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DER SPIEGEL

Peter vom Prenzlauer Berg

LITERATURKRITIK: Eugen Ruge lässt auf seinen Bestsellerroman die hinreißende Novelle „Cabo de Gata“ folgen.
Das verflixte zweite Buch. Davor fürchtet sich jeder Schriftsteller. Gerade dann, wenn das Debüt ein Erfolg war.
Eugen Ruge hatte mit seinem Erstlingswerk "In Zeiten des abnehmenden Lichts", das er mit Mitte fünfzig veröffentlichte, auf Anhieb Erfolg. Das Familienepos, das sich über ein halbes Jahrhundert erstreckt, erhielt im Oktober 2011 den publikumswirksamen Deutschen Buchpreis und hat sich bis heute mehr als 350 000-mal verkauft.
Auf den umfangreichen Roman lässt er jetzt, anderthalb Jahre später, eine autobiografisch gefärbte Erzählung folgen, die es selbst bei großzügigem Satzspiegel gerade mal auf 200 Seiten bringt. Statt an wechselnden Orten und zu verschiedenen Zeiten wie im Roman - Mexiko, Moskau, Berlin zwischen 1952 und 2001 - spielt sich nun alles hauptsächlich an einem Ort ab, dem spanischen Fischerdorf Cabo de Gata, das dem Buch auch den Namen gegeben hat. Und es sind genau 123 Tage, die der Ich-Erzähler dort verbringt.
Aber was spielt sich schon groß ab? Der Charme des kleinen Romans "Cabo de Gata" besteht gerade darin, dass der Mangel an Handlung durch eine enorme sprachliche Eleganz und Wahrnehmungsgenauigkeit wettgemacht wird, durch Beobachtungen und Reflexionen, prägnante, knappe Porträts. Und alles fügt sich der Geschichte wie selbstverständlich ein.
Der Ich-Erzähler - sein Vorname ist offenbar Peter - will alles hinter sich lassen, will den tristen Alltag als Bewohner des neureichen Prenzlauer Bergs vergessen und nicht weiter einer verlorenen Liebe nachtrauern. Kurz: Er möchte raus aus dem Berlin der Nachwendezeit. So setzt er sich in den Zug, später in den Bus und reist ins südliche Europa, dorthin, wo ein "Hauch von Afrika" zu spüren ist (wie
ein Reiseführer verspricht). Dort will er endlich in Ruhe seinen Roman schreiben.
Doch das vermeintliche Paradies enthüllt sich Anfang Januar als kalt und unfreundlich. Ebenso begegnen dem Mann auch die Bewohner des Orts. Und wenn er etwas in sein Notizheft schreibt, ist er am nächsten Tag unzufrieden und reißt die Seite gleich wieder heraus. Der Traum scheint ein Traum zu bleiben.
Eine Schriftstellergeschichte. Deutlich steht Peter Handke Pate, dessen Erzählung "Nachmittag eines Schriftstellers" mit ähnlicher Genauigkeit vom Glück und möglichen Scheitern eines Schreibenden handelt. Und in Handkes "Versuch über die Jukebox" wird der für das Schreiben geeignete Ort zum Thema - der in der spanischen Stadt Soria gefunden wird.
Ruge, 59, bekennt sich auf amüsante Weise zu seinem Vorbild. Als ein durchreisender Engländer, dem der Held von seinen Schreibversuchen erzählt, mehr erfahren will als nur den Vornamen des verhinderten Dichters, gibt der sich als "Peter Handke" aus.
Deutlich ist der Wunsch Ruges, nicht als Erzähler opulenter Romane festgelegt zu werden. Zwar trägt auch "Cabo de Gata" die Gattungsbezeichnung Roman, doch im Grunde ist das Buch eine Novelle und erfüllt auch die Voraussetzungen der Form. Selbst das gattungsspezifische "Falkenmotiv" am Wendepunkt der Geschichte erscheint in Gestalt einer streunenden rotgetigerten Katze, die dem Leben des als Romancier scheiternden Helden einen Dreh gibt.
Das Buch lebt nicht zuletzt von seiner autobiografischen Suggestion. Der Ich-Erzähler hat manche Lebensdaten mit dem realen Autor gemeinsam. Er ist in der DDR groß geworden, hat in einem Institut für Chemietechnik gearbeitet (bei Ruge war es das Zentralinstitut für Physik) und irgendwann gekündigt, um nur noch zu schreiben, und er ist Sohn eines der DDR immer noch nachtrauernden Publizisten, der in einer hinreißenden Szene Kontur gewinnt.
Und doch bleibt alles Erfindung, schon weil die Erinnerung trügerisch ist. Das Gedächtnis erfinde "ja alle Erinnerungen immer wieder neu", wie es einmal ganz im Einklang mit der neuesten Gedächtnisforschung heißt.
Ruges Erzählprinzip ist fast so etwas wie eine Versuchsanordnung. Er habe sich vorgenommen, lässt er seinen fiktiven Erzähler formulieren, "bei dieser Niederschrift keine früheren Aufzeichnungen zu benutzen, nichts, was meine Erinnerung auffrischen oder beflügeln könnte, auch nicht bei Google oder bei Wikipedia nachzuschlagen".
Das gibt der Rückschau Ruges auf seine Anfänge, ob nun authentisch oder nicht, etwas Spielerisches und Unbeschwertes. Damals in Andalusien mag es tatsächlich ein quälendes Scheitern gegeben haben. Nachdem sich der große Erfolg eingestellt hat, hebt sich alles auf und lässt sich nun wie befreit erzählen. Eugen Ruge beendet seine spanische Exkursion genau in dem Moment, da die Geschichte zu stagnieren beginnt.
Das alles ist wahrhaft geglückt. Eleganter und entspannter kann ein zweites Buch eigentlich kaum daherkommen.
Eugen Ruge: "Cabo de Gata". Rowohlt Verlag, Reinbek; 208 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 27/2013
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