Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

KarrierenLieber Herr Campino

Eine Band-Biografie beschreibt den komplizierten Weg der Toten Hosen aus den Punkschuppen ihrer Jugend in die großen Fußballstadien. Sogar die Kanzlerin ruft inzwischen an. Ein Vorabdruck.
Der Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm" des SPIEGEL-Redakteurs Philipp Oehmke, das am Freitag erscheint (Rowohlt Verlag, Reinbek; 384 Seiten; 19,95 Euro).
Drei Tage nach der Bundestagswahl im September 2013, an einem Mittwochmittag, klingelte im Büro der Toten Hosen in einem Industriehof im Düsseldorfer Stadtteil Flingern das Telefon. Frau Dr. Angela Merkel, sagte die Stimme aus dem Kanzleramt, wolle bitte den Herrn Campino sprechen. Ob der da sei?
Ratlosigkeit. Redakteure der Titanic ? Oder vielleicht, mutmaßte die Assistentin, die den Anruf entgegengenommen hatte, wollte da irgendjemand nur einen Plattenvertrag? Niemand dachte in diesem Moment an den Kauder-Vorfall.
Der hatte sich am Abend der Wahl, drei Tage zuvor, ereignet. Die Unionsparteien hatten einen triumphalen Wahlsieg eingefahren und mit 41,5 Prozent der Wählerstimmen die absolute Mehrheit nur knapp verpasst. Die Kanzlerin hatte um kurz nach neun die Bühne des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses bestiegen, der CDU-Zentrale, wo die Partei eine Wahlparty veranstaltete.
Und da bekamen die Toten Hosen ein Problem. Die Stimmung war ausgelassen, Frau Merkel simulierte auf der Bühne ein paar wiegende Tanzschritte und schlug mit weit ausholenden Bewegungen immer wieder die Hände zusammen. Neben ihr stand Ursula von der Leyen, ihr Generalsekretär Hermann Gröhe sprang um sie herum, sogar Heiner Geißler tauchte wie ein Gespenst aus den Achtzigern kurz auf.
"Morgen wird wieder gearbeitet", hatte die Botschaft von Merkels Siegesansprache gelautet, doch der Abend drohte ihr nun zu entgleiten. Gröhe schnitt hinter ihrem Rücken Grimassen, sodass sie sich umdrehen und ihn taxieren musste, schließlich besorgte sich Gröhe eine kleine Deutschlandfahne, er wollte, Besoffski-Grinsen im Gesicht, mit seiner Chefin, das Fähnchen schwenkend, über die Bühne schreiten. Sie nahm ihm die Fahne weg.
Dann kam Volker Kauder. Ihr Fraktionsvorsitzender. Oje, er hatte es geschafft, sich irgendwo ein Mikrofon zu besorgen. Eine Tanzkapelle spielte die ersten Takte eines Liedes an. "Tage wie diese" von den Toten Hosen, und Kauder begann, dazu ins Mikrofon zu singen. Die Bundeskanzlerin guckte ihren Fraktionschef interessiert von der Seite an - konnte das gut enden, was der da veranstaltete? Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
In den Nachrichten war später zu sehen, wie die CDU zur Musik der Toten Hosen feierte. Ein Land im Unionstaumel. Für die Partei war es beinahe wie vor dreißig Jahren, 1983, als die Deutschen Helmut Kohl mit 48,8 Prozent zum Kanzler wählten. Die Toten Hosen veröffentlichten damals gerade ihr erstes Album "Opel-Gang" und sangen Liedzeilen wie "Ficken, Bumsen, Blasen, alles auf dem Rasen". Niemand spielte sie auf irgendwelchen Wahlfeiern. Sie trugen Secondhand-Schlafanzüge, und es gab wenige Konzerte, bei denen sie am Ende nicht betrunken oder anderweitig derangiert von der Bühne fielen.
Am Tag nach der Bundestagswahl war der Kauder-Clip überall im Internet. Die Kommentare, die er hervorrief, richteten sich gegen Kauder, gegen die CDU, aber auch gegen die Toten Hosen. Sie, die ehemaligen Punkrocker, hätten sich endgültig verraten. Schon in den Wochen vor der Wahl war das Lied immer wieder auf Wahlkampfveranstaltungen sowohl der CDU als auch der SPD zu hören gewesen. Die Band hatte sich öffentlich dagegen gewehrt und doch nicht verhindern können, dass Menschen das Lied zu allen möglichen Anlässen spielten, sangen und dazu tanzten.
