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DER SPIEGEL

FUSSBALLDas letzte Geheimnis

Der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat vorige Woche seine Homosexualität öffentlich gemacht. Schon vor eineinhalb Jahren sprach er mit Bundestrainer Joachim Löw über ein Coming-out. Warum hat er so lange gewartet?
Thomas Hitzlsperger ist dann mal weg, der ehemalige Nationalspieler befindet sich vom 8. Januar bis zum 20. Februar auf Reisen, so steht es in einer E-Mail, die als automatische Antwort eintrifft, wenn man ihm in diesen Tagen schreibt. Wer ein Interview mit ihm führen wolle, heißt es, möge sich an Pietro Nuvoloni wenden, seinen Medienberater.
Nuvoloni hat die Agentur Dictum Law in Köln mitgegründet, die auf Krisenkommunikation spezialisiert ist, sie hilft Politikern und Verbänden, denen die Probleme über den Kopf wachsen. Sie feilt am Image und an der Reputation von Energieunternehmen und Versicherungen. Nuvoloni arbeitet eigentlich für die Insolvenzverwalter der Rennstrecke Nürburgring, aber dafür hat er im Augenblick keine Zeit.
Einige Wochen vor Weihnachten wandte sich Thomas Hitzlsperger, 31, an die Agentur, sie sollte sein Coming-out als Schwuler vorbereiten und begleiten. Es sei eine Aufgabe, sagt Nuvoloni, die ihn und seine Leute an die physischen Grenzen bringe.
Zehn Mitarbeiter planten Hitzlspergers Bekenntnis. Die Agentur entwarf eine Website für Hitzlsperger, die vergangenen Donnerstag um Mitternacht online ging. Man findet dort eine persönliche Stellungnahme und eine Videobotschaft. In dem Film erklärt sich Hitzlsperger auf Deutsch und Englisch. Ein Team aus Dolmetschern hat auf die richtige Übersetzung geachtet. Allein der Dreh für die Videos dauerte einen Tag.
Am Donnerstag der vorigen Woche erschien auch ein Interview mit Hitzlsperger in der "Zeit". In 50 Jahren haben 5507 Fußballer in der Bundesliga gespielt, und Hitzlsperger ist der erste, der öffentlich sagt, er liebe Männer.
Das Gespräch muss ein Tanz auf dünnem Eis für ihn gewesen sein, er wollte etwas sehr Privates preisgeben, ohne zu viel Privates zu erzählen. Es fällt auf, dass er sich selbst nie als "schwul" bezeichnet.
Thomas Hitzlsperger ist Kolumnist für die Online-Ausgabe der "Zeit", und seit ungefähr drei Jahren ist er mit den beiden Journalisten, die das Gespräch geführt haben, wegen eines Coming-out in Kontakt. Immer wieder hatte er, noch während seiner Karriere, die Vor- und Nachteile mit ihnen abgewogen. Er war immer Herr des Verfahrens, selbst einen Tag vor Redaktionsschluss hätte er noch einen Rückzieher machen können. Falls ihn doch die Zweifel überwältigt hätten.
In den ersten beiden Tagen nach Hitzlspergers Bekenntnis erhielt Pietro Nuvoloni, der Medienberater, 610 E-Mails. In seiner Agentur kümmern sich seit Donnerstag sechs Mitarbeiter nur um Anfragen der Medien. Reporter aus Österreich und Italien haben sich gemeldet, der amerikanische Fernsehsender CNN will mit Hitzlsperger sprechen. Nuvoloni hat auch einen Mitarbeiter nach England geschickt, wo Hitzlsperger mal gespielt hat, er betreut die Journalisten dort.
Plasberg, Jauch, Lanz, Beckmann haben sich gemeldet, Hitzlsperger hätte sich aussuchen können, in welche Talkshow er geht. Er geht in keine. Hitzlsperger hat noch mit "Bild" gesprochen und mit der BBC. "Er will keinen Medienzirkus", sagt Nuvoloni, "er will das Thema nicht zerreden, sondern die Diskussion anstoßen. Er möchte, dass sie auch ohne ihn weiterläuft."
Ein prominenter Mann ist schwul. Na und?, könnte man meinen. Es gibt schwule Politiker, Musiker, Schauspieler, Ärzte. Was eigentlich keine Nachricht mehr sein sollte, ging um die Welt. Die Bundesregierung gab eine Stellungnahme ab, die Evangelische Kirche in Deutschland lobte Hitzlsperger, der britische Premierminister sprach von einem "mutigen und wichtigen Schritt". Wieso eigentlich?
Die Welt des Fußballs ist eine männliche Welt, die immer noch Härte und Kraft glorifiziert, auch wenn sich das langsam ändert. Es ist nach wie vor eine Welt, in der Schwule als Weicheier gelten, aber das ist nicht anders als beim Militär, im Handwerk, bei der Feuerwehr oder in den Vorstandsetagen der Dax-Konzerne.
Fußball ist der populärste und wichtigste Sport überhaupt, nur deshalb brach vergangenen Mittwoch der Server von Zeit.de zusammen, als sich die Nachricht über Thomas Hitzlsperger verbreitete. Bei einem Eishockeyspieler wäre das kaum passiert.
Das Echo auf Hitzlspergers Bekenntnis ist so groß, weil der schwule Fußballer eines der letzten Geheimnisse in einer medial weitgehend ausgeleuchteten Gesellschaft war.
Die fast hysterische Aufmerksamkeit, die Thomas Hitzlsperger mit Offenheit aus freien Stücken erregt hat, zeigt auch, wie gestört der Umgang mit Homosexualität heute noch ist. Und solange ein homosexueller Sportler Monate vorher darüber nachdenken muss, wie er sich aus dem falschen Leben ins richtige rettet, so lange läuft etwas falsch.
Vor etwa drei Jahren ist Hitzlsperger bewusst geworden, dass er Männer liebt, und vor zwei Jahren dachte er schon einmal daran, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Er spielte damals noch in der Bundesliga, für den VfL Wolfsburg. Zu der Zeit wäre ein Coming-out wirklich mutig gewesen, aber er schwieg.
Hitzlsperger sagt, Freunde hätten ihn gewarnt, "eine große Welle" werde über ihm zusammenbrechen. Mit unabsehbaren Folgen.
Vor gut anderthalb Jahren suchte Hitzlsperger dann das Gespräch mit Joachim Löw, dem Bundestrainer. Es war kurz vor der Europameisterschaft 2012, als er Löw erzählte, er sei schwul. Hitzlsperger sagte, er wolle ein großes Interview geben und sich outen. Ob Löw das stören würde?
"Ich habe ihm gesagt, wenn du mit einem Interview an die Öffentlichkeit gehen möchtest, habe ich großen Respekt davor", erklärt Löw am vergangenen Freitag, als er sich im Ski-Urlaub befindet. "Er möchte ein normales Leben führen, wollte ein klares Bekenntnis abgeben und nicht irgendwann von einem Fotografen überrascht werden. Als er mir davon erzählte, dachte ich: Es ist für ihn persönlich sicher eine gute Entscheidung."
Ein paar Tage später jedoch rief Hitzlsperger ihn an, um zu sagen, dass er es sich zunächst anders überlegt habe.
Löw sagt, niemand aus dem Trainerstab habe gemerkt, dass Hitzlsperger schwul sei, "weil es auch niemanden interessiert hat". Löw imponierte Hitzlspergers Einsatz, seine Seriosität. "Er war immer professionell, respektvoll, kommunikativ, lernwillig." An Hitzlsperger erkenne man, sagt Löw, "welche falschen Klischees es über Homosexuelle gibt. Die mehr als 50 Länderspiele hat er sich als Kämpfertyp regelrecht erarbeitet."
Im Herbst 2012 wechselte Hitzlsperger nach England, zum FC Everton. Seine sexuelle Orientierung zu offenbaren kam für ihn zunächst nicht mehr in Frage. Hitzlsperger spielte selten und schwach, und er wollte den Eindruck vermeiden, sein Doppelleben sei der Grund dafür.
Noch hat kein aktiver Fußballprofi aus Deutschland bekannt, schwul zu sein, der Weg zu einem selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität im Fußball ist noch weit. Und zu groß die Angst eines Spielers, dass ihm sein Leben zur Hölle gemacht wird.
Eine Fußballmannschaft ist eine heterogene Gruppe, da spielt ein Abiturient neben einem Straßenjungen. Ein Russe mit einem Nigerianer. In der Heimat des einen ist es verboten, vor Kindern gut über Homosexualität zu reden, in der Heimat des anderen wird Homosexualität mit Steinigung bis zum Tod bestraft. Am Tag von Hitzlspergers Coming-out sagte der Brasilianer Alex, Verteidiger bei Paris Saint-Germain: "Gott hat Adam und Eva geschaffen, nicht Adam und Yves."
Thomas Hitzlsperger sagt, er kenne keinen schwulen Spieler persönlich, und er schildert die Welt des Fußballs als reine Leistungsgesellschaft, in der über Privates so gut wie nie gesprochen werde. Aber er berichtet von Schwulenwitzen in der Kabine und einem homophoben Duktus. Schlechte Pässe waren "schwule Pässe".
Der Sportsoziologe Gunter A. Pilz, Fanforscher an der Universität in Hannover, rät Spielern davon ab, sich noch während der Karriere zu outen. "Unsere Gesetze in Deutschland sind liberaler als die Gedanken in den Köpfen der Menschen", sagt er. Pilz meint, ein schwuler Spieler könnte im Stadion von Fans "auf das Übelste" beschimpft werden.
Der erste und bisher auch einzige Profi, der noch spielte, als er vor die Presse trat und sagte, er sei schwul, war im Oktober 1990 der Engländer Justin Fashanu. Acht Jahre später war er tot. Seine engsten Freunde hatten sich von ihm abgewandt, von den Fans fühlte er sich behandelt wie ein Ausgestoßener. Fashanu erhängte sich in einer Garage, in seinem Abschiedsbrief stand: "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart."
Aber das war zu einer Zeit, in der Paul Gascoigne einer der größten Stars im Fußball war, ein bekannter Säufer und übler Schläger. Heute sind Lionel Messi und Cristiano Ronaldo die Helden, ein braver Argentinier und ein Portugiese, der sich die Augenbrauen zupft.
Die Frage ist, ob der Fußball tatsächlich noch eine Zone gesellschaftlicher Rückständigkeit ist. Oder ob er nur dafür gehalten wird.
Thomas Hitzlsperger ist in London, als der SPIEGEL ihn am Freitag am Telefon erreicht. "Ob es jetzt wirklich noch homophobe Stimmen in den Stadien gibt, das muss man abwarten", sagt er. "Das sieht man erst, wenn es noch aktive Spieler gibt, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen."
Dirk Brüllau ist Sprecher des Queer Football Fanclubs, eines Netzes schwul-lesbischer Fanclubs aus ganz Europa, und er sagt: "95 Prozent der Zuschauer ist es egal, ob ein Spieler schwul ist oder nicht. Daher bin ich der Ansicht, dass ein offen schwuler Profifußballer weit weniger von den Fans zu befürchten hätte, als gedacht wird." Es werde immer Zuschauer geben, die gezielt homophobe Sprüche brüllen würden. "Aber diese Ewiggestrigen wird man nie erreichen, mit keiner Kampagne. Sie sind auch kein reines Phänomen von Fußballstadien."
In einem Fußballstadion versammeln sich prozentual wahrscheinlich nicht mehr schwulenfeindliche Menschen als in einem ausverkauften Kino, wenn "Fack Ju Göhte" läuft. Beim Fußball aber brechen sich die niederen Instinkte eher Bahn, und die Nähe zu den Fans im Stadion übt auf schwule Spieler einen Druck aus, den viele nicht ertragen können.
Der Kölner Psychiater Valentin Markser behandelt seit Jahren Fußballer, auch homosexuelle. Häufig seien sich die Spieler über ihre eigenen Gefühle nicht im Klaren, sie würden lediglich merken, etwas verändere sich in ihnen. Meistens führten körperliche oder psychosomatische Beschwerden die Spieler zu ihm. "Die Fußballer identifizieren sich in erster Linie über ihren Körper und nehmen diese Probleme am deutlichsten wahr", sagt Markser. "Es dauert dann eine Weile, bis man über die seelische Belastung reden kann."
Der Kampf gegen das Ausleben der eigenen Sexualität könne zu Muskel- und Gelenkverletzungen führen, zu Unruhe, Schlafstörungen, Erschöpfung. "Je länger die seelische Belastung dauert und die Sportler damit allein sind, desto höher ist das Risiko einer seelischen Erkrankung, zum Beispiel einer Depression."
Die Profis hätten Angst, sich zu outen, sagt Markser, weil sie sich vor homophoben Witzen und sexistischen Beschimpfungen fürchteten, weil sie sich Sorgen machten, als schwuler Spieler keine Sponsoren mehr zu finden.
Die Spieler wenden sich nie selbst an einen Psychiater, sie lassen ihren Manager den Kontakt machen. Es ist ein Versteckspiel, das an Paranoia grenzt.
Thomas Hitzlsperger hat gespürt, dass Homosexualität im Fußball tabuisiert wird. "Ich wusste, wenn ich an die Öffentlichkeit gehe, kann es passieren, dass es von einigen als Sensation verkauft wird. Und genau das ist passiert. Deswegen ist es gut, dass ich vorbereitet war", sagt er am Telefon. "Es beschäftigt viele, und es gibt auch noch viele Dinge zu klären - zum Beispiel, dass es kein Widerspruch ist, homosexuell zu sein und Profifußball zu spielen."
Doch ausgerechnet der Deutsche Fußball-Bund geht mit Hitzlspergers Coming-out seltsam unsicher um. Präsident Wolfgang Niersbach sicherte Hitzlsperger "jede erdenkliche Unterstützung" zu. Man konnte meinen, Hitzlsperger sei bankrott oder mindestens spielsüchtig. Und Liga-Chef Reinhard Rauball sprach von "Betroffenen", als handle es sich bei Homosexualität um ein böses Virus.
Hitzlsperger braucht keine Hilfe, er weiß, was er will. Sein Medienberater sagt, Hitzlsperger sei geradlinig und im Kopf klar. Er selbst erklärt dem SPIEGEL: "Es ist leichter für mein Leben, wenn es einmal gesagt ist. So dass ich nicht mehr überall denken muss: Kennt mich hier jemand?" Es gehe ihm darum, den Umgang mit Homosexualität im Profisport zu verändern, besonders im Fußball. "Ich sehe mich da jetzt auch bestätigt."
Am Tag bevor sein Interview in der "Zeit" erschienen ist, hat Hitzlsperger noch mit Joachim Löw telefoniert, er informierte den Bundestrainer, dass er nun die Öffentlichkeit einweihe. Löw hatte das Gefühl, es gehe ihm gut dabei. "Er ist sehr gefestigt und hat sich den Schritt sehr gut überlegt", sagt er. Löw denkt einerseits, dass nun zu viel Wirbel gemacht werde. "Auf der anderen Seite denke ich: Die große Aufmerksamkeit kann dabei helfen, dass sich in der Gesellschaft ein völlig entspannter Umgang mit diesem Thema entwickelt. Wenn unsere Gesellschaft dafür sensibilisiert ist, wird der Umgang damit irgendwann ganz normal sein. So selbstverständlich, dass man gar nicht mehr darüber sprechen muss."
Hitzlspergers Bekenntnis ist eine Chance für den Fußball. Man kann nur hoffen, dass bald der nächste, dass auch ein Spieler, der noch auf dem Platz steht, sagt: Ich bin schwul. Thomas Hitzlsperger möchte keine Ikone der Schwulenbewegung werden, und sein Coming-out war auch nie als politisches Signal vor den Olympischen Spielen in Sotschi gemeint. Das sagt zumindest sein Medienberater. Thomas Hitzlsperger möchte einfach nur in Ruhe seine Homosexualität ausleben.
Er macht jetzt erst einmal Urlaub in Übersee. Danach will er sich einen neuen Job suchen. Er hat auch schon eine Idee, die er aber noch nicht verraten will. Nur so viel: Es hat mit Fußball zu tun. Ein Angebot als Co-Kommentator beim Bezahlsender Sky hat er vor einigen Monaten abgelehnt.
Von Rafael Buschmann, Lukas Eberle, Maik Grossekathöfer und Jörg Kramer

DER SPIEGEL 3/2014
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