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DER SPIEGEL

Global VillageKalte Meditation

Warum eine indische Sekte ihren toten Guru eingefroren hat
Seit neun Monaten liegt der Guru in einer Tiefkühltruhe. Er ist tot, sagt die indische Justiz. Er meditiert, sagen seine Jünger. Er befinde sich im Samadhi, behaupten sie, dem Zustand tiefster Meditation, der nur im Kalten erreicht werden könne, in den eisigen Höhen des Himalaja oder eben in der Tiefkühltruhe.
Eigentlich könnte es dem Rest der Welt egal sein, ob der Guru tot ist oder nur meditiert. Aber Seine Heiligkeit Shri Ashutosh Maharaj ist nicht irgendein Guru, er ist der Gründer der "Mission zur Erweckung des Göttlichen Lichts", kurz DJJS. Die Sekte ist weltweit tätig, sie hat bis zu 30 Millionen Anhänger und Filialen in den USA, in Dubai, aber auch in Hamburg. Und sie besitzt angeblich ein Vermögen von 130 Millionen Euro.
Um das Schicksal des "Frozen Guru", wie er in der lokalen Presse genannt wird, ist ein skurriler Streit entflammt. Es geht um das geistige und materielle Erbe des Sektengründers. Und das ist nicht so einfach, denn selbst ein geistiger Führer kann weltliche Nachkommen haben.
In diesem Fall heißt der Erbe Dilip Jha, 40, er ist ein Reisbauer aus dem Bundesstaat Bihar und behauptet, der Sohn Maharajs zu sein. Tatsächlich kommt der Guru aus Bihar, tatsächlich ließ er in seinem Heimatdorf Frau und Kind zurück, als er kurz nach der Geburt seines Sohnes aufbrach, um sich als Heiliger neu zu erfinden. Die Regierung Bihars hat bereits bestätigt, dass Jha der Sohn des Gurus sei. Beerben kann man allerdings nur einen Toten, und möglicherweise auch deswegen will die Sekte ihren Guru nicht offiziell sterben lassen.
Das behauptet zumindest Rajvinder Singh Bains, 56, ein bekannter Menschenrechtsanwalt, der Jha vertritt. "Dies ist mit Abstand der bizarrste Fall, der mir je untergekommen ist", sagt der Anwalt, der normalerweise Opfer von Polizeifolter, Mitgiftmorden und Lohnsklaverei vertritt. Bains bearbeitet den Fall für ein Minimalhonorar, denn es ärgert ihn, dass mit Religion in seinem Land so oft Politik und Geld gemacht wird.
Bains sitzt in Chandigarh, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Punjab, die in den Fünfzigerjahren von dem französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier entworfen wurde. Der Oberste Gerichtshof ist ein Sichtbeton-Koloss, der die Unverrückbarkeit des Rechts darstellen soll. Der Anwalt sitzt im Innenhof und schimpft auf das Gericht, das im Fall Maharaj ziemlich unverrückbar ist, allerdings anders, als Le Corbusier das gemeint haben dürfte. Acht Monate haben die Richter gebraucht, um den Tod des Gurus zu bestätigen. Dabei hatten die Ärzte schon am 29. Januar den Tod Maharajs festgestellt, vermutlich infolge eines Herzinfarkts. Er war ja nicht mehr ganz jung, 67, und recht wohlbeleibt. Der Bericht der Ärzte hält fest: kein Puls, kein Blutdruck, keine Atembewegung, keine Reflexe, keine Ausschläge im EKG. Normalerweise nennt man das Tod.
Doch die Führungsclique der Sekte erklärte, ihr Guru befinde sich im Samadhi, und legte ihn auf Eis, irgendwo versteckt auf dem Gelände ihres Ashrams. "Dass sich die Sekte weigert, seinen Körper vorzuzeigen, ist doch verdächtig", sagt Bains.
Der Anwalt kämpft dafür, dass der Sohn die Leiche seines Vaters ausgehändigt bekommt, damit er sie nach hinduistischer Sitte verbrennen kann. Die Anhänger des Gurus aber weigern sich. Ihn zu verbrennen, argumentieren sie, wäre nichts anderes als Mord. Denn ihr Guru sei ja quicklebendig, nur eben gerade geistig etwas abwesend.
Bains, hager, mit weißem Vollbart, kommt an diesem Tag frustriert aus einer Gerichtssitzung, wieder einmal hat der Richter ihn auflaufen lassen: Die Dokumente, die sein Mandant als Beweis für die Vaterschaft des Gurus vorgelegt hat, reichen nicht aus. Der Richter will Fotos sehen, die den Guru und seinen neugeborenen Sohn zeigen.
"Aber kaum jemand aus unserer Generation hat solche Bilder, Fotos zu machen war damals unerschwinglich", sagt Bains. Er schlug dem Richter einen DNA-Test vor, ein einfaches und sicheres Verfahren. Ein solcher Test, erklärte daraufhin der Richter, sei "unwissenschaftlich".
Es sehe so aus, sagt Bains, als wolle das Gericht eine Entscheidung verzögern, um die Anhänger der Sekte nicht zu verärgern. Außerdem ist da ja noch das immense Vermögen, mittels Spenden und Devotionalienhandel angehäuft - und die offene Frage, wem es eigentlich gehört.
Die Sekte beharrt darauf, es gehöre der Organisation und nicht Maharaj persönlich. Doch wollte der Guru vielleicht seinen armen Sohn an seinem Reichtum teilhaben lassen? "In den letzten Jahren hatten Vater und Sohn wieder engen Kontakt, Jha war sogar zu Besuch im Ashram", sagt Bains. Die Nähe des Gurus zu seinem Sohn habe andere Sektenmitglieder misstrauisch gemacht. Möglicherweise, so behaupten jetzt manche, sei der Guru sogar vergiftet worden.
Vielleicht wird der Fall auch nie aufgeklärt, vielleicht verschwindet die Leiche einfach eines Tages, sagt der Anwalt. Das wäre die eleganteste Möglichkeit, Spuren eines Verbrechens zu verwischen. "Bald wird es heißen, Ashutosh Maharaj sei aufgewacht, aus der Kühltruhe geklettert und davongegangen."
Überraschend wäre das nicht. Swami Girdharanand erzählt Besuchern des Ashrams gern, Seine Heiligkeit werde sich demnächst selbst erwecken. "Warten Sie noch zwei, drei Monate. Dann wird sich alles offenbaren."
Die Polizisten, die Maharaj kurz nach seinem Tod sehen durften, sagten jedenfalls, dieser habe sich in ihrer Anwesenheit 25 Minuten lang nicht bewegt. Seine Haut sei schwärzlich gewesen, der Körper geschrumpft. Dem Guru scheint die Meditation nicht gut zu bekommen.
Von Ulrike Putz

DER SPIEGEL 45/2014
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