Sie hatten jetzt, nach dreißig Jahren, einen Hit wie noch nie zuvor. "Tage wie diese" hatte sich, nachdem es im März 2012, also anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl, erschienen war, 800 000-mal verkauft und stand fünf Wochen lang auf Platz eins. Das Lied lief in Fußballstadien, in Bierzelten, auf Hochzeiten, Beerdigungen und auf Radiosendern, die die Toten Hosen bislang ignoriert hatten. An seinem 50. Geburtstag schrieb Campino in sein Tagebuch: "Überall singen die Leute dieses Lied. Was sollte ich dagegen haben?"
Aber irgendwie fühlten sie sich nicht wohl. Punkrock, so hat es Campino einmal ausgedrückt, hat für vieles Rezepte, nur nicht für: den Umgang mit Erfolg, Reichtum und Ruhm. Mühsam hatten sie lernen müssen, mit ihrem Erfolg, ihrer Rolle als Rockstars, mit "Wetten, dass ..?"-Auftritten, Goldenen Schallplatten und Echoverleihungen klarzukommen, weshalb sie der Union nicht die Genugtuung gönnen wollten, sie auch nur für eine Millisekunde aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Jetzt wollte Frau Merkel Campinos Handynummer. Die Toten Hosen wären nicht die Toten Hosen, wenn sie nicht zunächst diskutieren, abwägen, erörtern, beraten, streiten würden. Das machen sie seit dreißig Jahren so. Nicht alle waren dafür, dass die Kanzlerin Campinos Handynummer bekommt. Schließlich beschied Campino: "Wenn die mich sprechen will, lasse ich mich nicht verleugnen."
Sein Telefon klingelte am Donnerstag, vier Tage nach der Wahl. Frau Merkel hatte da noch keine Idee für eine Koalition, Sondierung mit den Grünen, Gespräche mit der SPD, kann man ja alles noch sehen - erst mal mit Campino reden. Der war auf dem Weg ins Düsseldorfer Stadion, wo er einen Spot zur Prävention von Rückenmarksverletzungen drehen sollte. Es ging ihm nicht gut. Er hatte ein dickes Knie, Meniskusriss links, zudem waren beide Achillessehnen angerissen. Die Konzerte der vergangenen Wochen - Konstanz, Baden-Baden, Mannheim - hatte er nur unter Qualen durchgestanden. Schmerzmittel. Physiotherapie. Aquajogging bis nachts um halb vier im Hotelpool.
"Büro der Bundeskanzlerin, einen Moment, ich verbinde."
Campino, der seit drei Jahrzehnten sein Leben in kleinen schwarzen Tagebüchern festhält, notierte später den Verlauf des Telefonats. Merkel sagte: "Lieber Herr Campino, ich rufe an, weil wir ja am Wahlabend so auf Ihrem Lied herumgetrampelt sind. Keine Angst, es soll nicht die nächste CDU-Hymne werden. Aber Sie haben da so ein schönes Lied geschrieben."
Campino hatte befürchtet, dass es um "Tage wie diese" gehen würde. Merkel fuhr fort: "Bei den Wahlkampfveranstaltungen haben wir es ja dann nicht mehr gespielt, nach Ihrem Einspruch. Aber generell bei Siegesfeiern, hatten Sie gesagt, hätten Sie nichts dagegen."
Campino erklärte der Kanzlerin, Kauders Gesangsvortrag sei wirklich bescheiden gewesen, aber niemand sei jetzt länger beleidigt. Er gratulierte ihr zum Wahlsieg, anstandshalber. Aber Frau Merkel war noch nicht fertig.
"Ihre Fans waren so sauer, das ist auf Ihrer Facebook-Seite ja richtig explodiert." Erstaunlich, was eine Bundeskanzlerin alles mitbekommt. "Und ja, das war eine tolle Wahl. Besonders freue ich mich über den Erfolg unter den Jungwählern!"
Jungwähler, so stellte man es sich wohl im Kanzleramt vor, könnten Tote-Hosen-Fans sein. Und wenn man es sich mit dem Herrn Campino, den Toten Hosen und deren Fans verdirbt, dann verdirbt man es sich womöglich auch mit den Jungwählern.
War das die Rechnung, die man im Kanzleramt angestellt hatte? Am Handy blieb ein konsternierter Campino zurück. "Es war ein Gemisch aus Staunen und Entsetzen. Entsetzt, dass die nichts anderes zu tun hatte, als mich anzurufen. Gerührt, dass sie sich locker, auf eine humorvolle Art da so erklärt."
