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DER SPIEGEL

ETHIKDer digital-religiöse Wahn

Technologie-Gurus haben das Internet zu einer metaphysischen Größe erhoben - nun plädieren Denker wie Jaron Lanier für einen neuen Pragmatismus und Humanismus.
Es gibt keine Sprache über das Internet, und das ist ein demokratisches Defizit. Es gibt nur eine Geheimsprache über das Internet, geprägt von den Spezialisten, Visionären, Gurus, Tech-Freaks, Gläubigen, Abtrünnigen, die das Reden über das Internet von Anfang an bestimmt haben. Und das ist ein Problem.
Wir, der Rest, die Benutzer des Internets, sind vor allem Zuschauer. Wenn Evgeny Morozov sich kritisch über Jeff Jarvis äußert oder wenn Ray Kurzweil sich gegen David Gelernter verteidigen muss, dann stehen wir staunend daneben, weil uns sowohl die Probleme als auch die Lösungen fremd sind.
Das Internet ist für uns erst einmal ein Werkzeug - und das ist auch nicht ganz falsch; für die Internet-Intellektuellen ist es aber ein Weltentwurf, der alles verändert, was bisher war - und das ist zwar auch nicht ganz falsch, es ist aber auch nicht ganz richtig.
Von Anfang an wurde das Neue des Internets vor allem unter der Prämisse des Neuen betrachtet - das Internet aber ändert vieles, doch das Alte bleibt immer noch das Alte: Freiheit, Arbeit, Persönlichkeitsrechte, es geht darum, diese Konzepte unter den Bedingungen des Neuen anders zu definieren.
Und hier kommt jemand wie Jaron Lanier ins Spiel. Er ist der Mann des Dazwischen, nicht ganz richtig, nicht ganz falsch, ein Mann des Alten wie des Neuen, der an den Sinn, den Nutzen und auch die Schönheit dessen glaubt, was Technologie sein kann. Er ist der Pragmatiker mit den Dreadlocks.
Lanier, 53, weiß, wie das Silicon Valley denkt - weil er selbst Teil dieser Welt ist: Er hat vor 30 Jahren versucht herauszufinden, wie die virtuelle Realität das Leben besser machen könnte; er hat Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zum Digital-Thriller "Minority Report" beraten, der schon im Jahr 2002 eine Zukunft skizzierte, die von Algorithmen beherrscht wird; er war an einer Firma beteiligt, die die Grundlagen für Google Goggles entwickelte.
Heute plädiert Lanier für eine "humanistische Informationsökonomie". "Wir sollten nicht vergessen", schreibt er in seinem neuen Buch "Wem gehört die Zukunft?", "dass nur individuelle Menschen real sind" - ein an sich ganz vernünftiger Satz(*). Im Silicon Valley aber ist genau das kein Kriterium mehr: ob etwas real ist oder nicht. Dort haben sie die Technologie zu einer metaphysischen Größe erhoben, um ihrem Tun einen Sinn und einen größeren Zusammenhang zu geben.
Wenn Lanier in seinem Buch von dieser Tech-Welt erzählt, dann spürt man
den Heilsdruck, der auf dieser Welt liegt: Da gibt es staubgleiche Schwärme von Nanorobotern, die sich von den Menschen emanzipiert haben und sie nur mehr als Ware sehen, als Abhängige, als minderwertiges Leben - eine Welt, in der Menschen letztlich überflüssig sind.
Aus dieser Gedankenwelt muss sich fast zwangsläufig eine Art Metaphysik ergeben, weil man sonst mit der Abschaffung des Menschen philosophisch oder wenigstens moralisch nicht zu Rande käme - auch im Kopf des Nerds gibt es eschatologische Zweifel: Schon um die Technik voranzubringen, muss man an ihr gottgleiches Wirken glauben.
Deshalb wirkt es beim Streit um die digitale Zukunft, die manche einfach das Internet nennen, auch oft, als sähe man einer Sekte zu, die sich selbst zerlegt. Da spalten sich die Fraktionen, da fallen die Leute reihenweise vom Glauben ab, da regiert das Renegatentum, da gibt es Bezichtigungen und vor allem Selbstbezichtigungen, als wäre das alles ein großer Schauprozess: Das Messianische kippt ins Manichäische.
