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DER SPIEGEL

Angriff aus Amerika

Geheimdokumente zeigen, wie umfassend die USA in Deutschland und Europa spionieren. Jeden Monat überwacht die NSA dabei eine halbe Milliarde Kommunikationsvorgänge, EU-Gebäude werden verwanzt. Die Affäre bedroht die diplomatischen Beziehungen.
Auf den ersten Blick scheint es immer dieselbe Geschichte zu sein: Es geht um die Nadel, die im Heuhaufen verschwunden ist, die eine Information, die sich hinter einem Wust von Informationen verborgen hält.
Amerikas Geheimdienste haben, so scheint es, das Problem längst von der anderen Seite aus in Angriff genommen: "Wenn du nach einer Nadel im Heuhaufen suchst, brauchst du einen Heuhaufen", sagt Jeremy Bash, der einmal Stabschef beim früheren CIA-Direktor Leon Panetta war.
Einen gigantischen Heuhaufen. Einen, der sich zusammensetzt aus Milliarden Minuten, die Menschen grenzüberschreitend täglich telefonieren. Dazu kommen die Datenströme in den modernen Hochleistungskabeln des Internets, die alle paar Sekunden Informationen vom Umfang des gesamten in der Washingtoner Kongressbibliothek gesammelten Wissens rund um den Erdball transportieren. Und dann auch noch die Milliarden Mails, die jeden Tag international verschickt werden - eine Welt voller unkontrollierter Kommunikation. Und also eine Welt voller potentieller Bedrohungen, jedenfalls aus der Berufsperspektive von Geheimdiensten. Das sei die "Herausforderung", wie es in einer internen Darstellung des amerikanischen Abhörgeheimdienstes National Security Agency (NSA) heißt.
Diese Herausforderung hat der Vier-Sterne-General Keith Alexander definiert, der heute NSA-Direktor und gleichzeitig Cyber-Kommandochef des US-Militärs ist, also Amerikas oberster Cyber-Krieger. Bei einem Besuch in Menwith Hill, der großen Abhörstation der Briten in der Nähe von Harrogate in Yorkshire, stellte er angesichts der geballten technischen Abhörkapazität schon 2008 eine simple Frage: "Warum können wir eigentlich nicht alle Signale immer abfangen?"
Alle Signale zu jeder Zeit - das wäre der ideale Heuhaufen, von dem die NSA träumt. Und was die Nadel ist, eine Spur des Terrornetzwerks al-Qaida etwa oder die Industrieanlagen eines gegnerischen Staates, die Pläne internationaler Drogenhändler, aber auch die Gipfelvorbereitung von Spitzenpolitikern befreundeter Staaten, das wird von Fall zu Fall bestimmt - der Heuhaufen wird's schon liefern.
Wie nah Amerikas NSA, in trauter Zusammenarbeit mit anderen westlichen Geheimdiensten, diesem Ideal gekommen ist, hat in den vergangenen Wochen ein junger Amerikaner enthüllt, der äußerlich so gar nichts von jenem Helden hat, als der er jetzt in aller Welt von denen gefeiert wird, die sich von Amerikas gigantischer Überwachungsmaschinerie bedroht fühlen.
Es ist ein Fiasko für die NSA, die, anders als etwa der US-Auslandsgeheimdienst CIA, lange Zeit weitgehend ohne öffentliche Aufmerksamkeit lauschen konnte. Snowden habe den USA "unwiderruflichen, schweren Schaden zugefügt", klagte Direktor Alexander am vorvergangenen Wochenende in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender ABC.
Snowdens NSA-Dokumente umfassen weit mehr als nur ein oder zwei Skandale. Sie sind eine Art elektronischer Schnappschuss der Arbeit des mächtigsten Geheimdienstes der Welt aus rund zehn Jahren. Der SPIEGEL hat eine Reihe von Dokumenten aus diesem Archiv einsehen und auswerten können.
Die Unterlagen belegen, welche zentrale Rolle Deutschland im weltumspannenden Überwachungsnetz der NSA spielt - und wie die Deutschen selbst zum Ziel der Angriffe aus Amerika werden.
Vor der Spionagewut ist niemand sicher, jedenfalls fast niemand. Nur eine handverlesene Gruppe von Staaten ist davon ausgenommen, die die NSA als enge Freunde definiert, Partner zweiter Klasse ("2nd party"), wie es in einem internen Papier heißt: Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland. Diese Länder seien für die NSA "weder Ziele, noch verlangt sie, dass diese Partner irgendetwas tun, was auch für die NSA illegal wäre", heißt es in einem "streng geheim" eingestuften Dokument.
