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DER SPIEGEL

INDIENDas Verbrechen der Liebe

Viele junge Inder wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wen sie heiraten. Sie entscheiden sich für Gefühle statt für die Tradition und flüchten von zu Hause - aus Angst, dass ihre Eltern sie töten könnten.
Ihre Liebe wird bewacht von zwei Polizisten mit Gewehren, Tag und Nacht. Sie wird geschützt von einer Mauer und einem großen silbernen Vorhängeschloss am Tor. Solange Pooja und Raj(*) sich hier verkriechen, in diesem Haus aus Ziegelstein, in ihrem Zimmer im Halbdunkel, sind sie in Sicherheit, glauben sie.
Sie trauen sich noch nicht einmal in den Hof. Sie haben Angst, dass ihre Liebe ihnen den Tod bringt. So wie es bei Nidhi und Dharmender war, geprügelt und geköpft. Wie bei Ranjeeta und Sunil, stranguliert. Wie bei Asha und Yogesh, mit Stromschlägen gefoltert.
"In Indien", sagt Raj, "ist es ein Verbrechen, sich zu verlieben." In Indien richten Eltern ihre eigenen Kinder hin, im Namen der Ehre.
Trotzdem wollen sich Pooja und Raj morgen hinauswagen aus den "Schutzräumen für Frischvermählte", die der indische Staat für sie eingerichtet hat in Hisar, Bundesstaat Haryana.
Seit fast drei Wochen sind sie hier, Pooja, die Schöne, Schmale mit dem langen Zopf, 21 Jahre alt, und Raj, ihr Ehemann, 23. Informatiker sind sie beide, Kollegen am selben Institut. Doch ihre Familien gehören unterschiedlichen Kasten an. Raj, Sohn eines Gemüsehändlers, steht unter Pooja, Tochter von Regierungsbeamten. Und Poojas Vater hat geschworen: "Lieber sterbe ich, als dass meine Tochter einen Mann aus einer anderen Kaste heiratet."
Wären sie dem Willen ihrer Eltern und der Tradition gefolgt, hätten sie sich einfach verheiraten lassen, so wie es auch Poojas ältere Schwester tat, es wäre zumindest ein schönes "Honeymoon-Paket" dabei herausgesprungen, wie es die Reiseveranstalter anbieten: Flitterwochen im Himalaja, am Flussufer, umrahmt von schneebedeckten Gipfeln, mit Schokoladenkuchen auf dem Hotelzimmer und zu Herzen gelegten Blüten auf dem Laken.
Raj sagt: "Ich fand Liebesheiraten schon immer interessanter." Das Kino hat ihn verdorben. Seit er vor Jahren "Titanic" gesehen hat, bekommt er die Liebe nicht mehr aus seinem Kopf. Und so ist er jetzt hier, mit seiner Pooja, hat die Hochzeitsnacht auf zwei zusammengeschobenen weißen Metallbetten verbracht und seine Flitterwochen in einem Raum mit kahlen Wänden und vergitterten Fenstern. Der Blick hinaus geht auf eine Mauer mit Stacheldraht.
Irgendwo hinter dieser Mauer warten sie, lauern sie: Poojas Onkel mit seiner Pistole. Poojas Bruder, der ihr befahl: "Jetzt sag mir den Namen des Jungen!" Poojas Vater, der schrie: "Lüg mich nicht an!" Poojas Cousin, der ihr drohte: "Wenn wir wollen, finden wir heraus, wer er ist, und töten ihn."
Etwa tausend Ehrenmorde gibt es jedes Jahr in Indien, schätzen Frauenrechtsorganisationen. Und gerade Haryana, der Bundesstaat im Norden, ist kein guter Ort für Liebende, bäuerlich, konservativ, patriarchalisch. "Mädchen gelyncht, Mann enthauptet", so machte Haryana erst im September Schlagzeilen, wie so häufig. Deswegen hatte die Regierung von Haryana 2010 in jedem Distrikt Schutzräume einrichten lassen.
89 Paare sind 2012 in das Heim in Hisar geflüchtet, 74 Paare kamen dieses Jahr. Gerade haben zwei Frischverheiratete das andere Doppelbett in Poojas und Rajs Zimmer bezogen. Zum Glück gibt es die Wolldecken, die sie über das Kopfteil ihrer Betten breiten können, als Sichtschutz. Manchmal müssen sich zwölf Paare zwei Räume teilen.
Sie alle haben sich in den falschen Menschen verliebt. Es gibt so viele verbotene Lieben in Indien, erlaubt nach dem Gesetz, aber gebrandmarkt von der Familie und der Gemeinschaft: Lieben zwischen Hindus und Muslimen, zwischen Jungs und Mädchen aus verschiedenen Kasten, die sich kennengelernt haben im Studium oder im Job. Das Paar in Poojas Zimmer stammt aus demselben Dorf. Sünde!, riefen die Dorfältesten. Sünde!, rufen sie auch, wenn zwei aus demselben Clan sich finden. Ein gemeinsamer Urahn mache diese Liebe zum Inzest, sagen sie, Bruder und Schwester dürften nicht miteinander leben wie Mann und Frau.
Die Dorfältesten wittern die Sünde überall, sie haben sich in die Moral verbissen, seit sie spüren, dass die Moderne neue Ideen und neue Wünsche in die Menschen pflanzt. Für sie sind Pooja und Raj Rebellen, die ein ganzes Gesellschaftssystem herausfordern, die Autorität der Alten, der Familie und der Gemeinschaft.
Dabei galt Pooja immer als anständiges Mädchen zu Hause. Sie trägt niemals Jeans. Sie häkelt gern und stickt. Sie besitzt kein Handy, das haben ihr die Eltern verboten. Und sie ist bekannt für ihre Ohrfeigen. Wenn Jungs blöde Kommentare machen, schlägt sie zu. Raj mochte Pooja von Anfang an, aber er fürchtete sie auch.
An einem Tag Ende Januar traute er sich endlich. Er folgte Pooja in das Café, in dem sie allein zu Mittag aß, und fing an zu singen: "Auf Englisch sagen wir: Ich liebe dich / Auf Gujarati sagen wir: Ich liebe dich / Auf Bengalisch sagen wir: Ich liebe dich". Dann fragte er: "Was denkst du?" Pooja antwortete: "Das werde ich dir später mitteilen."
Drei Tage vergingen, dann, um zehn Uhr morgens an einem normalen Arbeitstag, ging Pooja zu Raj und sagte: "Ich interessiere mich nicht für Affären. Ich will wissen: Wirst du mich heiraten?" Raj sagte sofort ja.
Vielleicht ist es heute nicht mehr so wichtig, was Pooja in diesen drei Tagen dachte, jetzt, da sie neben ihm auf dem Bett hockt, beim Sprechen kurz seine Hand berührt, sein Knie streichelt, sich an seine Schulter lehnt. Aber zu der Geschichte von Pooja und Raj gehört auch, dass Pooja in diesen drei Tagen erfuhr, dass ihre Eltern gerade dabei waren, einen anderen Mann für sie auszusuchen, reich, aber ungebildet.
Schließlich ist die Hochzeit ein Bündnis zwischen zwei Familien in Indien, es geht um Status und Harmonie in der Sippe, nicht um die Gefühle von Mann und Frau. Pooja musste sich zwischen zwei Leben entscheiden, musste abwägen, welches das bessere wäre. Sie setzte auf eine Zukunft mit Raj, dem netten Kollegen aus dem Büro.
Was bedeutet Liebe für euch?
"Vertrauen", sagt Pooja.
"Einander glücklich zu machen", sagt Raj.
Nicht dass indische Eltern etwas gegen die Liebe hätten. Sie darf sich einschleichen, aber das soll sie erst nach der Hochzeit tun. Die Liebe bekommt ihren Platz zugewiesen, sie nimmt ihn sich nicht. Das, was Pooja und Raj verbindet, ist in den Augen vieler nur eine Liaison, getrieben von Lust, ein Verstoß gegen die Sittsamkeit. Und damit vor allem Poojas Problem. "Die Ehre jeder Familie ist an das Mädchen geknüpft", sagen die Menschen hier.
Deswegen müssen manch-mal auch nur die Töchter sterben, so wie Meenakshi, 19 Jahre alt, erdrosselt. Ihre Asche wurde in einen Fluss gestreut, ein paar Tage nur nach Poojas und Rajs Hochzeit. Für die Eltern ist der Mord kein Verbrechen, sondern ein Opfer. Sie töten das eigene Kind, um die Moral der Gemeinschaft hochzuhalten. Sie strafen, weil die ganze Sippe an Ansehen verloren hat und erst mit dem Tod der Makel getilgt ist. Sie werden zum Henker, weil sie glauben, dass sie den Willen der Dorfältesten vollstrecken.
Ob die Alten auf ihren Versammlungen wirklich anstiften zum Mord oder ihn nur gutheißen, wer weiß das schon?