Es ist eine Art Selbstkasteiung einst Erweckter, die den neuen Morgen gesehen haben - die Sprache ist immer noch von Erlösungsfloskeln durchsetzt, aber der Ton ist nun endzeitlich: Die Extremisten der Bewegung haben seit der NSA-Affäre das eine Bekenntnis gegen das andere getauscht. Aus "Ich glaube" wurde "Ich habe geirrt". Rational ist das beides nicht.
Rationalität täte aber ganz gut - denn das Reden über das Internet, das ja erst einmal vor allem eine sehr nützliche Erfindung ist, die uns alle, wenn wir wollen, klüger macht, ist weiter beherrscht durch das Sektiererische, das selbst diejenigen nicht ganz loswerden, die nicht mehr glauben: Auch im Irrtum ist man Avantgarde, auch in der Aufklärung bleibt ein Rest des Irrationalen.
Eine "religiöse Ehrfurcht", so nennt das Jaron Lanier: Die Technik hat die Tendenz, zu einer absoluten Größe zu werden. Daraus entsteht ein technologischer Determinismus, der das Denken prägt - gekoppelt, so beschreibt das Lanier, mit einer ausgeprägten, fast ultralibertären Ideologie der Freiheit, einer Art Mutation des Hippiedenkens der späten sechziger Jahre.
Das Ergebnis ist die "kalifornische Ideologie" - eine Mischung aus Popkultur und Paranoia, Welterrettung und Selbstverwirklichung, Technik-Optimismus und Naturerweckung, indischer Philosophie und New-Age-Seligkeit: Und es ist eine Ironie unserer Zeit, dass ausgerechnet das antikapitalistische Denken einer Minderheit in eine Welt geführt hat, die von Konzernen beherrscht wird, die mehr Macht haben, als man es sich im 20. Jahrhundert hätte vorstellen können.
Aus der Gegenkultur der siebziger Jahre entstand damit der Mainstream des frühen 21. Jahrhunderts - Apple-Gründer Steve Jobs, so geht eine Anekdote, die Lanier zitiert, habe bei einem Indien-Trip erlebt, wie Gurus von der Liebe und dem Respekt ihrer Anhänger getragen wurden, und sich gedacht: Das will ich auch.
Die Verbindung von asketischer Spiritualität und Apple ist jedenfalls evident - Apple ist weiß, Apple ist pur, Apple hat die ersten Tempel des neuen Jahrtausends gebaut, Apple ist die perfekte Umsetzung der kalifornischen Ideologie, die ein Verschwinden des Außen zur Folge hatte: Die Apps wären demnach narzisstische Raumkapseln ohne Kontakt zum Rest der Welt.
Diese frühe Technikglaubenswelt schuf ein abgeschlossenes System, das zur Hyperreligiosität neigt: "Est" hießen in den siebziger Jahren an der Westküste die Workshops, die einen zum "Meister des eigenen Schicksals" machen sollten; das "Global Business Network", eine Idee, die auf den New-Age-Vordenker Georges Gurdjieff zurückging, präsentierte besonders "bemerkenswerte Menschen".
Lanier war selbst so ein "bemerkenswerter Mensch", ein Überbringer der guten Botschaft also - oder der Botschaft vom Guten, das die Technologie inhärent für alle Menschen bereithält: bis sie abgeschafft werden.
Lanier ist dabei ein Beispiel dafür, wie man ohne Renegatenfuror und mit einer pragmatischen Rationalität einige Dinge geraderücken kann, die wegen, wie er es nennt, "dummer utopistischer Szenarien" der digitalen Radikal-Optimisten verrutscht sind.
"Man vergisst eben leicht", schreibt er, dass das Konzept von "kostenlos" unweigerlich bedeutet, "dass jemand anders darüber entscheidet, wie man leben soll".
Und genau das ist das Alte im Neuen: die Frage, wie wir leben wollen. Oder die andere Frage, die im Zentrum von Laniers Buch steht: wie die Mittelschicht, die so wichtig ist für eine Demokratie, die digitale Revolution überleben kann.