Für alle anderen, auch jene Gruppe von rund 30 Ländern, die als Partner dritter Klasse ("3rd party") zählen, gilt dieser Schutz nicht. "Wir können die Signale der meisten ausländischen Partner dritter Klasse angreifen - und tun dies auch", brüstet sich die NSA in einer internen Präsentation. Zu diesen Ländern, die im Fokus der Überwachung stehen, zählt laut der Auflistung auch Deutschland. Damit bestätigen die Unterlagen, was im Berliner Regierungsviertel seit langem vermutet wird: dass die US-Geheimdienste mit Billigung des Weißen Hauses gezielt auch die Bundesregierung ausforschen, wohl bis hinauf zur Kanzlerin. Da überrascht es kaum, dass auch die Washingtoner Vertretung der Europäischen Union nach allen Regeln der Kunst verwanzt wird, wie ein Dokument zeigt, das der SPIEGEL eingesehen hat.
Die neue Qualität der Enthüllungen ist aber nicht, dass Staaten sich gegenseitig auszuforschen versuchen, Minister aushorchen und Wirtschaftsspionage betreiben.
Was die Dokumente enthüllen, ist vor allem die Möglichkeit der Totalüberwachung eigener und fremder Bürger, jenseits jeder effektiven Kontrolle und Aufsicht. Unter den Geheimdiensten der westlichen Welt scheint es eine Aufgabenteilung und einen teilweise regen Austausch zu geben. Denn der Grundsatz, ein Auslandsnachrichtendienst dürfe seine Bürger nicht oder nur aufgrund individueller Gerichtsbeschlüsse überwachen, ist in dieser Welt der globalisierten Kommunikation und Überwachung ausgehebelt. Der britische Dienst GCHQ darf alle Menschen bis auf Briten überwachen, die NSA alle bis auf Amerikaner, der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) alle, nur keine Deutschen. So entsteht die Matrix einer hemmungslosen Rundumüberwachung, in der jeder dem anderen mit verteilten Rollen behilflich sein kann.
Dokumente zeigen, dass die Dienste das in dieser Situation Naheliegende und in Deutschland gesetzlich verankerte tun: Sie tauschen sich aus. Und sie kooperieren intensiv miteinander. Das gilt, neben den Briten und den Amerikanern, für den BND, der der NSA bei der Internetüberwachung assistiert.
Der SPIEGEL hat sich entschieden, vorliegende Details über Geheimoperationen, die das Leben von NSA-Mitarbeitern gefährden könnten, nicht zu publizieren, ebenso wenig die entsprechenden internen Codewörter. Anders sieht es mit den Informationen über die allgemeine Überwachung von Kommunikation aus. Sie gefährden keine Menschenleben, sondern machen ein System erfassbar, dessen Dimension jede Vorstellungskraft sprengt, was in einer Demokratie diskutiert werden muss. Eine solche weltweite Diskussion ist Snowdens eigentliches Anliegen, die Motivation für seinen Geheimnisbruch. Er sagt: "Die Öffentlichkeit muss entscheiden, ob diese Programme und Strategien richtig oder falsch sind."
Die Fakten, die dank Snowden nun der Weltöffentlichkeit zugänglich werden, widerlegen vor allem die Verteidigungslinie des Weißen Hauses. Die Überwachung sei nötig, um Terroranschläge zu verhindern, argumentierte US-Präsident Barack Obama auch bei seinem Besuch in Berlin. Und NSA-Chef Alexander rechtfertigte sich, in den USA habe die NSA dazu beigetragen, zehn Anschläge zu verhindern. Weltweit sollen sogar 50 Terrorplots mit NSA-Hilfe aufgeflogen sein. Das mag sein, ist aber nur schwer überprüfbar und bestenfalls ein Teil der Wahrheit.
Recherchen in Berlin, Brüssel und Washington und die Dokumente, die die Redaktion einsehen konnte, offenbaren, wie allumfassend die Überwachung der USA angelegt ist.
Deutschland nimmt in diesem globalen Spionagesystem eine zentrale Rolle ein. Die NSA hat für die einlaufenden Datenströme ein Programm entwickelt, das den Namen "Boundless Informant", grenzenloser Informant, trägt und dessen Existenz der Londoner "Guardian" enthüllt hat, mit dem Snowden kooperiert. Es ist dafür gedacht, die Verbindungsdaten aus sämtlichen einlaufenden Telefondaten und der übrigen Kommunikation "nahezu in Echtzeit" aufzubereiten, wie es in einer Beschreibung heißt. Erfasst werden nicht die Gesprächsinhalte, sondern die Metadaten: also von welchem Anschluss mit welchem Anschluss eine Verbindung bestand.
