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DER SPIEGEL

Ethik„Eine Frage des Gewissens“

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach plädiert dafür, dass deutsche Ärzte ihren Patienten bei der Selbsttötung helfen dürfen.
Lauterbach, 51, ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD. Der Arzt koordiniert die sozialdemokratischen Abgeordneten bei der Neuregelung der Sterbehilfe.
SPIEGEL: Herr Lauterbach, der Bundestag will noch in diesem Jahr die Regeln für die Sterbehilfe in Deutschland neu justieren. Große Teile der Union verlangen eine Gesetzesverschärfung. Wo stehen Sie?
Lauterbach: Ich halte ein striktes Verbot der Sterbehilfe für nicht zeitgemäß. Es gibt Menschen, die den berechtigten Wunsch haben, dass man ihnen beim Sterben hilft. Einige wenige unheilbar Kranke, zum Beispiel Krebspatienten, kommen schon heute in den Genuss einer guten Schmerztherapie und gelangen dennoch durch ihr Leiden zu dem Schluss, dass sie sterben möchten. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft diese Menschen nicht alleine lassen dürfen.
SPIEGEL: Was bedeutet das konkret?
Lauterbach: Wir brauchen vor allem Rechtssicherheit für Mediziner. Behandelnde Ärzte kennen die Lage ihrer Patienten. Sie wissen, ob der Wunsch zu sterben schon lange besteht oder ob er nur die Folge einer Depression oder akuter Schmerzen ist.
SPIEGEL: Die Beihilfe zum Suizid ist nach geltender Rechtslage straffrei. Dazu brauchen Sie kein Gesetz.
Lauterbach: Aber die Ärztekammern in etlichen Bundesländern verbieten ihren Mitgliedern, Patienten beim Sterben zu helfen. Tun Ärzte es dennoch, laufen sie Gefahr, ihre Zulassung zu verlieren. Wenn wir in das Strafrecht eine Passage einfügen, die in engen Grenzen die Beihilfe zu Selbsttötung erlaubt, dann könnten sich die Standesvertretungen nicht darüber hinwegsetzen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie diese Grenzen definieren?
Lauterbach: Zunächst einmal muss klar sein, dass jede Form der kommerziellen Sterbehilfe untersagt wird. Darüber hinaus muss der Sterbewillige an einer unheilbaren Krankheit leiden, gleichzeitig aber geistig so klar sein, dass er seine Wünsche formulieren kann. Außerdem darf der Patient nicht unter einer Depression leiden. Die Menschen werden die Sterbehilfe nur dann als Fortschritt sehen, wenn wir dafür klare Kriterien formulieren.
SPIEGEL: Viele Ärzte wollen ihren Patienten gar nicht beim Selbstmord helfen. Der Präsident der deutschen Ärztekammer, Frank Montgomery, hat kürzlich gesagt: "Wir möchten nicht die Profis für den Tod sein. Wir sind die Profis für das Leben."
Lauterbach: Ich glaube nicht, dass ein einzelner Kammerfunktionär das Recht hat, für die gesamte deutsche Ärzteschaft zu sprechen. Das ist eine Frage des Gewissens für jeden einzelnen Mediziner.
SPIEGEL: Setzt man nicht schwer leidende Menschen unter moralischen Druck, aus dem Leben zu scheiden, wenn man die Sterbehilfe in das Repertoire der ärztlichen Kunst aufnimmt? Manche wollen beispielsweise Angehörigen nicht mehr zur Last fallen.
Lauterbach: Diese Gefahr muss man ernst nehmen. Es ist die Aufgabe der Politik, die Palliativmedizin zu verbessern. Und es darf nicht der geringste Druck auf Schwerkranke ausgeübt werden. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass viele Menschen große Angst vor einem langen und qualvollen Tod haben. Diese Angst können wir zumindest zum Teil nehmen, wenn wir neben die Palliativmedizin die Möglichkeit einer eng begrenzten Sterbehilfe stellen.
SPIEGEL: Der Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold hat nach eigenen Angaben schon über 200 Menschen beim Selbstmord assistiert. Wie wollen Sie verhindern, dass Ärzte aus der Sterbehilfe ein regelrechtes Geschäftsmodell machen?
Lauterbach: Wenn wir es allen Ärzten ausdrücklich erlauben, in bestimmten Fällen Sterbehilfe zu leisten, dann haben es Patienten gar nicht nötig, die Dienste solcher Kollegen in Anspruch zu nehmen.
SPIEGEL: Im Bundestag soll über die Neuregelung der Sterbehilfe ohne Fraktionszwang abgestimmt werden. Werden Sie versuchen, sich mit Kollegen von der Union zusammenzuschließen?
Lauterbach: Unbedingt. Bundestagsvizepräsident Peter Hintze und meine SPD-Kollegin Carola Reimann zum Beispiel vertreten eine ganz ähnliche Position wie ich. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir gemeinsam einen Gesetzentwurf auf den Weg bringen, für den wir dann in allen Fraktionen des Bundestags um Zustimmung werben.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie Ihre Erfolgschancen ein?
Lauterbach: Das kann ich ehrlicherweise noch nicht abschätzen. Strengere Regeln bei der Sterbehilfe sind vielen in der Union ein Herzensanliegen, gerade Fraktionschef Volker Kauder und auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Ich bin allerdings sicher, dass wir im Plenum eine Debatte führen, die nur von Argumenten geleitet wird und nicht von parteitaktischen Erwägungen.
Interview: René Pfister
Von René Pfister

DER SPIEGEL 35/2014
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