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DER SPIEGEL

BILDUNGBauen wie blöde

Ab August haben schon einjährige Kinder das Recht auf öffentlich geförderte Betreuung, Hunderttausende Plätze wurden deshalb geschaffen. Doch eine große Studie zeigt: Die Qualität vieler Krippen und Kindergärten ist unzureichend.
Der Vormieter hat das Logo hinterlassen, weiße Schrift auf blauem Grund. Bald soll es in zwei Teile zersägt werden: Das "Sch" des Schlecker-Schildes kommt in den Schlafsaal, das "lecker" in die Küche. So haben es die Eltern der Initiative "Schwanthaler Flöhe" im Münchner Westend beschlossen.
Wo früher Seifenspender und Klopapier über den Scanner gezogen wurden, toben, essen und schlafen demnächst rund 50 Jungen und Mädchen, vom Krabbelbaby bis zum Hortkind.
Die 18 Elternpaare strichen Wände, stellten Sofas auf, schafften Spielzeug heran. Die Stadt gewährte einen Zuschuss von einer Viertelmillion Euro für Toiletten, Lärmdämmung oder Brandschutztüren. Die Stadt finanzierte auch ein Baumhaus, es steht im Innern des Gebäudes, auf einen Garten müssen die "Flöhe" verzichten.
Sie habe jahrelang "drei Leben nebeneinander" geführt, sagt Inga-Britt Frase. Die Lehrerin ist erster Vorstand und hat zwei Kinder, die fünfjährige Linnea und den zweijährigen Moritz. Das Engagement habe sich gelohnt: "Jetzt kann ich sicher sein, dass meine Kinder in den kommenden zehn Jahren betreut werden."
Eine ähnliche Motivation herrscht bei den "Westend-Drachen" und den "Hobbits", den "Rumpelpilzen" und der "Blauen Giraffe", bei "Lilly läuft" und der "Pusteblume" - so heißen allein die Elterninitiativen im Stadtteil Schwanthalerhöhe, insgesamt 300 gibt es in München.
Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Stadt und weitere Träger gründen ebenfalls Kitas, im Durchschnitt jeden Monat eine allein in München. Sie alle suchen Räume für neue Gruppen, Bauplätze für neue Einrichtungen und natürlich qualifizierte Pädagogen und Kita-Manager.
Die Schwanthaler Flöhe köderten ihre Leiterin damit, dass ihr die Mutter eines Kita-Kindes eine bezahlbare Wohnung in der Nähe vermittelte.
In Deutschland läuft derzeit ein einzigartiges Experiment, unter realen Bedingungen und mit ungewissem Ausgang. Die Politik hat Eltern einen Betreuungsplatz für alle Kinder ab dem ersten Geburtstag versprochen. Am 1. August tritt der Rechtsanspruch in Kraft. Aber vielerorts sind weder die Infrastruktur noch das Personal vorhanden, um das Versprechen einzulösen.
Deshalb schauten die Politiker in Berlin und in den Landeshauptstädten genau auf den kritischen Zwischenstand, den das Statistische Bundesamt vorigen Donnerstag präsentierte. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) rechnete anschließend in der Bundespressekonferenz vor, dass alles gut werde. Die Länder würden im Lauf des kommenden Kita-Jahres rund 813 000 Plätze bereithalten, schon zum Stichtag 1. August seien "zahlenmäßig nahezu ausreichend Kita-Plätze real in Betrieb".
Experten zweifeln an dieser Prognose, aber die Quantität, die fehlende Masse, ist ohnehin nur das eine Problem. Das zweite wird oft vergessen: die unzureichende Qualität. Dass es auch an Klasse fehlt, belegt eine große Studie, die erstmals komplett vorliegt. Wer sie liest, weiß nicht, was ihn mehr umtreiben muss: der Ärger darüber, dass das eigene Kind womöglich gar nicht in die Kita gehen kann, oder die Angst davor, dass es ihm dort schlechtgeht.