Es sind jene Vorratsdaten, um deren Speicherung in Deutschland seit vielen Jahren erbittert gerungen wird - und deren Erfassung das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2010 untersagte.
"Boundless Informant" erzeugt Karten der Länder, aus denen die von der NSA gesammelten Daten stammen. Die am stärksten überwachten Regionen befinden sich im Nahen Osten, dazu kommen Afghanistan, Iran und Pakistan, die beide auf der Weltkarte der NSA blutrot markiert sind. Deutschland ist, als einziges Land Europas, gelb ausgewiesen, ein Zeichen beträchtlicher Ausspähung.
Eine NSA-Tabelle, die der SPIEGEL erstmals veröffentlicht (siehe Grafik), dokumentiert, wie massiv das Aufkommen aus dem in Deutschland überwachten Datenverkehr ist. Danach fing die Agency im vergangenen Dezember die Metadaten von durchschnittlich rund 15 Millionen Telefongesprächen täglich und etwa 10 Millionen Internetverbindungen ab. Am 24. Dezember waren es rund 13 Millionen Telefonverbindungen und halb so viele Internetverbindungen.
An Spitzentagen, wie etwa dem 7. Januar dieses Jahres, stieg das Aufkommen auf fast 60 Millionen überwachte Kommunikationsvorgänge. Metadaten über bis zu eine halbe Milliarde Verbindungen sammeln die Amerikaner Monat für Monat aus Deutschland. Aus der Bundesrepublik fließt damit einer der größten Ströme der Welt in den gigantischen Datensee des amerikanischen Geheimdienstes.
Eine weitere Übersicht aus dem NSA-Datenschatz zeigt, wie viel kleiner der Umfang der Daten ist, die aus Ländern wie Frankreich und Italien fließen (siehe Grafik). Für Frankreich verzeichnen die Amerikaner im selben Zeitraum täglich im Durchschnitt gut zwei Millionen Verbindungsdaten, an Heiligabend sind es knapp sieben Millionen. Für das ebenfalls erfasste Polen schwanken die Werte in den ersten drei Dezemberwochen zwischen zwei und vier Millionen.
Mit klassischem Lauschen oder Abhören hat die Arbeit der NSA nur noch wenig zu tun, sie ähnelt eher einer strukturellen Kompletterfassung. Zu glauben, aus den Metadaten lasse sich weniger ableiten als aus abgefangenen Kommunikationsinhalten, wäre freilich ein Irrtum. Für Ermittler sind sie eine Goldwährung, denn sie zeigen nicht nur Kontaktnetzwerke, sondern ermöglichen auch Bewegungsprofile und sogar Vorhersagen über das mögliche Verhalten erfasster Kommunikationsteilnehmer.
Glaubt man Insidern, die den deutschen Teil des NSA-Programms kennen, dann gilt das Interesse vor allem mehreren großen Internetknotenpunkten, die in West- und Süddeutschland angesiedelt sind. Aus den geheimen NSA-Unterlagen geht hervor, dass Frankfurt im weltumspannenden Netz eine wichtige Rolle einnimmt, die Stadt ist als Basis in Deutschland aufgeführt.
In der hessischen Metropole hat die NSA Zugang zu jenen Internetknotenpunkten, die vor allem den Datenverkehr mit Ländern wie Mali oder Syrien regeln, aber auch mit Osteuropa. Vieles spricht dafür, dass die NSA diese Daten teils mit, teils ohne Wissen der Deutschen absaugt; angeblich werden sogar die einzelnen Filtereinstellungen, nach denen die Daten gesiebt und sortiert werden, miteinander besprochen. Daneben nimmt sich das System "Garlick", mit dem die NSA jahrelang aus Bad Aibling die Satellitenkommunikation überwachte, vergleichsweise bescheiden aus.
Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland sei traditionell "so eng, wie es nur sein konnte", sagte der US-Journalist und NSA-Experte James Bamford der "Zeit". "Wegen der Nähe zur Sowjetunion hatten wir wahrscheinlich mehr Horchposten in der Bundesrepublik als irgendwo sonst."
