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DER SPIEGEL

Neue Bücher

BELLETRISTIK
EIN LEBEN - ERZÄHLT IN ANGLER-LATEIN: Auf Ichwurzel-Suche kehrt der junge Conor aus den USA in seine irische Heimat zurück, um mit seinem kranken Vater fischen zu gehen und dessen abenteuerlichem Leben zwischen spanischem Bürgerkrieg und mexikanischer Erotik nachzufühlen. In sieben Kapiteln, die im mosaischen Ehrgeiz mit den sieben Wochentagen überschrieben sind, entwirft der irische Erzähler Colum McCann nostalgische Vignetten aus einem Leben, das diesen Namen noch verdiente. In seinem bemüht mystisch durchwirkten Roman, so lebendig wie die rissigen Fotografien, um die es darin geht, haben natürlich die Frauen die Schlüssel zu den Geheimnissen des Lebens. Allen voran Conors Mutter, eine Mexikanerin, die verschwand, als er zwölf war. Was lernt der mutterlose Sohn in den Fußstapfen des Vaters? "Wenn du für eine Stunde glücklich sein willst, betrinke dich; wenn du für einen Tag glücklich sein willst, schlachte ein Schwein; wenn du für eine Woche glücklich sein willst, heirate; wenn du dein ganzes Leben lang glücklich sein willst, geh fischen." Und wenn niemand anbeißt?
Colum McCann: "GESANG DER KOJOTEN". Deutsch von Matthias Müller. Rowohlt Verlag, Reinbek; 280 Seiten; 38 Mark.
Wolfgang Limmer
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WUNDERDROGEN: Sara Gaskell, College-Rektorin in Pittsburgh, ist süchtig nach dem gedruckten Wort: Sie liest alles und überall, Bücher, Zeitungen, Versicherungsbroschüren, 65 Seiten pro Stunde, auf der Toilette, im Auto, im Kino. Daher trifft es sich gut, daß Grady Tripp, Saras Kollege und Liebhaber, die von ihr bevorzugte Droge produziert, seit Jahren schreibt er an dem Roman "Wonder Boys". Vermutlich wäre Sara Gaskell auch die Idealleserin des ehemaligen Wunderknaben Michael Chabon, der mit gleichnamigem Roman an die Stätte seiner Anfänge zurückgekehrt ist, dort aber statt Geheimnisse nur Frühvergreisten-Gemurmel gefunden hat, immerhin aber Stoff für gut sechs Stunden. Für Junkies wie Chabons Heldin, die sogar, mangels Nachschub, das Etikett auf der Listerin-Flasche begierig studiert.
Michael Chabon: "WONDER BOYS". Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans Hermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 384 Seiten; 44 Mark.
Annette Meyhöfer
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SCHEITERN ALS PRINZIP: Als Peter Lorre, den die Welt als Kindermörder in Fritz Langs "M" 1931 kennen, fürchten und lieben gelernt hatte, nach Deutschland zurückkehrte und 1951 ein einziges Mal einen eigenen Film drehte, blieb am Ende nichts als Resignation. "Der Verlorene" ist als Film und als zeitgleich in der Münchner Illustrierten erschienener Roman Dokument einsamen Scheiterns. Niemand wollte kurz nach dem Ende der Naziherrschaft so genau mit der eigenen Verstrickung konfrontiert werden, wie es Peter Lorre darin tat. Der Roman lebt von der Kühnheit knapper Rückblenden, in denen der Arzt Dr. Rothe sich vom harmlos Liebenden in einen Triebmörder verwandelt. Lorre macht aus seinem Dr. Rothe eine Metapher für Deutschland: verführt, getäuscht, aber immer Täter voller Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit. Lorre verließ dieses von den eigenen Schandtaten ungerührte Deutschland wieder. Heute erscheinen der Roman und der Film als einzigartige Fundstücke einer bleiernen Zeit der Verdrängung und der Abwehr. Die lichtsüchtige Dunkelheit Lorres hatte keine Chance gegen aufgekrempelte Ärmel und Wirtschaftswunder des Tätervolkes.
Peter Lorre: "DER VERLORENE". Belleville, München; 272 Seiten; 38 Mark.
Harald Eggebrecht
KRIMIS
PROZESSE: In jedem Frühling seit nunmehr vier Jahren erscheint der neue Grisham, diesmal wieder eine solide, nahezu klassische Story: David gegen Goliath, armer Anwalt gegen mächtige Versicherung. Gegen Banken, Fluggesellschaften und Restaurants zu prozessieren ist ein amerikanischer Nationalsport; verwunderlich ist nur die Liebe der Deutschen zum US-Justizsystem und zu endlosen Geschworenenverhandlungen: Endlos ist inzwischen die Reihe der Grisham-Imitatoren. Der Autor prozessiert zur Zeit übrigens auch - gegen die Nachlaßverwalter seines im letzten Jahr verstorbenen Agenten. Der soll ihn um Honorare betrogen haben.
John Grisham: "DER REGENMACHER". Roman. Aus dem Amerikanischen von Christel Wiemken. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 576 Seiten; 48 Mark.
Renate Heymann
SACHBÜCHER
KESSER PATRIOT: Berühmt wurde er als Übersetzer - sein deutscher Homer, wenn auch meist modernisiert, ziert bis heute das Bücherbord der Bildungsbürger. Und einige wissen auch noch, daß Johann Heinrich Voß, Schulrektor im holsteinischen Eutin, sich nicht scheute, an der Verskunst seiner Zeitgenossen Goethe und Brentano herumzunörgeln. Was der rabiat protestantische Dickkopf selbst gedacht und geschrieben hat, ist dagegen vergessen. Zu Unrecht, zeigt jetzt diese stattliche, handliche und bestens kommentierte Auswahl: Voß, geistiger Kopf des empfindsam-schwärmerischen Göttinger Dichterzirkels "Hainbund", schrieb außer Idyllen und wilden patriotischen Liedern ("Zur Rach' erwacht! zur Rach' erwacht/ Der freye deutsche Mann!") auch kesse Epigramme, ja er nahm gern in skurrilen Oden-Parodien das Pathos seiner Zunftgenossen auf die Schippe. Frei nach Horaz besang er etwa einen Pfeifenkopf oder dichtete das "Lied eines Bleydeckers der vom Thurm fält". Mit Vorbild Klopstock aus Hamburg, einem Mann, der Kapriolen weniger schätzte, diskutierte der Kleinmeister allerdings lieber deutsche Übersetzungsfinessen - in Briefen, die hier erstmals vollständig zu lesen sind.
Johann Heinrich Voß: "AUSGEWÄHLTE WERKE". Herausgegeben von Adrian Hummel. Wallstein Verlag,
Göttingen; 564 Seiten; 58 Mark.
Johannes Saltzwedel
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MACHT UND HERRLICHKEIT: Die Würde der Hose ist unantastbar. Nur Weibsteufel, Furien und Hexen hielten sich nicht an das Grundgesetz des späten Mittelalters. Dies illustriert die in Paris lebende Volkskundlerin Sigrid Metken anhand von 88 sinnesprallen Abbildungen: Stichen, Radierungen, Federzeichnungen und Lithographien. Dazu zitiert sie aus Novellen, Gedichten, Burlesken, Dramen und Fabeln, die ebenfalls den Streit ums Beinkleid zum Thema hatten. Der war gnadenlos: Wer hat das Sagen in der Ehe, das Regiment im Haus, die Schlüsselgewalt auf Erden? In der Hose, dem Sinnbild männlicher Macht und Herrlichkeit, verbirgt sich auch die Angst der Männer vor der starken Frau: Erst streiten die Weiberleute um die Männer, um die Hosen mit allem Drum und Drin. Haben sie einen Herrn, so trachten sie nach seiner Potenz, rauben ihm die Büx und machen ihn so zum Pantoffelhelden. Der Widerspenstigen Zähmung erfordert drastische Mittel: Windelweich schlägt der brave Mann sein Weib, salzt es ein und steckt es in eine Pferdehaut, bis es pariert. So dargeboten, führt der historische Hosenzwist uns Hosenträger von heute mit leichter Hand durch den Irrgarten der Liebe, überwuchert von Ängsten und Wünschen, Schuldgefühlen und Sexualphantasien.
Sigrid Metken: "DER KAMPF UM DIE HOSE". Geschlechterstreit und die Macht im Haus. Die Geschichte eines Symbols. Campus Verlag, Frankfurt/Main; 144 Seiten; 68 Mark.
Rolf Rietzler
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ANSTANDSHALBER: "Manager-Knigge", "Lesben-Knigge", "Kleiner Katzen-Knigge" - so heißen nur einige der vielen Ratgeber, die einen berühmten Namen auf den Hund kommen lassen. Und das hat der Adolph Freiherr von Knigge, dessen 200. Todestag am 6. Mai ist, nicht verdient. Der Aufklärer, der mit der Französischen Revolution sympathisierte, konnte nicht ahnen, daß sein bekanntestes Buch, "Über den Umgang mit Menschen", ein kulturkritisches Traktat über Prinzipien für eine glückliche und sinnvolle Lebensführung, nach seinem Tode zur simplen Anstandsfibel trivialisiert werden würde. Knigge war aber auch ein erfolgreicher Vielschreiber. Aus seinem 24bändigen Werk mit Romanen, Satiren, Polemiken und Predigten, Theaterstücken und politischen Schriften hat Jörg-Dieter Kogel einen geglückten Kompakt-Knigge destilliert.
"KNIGGE FÜR JEDERMANN - Vom Umgang mit Menschen". Hrsg. von Jörg-Dieter
Kogel, Insel Verlag, Frankfurt/Main; 200 Seiten; 36 Mark.
Martina Gollhardt
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SALAM = SCHALOM? Geschichte kann doch etwas Tröstliches haben, besonders in diesen Tagen, wenn angesichts von Rabin-Ermordung, Hamas-Attentaten und Israels Hisb-Allah-Krieg die Hoffnung schwindet auf Frieden im Nahen Osten. Bassam Abu-Sharif war Sprecher der radikalen palästinensischen "Volksfront" PFLP, brachte es als Mann mit dem Megaphon, der die Forderungen der Flugzeugentführer propagierte, aufs Titelbild von Time, entging nur durch ein Wunder schwerverletzt einem israelischen Paketbombenattentat. Uzi Mahnaimi, Sohn eines israelischen Generals, arbeitete jahrelang beim militärischen Geheimdienst, befaßt vor allem mit der Anwerbung arabischer Spione. Noch 1982, bei der israelischen Belagerung Beiruts, standen beide einander als Todfeinde gegenüber. Zehn Jahre später waren sie maßgebliche Wegbereiter des Osloer Abkommens zwischen Israel und der PLO - als Arafats persönlicher Berater der eine, als mutiger israelischer Journalist der andere. In diesem Buch, einer Art Tagebuch für zwei Stimmen, rekapitulieren der Ex-Terrorist und der Ex-Agent ihren "langen Krieg um Frieden". Das ist packend, nicht nur für den, der immer schon wissen wollte, wie "Carlos" damals, 1969, zu den Palästinensern stieß und 1976 wieder fortgejagt wurde. Wie Mosche Dajan auf Kritik von Generälen reagierte und Sharon im Libanon sein "Waterloo" erlebte. Oder wie Arafat - durch unklare Formulierungen - beinahe alle Friedensbemühungen zunichte machte und in approximativem Englisch versprach, sich vom "Tourismus" loszusagen. Vor allem ist dieses Buch geeignet, den Pessimisten Mut zu machen - weil es zeigt, daß es schon eine folgenreiche kleine Heldentat sein kann, in einer israelischen Zeitung das Wort "Terrorist" durch "Palästinenser" zu ersetzen.
Bassam Abu-Sharif, Uzi Mahnaimi: "MEIN FEIND - MEIN FREUND". Droemer Knaur, München; 352 Seiten; 32 Mark.
Reinhard Hesse
BILDBÄNDE
ERINNERUNG: Am 6. Mai wäre Erich Fried 75 geworden, aus diesem Anlaß erscheint nun ein Band mit biographischen und autobiographischen Texten sowie zahlreichen Fotos - viele davon stammen von seiner Frau, der Fotografin Catherine Boswell: Bevor der Autor endgültig den Schulbüchern und Kalenderblättern überlassen ist, noch einmal eine Gelegenheit, Erich Fried zu lesen.
"ERICH FRIED". Bilder und Geschichten aus seinem Leben. Hrsg. von Catherine Fried-Boswell und Volker Kaukoreit. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 144 Seiten; 78 Mark.
Renate Heymann

KulturSPIEGEL 5/1996
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