Die Studie trägt den Titel "Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit", kurz Nubbek. Der Abschlussbericht ist 200 Seiten stark, die Autoren zählen zu den führenden Kinderpädagogen des Landes. Sie haben rund 2000 Kinder im Alter von zwei und vier Jahren in Betreuungseinrichtungen beobachtet, in diversen Stadtteilen und Kreisen, von Berlin-Hellersdorf über die Sächsische Schweiz bis München-Schwabing. Eltern äußerten sich in Interviews, Statistiker trugen Zahlen zusammen. Finanziert wurde das Forschungsprojekt von Bundesfamilienministerium, vier Bundesländern sowie der Jacobs Foundation und der Robert Bosch Stiftung.
Das Fazit: Viele Kitas weisen Mängel auf. Nur 3 Prozent der Krippen werden von den Forschern für gut befunden - 85 Prozent hingegen für mittelmäßig und 12 Prozent für schlecht. "Die Befunde rufen nach Verbesserungen", schreiben die Forscher, der Anteil unzureichender Betreuungsplätze sei "zu hoch".
Als Förderung kann kaum begriffen werden, was Kita-Kinder im Alltag erleben. Laut der Studie erhalten die Kinder nur in 2,6 Prozent der Gruppen gute Anregungen fürs spätere Lesen, für Mathematik und Naturwissenschaften. Fast zwei Drittel der Kinder kommen mit solchen Inhalten kaum in Kontakt.
Für ihre Auftraggeber halten die Forscher einige bittere Erkenntnisse bereit. Zum Beispiel: In altersgemischten Gruppen ist die Qualität "signifikant schlechter" und sind die Kinder häufiger gestresst. Solche Gruppen aber sind verbreitet. Und: Wenn wenig Fläche zur Verfügung steht - derzeit sind es rechnerisch nur drei bis vier Quadratmeter pro Kind -, wirkt sich das negativ aus. Gleiches gilt, wenn ein Außengelände zum Spielen und Toben fehlt.
Auch beim Personal liegt einiges im Argen. So neigt laut Nubbek ein Teil der Erzieherinnen zu depressivem Verhalten, was sich ungünstig auf die Entwicklung der Kinder auswirkt.
Die Kritik der Forscher reicht noch weiter. Mit den Betreuungsangeboten gelinge es nicht, die Chancengleichheit zu erhöhen und unterprivilegierten Schichten zu helfen. Die Unterstützung nutzten vor allem "gut gebildete deutsche Mittelschichtsfamilien", nicht aber "sozial benachteiligte Familien beziehungsweise Familien mit geringen Bildungsressourcen".
Die Wissenschaftler scheinen von den eigenen Ergebnissen überrascht zu sein. Der Befund sei "kontraintuitiv", schreiben sie, da doch "bildungspolitische Beratungsgremien und Initiativen seit mehr als einem Jahrzehnt der pädagogischen Qualität und frühen Förderung von Kindern höchste Priorität einräumen".
Klarer ausgedrückt: Obwohl die Politik ein Riesengedöns um das Thema macht, sind viele Kitas eher Verwahranstalten.
"Wir schauen im Moment zu sehr auf die Quantität, dabei müssten wir die Qualität zum zentralen Thema machen", sagt der Nubbek-Studienleiter, der Berliner Frühpädagoge Wolfgang Tietze. Die zu verbessern, so heißt es in dem Bericht, erfordere "ein ähnliches Ausmaß an gesellschaftlicher Anstrengung wie der quantitative Ausbau der vergangenen Jahre".
Doch es fehlt an den zwei wichtigsten Elementen für einen gelungenen Kita-Betrieb, an Räumen und an Personal. Die Kommunen müssen sich wie das Gastgeberland einer Fußballweltmeisterschaft fühlen, das kurz vor dem Eröffnungsspiel mit dem Bau der Stadien in Verzug ist und nicht mal den Kader beisammen hat.