Derlei Partnerschaften, heißt es in den Unterlagen, böten "einzigartige Zugänge zu Zielen". Nicht mit allen dieser Auslandspartner teile man das eigene Signal-aufkommen, heißt es weiter, in vielen Fällen stelle man als Gegenleistung Ausrüstung und technische Unterstützung zur Verfügung. Oft würde die Agency auch Geräte und Training anbieten, um Zugang zu erwünschten Zielen zu bekommen. Die "Arrangements" seien typischerweise bilateral und liefen außerhalb aller militärischen und zivilen Beziehungen, welche die USA mit den jeweiligen Ländern habe, heißt es in einer geheim eingestuften Unterlage.
Diese internationale Arbeitsteilung durchlöchert das in Artikel 10 des Grundgesetzes garantierte Post-, Brief- und Fernmeldegeheimnis. Das darf von deutschen Behörden nur in eng definierten Ausnahmefällen ausgehebelt werden.
Jeder amerikanische Analyst könne "jederzeit jeden ins Visier nehmen", sagt Edward Snowden in seinem Videointerview, "sogar einen US-Bundesrichter und den US-Präsidenten, sofern er dessen Mail-Adresse kennt".
Wie skrupellos die US-Regierung ihre Nachrichtendienste vorgehen lässt, dokumentieren mehrere Lauschangriffe auf die EU in Brüssel und Washington, bei denen nun erstmals nachgewiesen ist, dass die NSA dahintersteht.
Vor etwas mehr als fünf Jahren fielen im Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäude Sicherheitsexperten mehrere sonderbare, fehlgeschlagene Anrufe im Umfeld einer ganz bestimmten Durchwahl auf: Sie alle landeten in der Nähe der Nummer, die für die Fernwartung der Siemens-Telefonanlage des Gebäudes bestimmt ist.
In Brüssel stellten sich die Behörden daraufhin die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Techniker oder ein Wartungscomputer die Durchwahl für die Fernwartung gleich mehrmals knapp verfehlt?
Die Sicherheitsbehörden verfolgten die Falschanrufer zurück, und die Überraschung war groß, als sich herausstellte, wo der Anruf seinen Ursprung hatte: Er kam von einem Anschluss nur ein paar Kilometer Luftlinie in Richtung Brüsseler Flughafen, aus dem Vorort Evere.
Dort hat die Nato ihr Hauptquartier - und es gelang den Sicherheitsexperten der EU-Behörden, den genauen Ort zu lokalisieren: einen vom restlichen Hauptquartier separierten Gebäudekomplex. Zur Straße hin sieht man einen Flachdachbau mit Klinkerfassade und einer großen Antenne auf dem Dach. Das Gebäude ist durch hohe Zäune und Sichtschutz von der Straße abgetrennt, überall wachen Kameras. Im Innern arbeiten Telekommunikationsexperten der Nato - und eine ganze Truppe von NSA-Agenten. In Sicherheitskreisen wird dieser Ort als eine Art Europa-Zentrale der NSA bezeichnet.
Eine Überprüfung der Fernwartungsanlage ergab, dass sie mehrfach aus genau diesem Nato-Komplex angerufen und auch erreicht wurde. Das hatte potentiell gravierende Konsequenzen: Jeder EU-Mitgliedstaat hat im Justus-Lipsius-Gebäude Räume, in die sich die Minister zurückziehen können, samt Telefon- und Internetanschlüssen.
Noch skrupelloser agiert die NSA auf heimischem Boden, in Washington. In einem eleganten Bürogebäude an der K Street residiert die Delegation der EU, offiziell eine diplomatische Vertretung. Doch dieser Schutz hilft wenig. Wie ein Dokument der NSA beschreibt, das der SPIEGEL in Teilen einsehen konnte, hat die NSA das Bürogebäude nicht nur verwanzt, sondern auch das interne Computernetzwerk infiltriert - doppelt hält besser. Das Gleiche gilt für die EU-Mission bei den Vereinten Nationen in New York. Die Europäer seien ein "Angriffsziel", heißt es in dem Papier, Stand September 2010, ganz offen. Eine Anfrage mit der Bitte um ein Gespräch ließen NSA und Weißes Haus unbeantwortet.
Nun soll eine hochrangige Expertenkommission, auf die sich die EU-Justizkommissarin Viviane Reding und ihr US-Kollege Eric Holder verständigt haben, das Ausmaß der routinemäßigen Datenschnüffelei feststellen und die Rechtschutzmöglichkeiten für EU-Bürger erörtern. Im Oktober soll es einen Abschlussbericht geben.
