel Gewäsch sollte man aus diesem Buch besser einen Stummfilm machen.
Viel zu viel. Betrunkene können nervig sein. Viel nerviger aber sind Leute, die dauernd betonen, wie betrunken sie sind. Auch Wahnsinnige können nerven. Viel nerviger sind jedoch Leute, die dauernd betonen, wie crazy sie sind. DBC Pierre, 50, - immerhin ein Booker-Preisträger - will keine Zeile Zweifel aufkommen lassen, wie crazy, zugedröhnt und wahnsinnig der Ich-Erzähler aus "Das Buch Gabriel" doch ist. Nervt.
Zu platt. Ja, sicher - das Gespür für Verwicklungen zwischen Figuren hat Antje Rávic Strubel, 37. Aber dafür muss man in ihrem Roman "Sturz der Tage in die Nacht" auch einiges schlucken, allem voran einen hanebüchenen Plot um einen jungen Mann, der als Säugling in der DDR zur Adoption freigegeben wurde und sich nun auf einer schwedischen Insel ausgerechnet in seine leibliche Mutter verliebt. Und eine klischeehafte Wendehalsfigur, die vom Schuft zum Politiker wird. Und jede Menge raunende Reflexionen über die Unsicherheit darüber, wem die eigene Biografie gehört. Zu viel, zu dick, zu platt.
Zu vorbei. Verrisse über Bücher von Douglas Coupland, 49, sind mittlerweile eine derartige Routine, dass man Coupland automatisch verteidigen möchte. Eigentlich ist es ja auch süß, wie er seit seinem Durchbruch mit "Generation X" mit jedem Buch am Zeitgeist vorbeischrammt und es trotzdem unbeirrt aufs Neue versucht. An seiner Videospiele-Entwickler-Sitcom "JPod" ist allerdings überhaupt nichts mehr süß, sie ist einfach nur nervig und verzweifelt jugendlich. Und in Nordamerika schon 2006 erschienen. Von wegen Zeitgeist.
Zu abgebrüht. Gefühle haben fast immer einen Namen im von der Bankenkrise gebeutelten Island, das der Roman "Bankster" beschreibt. Von einem "Hoffnungslosigkeitsgefühl" und einem "Freiheitsgefühl" zum Beispiel ist die Rede. Der Autor Gudmundur Óskarsson, 33, hat selber mal bei einer Bank gearbeitet, in seinem Buch erzählt ein 30 Jahre alter Jungbanker mit Namen Markús in Tagebuchnotizen, wie er während der Staatspleite seinen Job, seine Freundin, seine Lebensperspektive verliert. Das Bemühen um Lakonie wirkt zunächst durchaus einnehmend, wird aber zur Hypothek dieses Krisenromans, der mehr und mehr abdriftet in eine nur noch vermeintlich coole Geschwätzigkeit.
Zu überdreht. Ein junges Pärchen wagt das Experiment der freien Liebe - und es macht sie, o Wunder, nicht glücklich. Der Plot von Theresa Bäuerleins "Roman ohne Eifersucht" ist nicht eben originell: tausendmal gehört - und tausendmal ist nichts passiert. Auch mit ihrer Sprache kann die ehemalige "Neon"-Kolumnistin Bäuerlein, 31, das nicht aufwiegen. Sie vergaloppiert sich in überdrehte Vergleiche und absonderliche Adjektive. Das Resultat: albernes Kopfkino, ausgewalzt auf 272 Seiten.
Zu wurstig. Schreiben deutsche Professoren Fantasy-Schnulzen? Höchstens heimlich, unter Pseudonym. Deborah Harkness hingegen, preisgekrönte US-Professorin für Wissenschaftsgeschichte, ist frei von Scham. In ihrem Roman "Die Seelen der Nacht" tapst Harkness, 46, von einem Klischee ins nächste, verwurstet alle Gruselkreaturen der vergangenen Jahre zu einem Hexen-Dämonen-Vampir-Mashup. Süßlicher als "Twilight", verstiegener als "Sakrileg" und einfältiger als "Harry Potter" - das muss man sich erst mal trauen, als Professorin.
Von Fotos: Pixelgarten

KulturSPIEGEL 10/2011
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