In dichtbebauten Boom-Städten wie Frankfurt am Main oder München ist es schwer geworden, überhaupt noch geeignete Flächen zu finden. Insbesondere in den zentrumsnahen Stadtteilen konkurriert die Stadtverwaltung beim Kampf um die Bauplätze mit finanzstarken Immobilieninvestoren. Für Kita-Neubauten mit Gärten zum Spielen und Toben seien in diesen Stadtteilen "schlicht und einfach keine Grundstücke mehr zu finden", sagt die Frankfurter Bildungs- und Frauendezernentin Sarah Sorge von den Grünen.
Nicht nur Schlecker-Märkte wie in München werden deshalb umgebaut. Krippen und Kindergärten entstehen in Frankfurt auch aus Eisdielen, Lagerhallen, einem Kino und einer Autowerkstatt. Den Spielplatz am Haus müssten dann eben öffentliche Parks in der Nähe ersetzen, sagt Sorge.
Für kühne architektonische Würfe ist erst recht kein Geld vorhanden. Stattdessen bleibt oft nur eine Unterbringung, die Eltern an die Bauklötzchen ihrer Kinder erinnert: Kästen, die auf Schulhöfen oder Sportplätzen aneinandergereiht und aufeinandergestapelt werden.
Die sind offenbar beliebt. Die Geschäfte von Firmen wie der Jakob Eberhardt GmbH & Co. KG brummen. Das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Blaubeuren hat nach eigenen Angaben bereits mehrere hundert Container für Kindertagesstätten geliefert, vor allem nach Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Die Nachfrage sei groß, sagt der Prokurist, "viele Gemeinden haben das Problem, dass sie den Ausbau nicht rechtzeitig hinbekommen".
Zudem mangelt es an Personal. In Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet rangeln Städte, Gemeinden und freie Träger um die Absolventen der sozialpädagogischen Fachschulen. Die Stadt Mainz hat Radiowerbung geschaltet und Broschüren aufgelegt (Slogan: "Du fehlst uns"). Die Konkurrenz aus Frankfurt am Main bietet Rundfahrten zu Kitas plus abendliche Feier im "Japan Center", einer angesagten Hochhaus-Location.
München lockt Fachkräfte mit günstigen Mietwohnungen aus dem Fundus städtischer Wohnbaugesellschaften, einer "München-Zulage" sowie einem Zuschuss für den Nahverkehr. Darüber hinaus hat die Stadt eine Personalvermittlungsagentur beauftragt, in Osteuropa nach Personal zu fahnden.
"Der Markt ist leer, wir kriegen unsere Stellen einfach nicht besetzt", sagt Martina Matzanke von der Kindertagesstätte "Die kleinen Stromer" des Arbeiter-Samariter-Bundes in Offenbach. Die Krippe, die 2012 eröffnet wurde und 50 Plätze für Kinder unter drei Jahren bietet, ist auf Praktikantinnen angewiesen. "Ohne diese jungen Frauen könnten wir den Betrieb hier nicht aufrechterhalten", sagt Matzanke.
Auch in Frankfurt am Main haben die Kitas nicht die freie Auswahl unter vielen hochqualifizierten Bewerbern. "Man muss schon mal jemanden einstellen, den man früher vielleicht nicht genommen hätte", sagt Ruth Woody, Leiterin der Kindertagesstätte St. Nicolai im Frankfurter Ostend. Erzieher zum Beispiel, die nicht die komplette Ausbildungszeit absolviert haben, sondern als Quereinsteiger zwei oder mehr Jahre erlassen bekommen haben. "Da dauert die Einarbeitung natürlich etwas länger", sagt die Kita-Chefin. Dies belaste wiederum das übrige Personal, das in der Nicolai-Kita wegen des Ausbaus derzeit ohnehin stark beansprucht sei.