Die Angst treibt die Liebenden zum Staat: 2010 waren es noch 366 Paare in Haryana, die das Gericht um Polizeischutz baten, zwei Jahre später schon 1345. Auch Pooja wusste, warum sie Raj drängte, sofort nach der Vermählung zu fliehen.
Die Stunden ziehen sich, seitdem sie hier sind. Um neun Uhr kommt das Frühstück, das Essen stiftet das Rote Kreuz. Dann huscht Pooja kurz hinaus in den Hof um abzuwaschen, ein paar Minuten Sonnenlicht mit Schmetterlingen und grünen Papageien, bevor sie wieder gemeinsam auf ihrem Bett herumlungern.
Zum Glück hat Raj seinen Laptop mitgenommen auf die Flucht. Viermal sahen sie sich einen Animationsfilm an mit singenden Dschungeltieren, einmal "Final Destination". Explosion, Strangulation, Enthauptung, 94 Minuten lang. Raj grinst. Sie drehten sogar ihren eigenen Liebesfilm. Wie Pooja ihr Haar kämmt. Wie Raj Pooja hilft, ihren Sari richtig anzulegen.
Was gefällt dir an Pooja, Raj?
"Sie kocht gut. Sie ist intelligent. Sie hat ein weiches Herz."
Was gefällt dir an Raj, Pooja?
"Er kümmert sich um mich. Er ist wie meine Mutter."
Ihre Mutter, die dem Vater auftrug, Süßigkeiten zu besorgen, mitten in der Nacht, nur weil Pooja darum bat, fünf Jahre war sie damals alt, Mamas kleines Mädchen.
Doch es war auch ihre Mutter, die sie als halsstarrig beschimpfte und der Familie empfahl, den alten Plan jetzt endlich durchzuziehen, die widerspenstige Tochter so schnell wie möglich wegzugeben, zu verheiraten an einem anderen Ort. Das war an jenem Tag, als alles aufflog, als ein Freund des Vaters sie dabei beobachtete, wie sie von Rajs Mofa stieg, und Pooja plötzlich als eine Tochter dastand, die Schande bringt.
Es war ihre Mutter, so erzählt Pooja es, die ihr diesen fürchterlichen Satz entgegenschleuderte, als sie nach der heimlichen Hochzeit mit Raj telefonierten: "Nie wieder will ich dich sehen. Noch nicht einmal an meinem Sterbebett."
Pooja wendet sich ab, wischt sich die Tränen mit dem Handtuch aus dem Gesicht. "Trink Tee!", sagt Raj. "Nimm einen Keks."
Pooja hat es gewagt, frei zu entscheiden. Doch vielleicht muss sie diese Freiheit mit lebenslanger Unfreiheit bezahlen. Denn sie ist jetzt allein, angewiesen auf Raj, abhängig von ihrer Schwiegermutter, in deren Haus sie später wohnen wird - falls wenigstens Rajs Eltern ihnen vergeben. Und selbst wenn sie zurückkehrte zu ihren Eltern, selbst wenn die ihr nichts antäten, das Beste, was gefallene Mädchen erwartet, ist die schnelle Hochzeit mit einem Mann, der keine Ansprüche stellt, einem Witwer, einem Alten, einem Verkrüppelten.
Eine Frau hier in den Schutzräumen hat schon versucht, sich umzubringen. Seitdem kontrollieren die Wachen das Gepäck der Paare noch schärfer. Messer sind verboten, die jungen Männer müssen sich unter Aufsicht rasieren.
Die Leiterin des Heims, eine Polizistin, hat seinerzeit selbst aus Liebe geheiratet, einen Polizisten aus einer anderen Kaste, sieben Jahre musste sie ihrer Familie fernbleiben. Sie weiß, wie Pooja sich fühlt, und sie ermahnt sie: Sich zu verlieben ist einfach, die Liebe zu bewahren schwierig. Denn natürlich vergrößert das Drama das Gefühl, abgeschlossen von der Welt gibt es nur Pooja und Raj und Raj und Pooja, das Versprechen soll aber ein Leben lang gelten.
Die Polizistin spricht wie eine Mutter. Doch es gibt auch die Kollaborateure in Uniform. Als Meenakshi, jenes Mädchen, das neulich sterben musste, von zu Hause floh, half angeblich ein Polizist dabei, es aufzuspüren. Der Mann war ein Verwandter des Vaters.
Pooja reibt die schwarzen Perlen ihrer Hochzeitskette zwischen den Fingern, Rajs Geschenk. Glitzernd hängt ihr der steinbesetzte Anhänger über der Brust, viel zu mächtig für ihren zarten Oberkörper, schwer wie eine Last.
Knapp acht Monate lagen zwischen dem Tag, an dem Raj sein Liebeslied im Café sang, und ihrer Vermählung. Immer wieder hatten Zweifel Pooja heimgesucht, bis Raj im September beschloss, seine Pooja auf die Probe zu stellen. Er schickte ihr eine SMS auf ein Handy, das sie sich heimlich geliehen hatte, und schrieb im Namen seines Bruders: "Raj hat sich selbst verletzt. Überall ist Blut." Was würde sie jetzt tun?
Sie unterbrechen sich gegenseitig, während sie ihre Geschichte erzählen, die das Zeug für einen Bollywood-Film hätte.
Sie schrieb zurück, wahnsinnig vor Sorge: "Wie geht es ihm?" Aber er ließ sie warten. Am vierten Tag endlich bestellte er sie zu einer Kreuzung, und sie kam, in bunt gepunkteten Pluderhosen, ein silbernes Handtäschchen unter dem Arm, entwischt durch die Hintertür ihres Elternhauses.
Spring auf, schrie Raj, und er fuhr und fuhr, 35 Kilometer, ohne anzuhalten. Warte ab, ich werde dir alles erklären, rief er in den Fahrtwind, und er schaffte es sogar noch, dem Priester an einer Ampel eine SMS zu schicken: Wir kommen! Irgendwann hielt er am Straßenrand, sie schlug auf ihn ein, fauchte, sie wolle nach Hause, sie habe Angst, solche Angst, um ihn, um sie, um ihre Eltern, die sich die Schmähungen der anderen würden anhören müssen. Raj aber flehte: "Ich kann nicht leben ohne dich!"
Er führte sie zu einem Imbiss, kaufte ihr eine Flasche Mountain Dew, denn in seinem Kopf spukte diese Werbung herum, Gewitter über einer Felswand, Männer am Abgrund, Panik, die Limonade bringt die Erlösung. "Jenseits der Angst liegt der Sieg", heißt es im Spot. Vielleicht hilft's, dachte Raj.
Pooja kramt in ihrer Tasche, reicht Raj die Papiertüte mit dem Beweis ihrer Liebe und dem Beweis ihres Verbrechens: den traurigsten Hochzeitsfotos der Welt. Pooja und er an einem geheimen Ort mit dem Priester, sie sitzen auf einer Matte im Schneidersitz, sie steckt ihm Süßigkeiten in den Mund, kein Lächeln, nur Härte in Poojas Gesicht.
Pooja und er umrunden ein kleines Feuer auf dem Steinfußboden, er in Strümpfen, sie barfuß, kein Lächeln. Ein einziges Bild gibt es von ihnen - sie hängt ihm gerade eine Blumengirlande um den Hals -, da verziehen sich ihre Lippen zu einem halben Grinsen, und in ihrer beider Blick liegt etwas Verschmitztes, da waren sie Komplizen der Liebe.
"Ich musste all das tun", sagt Raj. Denn es gibt noch eine andere, dunkle Seite der Geschichte: Als der Onkel, der Cousin, die ganze Familie auf Pooja einredeten, schluckte sie Schlaftabletten. Sie wollte lieber sterben, als Rajs Namen zu verraten. Und als sie wieder aufwachte, entdeckte sie Armreifen an ihrem Handgelenk, einen Ring am Finger, eine Goldkette um den Hals. Sie sei nun verlobt, erklärte ihr die Tante, mit einem Jungen aus ihrer Kaste.
Noch nicht einmal zur Arbeit ließen die Eltern sie gehen, sie sperrten Pooja in ihr Zimmer, und Raj wusste, jetzt bliebe ihnen nicht mehr viel Zeit. Er setzte darauf, dass Pooja sich im Zweifel für die Liebe entscheiden würde, für eine Liebe, die mit den Opfern, die sie füreinander brachten, gewachsen war.
Der Morgen der Entscheidung ist angebrochen, Pooja und Raj haben ihre Habseligkeiten zusammengepackt, Seife, Haaröl, ein paar Kleidungsstücke, mehr haben sie nicht für ihr neues Leben. In ein paar Stunden werden sie das erste Mal wieder mit ihren Familien zusammentreffen: Die Polizei hat Poojas und Rajs Eltern überzeugt, zu einem Beratungsgespräch mit einem Beamten zu kommen, der Staat versucht zu vermitteln. Gibt es doch noch einen Weg zur Versöhnung?
