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DER SPIEGEL

IMMOBILIENErbe in der Tiefgarage

Klassikfans wollen in Weimar das Haus von Johann Sebastian Bach wiedererrichten - die Grundstückseigentümer ziehen ein Spa mit Parkplätzen vor.
Weimar! Hochkultur im Kleinstadtformat. Goethe. Schiller. Herder. Liszt. Wagner. Strauss. Nietzsche. Gropius. Feininger. Kandinsky. Klee. Thomas Mann. Wenige Orte in Deutschland werden mit so vielen Geistesgrößen in Verbindung gebracht wie Weimar. Nur einer wurde dort bislang nicht ausreichend gewürdigt: Johann Sebastian Bach.
Zwar hat der Komponist im 18. Jahrhundert fast zehn Jahre lang in der Stadt gelebt, am Markt 16, mitten im Zentrum. Doch das Haus ist längst abgerissen, heute stehen an der Stelle Bratwurststände und Autos. Nichts deutet darauf hin, dass sich unter dem Parkplatz ein bedeutsames Renaissance-Gewölbe befindet: Bach persönlich muss hier einst seine Vorräte gelagert haben, darunter wohl auch großzügig bemessene "Dreyßig Eimer Bier", die er pro Jahr im Dienst der Weimarer Herzöge zusätzlich zu seinem Lohn bezog. Täglich viereinhalb Liter standen dem in jeder Hinsicht barocken Komponisten damit zur Verfügung.
"Wir brauchen diesen Ort, um Bachs zu gedenken", sagt Myriam Eichberger. Die Professorin an der Weimarer Musikhochschule Franz Liszt hat für ihr Anliegen eine beeindruckende Unterstützerschar organisiert. Die Nobelpreisträger Günter Blobel (Medizin) und John Coetzee (Literatur) unterzeichneten bereits eine von ihr verfasste Petition, ebenso Stardirigent Nikolaus Harnoncourt. Gut 11 000 Bach-Fans weltweit schlossen sich der Initiative auf der Plattform change.org an. Sie alle wollen Bachs Keller freilegen und darüber sein in der DDR vor 25 Jahren zerstörtes Wohnhaus wiedererrichten.
Zwar gibt es bereits Bach-Häuser, die an weitere thüringische Wohnstätten des Komponisten in Wechmar, Arnstadt und Eisenach erinnern, dazu etliche Kirchen, in denen der Künstler orgelte, heiratete oder seine Söhne taufen ließ.
Doch nicht das Überangebot an Pilgerstätten bremst Eichberger und ihre Mit-
streiter aus. Dafür sorgt die Firma Arabella Hospitality, die der Münchner Milliardärsfamilie Schörghuber gehört.
In Weimar betreiben die Schörghubers das Hotel Elephant, seit je das erste Haus am Platz, in dem schon viele prominente Gäste nächtigten, von Goethe über Adolf Hitler bis zu Udo Lindenberg; und das Grundstück, auf dem Bachs Wohnhaus bis 1989 stand, gehört dem Elephant. Es wird als Parkraum genutzt, 70 Stellplätze, die laut Arabella-Hospitality-Manager Reinhold Weise "essentiell wichtig für das Hotel" sind.
Und selbst wenn sich der Hotelkonzern für eine Umwidmung des Grundstücks erwärmen könnte, sähe Weise auf der Fläche eher ein hauseigenes Spa sowie weitere Gästezimmer. Ersatzparkplätze könnten dann in einer neuen Tiefgarage entstehen - für die Fans des Komponisten ein Graus, sie müssten um ihren historisch bedeutsamen Keller bangen.
Doch das ist noch Zukunftsmusik für Arabella Hospitality: Der Standort Weimar ist aus Konzernsicht für größere Investitionen derzeit nicht attraktiv genug. "Wir sind ein Unternehmen, das darauf angewiesen ist, Profit zu generieren", sagt Weise. Insofern bleibt es erst mal beim Parkplatz - was Myriam Eichberger mehr Zeit für ihre Kampagne verschafft. "Ich bin Flötistin, ich habe einen langen Atem", sagt sie. Für eine Anschubfinanzierung ist schon gesorgt: Bach-Fan Blobel, der deutschstämmige Nobelpreisträger aus New York, hat angeboten, das umstrittene Grundstück Markt 16 zu erwerben.
1708 war Bach als 23-Jähriger gemeinsam mit seiner schwangeren Frau dort eingezogen. In Weimar wurde er Hoforganist, später Konzertmeister der dortigen Herzöge, hier komponierte er einen Großteil seines Orgelwerks und mehr als 30 Kantaten. Doch der Keller ist das einzig Fassbare, was der Stadt vom Haus des Meisters geblieben ist. Tatsächlich seien die Gewölbereste die letzten baulichen Zeugnisse einer urkundlich gesicherten Bach-Wohnstätte, sagt Eichberger, deshalb sei der Wiederaufbau wichtig. In einem Kammermusiksaal sollen dereinst Lunch-Konzerte das Publikum begeistern.
Das wäre, meint die Musikprofessorin, auch für Arabella Hospitality interessanter als eine Tiefgarage. Sie verweist auf das Beispiel Thomas Mann, der das Hotel Elephant in seinem Roman "Lotte in Weimar" zum Schauplatz gemacht hat; bis heute profitiere es davon.
Ein Haus für den Komponisten gleich nebenan könnte die Umsätze womöglich weiter steigern. "Bei allem Respekt vor Thomas Mann", sagt Myriam Eichberger, "Johann Sebastian Bach war ein Riese."
* Ausschnitt aus einem Porträt Johann Sebastian Bachs von Elias Gottlob Haußmann von 1746.
Von Karoline Kuhla

DER SPIEGEL 14/2014
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