Die Not wird nicht kleiner werden, der Mangel vermutlich noch größer. Als die Politiker den Bedarf berechneten, nahmen sie an, dass nur ein Drittel der Kleinkinder von ihren Eltern für einen Betreuungsplatz angemeldet würden, später wurde die Quote auf 39 Prozent erhöht. Tatsächlich könnte die Nachfrage deutlich höher ausfallen, einzelne Städte und Stadtteile übertreffen schon heute die 39-Prozent-Marke deutlich. Heidelberg und Frankfurt am Main erreichen bereits 50 Prozent, in der Münchner Maxvorstadt, wo die beiden großen Universitäten liegen, sind es mehr als 60 Prozent.
Bund und Länder hätten sich beim Krippenausbau verschätzt, die Kommunen aber müssten nun die Folgen tragen, klagen die beiden kommunalen Spitzenverbände, der Deutsche Städtetag und der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Sie forderten Bund und Länder auf, sich an den Kosten von Schadensersatzprozessen zu beteiligen, was Schröder bereits zurückwies. Die Kämmerer und Finanzminister fürchten Anwälte wie Volker Thieler aus München, Autor des Buchs "Die Kita-Klage". 30 Mandanten ohne Krippenplatz habe er auf seiner Liste, gleich Anfang August wolle er eine Musterklage anstrengen.
Michael Ebling, Oberbürgermeister von Mainz, appelliert an die Eltern, doch bitte auf Klagen zu verzichten. "Es hilft uns überhaupt nicht, wenn Eltern vor Gericht ziehen, dadurch wird keine einzige Kita schneller gebaut, aber viel Geld für Gerichte und Rechtsanwälte verbrannt", sagt Ebling. Und: "Wir bauen wie blöde."
In ihrer Not versuchen sich manche Landesregierungen mit Tricks zu behelfen. Die grün-rote Regierungskoalition in Baden-Württemberg etwa lockerte die Vorschriften. Laut einem Gesetz, das die Regierung im Mai verabschiedete, dürfen nicht nur Erzieher in den Kitas arbeiten, sondern an ihrer Stelle auch Sozialarbeiter, Logopäden, Hebammen und Dorfhelfer. In Hessen brachte die Regierung von CDU und FDP im Frühjahr eine Änderung des Kinderförderungsgesetzes auf den Weg. Das alte Landesgesetz schrieb eine Obergrenze von 10 Kindern pro Gruppe bei den Unter-Dreijährigen vor, nach der Novelle hätten es bis zu 16 Kinder sein dürfen. Die Kitas hätten zudem bis zu 20 Prozent des pädagogischen Personals aus Quereinsteigern ohne Ausbildung rekrutieren dürfen. Nach Protesten zog die Landesregierung diese besonders strittigen Teile des Gesetzes zurück.
Die Kommunalverbände kämpfen ohnehin für weniger strenge Regeln: Es könnten doch auch Bufdis, also junge Männer und Frauen im Bundesfreiwilligendienst, hinzugezogen werden. Der Städtetag Nordrhein-Westfalen schlug vor, die Außenflächen "etwas kleiner ausfallen" zu lassen und durch "Platzsharing" mehr Kinder aufzunehmen. Der Landkreistag warb dafür, größere und altersgemischte Gruppen zu erlauben.
"Die Länder haben jahrelang an der Qualität der Kitas gespart", klagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, "die Qualitätsunterschiede in den Krippen sind in Deutschland enorm." Anlass der Kritik war eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Laut dem "Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme" beträgt der Personalschlüssel in Krippen bundesweit 1 zu 4,5, in den ostdeutschen Krippen nur 1 zu 6. Die Stiftung empfiehlt hingegen, dass eine Erzieherin für maximal drei Kinder verantwortlich sein sollte.
Viele Erzieherinnen hätten kaum Zeit, sich eingehend mit einem Kind zu beschäftigen, sagt Nubbek-Forscher Tietze, ebenso wenig sei genug Muße vorhanden, um das eigene Handeln zu reflektieren und nachzubereiten. Dabei könne die Kommunikation einer einzelnen Erzieherin mit dem Kind einen gewaltigen Unterschied machen, erzählt Tietze und gibt folgendes Beispiel: "Ein Kind kommt zur Erzieherin und erzählt, dass es den Hund des Nachbarn gestreichelt hat. Die Erzieherin kann dann sagen, das ist ja schön, jetzt spiel weiter. Sie kann aber auch das Kind in ein Gespräch verwickeln darüber, wie der Hund aussah, woran man einen Hund erkennt und welche anderen Tiere es kennt."