Raj hat schon mit dem Anwalt zusammengesessen, der ihnen hilft, ein Dokument zu verfassen, das sie der Polizei übergeben wollen: Wir brauchen keinen weiteren Schutz und verlassen diesen Zufluchtsort, steht darin. Fast 30 000 Rupien, rund 360 Euro, hat Raj für die Heiratsurkunde vom Tempel bezahlt, die Honorare für Anwälte schwanken zwischen 20 000 und 50 000 Rupien. Außerdem muss Raj noch fünf Liter Milch an einen Shiva-Tempel spenden. Das hat er gelobt, für den Fall, dass Pooja tatsächlich seine Frau wird.
Vielleicht, Raj wagt kaum, sich das vorzustellen, können sie irgendwann sogar ein zweites Mal Hochzeit feiern, zusammen mit den Verwandten. Es wäre ein Fest, das Raj mit der Gesellschaft versöhnen würde. Dann könnte er auch endlich "verheiratet" in sein Facebook-Profil eintragen, noch hat er sich das nicht getraut.
Raj will jetzt allein sein mit Pooja, er will ihr noch ein paar Dinge sagen, sie vorbereiten auf alles, was gleich passieren kann beim Beratungsgespräch. Dass ihre Eltern ihr vielleicht drohen werden: Komm nach Hause! Sonst nehmen wir Gift! Dass sie trotzdem stark sein muss. Bei ihm bleiben muss. Er starrt auf den Boden, knipst den Verschluss seiner Armbanduhr auf und zu, auf und zu.
Kann er sich sicher sein, dass Pooja ihre Liebe nicht später verleugnet? Ist seine Pooja anders als die Mädchen, die irgendwann zusammenbrechen und nachplappern, was ihnen die Eltern einflüstern? Der Vater der Braut, die im Zimmer nebenan wohnt, hat den Bräutigam angezeigt, der Entführung bezichtigt. Ein alter Trick, so werden aus Liebhabern polizeilich gesuchte Kidnapper und Vergewaltiger.
Und dann gibt es noch diesen einen Gedanken, den unaussprechlichen: Was ist, wenn die Eltern sie zwar mit freundlichen Worten ködern, doch die ausgebreiteten Arme nur Hinterhalt sind? So war es wohl bei Dharmender und Nidhi, nach Hause gelockt und ermordet. Darf man den Menschen, die einen behütet und großgezogen haben, noch trauen?
"Pooja", beginnt Raj. Aber Pooja achtet nicht auf ihn, sie kann nicht aufhören zu reden, ihre Augen glänzen. "Jetzt sind die Probleme vorbei", sagt sie. "Jetzt wollen wir ein gutes Leben." Zwei Kinder, ein Mädchen, ein Junge, und eine eigene Computerschule, das ist ihr Plan.
Pooja hat sich die Zehennägel blutrot lackiert, die Haare ordentlich aus der Stirn gekämmt, sie weiß, was sie sagen will: Mutter, verzeih mir. Sie wird ihre Mutter umarmen, gewiss, sie hat sich so gesehnt nach ihr in all den Wochen, jetzt sind es nur noch wenige Stunden, bis sie sie wiedersieht. Es wird alles gut werden, natürlich, ihre Mutter wird verstehen, was sie tat, warum sie es tat, sie wird ihr vergeben, sie ist doch ihre Mutter.
Das Polizeiauto ist vorgefahren, mit Blaulicht, Raj tritt in den Hof, er trägt sein bestes Seidenhemd, dazu die schwarze Hose vom Hochzeitstag. Er hat seine Sporttasche geschultert, läuft vor, Pooja folgt ihm langsam und ernst. Sie ist schon fast am Wagen, da kniet sie sich plötzlich auf den Asphalt, berührt die blankpolierten Schnürschuhe der Polizistin, und die legt ihre Hand auf Poojas Kopf und wünscht ihr ein schönes Leben. Dann steigt Pooja zu Raj hinten ins Auto, sie sitzen nebeneinander, winken. Die Wache öffnet das Vorhängeschloss. Das Tor geht auf für Pooja und Raj.
Ein paar Stunden später hinterlegen Poojas Eltern bei der Polizei ein amtliches Schriftstück, besiegelt mit ihrer Unterschrift. Punkt eins: Pooja gehört nicht mehr zur Familie. Punkt zwei: Sie werden dem Paar nichts antun.
Pooja hatte Glück. Sie wurde nur verstoßen. Wenn es gutläuft für Pooja und Raj, dürfen sie überleben.
* Namen von der Redaktion geändert.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 45/2013
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