Willkommen in einem neuen Deutschland. In diesem Deutschland singt ein Unionsfraktionsvorsitzender einen Tote-Hosen-Hit, und eine Kanzlerin säuselt am Telefon etwas von einem "schönen Lied". Dieses neue Deutschland möchte bitte die Toten Hosen in seiner Mitte haben und zusammen mit ihnen "Tage wie diese" singen. Doch das Projekt, das die Toten Hosen vor mehr als dreißig Jahren begründeten, baute auf Widerstand: auf Abgrenzung nicht nur dem bundesdeutschen Gesellschaftskonsens gegenüber, sondern auch weiten Teilen der Punkbewegung, deren Regeln sie nicht befolgten.
Der Wille, absolut bescheuert auszusehen. Der Altkleidersammlungs- und der Schlafanzughosen-Look. Die Glorifizierung von Alkohol. Exzess und Zerstörung. Die Faszination für Tradition und Brauchtum. Und weil dieses Dagegensein den Toten Hosen mühelos gelang, weil die Menschen es ihnen glaubten, hat es die Band bis ganz nach oben getragen. Bloß - wie authentisch kann Abgrenzung dort oben noch sein? Wäre es glaubwürdiger, die Rolle in der Mitte der Gesellschaft anzunehmen, egal ob man sie je angestrebt hat?
Popmusik, seit sie Mitte der Fünfzigerjahre mit Chuck Berrys Song "Maybellene" begann, funktionierte am besten, wenn sie ein Gegenüber hatte, an das sie sich wenden konnte: die Eltern, die Hausbauer, später die Hippies, die Rockstars selbst, die Regierenden, die Beflissenen, die zu Authentischen, die zu Künstlichen und so weiter. Heute ist dieses Gegenüber weitgehend verloren gegangen. 45 Jahre nach '68 hört jeder irgendwie alles.
Das ermöglichte den Toten Hosen einerseits ihren Erfolg, andererseits wurde es zu einer immer größer werdenden Herausforderung an die eigene Identität. Auch wenn sie sich allmählich als Rockstars akzeptieren, ist die Band in ihrem Kern ein weltanschauliches Projekt geblieben.
Es war entstanden aus Unbehagen und Unverständnis, Spott, vielleicht sogar aus Wut über die westdeutsche Kleinbürgerlichkeit, Provinzialität, Stille und Ängstlichkeit, unter der die Bandmitglieder aufwuchsen - ein Gefühl, für das diese drei Buchstaben C-D-U die stärkste und platteste Metapher waren.
Vier Originalmitglieder der Toten Hosen wurden in den frühen Sechzigerjahren geboren, Campino (Andreas Frege) und Andi (Andreas Meurer) 1962, Kuddel (Andreas von Holst) und Breiti (Michael Breitkopf) 1964. Letztere wohnten mitten in Düsseldorf, Andi und Campino in einem Vorort. Ihre Väter waren im Krieg gewesen, gründeten Familien und bauten nebenbei die neue Bundesrepublik auf; sie wurden Richter (Campino), Anzeigenleiter bei Axel Springer (Andi) oder Justiziar bei einer Versicherung (Kuddel).
Es waren Väter, die sich, nachdem sie ihre jungen Jahre an Gefechtsgräben und in Gefangenschaft verbracht hatten, Ruhe, Überschaubarkeit und Disziplin wünschten. Das wollten ihre Söhne eher nicht. Sie begannen, ihren Eltern Chaos, Exzess und Lautstärke vorzuleben.
Das ist die DNA der Toten Hosen, die sie bis heute und trotz aller Lebensstilanpassungen nicht aufgegeben haben. Am Wahlabend des Jahres 2013 waren sie für einen Moment wieder da, von wo aus sie gut dreißig Jahre zuvor aus ihren Elternhäusern aufgebrochen waren, bei diesen drei Buchstaben: C-D-U.
Deswegen redete Andi davon, dass er schlucken musste, als er die Bilder der Wahlparty sah, deshalb sprach Kuddel von einem hässlichen Spiegel, in den er geschaut habe, und Campino vom Gegenfeuer, das sofort kommen musste.
Zehn Monate später, im Juli 2014, fuhr ich mit Campino und dem Bassisten Andi im ICE von Berlin nach Düsseldorf. Campino sagte, er würde am Abend zu Argentinien halten, nicht zu Deutschland. Mein entsetztes Gesicht bereitete ihm Freude. Ich guckte Andi verzweifelt an, suchte nach Beistand, aber Andi zuckte mit den Achseln. Er kennt das von Campino seit dreißig Jahren, klar nerve es, aber seine Mutter sei eben Engländerin gewesen. Es ist Sonntagnachmittag, der Tag des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft.