Die Landesgesetze schreiben keine Qualitätsmerkmale für die Betreuung vor. Die Politiker halten die Vorschriften vage, weil sie wissen, dass die Einrichtungen ansonsten in Schwierigkeiten geraten. So bleibt es den Eltern überlassen, sich zu kümmern. Viele berichten von zwei Kämpfen: erst um den Platz, dann um die Qualität.
Hannah Dahlmeier, 31-jährige Baurätin in München, kassierte Absage um Absage, als sie sich vor sieben Jahren um eine Betreuung für ihren Sohn Oskar bemühte. Dabei benötigte sie den Platz dringend, sie hatte gerade ihr Vordiplom in Architektur an der TU bestanden, noch drei Semester, und sie hätte das Diplom in der Tasche gehabt. Ihr Mann hatte seinen ersten Job als Architekt angetreten.
Schon in der 16. Schwangerschaftswoche bewarb sie sich bei zehn städtischen und drei universitären Kitas, stets vergebens. Als der kleine Oskar sieben Monate alt war, holten sich die Dahlmeiers Hilfe durch eine Tagesmutter. "Ich wollte so schnell wie möglich wieder studieren", erzählt Hannah Dahlmeier, "aber ohne eine Vollzeitbetreuung war ein Architektur-Diplom nicht machbar."
Die Dahlmeiers klapperten weiter die städtischen und privaten Kitas ihres Viertels ab, stellten sich vor, schrieben Bewerbungen. "Einmal hatte ich einen richtigen Heulkrampf vor den Augen einer Kita-Leiterin", sagt Dahlmeier. Vor lauter Wut und Aussichtslosigkeit schrieb sie einen Brief an die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU).
Als Oskar fast zwei Jahre alt war, bekamen die Eltern einen Platz in der Kindertagesstätte Neuhausen der Inneren Mission München. Ein "Lottogewinn" für die Familie, denn wie in vielen Einrichtungen gibt es dort eine Geschwisterregelung. Töchterchen Luise, 2, ist nun ebenfalls im selben Haus untergebracht.
Ein Horror für alle, die für ihr erstes Kind noch einen Platz suchen, pro Jahr würden nur ganz wenige Plätze an neue Familien vergeben. Häufiger als die Eltern wechselten die Betreuerinnen in der Kita, was viele Eltern ärgere: "Manche Kinder brauchen einfach feste Bezugspersonen." Seit einem Jahr sind Erzieherinnen dabei, die die Innere Mission in Griechenland rekrutierte, das habe "der Kita total geholfen", sagt Dahlmeier.
Akademikerinnen wie Dahlmeier wissen, dass sie sich kümmern müssen und ihr Kind - spätestens - kurz nach der Geburt auf Wartelisten setzen müssen. Sie kämpfen darum, dass die Kleinen ins Freie kommen, sie geben Geld für Ausflüge und Bastelaktionen. Sie werden auch die Mehrheit jener Klienten stellen, die sich mit dem Anwalt einen Platz in ihrer Wunsch-Kita erstreiten wollen.
Vielen anderen, nicht zuletzt den Sprachlosen und Unterprivilegierten, fehlen dazu Mittel und Wille. Dadurch ballen sich ausgerechnet in den sozial schwachen Wohngebieten auch in den Kitas die Probleme. Ist dort der Migrantenanteil hoch, kippt laut der Nubbek-Studie auch die "Prozessqualität", also das, was in den einzelnen Gruppen passiert. In den funktionierenden Einrichtungen bleiben hingegen häufig die Bürgerkinder unter sich - auch darum funktionieren sie.
Gute Kitas nur für diejenigen, die sowieso gut zurechtkommen im Leben, für Akademiker und DoppelverdienerPaare? Der Kita-Ausbau als Zement, um den sozialen Riss durch die Gesellschaft auszukleiden und zu festigen?
Es wäre ein trauriger Effekt eines gutgemeinten Vorhabens moderner Sozial- und Bildungspolitik. Dass der Staat seine jüngsten Bürger in eigenen Einrichtungen gezielt fördern soll, ist in Deutschland eine relativ junge Idee. Jahrhundertelang wuchsen die Kinder im Verbund der Familie auf; was sie fürs Leben brauchten, sollten sie sich dort aneignen.
Noch 1970 erklärte der Deutsche Bildungsrat, "dass ein Kind während seiner ersten drei Lebensjahre am besten gefördert wird, wenn ihm seine Familie eine verständnisvolle und anregende Umwelt bietet". Andere Einflüsse mochten die Experten nicht in Betracht ziehen: "Wie Kinder dieses Alters außerhalb einer solchen Familie mehr Anregungen erfahren können, ist bislang unbekannt."
Während die DDR Kitas und Krippen baute, weil es zum sozialistischen Gesellschaftsmodell gehörte, dass Mütter arbeiten konnten, hielt sich im Westen das Hausfrauenmodell.
Inzwischen ist überall Konsens, dass keine Mutter mehr zu Hause bleiben muss, wenn sie das nicht möchte. 1992 beschloss der Bundestag einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, also ab dem Alter von drei Jahren. Im Jahr 2008 kam dann der "U-3-Ausbau" hinzu, wie das Programm unter Eingeweihten heißt, mit dem Versprechen auf den Rechtsanspruch ab August dieses Jahres.
Experten wie Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts, würdigen es als "ehrgeizig" und als "bedeutsame Veränderung der Rahmenbedingungen" von Familienpolitik. Mit dem Programm erklärt sich der Staat für zuständig, Vätern und auch Müttern rasch nach der Geburt die Rückkehr in den Beruf zu ermöglichen.
Über zwölf Milliarden Euro lässt sich die öffentliche Hand dieses Vorhaben kosten; das sind nur die Mittel für den Ausbau, nicht für den Betrieb. Ein Drittel davon steuert das Bundesfamilienministerium bei, den Rest tragen Bundesländer und Kommunen. Für das Geld fordert der Staat allerdings wenig, weder von den Kita-Betreibern noch von übergeordneten Trägern. Übergreifende Vorschriften für pädagogische Qualität fehlen. Schon den Schulen fällt es schwer, ihre Leistung messen zu lassen. Von Kitas, den angeblich wichtigsten Trägern des Bildungssystems, wird das erst gar nicht verlangt.
"Erstaunlicherweise wissen wir wenig über die pädagogische Qualität, die Kinder in Kindergarten- und Krippengruppen und auch in ihren Familien alltäglich erfahren", schreiben die Autoren der Nubbek-Studie. Sie fordern eine Dauerbeobachtung des Früherziehungssystems als Grundlage für gezielte und überprüfbare Verbesserungen.
Wer flächendeckend gute Kitas haben möchte, muss mehr Geld ausgeben. Und das Geld gezielter einsetzen - dort, wo die Eltern es nicht haben. Laut den Nubbek-Elternbefragungen wären auch skeptische Familien von den Vorzügen der Kita zu überzeugen: wenn diese kostenlos wäre und zu Fuß zu erreichen und wenn die Eltern sich sicher sein könnten, dass ihre Kinder dort gut betreut werden.
Besonders für Migranten, so die Empfehlungen, müsse man "ausreichend niedrigschwellige sowie interkulturell versierte Anlauf- und Beratungsstellen bereitstellen". Erlebnis-, Aktions- und Mitmachangebote sollten eine "erfolgreiche Elternbildung" begründen, zu der "mehrsprachige Kolleginnen mit eigenem Migrationshintergrund" beitragen könnten.