Die Mittelschicht, meint Lanier, ist das erste Opfer der digitalen Revolution - die Mittelschicht ist deshalb so unter Druck, weil wir noch keine Antwort darauf gefunden haben, was es bedeutet, dass Information zur Ware geworden ist und dass diese Ware umsonst zu haben ist.
Auch diese Idee stammt aus den Hippiewelten der späten sechziger Jahre: dass alles frei und umsonst sein sollte - aber solange im Internet "frei" automatisch bedeutet, dass jemand seinen Arbeitsplatz verliert, in der Musikbranche, im Journalismus, Lanier spielt das digitale Szenario noch an anderen Branchen durch, so lange ist "frei" erst einmal eine trügerische oder sogar tückische Idee.
Denn "frei" bedeutet nicht, dass niemand Geld verdient. Es sind nur einfach nicht diejenigen, die etwas herstellen, in diesem Fall eine aberwitzige Menge von Informationen - sondern die, die diese Informations-Trilliarden sammeln und verkaufen.
Oder ganz konkret gesagt: Wenn Facebook durch unsere Daten Geld verdient und Mark Zuckerberg reich wird mit unseren Urlaubsfotos, heißt das dann nicht, dass eine Milliarde Facebook-Nutzer in großem Stil enteignet wurden?
Diese Umverteilung von den eigentlichen Lieferanten der Informationen zu den Maklern, Dealern, den derzeitigen Besitzern der Informationen, ist auch der Hintergrund des spektakulären Facebook-Deals mit WhatsApp: Bei einem Kaufpreis von 19 Milliarden Dollar und 450 Millionen Nutzern ist jeder von ihnen genau 42 Dollar wert.
"In einer Welt der digitalen Würde", schreibt Lanier, wäre jeder Mensch der "kommerzielle Eigentümer aller seiner Daten, die sich aus seiner Situation oder seinem Verhalten ermitteln lassen".
Was Lanier versucht, sind erste Schritte zur Lösung wenigstens eines der beiden großen Probleme, die das Internet bereitet: Totalüberwachung und Bezahlung. Wobei die Überwachungsfrage derzeit alle anderen Fragen überlagert, vielleicht auch deshalb, weil der Rest dessen, was "das Internet" genannt wird, oft schwer zu verstehen ist - bei der NSA kann man dagegen leicht eine Meinung haben.
Die Bezahlung aber, das suggeriert Lanier, ist letztlich die wichtigere Frage: Was macht man mit denen, die heute das sind, was zur Zeit der ersten industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert die Weber waren, die mit ihren Aufständen die Gesellschaft erschütterten?
Lanier hat auch noch kein Rezept - die "Nanozahlungen", die er unter anderem für Posts oder Links auf Facebook vorschlägt, würden auf einer Art Selbstverpflichtung der Unternehmen basieren: Einklagen kann man das erst mal so einfach nicht.
Und so steht auch bei ihm am Ende die zentrale Frage, wie wir mit den Folgen dieser zweiten industriellen Revolution umgehen: Ist die Technologie in der Lage, selbst die Lösungen zu produzieren für die Probleme, die sie verursacht hat? Oder müssen wir nicht doch vielmehr nach politischen Lösungen suchen?
Denn nur die Politik ist in der Lage, sich aus dieser technischen Teleologie zu lösen - die politischen Akteure müssen sich selbstbewusst die Mittel und vor allem die Sprache verschaffen, um diese Zukunft gestalten zu können: Ein Merkel-Stottern von "Neuland" ist dabei genauso falsch wie die "religiöse Ehrfurcht", die Lanier auf Seiten der digitalen Heilsprediger sowie der heftigsten Kritiker sieht.
Auch deshalb wendet er sich so direkt gegen die religiöse Aufladung von Technologie. Die Religion war immer eher ein Mittel zur Rettung im Privaten als zur politischen Reform oder gar Revolution. Und jede technologische Revolution hat ihre politische Revolution als Zwillingsschwester.
Vielleicht ist es tatsächlich ein wenig wie 1776 oder 1789: Es bräuchte eine Charta der digitalen Menschenrechte. ◆
* Jaron Lanier: "Wem gehört die Zukunft?". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 480 Seiten; 24,99 Euro.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 9/2014
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