Wie systematisch die Agency ihr globales Überwachungsnetz auslegt, zeigt eine Übersicht aus Fort Meade, dem NSA-Hauptquartier. Darin aufgeführt sind zahlreiche Geheimoperationen zur Überwachung des Internets und des internationalen Datenverkehrs. Die NSA "schöpft im Informationszeitalter aggressiv ausländische Signale ab, die durch komplexe globale Netzwerke fließen", heißt es in einer internen Selbstbeschreibung.
Was da geschieht, zeigt ein weiteres bislang unveröffentlichtes Papier, das beschreibt, wie die NSA Zugang zu einem ganzen Bündel von Glasfaserkabeln erhalten hat, die mit einem Datendurchsatz von mehreren Gigabit pro Sekunde arbeiten und damit zu den größeren Verbindungslinien des Netzes zählen. Der Zugang sei neu und betreffe auch mehrere Kabel, "die den russischen Markt bedienen", schwärmt die NSA darin. Die Techniker aus Fort Meade kommen danach an "Tausende von Leitungsbündeln weltweit". Und in einer weiteren Operation überwacht der Nachrichtendienst ein Datenkabel, durch das der Verkehr in den "Nahen Osten, Europa, Südamerika und Asien geleitet wird".
Doch nicht nur die Geheimdienste befreundeter Nationen sind willige Helfer der NSA. Spätestens seit der Enthüllung des Programms "Prism" ist klar, dass die Abhörspezialisten der NSA auch in großer Zahl Inhalte bei den wichtigen amerikanischen Internetfirmen abgreifen.
Deren Chefs haben einen direkten Zugriff des Dienstes energisch dementiert. Doch es scheint Dutzende Konzerne zu geben, die jenseits von "Prism" wissentlich mit der NSA zusammenarbeiten.
Ein besonders guter Kooperationspartner, so heißt es in den Dokumenten, sei ein Konzern, der in den USA tätig sei und an Informationen gelange, die Amerika durchquerten. Gleichzeitig bietet die Firma durch ihre Beziehungen "einzigartigen Zugang zu anderen Telekommunikationsunternehmen und Internetprovidern". Das Unternehmen sei "aggressiv dabei, den Datenverkehr über unsere Bildschirme zu leiten", heißt es in einem Geheimpapier der NSA. Die Kooperation bestehe schon seit 1985.
Dabei handelt es sich offenbar um keinen Einzelfall. Ein weiteres Dokument belegt die Willfährigkeit diverser Konzerne. Es gebe "Allianzen mit über 80 großen globalen Firmen, die beide Missionen unterstützen", heißt es in dem Papier, das "streng geheim" eingestuft ist. "Beide Missionen" - das meint in der Sprache der NSA die Verteidigung eigener, amerikanischer Netze, aber ebenso das Abhören ausländischer Netze, also: die Abteilung Attacke. Zu diesen Partnern gehören Telekommunikationsunternehmen, Hersteller von Netzwerk-Infrastruktur, Software- sowie Sicherheitsfirmen.
Die Zusammenarbeit ist nicht nur für den Nachrichtendienst, sondern auch für die Unternehmen heikel, denn sie betrifft Firmen, die ihren Kunden in den Geschäftsbedingungen Zusicherungen machen, was die Sicherheit ihrer Daten angeht. Diese Firmen sind zudem an die Gesetze ihrer Heimatländer gebunden.
Die Abkommen zwischen den betreffenden Konzernen und der Behörde sind deshalb streng geheim. Selbst in den internen Unterlagen werden sie nur mit Codenamen genannt. "Es gab lange sehr enge, streng geheime Beziehungen zwischen vielen Telekommunikationsfirmen und der NSA", sagt der Experte Bamford. "Jedes Mal, wenn eine solche Kooperation doch auffliegt, wird sie für kurze Zeit eingestellt, nur um dann wieder von Neuem zu beginnen."
Die Bedeutung dieser besonderen Art öffentlich-privater Partnerschaften hat NSA-Chef Alexander unlängst noch einmal besonders hervorgehoben. Bei einem Technologie-Symposium in einem Vorort von Washington forderte er, Industrie und Regierung müssten eng zusammenarbeiten. "Wir könnten unsere Mission nicht ohne die Hilfe so vieler Menschen wie Ihnen machen." Im Publikum saßen die Experten jener Firmen, die offenbar, glaubt man den Dokumenten, Kooperationsvereinbarungen mit der NSA getroffen haben.