Russischstämmige Familien behalten ihre Sprösslinge im Schnitt sieben Monate länger zu Hause als Deutsche, türkischstämmige Familien sogar elf Monate - die beiden größten Migrantengruppen wurden mittels übersetzter Fragebögen und durch sprachkundige Interviewer aufwendig für die Nubbek-Studie befragt. In Krippen oder bei Tagesmüttern fehlen türkische Mädchen und Jungen fast völlig, sie kommen zumeist erst im Alter von drei Jahren in den Kindergarten.
Auch deshalb wirken laut der Studie "Familienmerkmale um ein Vielfaches stärker" als die "Merkmale der außerfamiliären Betreuung" - gegen die Elternhäuser kommen schwache Kitas nicht an. Prägend für den Entwicklungsstand des Kindes ist vielmehr, wie gebildet die Mutter ist, ob sie psychisch stabil ist, ob der Partner mit im Haushalt lebt und wie hoch Einkommen und Sozialstatus der Familie sind. Auch die Sprachkenntnisse der Eltern sind wichtig.
Tietze und seine Mitstreiter wollen die Kitas deshalb zu "Knotenpunkten der Sozial- und Familienpolitik" ausbauen. In solchen Zentren könnten die Eltern Sprachkurse belegen oder sich bei Erziehungsproblemen beraten lassen.
Ob die Kinderbetreuung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte wird, hängt nicht davon ab, wie es an der Schadensersatz-Front läuft oder ob Akademiker-Eltern mit dem Englischunterricht für ihre Kleinen zufrieden sind. Der Erfolg entscheidet sich in Einrichtungen wie der Kita "Debora" im Berliner Bezirk Neukölln, benannt nach einer gerechten Prophetin aus dem Alten Testament.
Ringsum ragen die Wohntürme der "Weißen Siedlung" in den Himmel, in zwei Häuserbändern leben hier knapp 4000 Menschen, jeder zweite von staatlichen Transferleistungen. Im Schaukasten am Kita-Zaun informiert das integrierte Familienzentrum über anstehende Veranstaltungen: "Wie wichtig ist Spielen für Kinder" oder "Wohin wende ich mich, wenn ich Schulden habe?" Von den 119 Kindern haben 90 ausländische Wurzeln; die meisten Eltern haben nur wenig Geld, nur ein Dutzend zahlt mehr als den Mindestbeitrag.
"Die Eltern fordern nichts, sie fragen nichts, sie wollen nur, dass es ihrem Kind gutgeht", sagt Kita-Leiterin Brigitte Welack, 59, eine Frau mit rotgesträhnten Haaren, grünlackierten Fingernägeln und Berliner Schnauze. Viele Eltern wären die Verantwortung gern los, sobald sie ihre Kinder in den Kindergarten schickten, sagt Welack. Daher gelte: "Das Zusammenwirken mit den Eltern ist ein wichtiger Teil unserer pädagogischen Arbeit."
Für viele Jungen und Mädchen aus ihrer Klientel sei der Kita-Besuch die einzige Chance auf ein späteres geregeltes Leben, sagt Welack, manche lernten erst mit ihren Altersgenossen, dass sie im Streit nicht gleich zuschlagen müssten. "Unsere Kinder sind selten der deutschen Sprache mächtig, oft schlecht ernährt und leiden zudem unter den Folgen von Bewegungsmangel", sagt Welack. Die Einrichtung lege deshalb viel Wert auf Teilhabe, gesunde Ernährung, Bewegung und vor allem auf Sprache.
In der Kita reden alle immer Deutsch, die Kinder lesen, singen und reimen zusammen, bei Bedarf werden sie zu einem Logopäden geschickt. Je früher die Kinder in die Kita kommen und je intensiver sie Deutsch sprechen, desto besser sind sie später in der Schule. Nicht unbedingt Einser-Kandidaten. Aber, sagt Welack, "immerhin müssen sie nicht in die Förderklasse".
Von Matthias Bartsch, Jan Friedmann, Anna Kistner und Alexander Tieg

DER SPIEGEL 29/2013
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