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DER SPIEGEL

FUSSBALLRockende Grachten

Der niederländische Nationaltrainer Louis van Gaal demonstriert für die Rechte von Homosexuellen. Jetzt sollen auch die Deutschen Farbe bekennen.
Das Boot, das bei der schrillen Parade durch die Grachten Amsterdams für die größten Beifallsstürme der mehr als 300 000 Schaulustigen sorgte, trug das Abzeichen des niederländischen Verteidigungsministeriums. An Deck standen junge Männer in Uniform: homosexuelle Soldaten, die - mit dem Segen der Armeeführung - erstmals an der Amsterdamer Schwulen- und Lesbenparade Gay Pride teilnahmen. Das war im Sommer 2009.
Die Hauptattraktion dieses Jahres bei dem Bootskorso durch die Kanäle Amsterdams, einem der bedeutenden Homosexuellen-Happenings Europas, wird eine orangefarbene Barkasse mit den Großbuchstaben KNVB sein. Das steht für Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond, den Königlichen Niederländischen Fußballverband. Prominentestes Gesicht an Bord: Nationalcoach Louis van Gaal.
Die Zusage des früheren FC-Bayern-Trainers, bei der bunten Homosexuellen-Party Anfang August mitzuschippern, ist ein deutliches Signal. Denn auch in den für ihre Weltoffenheit und Toleranz gerühmten Niederlanden gehören homophobe Sprüche und Gesänge in Fußballstadien zum Alltag, kein schwuler Profikicker hat bislang sein Coming-out gewagt.
Stattdessen halten sich selbst krudeste Vorurteile am Leben. Noch im vorigen Sommer irritierte Frank de Boer, der Trainer des Rekordmeisters Ajax Amsterdam, seine Landsleute mit einer Bemerkung über die vermeintliche Unsportlichkeit von Schwulen.
Sie halte de Boers Äußerung "nicht für schwulenfeindlich, sondern für einfältig", sagt Irene Hemelaar, die Veranstalterin des Amsterdamer Gay-Pride-Events. De Boer, der sich öffentlich für seinen Kommentar entschuldigte, hatte Hemelaars spontane Einladung zur letztjährigen Amsterdamer Homosexuellen-Fete ausgeschlagen.
Auch deshalb wertet die 44-jährige Aktivistin die Zusage Louis van Gaals nun als einen "Meilenstein für die internationale Schwulen- und Lesbenbewegung". Die Grachten, prophezeit sie, "werden rocken".
Den Rummel um die holländische Parade wollen Schwulenorganisationen auch hierzulande nutzen, um den Deutschen Fußball-Bund (DFB) wieder stärker in ihren Kampf gegen Ausgrenzung und Diskriminierung einzubinden. Das Engagement, das der frühere Verbandspräsident Theo Zwanziger begann, habe seit dessen Rückzug spürbar abgenommen, beklagt Torsten Siebert, Leiter des Berliner Projekts "Soccer Sound" gegen Homophobie im Fußball. Seit Anfang vergangenen Jahres, seit einem Dialogforum über sexuelle Identitäten in der Sportschule Hennef, habe man vom DFB "so gut wie nichts mehr gehört", sagt Siebert.
Zwanziger hatte das Aufweichen von Homophobie zu einem sozialen Kernthema des Verbands gemacht. Es gab Aktionsabende, einen Runden Tisch vor einem Länderspiel in Hamburg, die DFB-Kulturstiftung ließ ein Theaterstück gegen Diskriminierung aufführen. Beim Berliner Christopher Street Day, dem Fest- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern, stand Zwanziger vor zwei Jahren als Laudator auf der Bühne. Und beim Kölner Christopher Street Day sponserte der DFB über mehrere Jahre mit je 5000 Euro einen Paradewagen.
Unter Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach ist die Förderung ausgelaufen, Kölns Parade fand ohne Fußballwagen statt. Das sei nicht schlimm, heißt es bei den Organisatoren, teilnehmende schwul-lesbische Fußballfans seien ohnehin jetzt so zahlreich, dass sie als Fußgruppe besser in den Umzug passten als auf einem Wagen mit begrenztem Platz. Doch die Angst, dass sich der DFB ganz ausklinkt, greife um sich, sagt der Niederländer Robert Thewessen, der seit zwei Jahren den Berliner Christopher Street Day mitorganisiert.
Mit dem Rückenwind aus Holland wollen die Veranstalter nun einen neuen Anlauf nehmen und den DFB zur Teilnahme an der nächsten Berlin-Parade einladen, es müsse ja kein Wagen sein. Zwanziger sei "das Gesicht der Kampagne" im Fußball gewesen. Doch "künftig kann das ja auch der Bundestrainer sein", findet Thewessen.
Während zum Gay Pride in Amsterdam die gesellschaftlichen Organisationen Schlange stehen - angeblich gab es zuletzt über 200 Anfragen für 75 Boote -, müsse man in Deutschland betteln. "Da geht Gesellschaftspolitik langsamer", meint Thewessen.
Der DFB wehrt sich gegen den Vorwurf des Desinteresses. Gegen die Diskriminierung Homosexueller werde weiter mit gleichem Schwung gearbeitet, heißt es in der Frankfurter Verbandszentrale, wenn auch vielleicht weniger offen mit Worten als früher. Zum Beispiel stehe der Leitfaden für Vereine kurz vor der Fertigstellung. Eine Kommission hatte zehn Monate lang an dem Papier zum Umgang mit Coming-outs im Fußball gearbeitet, nun ist eine ganze Informationsbroschüre "Fußball und Homosexualität" dabei herausgekommen - "20 bis 30 Seiten, im Längsformat", verrät Gunter A. Pilz, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe.
Vielleicht hätte es weniger lange gedauert, hätte man einfach abgeschrieben. Seit Herbst vergangenen Jahres liegt der "Aktionsplan" des niederländischen Verbands mit dem Titel "Fußball für alle" vor, zehn Seiten in Orange. Enthalten sind Anleitungen für Trainer, wie das Thema in Mannschaften behandelt werden soll.
Die Holländer waren wieder schneller.
Von Jörg Kramer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 28/2013
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