Wie die Zusammenarbeit von BND und NSA genau aussieht, wird in den kommenden Wochen nun das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags untersuchen müssen, das für die Aufsicht über die Geheimdienste zuständig ist. Die Bundesregierung hat sich in Briefen an die Amerikaner gewandt und um Aufklärung gebeten. Kann es ein souveräner Staat hinnehmen, dass auf seinem Boden Monat für Monat eine halbe Milliarde Kommunikationsdaten gestohlen werden - erst recht, wenn dieser Staat von seinem Gegenüber als Partner dritter Klasse bezeichnet wird, bei dem überdies, wie ausdrücklich festgestellt wird, jederzeit abgehört werden kann.
Bislang hat sich die Bundesregierung entschieden, nicht mehr als höfliche Fragen zu stellen. Doch mit den nun bekannten Fakten steigt auch der Druck auf Angela Merkel und ihre schwarz-gelbe Koalition, die im September wiedergewählt werden will und die Empfindlichkeit der Deutschen beim Thema Datenschutz nur zu gut kennt.
In den Geschichten des blinden Schriftstellers Jorge Luis Borges ist die "Bibliothek von Babel" vielleicht das geheimnisvollste aller Labyrinthe: ein Universum voller Bücherregale, verbunden durch eine spiralförmige Treppe, dessen Anfang oder Ende keiner findet. Wanderer irren in dieser Bibliothek umher, auf der Suche nach dem Buch der Bücher und werden dort alt, ohne es zu finden.
Wenn je ein reales Bauwerk dieser unmöglichen Bibliothek nahe kommen könnte, dann wird es gerade in der kleinen Stadt Bluffdale, in den Bergen Utahs, errichtet. Dort, an der Redwood Road, steht vor einer frisch geteerten Straße ein Schild mit schwarzen Lettern auf weißem Grund: Militärisches Sperrgebiet, Zutritt verboten. In Papieren des Pentagons, Formblatt 1391, Seite 134, tragen die Gebäude dahinter die Projektnummer 21078. Gemeint ist das Utah Data Center, vier riesige Serverhallen mit Gesamtkosten von etwa 1,2 Milliarden Euro.
Erbaut von 11 000 Arbeitern, soll die Anlage als Speicherzentrum all dessen dienen, was sich in den Datenschleppnetzen der NSA verfängt. Gerechnet wird dann bald in der Speichereinheit Yottabytes, wobei ein Yottabyte eine Billion Terabyte oder eine Billiarde Gigabyte sind. Heutige handelsübliche externe Festplatten fassen etwa ein Terabyte. 15 dieser Festplatten könnten die komplette Kongressbibliothek speichern.
Der Mann, der als Erster Informationen über das Utah-Zentrum öffentlich gemacht hat und vermutlich am meisten über die NSA weiß, ist James Bamford. Er sagt: "Die NSA ist der größte, teuerste und einflussreichste Geheimdienst der Welt."
Seit den Terroranschlägen von 2001 wird die Zahl der Mitarbeiter laufend aufgestockt, die Budgets werden erhöht. Zumindest für das Jahr 2006 hat der SPIEGEL nun erstmals in interne Zahlen der US-Regierung Einblick nehmen können, die aus Snowdens Dokumenten stammen. Demnach arbeiteten 15 986 Militärs und 19 335 Zivilisten bei der NSA, der Jahresetat betrug 6,115 Milliarden Dollar; offiziell liegen die Zahlen unter Verschluss.
NSA-Chef Keith Alexander wird nicht ohne Grund "Alexander der Große" genannt. "Was auch immer Keith will, bekommt er", sagt Bamford.
Trotzdem glaubt Bamford nicht, dass der Dienst seine eigentliche Aufgabe wirklich zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erfüllt. "Ich sehe keine Anzeichen, dass die erhöhte Überwachung Terroranschläge aufhält. Der Anschlag von Boston wurde nicht verhindert."
Eines allerdings hat die NSA genau vorausgesehen - die Richtung, aus der ihr die größte Gefahr droht. In den Unterlagen, die jetzt erstmals ans Licht kommen, bezeichnet sie Terroristen und Hacker als die größten Gefahren. Noch bedrohlicher sei es, heißt es da, wenn ein Insider auspacken sollte.
Einer wie Edward Joseph Snowden.
Von Laura Poitras, Marcel Rosenbach, Fidelius Schmid, Holger Stark und Jonathan Stock

DER SPIEGEL 27/2013
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