Immerhin trug Campino kein Argentinien-Trikot, als wir uns am Abend in Düsseldorf für das Endspiel in seinem Stammlokal trafen. Wir saßen auf einer Bierbank, eingezwängt in ein Meer schwarz-weißer Trikots. Campino war schnell der Mittelpunkt des Geschehens, er prophezeite der deutschen Mannschaft kein gutes Ende. Niemand widersprach ihm.
Als die Deutschen in der Verlängerung das Tor schossen und der Laden in Jubel und Umarmungen ausbrach, nickte Campino anerkennend. Die Blicke richteten sich auf ihn. Er war der Einzige, der noch saß. Deutschland war Weltmeister.
Und dann, als die Mannschaft kurz nach dem Abpfiff zur deutschen Kurve lief, hörte man durch den Fernseher aus dem 10 000 Kilometer entfernten Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, erst leise, dann immer lauter, die bekannten Zeilen: "Ich wart seit Wochen auf diesen Tag ..."
Campino war sich erst nicht ganz sicher. Irgendjemand rief ihm zu: "Hör mal, da läuft dein Lied!"
Er horchte in den Fernseher hinein. Ja, sie spielten seinen Song unten auf dem Rasen, und die Spieler tanzten, und die ganze Welt schaute zu. Er stellte sich mit Andi ein bisschen abseits, alle feierten, und Andi und Campino hörten ihr Lied, wie es da lief am anderen Ende der Welt - was muss das für ein Gefühl sein?
Vergessen, dass die CDU diesen Song auf ihrer Wahlfeier gespielt hat; vergessen all die Bierzelte und Wahlkampfveranstaltungen und Vereinnahmungen, gegen die die Toten Hosen sich zu wehren versucht hatten. Wenn es ein Lied gibt, das für so einen Moment gemacht ist, dann "Tage wie diese". Oder?
Zwei Tage nach der errungenen Weltmeisterschaft kam die deutsche Mannschaft in Berlin an. Vor dem Brandenburger Tor würde sie sich 400 000 Menschen zeigen. Im Publikum ging bald ein Gerücht um: ob die Toten Hosen vielleicht spielen würden? Eigentlich müssten sie, oder? Es war ihr Lied gewesen, zu dem die Spieler nach dem Abpfiff im Maracanã getanzt hatten. Es war ihr Lied, das später auf der Siegesfeier im Copacabana Palace immer wieder gelaufen war und das - wie später im Internet zu sehen - der Schalke-Boss Clemens Tönnies mit Manuel Neuer im Arm spät in der Nacht zu Campinos Stimme mitgesungen hatte. Verzeihung, aber die Veranstalter der Feier wären verrückt, hätten sie die Toten Hosen nicht gefragt.
Doch sie hatten. Sofort am Tag nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Brasilien, als klar war, dass Deutschland ins Endspiel kommen würde. Die Toten Hosen zusammen mit den Weltmeistern vor Hunderttausenden, wie sieht's aus?
Wieder so ein Anruf. Erst die Bundeskanzlerin, jetzt die Fanmeile. Wieder werden sie umarmt von einer Welt, mit der sie fremdeln: 400 000 Menschen, Deutschlandfans, Fahnenmeer, Siegestaumel. Die Mehrheitsgesellschaft, die sich feiert. Gehörten sie dahin? Als Staatsband?
Die Toten Hosen diskutierten diesmal nur kurz, das Ergebnis fiel einstimmig aus: Sie werden auf der Fanmeile nicht auftreten. Sie kommen von außerhalb der Gesellschaft, ihre Kleidung, der Exzess, die Sauflieder, die Prügeleien, das Unberechenbare. Sie hatten sich an Deutschland abgearbeitet und nationalem Pathos misstraut. Mit dieser Position sind sie groß und erfolgreich geworden, sie hatte auch noch funktioniert, als sie längst Nummer-eins-Alben hatten und Konzerte in Stadien gaben.
Aber mit "Tage wie diese" hatte sich etwas verändert. Im Düsseldorfer Stadion hing inzwischen eine Werbung für einen Wursthersteller: "Mit Würstchen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit." Darüber musste selbst Campino lachen.
Und so war es am Ende die Schlagersängerin Helene Fischer, die auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor mit den Nationalspielern eine Polonaise formte. Sie hatte sich ein Trikot der deutschen Mannschaft übergezogen, das sie unten abgeschnitten haben musste, denn es rutschte ständig hoch und gab den Blick frei auf ihren Bauch. Als sie fertig war, winkten die Spieler zum Abschied. Die Menschen jubelten.
Und in den Jubel hinein, erst zaghaft, dann immer lauter, kam vom Band "Tage wie diese".
Deutschland möchte heute die Toten Hosen in seiner Mitte haben und gemeinsam mit ihnen "Tage wie diese" singen.

DER SPIEGEL 47/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung